333 Tage in fremden Betten

Und wir hatten beide viel Spass dabei. 😀

Heute haben wir festgestellt, dass wir dreihundertdreiunddreissig Tage unterwegs waren und somit zwangsläufig in fremden Betten übernachtet haben.

Morgen gehts zurück nach Deutschland.

Aus diesem Anlass haben wir für uns und für alle, die lieber Videos schauen, statt Blogs zu lesen ein drei Minuten langes Filmchen mit musikalischer Untermalung gebastelt.

Viel Spass!

P.S. : Achtung Ohrwurmgefahr (Schön war die Zeit…So schön, schön war die Zeit. ♫ )

Zwei Berliner auf Bali

Lange hatte ich mich schon darauf gefreut, Maximilian wieder zu sehen. Mein Flieger aus Jakarta landet pünktlich auf Bali. Nur ein paar Schritte vom Inlands- zum Auslandsterminal, eine Tasse Kaffee und ich würde ihn in die Arme nehmen können. Dieser grosse Kerl, erst siebzehn aber doch schon so reif und erwachsen wirkend wie ein Marinekadett mit Schulterklappen. Ungewohnt für mich, zu jemanden aufzuschauen zu müssen. Aber bei ihm macht es mir nichts aus – im Gegenteil: ich freue mich, dass er meine Einladung, uns für etwa zehn Tage auf unserer Reise zu begleiten, angenommen hat. Manchmal wünsche ich mir, er wäre nicht so teenagermässig cool und würde mit mir mehr über seine Wünsche, Hoffnungen und Gefühle sprechen. Dann halte ich kurz inne und erinnere mich: ich war genauso….wahrscheinlich sogar noch abgeklärter nach aussen wirkend. Doch wünsche ich mir oft seine Nähe. Wenn er mir dann gegenüber sitzt, bin ich überrascht, wie schwer es mir fällt, an den Maximilian hinter der Coolness heran zu kommen. Ich erinnere mich an das, was er mir von sich erzählt, seine Freunde, Lehrer, die Musik, die er mag oder das letzte Buch, das er las. Was denkt er? Worüber freut er sich? Ist er manchmal traurig und wenn ja, warum? Kann ich ihn irgendwie unterstützen? Wir haben uns vor der grossen Reise alle paar Monate, vielleicht sieben bis achtmal im Jahr gesehen. Sein Lebensmittelpunkt ist am Stadtrand von Berlin. Das ist nicht weit von Hamburg, jedoch weit genug, um spontane Treffen am Nachmittag oder Abend auszuschliessen. Ihn zu sehen, ist immer ein Highlight für mich, auch wenn wir nur zusammensitzen und Kaffee trinken oder das von ihm geliebte Sushi gemeinsam verspeisen. Heute kann ich meine eigene Mutter besser verstehen, wenn sie sich wünscht, das wir uns öfter sehen. Ihr scheint es mit mir ähnlich zu gehen, wie mir mit meinem Sohn.

Auf der Anzeigetafel im International Airport Denpasar wird angezeigt, das Maximilians Flieger zweieinhalb Stunden Verspätung hat und damit erst kurz vor zwei Uhr morgens landen wird. Zum Glück gibt es Kaffee. Am Ende wird es drei Uhr morgens bis ich in der Ankunftshalle meine Arme nach oben strecken und ihn an mich drücken kann. Jetzt möchte ich schnell mit dem vorbestellten Taxi zur Unterkunft. Max möchte jedoch erst einmal einen Kaffee – der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – grösstes Verständnis meinerseits. Es liegt noch etwa eine Stunde Fahrtzeit bis ins Bamboo Paradise in Padang Bai vor uns. Das Gästehaus ist informiert, alles geht gut und wir fallen kurz nach vier Uhr morgens erschöpft ins Bett.

Ich geniesse die Zeit mit Maximilian. Wir schauen uns die nahegelegenen Tempel an, gönnen uns eine Massage, unternehmen Schnorchel-Ausflüge in die benachbarten Buchten und geniessen die wunderbare kulinarische Mischung aus asiatischer und westlicher Küche.

Das habe ich seit Singapur wirklich vermisst: frische Salate, eine grosse Obstauswahl, vegetarische Gerichte, die nicht nur aus frittiertem Gemüsereis oder – nudeln bestehen. Dazu gibt es jede Menge hippe Cafés und Bars, die zu mehr Pausen verleiten als eigentlich nötig wären. 

Auf einem Tagesausflug lernen wir einen Schweizer Studenten kennen, der sich mit uns das Taxi teilt, welches uns zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten im Osten von Bali führt.

Wir besuchen dabei auch die bekannte hinduistische Pura-Lempuyang-Luhur-Tempelanlage. Diese umfasst mehrere grosse und kleine Tempel auf dem Berg Lempuyang auf einer Höhe zwischen 600 und 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Besonders berühmt geworden ist dieser Ort durch den Blick durch das sogenannte Himmelstor auf den Vulkan Mount Agung. Eine Schlange von Touristen aus aller Welt zeigt an, das hier etwas ganz ausserordentliches passieren muss. Sie warten geduldig bis zu zwei Stunden, um dann in wenigen Sekunden vor dem Himmelstor mehr oder weniger alberne Posen wie ausgebreitete Arme, gegenseitige Umarmungen, den Yogabaum, den Yogasitz, den Denker sowie Gruppenbilder mit Daumen hoch oder Händen zu Herzen geformt einzunehmen. Und sie hüpfen – alle hüpfen sie. 

Wir verzichten auf die zwei stündige Wartezeit – ein Selfie tut´s auch.

Das eigentlich Auffällige ist jedoch, das die Fotos einen in der Realität nicht vorhandenen See vortäuschen, der das Motiv spiegelt. Dieser Effekt wird dadurch hervorgerufen, das während des Fotografierens ein Spiegel unter die Fotolinse gehalten wird. Dafür drücken die Besucher einem Mann einen Geldschein in die Hand, geben ihm ihr Telefon und dieser macht dann hintereinanderweg mehrere Aufnahmen. Er schreit und peitscht verbal zu Posinghochleistungen: Mach˙ne Pose, noch ne Pose und jetzt spriiiiiiing. Alle halten sich folgsam an die gebellten Befehle.

Auf Instagram sollen tausende Fotos davon zu finden sein, die dann eben gefälscht sind. Tatsächlich existiert hier ein eher schlichter grauer Steinfussboden. Imposant ist die Tempelanlage trotzdem. Bei meinem zweiten Besuch dort etwa zehn Tage später mit Jana waren wir auf dem oberen Teil der Tempelanlage. Es braucht etwa ein halbe Stunde zu Fuss bergauf. Der Lohn ist fast absolute Stille und nur wenige, überwiegend einheimische Besucher. Dafür wird man mit einem wunderbaren Ausblick in die Ferne belohnt.

Eingesammelter Müll nach unserem Schnorchelausflug. Was hat die Verpackung von Katzenstreu im Meer verloren?

Wer sich jedoch in die Nähe umschaut, sieht, wie leider sehr oft in Südostasien, sofort jede Menge Verpackungsmüll herumliegen. Hier ist es ganz besonders offensichtlich. Die bunten Plastikfolien der Kekse, die Dosen der Erfrischungsgetränke, die Wasserflaschen – was die kleinen Läden an der Strasse verkaufen, wird, sobald der Inhalt im Magen der Kunden verschwunden ist, einfach den Hang heruntergeworfen. Die lokalen Behörden und die Bevölkerung werden nicht Herr über ihren eigenen Müll. Ist es da vertretbar, dass Länder wie Deutschland ihren Abfall nach Indonesien exportieren?  

Die kleine Stadt Ubud ist der frühere Prenzlauer Berg von Bali. Tempel, Galerien, Kunsthandwerk, Cafés, Restaurants und eine üppige Anzahl von Hotels, Hostels und….. Touristen. An einem Tag unternehmen wir eine Wanderung auf dem sogenannten Campuhan Ridge Walk, ein Spazierweg unweit des Monkey Forests, den wir bewusst meiden. Die Anhöhe entspricht der Steigung der Müggelberge in Berlin-Köpenick, also eher keine sportliche Herausforderung. Dafür können wir auf dem etwa zweistündigen Spaziergang viele lokale Besucher sehen, flanieren vorbei an Kunsthandwerkläden oder luxuriösen Wellness-Oasen. Ganz nach unserem Geschmack, ihr ahnt es bereits, ist die Anzahl kleiner netter Cafés. Wir machen in einem von ihnen eine Pause und schiessen ein paar Fotos.

Nachdem Jana die Vater-Sohn-Zweisamkeit ergänzt, besuchen wir gemeinsam an der südwestlichen Spitze Balis auf der Bukit Halbinsel den Uluwatu Tempel auf einer hohen Klippe, umgeben von dem an diesem Abend ruhigen indischen Ozean. Inmitten der von zahlreichen Makakken bewachten Tempelanlage werden wir Zeuge einer allabendlich aufgeführten Tanzveranstaltung. In einem an einem alten griechischem Theater erinnernden Rund ist der traditionelle Kecak-Feuertanz zu bewundern. Über 50 Sänger sitzen im Kreis und hypnotisieren mit ihrem Cak-Cak-Gesang sich selbst und das Publikum. Die Tänzerinnen und Tänzer überraschen mit ihren prachtvollen Kostümen, wie beispielsweise der weisse Affenkönig Hannoman, der sich in der Schlussszene vor der Opferung durch das Feuer retten kann. Auch wenn es sich um eine stark touristische Veranstaltung handelt, kann ich mich dem Zauber der Darbietung bei Sonnenuntergang vor dieser Kulisse nicht entziehen. Die Stimmung ist einfach wunderschön.

Dankbar für die vielen gemeinsamen Stunden und Erlebnisse mit Maximilian, fahren wir wieder zum Flughafen, an dem ich ihn abgeholt habe. Viel zu schnell ist die Zeit mit ihm vorüber. Ich spüre beim Abschied wie meine Augen feucht werden. Er hat nichts bemerkt, glaube ich. Seltsam, das ich mit fortschreitendem Alter sentimentaler zu werden scheine. Es gibt drei Menschen auf der Welt, von denen ich hoffe, das sie mich überleben werden, da ich nicht weiss, wie ich es ohne sie aushalten würde: Jana, meine Mama und Maximilian.

Die Tauchspots an den Küsten von Bali sind traumhaft. Jana und ich beschliessen, unseren in Malaysia frisch erworbenen Tauchschein zu nutzen, um hier mehr praktische Erfahrungen zu sammeln. Paartherapeuten weisen daraufhin, das eine der wesentlichen Erfolgsfaktoren für langfristig gute Beziehungen unter anderem ein gemeinsames Hobby ist. Super – das haben wir mit dem Tauchen definitiv gefunden. Vor allem, weil wir es aus Sicherheitsgründen auch paarweise durchführen sollen. So hat es uns Kim, unsere Tauchlehrerin, beigebracht. 

Kommunikation unter Wasser beschränkt sich auf Gestik und Zunge herausstrecken. .

Mein Tipp an alle Männer, die noch nach einem gemeinsamen Hobby suchen: Unter Wasser können auch eure Frauen nicht reden (Haha – kleiner Scherz). Aber davon ganz abgesehen, ist es eines der tollsten Hobbys in der Natur, das ich mir vorstellen kann. Ich geniesse es so sehr!

In Tulamben im Nordosten Balis gehen wir zum ersten Mal Wrack- und Nachttauchen. Die grössten und eindrucksvollsten Meeresbewohner sehen wir nachts am Wrack, da sich viele Fische zum Schutz vor noch grösseren Räubern dort zum Schlafen einfinden. Die Stimmung bei einem Nachttauchgang ist unbeschreiblich. Erinnert ihr euch noch an eure erste Nachtwanderung auf Klassenfahrt? Genau wie damals fühlte ich mich. Alles sieht nachts irgendwie anders aus. Am meisten hat mich beeindruckt wie ruhig und friedlich alles wirkt. Es scheint wie eine stille Übereinkunft zwischen allen Meeresbewohnern und uns Gästen, das heute Nacht Frieden herrscht. Egal was über Wasser passiert, hier bist du sicher. Trotz 18 Metern Wasser über mir, fühlte ich mich selten so entspannt.

Kurz vor unserer Abreise wechseln wir noch einmal den Ort, um noch ein anderes Tauchgebiet kennen zu lernen. Ich kehre zurück nach Padangbai, wo ich bereits die ersten Tage mit Maximilian verbracht habe. Wir haben nur einen Tag und buchen eine spanische Tauchlehrerin, die mit uns und ihrer über 60jährigen (!) Mutter zwei Tauchgänge an einem Tag absolviert. Das Boot fährt uns über eine Stunde vom Hafen entfernt zum Mantapoint. Nach dem Eintauchen dauert es dann nicht mehr lang, bis wir die ersten drei bis vier Meter langen Mantarochen sehen.

Sie kommen sehr nah an uns heran. Unter ihnen zu schwimmen und ihre majestätisch wirkenden Flossenschwünge zu beobachten, ist ein atemberaubendes Gefühl. Ich bin zutiefst ergriffen von der Anmut ihrer Bewegungen.

Die Zeit auf Bali geht zu Ende. Die Insel ist so vielfältig wie ihr Ruf etwas zweifelhaft. Natürlich ist hier auch der Massentourismus zuhause. Dem kann man allerdings ziemlich gut aus dem Weg gehen. Die Insel ist gross genug und bietet alles, was mein Herz begehrt. Es war für mich bereits der zweite Besuch. Ich werde wieder kommen, auch wenn das länger dauern kann.

Wo es brüllt und rülpst

Der Taxifahrer findet uns. Es ist für ihn wesentlich leichter, zwei grosse hellhäutige Europäer auszumachen, als für uns, sein Auto in der Masse der Fahrzeuge wieder zu finden, dessen Nummernschild wir uns wegen der ganzen Aufregung noch nicht einmal gemerkt haben. Schon von Weitem hören wir ein stetiges Hupen. Es verrät uns, dass unser Fahrer mindestens genauso erleichtert zu sein scheint, uns gefunden zu haben, wie wir es gerade sind.

Wir steigen schnell ein, verlassen Jakarta und fahren 140 Kilometer nach Süden. Es geht ununterbrochen durch kleine Städte und Dörfer. Es gibt auf der ganzen Strecke keinen Abschnitt, der nicht besiedelt ist.

Als wir nach sechs Stunden endlich an unserem Ziel ankommen, ist es stockdunkel und alle tagaktiven Bewohner sind schon längst in ihren Betten. Dennoch werden wir freundlich von Hanneke begrüsst und erhalten eine erste kleine Einweisung von ihr. Hier ist die Küche, dort sind die Toiletten, hier der Frauen – und dort der Männerschlafsaal. Wir fallen todmüde in unsere zugewiesenen Betten und schlafen schnell sowie voller Vorfreude auf das, was kommt ein. 

Das Cikananga Wildlife Center ist eine gemeinnützige Organisation, die sich dem Schutz der in Indonesien lebenden Wildtiere verschrieben hat (Link Homepage). Es wurde 2001 gegründet und beherbergt rund 500 Individuen.  Dabei handelt es sich um Tiere, die von ignoranten Menschen aus ihrer natürlichen Umgebung herausgerissen wurden, sei es, um sie als Haustier zu halten, um sich mit ihrem Fell, ihren Zähne oder Klauen zu schmücken oder um ihre Organe in der absurden Hoffnung auf eine wundersame Heilung zu essen.

Heute im Jahr 2019, trotz der zunehmenden Bildung der Menschen, trotz all der Erkenntnisse moderner Medizin – blüht der Handel mit exotischen Tieren. Die meisten Käufer befinden sich in Asien selbst. Wenn ich das Leid der Tiere sehe, zweifele ich an der Menschheit. 

Nur das mein Zweifeln niemandem etwas nützt. Ich muss etwas tun. „Sei du die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Ein Spruch der Gandhi zugeschrieben wird und den ich als einen meiner Leitsätze betrachte. Und so spenden wir erneut einen Teil unserer Zeit, Arbeitskraft und Geld, um die Veränderung zu sein, die wir gerne in der Welt sehen würden.

  • Einige der hier aufgenommen Tiere kennen wir: Affen, Krokodile, Schildkröten und Kakadus. 
  • Von anderen haben wir noch nie etwas gehört: Kasuare (wer sie einmal erlebt hat, wird sie nie vergessen).
  • Viele sind bereits vom Aussterben bedroht: Gürteltiere, Nebelparder und Slow Loris. 
  • Anderen steht dieses Schicksal kurz bevor wie zum Beispiel dem Zwergotter (es ist in gewissen Kreisen gerade „hipp“, sich einen Otter als Haustier zu halten; mehr dazu hier: Nationalgeographie ).
Ein Hornbill – kräftig in den Schminktopf gefallen. Mit Erfolg – er ist das meistfotografierte Tier im Center.

Am ersten Tag bekommen wir nun bei Tageslicht eine ausführliche Einführung von der robusten Dame, die uns am Vorabend so herzlich empfangen hat. Hanneke ist eine nicht mehr ganz junge Holländerin und sie ist die Ansprechpartnerin für alle Freiwilligen hier. Bemerkenswert ist, dass sie mit über 50 Jahren noch eine Ausbildung im Wildtiermanagement gemacht, dann ihr Leben um 180 Grad verändert hat, um hier auf Java unter den einfachsten Bedingungen für diese Organisation zu arbeiten. „Nein“, verrät sie uns „bereut hat sie die Entscheidung nicht“. 

Bei unserem Rundgang lernen wir gleich einige der festangestellten Pfleger, der Tiere und die auf uns zu kommenden Arbeiten kennen. Hanneke freut sich, dass wir bereits Erfahrungen bei den Sonnenbären gesammelt haben und dadurch die Routine eines Tierpflegers kennen –  auch hier herrscht eine strenge „Tiere-nicht-anfassen“ Politik. Auch hier verbringen wir die ersten Stunden am Morgen mit der Futterzubereitung. Danach folgt die Reinigung der Gehege. Die Nachmittagsstunden bringen wir oft damit zu, Beschäftigungsspielzeug für die Tiere zu basteln. Soweit ähneln sich die Abläufe zu unserem letzten Freiwilligeneinsatz. 

Dennoch merken wir schnell den Unterschied zu dem Sunbear-Center auf Borneo. Während die Auffangstation für die Sonnenbären finanziell recht gut da steht, fehlt es hier ganz offensichtlich an vielem. Es gibt für all diese Tiere nur eine Handvoll festangestellte Pfleger. Die Geräte und Werkzeuge der täglichen Arbeit wurden alle schon mehrmals repariert, vieles ging kaputt oder verloren und konnte nicht wieder ersetzt werden. Einige der Gehege sind recht klein und ziemlich alt. Trotzdem geht es den Tieren hier bedeutend besser, als dort, wo sie vorher waren. Hier bekommen sie artgerechtes Futter, die Gesellschaft anderer ihrer Spezies und zumindest so viel Platz, dass sie sich bewegen können. Und was am wichtigsten ist: hier dürfen sie leben.

Unser Arbeitstag beginnt um 7 Uhr früh – Obst und Gemüse maul- beziehungsweise schnabelgerecht zu schnippeln, empfand ich schon immer als meditativ. Deshalb sitze ich gerne auf dem kleinen roten Plastikhocker und mache mich daran, den grossen blauen Korb vor mir zu füllen. Er ist für die Kasuare und die lieben circa 3 Zentimeter grosse Bananenstücke (gerne auch mit Schale) sowie Apfel-, Melonen-, Birnen-, Kaki- oder gekochte Süsskartoffelstückchen. Es dauert etwa eine Stunde bis der Korb voll ist. Danach werde ich Zeuge, wie diese Tiere all die so liebevoll von mir geschnittenen Portionen ratzfatz mit ihren Schnäbeln verschlingen.

Diesen Vögeln sollte man stets mit Respekt begegnen. Ihre Schnäbel und ihre Füsse sind gefährliche Waffen und können einen übermütigen Menschen auch schon mal töten.

Nachdem alle erstmal versorgt sind geht es nun an das Reinigen. Wir Freiwilligen wechseln uns täglich ab, damit jeder mal die weniger dreckigen und jeder auch mal die stark verschmutzten Gehege reinigen darf. Es gibt Tiere, die sind sehr sauber und machen ihr Geschäft nur in eine Ecke und es gibt Schmutzfinken, die hinterlassen jeden Tag einen wahren Saustall. Zudem ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Stoffwechselendprodukte der Fleischfresser wesentlich unangenehmer riechen, als die eines sich vorwiegend von Obst und Gemüse ernährenden Bären. Wir bekommen Masken, damit uns nicht allzu übel wird. 

Am anstrengendsten empfinde ich jedoch die Reinigung der Gehege der Siamang. Im Wildlife Center leben aktuell vier dieser Primaten, die zur Familie der Gibbons gehören. Charakteristisch für diese Tiere ist ihr grosser, aufblasbarer Kehlsack mit dem sie ohrenbetäubende „Gesänge“ von sich geben können.

Jedesmal, wenn sich ein Mensch ihrem Gehege nähert, legt erst einer los und alle anderen stimmen ein. Ihre Stimmgewalt nutzen die Siamang, um im Regenwald über weite Distanzen miteinander zu kommunizieren. Für mich klingt das in nächster Nähe wie ein direkt vor mir haltender Notarztwagen, der weder seine Sirene abstellen noch weiterfahren will. So als wäre ich der zukünftige Patient, der jedoch erstmal einen Gehörsturz verpasst bekommt, um dann vom Verursacher des Übels gerettet und abtransportiert zu werden.

Es ist für mich absolut nicht nachvollziehbar, warum man sich freiwillig eine solch nervtötende Spezies als Haustier hält. Wer es gerne laut um sich hat, dem empfehle eine Katze zu adoptieren – wenn die richtig Hunger hat, kann auch sie schreien, dass einem die Ohren weh tun. Wer meinen Kater „Gordi“ kennt, der weiss wovon ich schreibe.

Die Nachmittage gestalten sich im Cikananga Wildlife Center sehr abwechslungsreich – je nachdem, was gerade am Dringendsten benötigt wird, suchen wir nach frischen Blättern als Spiel- oder Nestmaterial, bauen Behausungen oder lernen, wie man ein Krokodil fängt. 

Das Bauen von Dingen macht uns am meisten Spass. Wir sägen, schrauben, fädeln und feilen. Das uns zur Verfügung stehende Material ist spärlich. Der Werkzeugkasten ist eher halb leer als halb voll. Aber es ist genau das, was den Reiz ausmacht. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg und eine kreative Lösung findet sich immer.

Die Otter sind ganz ausser sich, als sie unser handgefertigtes Floss erhalten. Mit Micha gemeinsam etwas geschaffen zu haben, was anderen Lebewesen so viel Freude bereitet, sind für mich die schönsten Momente. 

Gegen 16 Uhr endet unsere Arbeitszeit. Wie üblich gibt es am frühen Abend die letzte Mahlzeit des Tages. Wir sitzen mit den anderen Freiwilligen zusammen, unterhalten uns, spielen Karten, einige von uns lesen.

Plötzlich schrecken die Hunde, die gerade so friedlich unter dem Tisch geschlafen haben, auf und beginnen, wie verrückt in die Luft zu bellen, jeder in eine andere Richtung. Keiner von uns versteht den Grund ihrer Aufregung. Wir sehen niemanden, vor dem sie uns warnen müssen. Liegt es an der Waschmaschine, die gerade in den Schleudergang überging und den Boden leicht wackeln lässt? Moment mal: die Waschmaschine steht doch gar nicht hier. Bevor ich diesen Gedanken weiter verfolgen kann, kommen auch schon die einheimischen Frauen, die für uns Kochen und sicher gerade mit dem Geschirrabwaschen beschäftigt waren, aus der Küche heraus gerannt. Wir starren auch sie mit weit geöffneten Augen und unverständlichen Blicken an. Sie rufen uns zu: „Kommt raus hier, dies ist ein Erdbeben!“. 

Endlich verstehen auch wir und bewegen uns so schnell wir können raus aus dem Essbereich, raus in die nicht überdachte Natur. Die Erde vibriert jetzt ganz schön doll. Es fühlt sich, als würden wir auf dem aufgeblähten Bauch eines Riesen sitzen, der gerade ein genüssliches Bäuerchen nach einem üppigen Mahl von sich gibt. Bevor ich es richtig begreife ist es auch schon wieder vorüber. Später lesen wir, dass wir heute Abend Zeugen eines Seebebens waren, das nicht weit von der Küste in etwa 10 Kilometer Tiefe einen Wert von 6,9 auf der Richterskala erreicht hatte.

Indonesien liegt wie viele unserer bereits bereisten Länder auf dem sogenannten Feuerring. Täglich gibt es hier mehrere Erdbeben. Glücklicherweise führen nur die wenigsten zu den fatalen Folgen, die uns unbekümmerten Europäern Chips knabbernd im Fernsehsessel als Unterbrechung unseres geliebten Abendprogramms in Form einer Eilmeldung präsentiert werden. Für die Menschen hier sind sie jedoch jedesmal eine ernstzunehmende Bedrohung. Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, warum viele Menschen hier trotz vieler materieller Defizite insgesamt zufriedener mit ihrem Leben wirken als manch Artgenosse zu Hause. Sie werden regelmässig daran erinnert, dass der Status Quo, das Zuhause oder gar die Existenz jederzeit innerhalb von Sekunden zerstört werden können. Jeden Tag, den sie also gesund und unbeschadet erleben dürfen, lässt sie dankbar sein.

Ich bin froh, dass es bei uns stets nur der Schleudergang der Waschmaschine ist, der unseren Boden wackeln lässt. Ich nehme mir vor, jedesmal wenn ich in Zukunft diese Vibration spüre, dankbar für das Leben zu sein, welches ich Zuhause leben darf.

Am nächsten Morgen stehe ich bereits um 5 Uhr auf, um mich von Micha zu verabschieden. Er hat einen besonderen Termin. Ich freue mich sehr für ihn, wünsche ihm einen guten Flug und eine tolle Zeit. In einer Woche sehen wir uns wieder. Falls du dort, wo du bist, in der Ferne einen Siamang brüllen hörst, dann weisst du, das ich es bin, die an dich denkt!

Die einzige Chance

Das ist unsere einzige Chance. Das muss klappen. 

Dies ist der Plan: Wir landen um 10.35 Uhr in Jakarta und werden von einem Fahrer abgeholt. Um 13 Uhr haben wir einen Termin in der Visastelle der chinesischen Botschaft. Laut Google Maps braucht man mit Auto für diese dreissig Kilometer weite Strecke lediglich 45 Minuten. Wir haben dreieinhalb Stunden eingeplant. Das sollte doch reichen.

Wir starten früh in Kuala Lumpur.
Vom Flughafen zur Botschaft in 42 Minuten (theoretisch).

Und hier nun die Realität: Wir landen planmässig gegen 10.30 Uhr in Jakarta, kommen gut durch die ganzen Einreisekontrollen und begeben uns dann in freudiger Erwartung zur Ausgangshalle. Da stehen die unterschiedlichsten Menschen und warten auf die Ankommenden.  Wie überall auf der Welt halten viele von ihnen Zettel mit Namen hoch. Aber unsere Namen finden wir darunter nicht. Wir quetschen uns durch das Gewusel, stellen unsere Rucksäcke ab und warten. Auch hier ist es heiss und es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit. Wir kaufen uns erstmal etwas zu trinken und warten geduldig. Irgendwann läuft ein kleiner Mann mit einem Zettel an Micha vorbei. Wir quatschen ihn an und tatsächlich, da stehen unsere Namen auf dem Blatt Papier. Wir haben uns also gefunden. Es ist mittlerweile 11.30 Uhr. Alles ist in Ordnung, wir können los. 

Unser Fahrer kann kein Englisch, weiss jedoch von dem Termin. Er zeigt uns auf der Karte das Stadtzentrum von Jakarta und sagt etwas, dass wie „Embassy China“ klingt. Wir bestätigen mehrmals per Handzeichen und Mimik, dass wir tatsächlich erstmal dort hin wollen. Die ersten paar Kilometer kommen wir gut voran. Wenn es so weiter geht, dann haben wir sogar noch Zeit für einen kurzen Stop, um etwas zu essen. Schliesslich hat der Tag für uns heute sehr früh angefangen und unsere Mägen knurren schon. Doch mir wird schnell klar, dass aus der erhofften Mittagspause nichts wird. Schon verdichtet sich der Verkehr, wir werden immer langsamer und bald schon geht es nur noch stockend vorwärts – oder garnicht mehr. Willkommen in Jakarta. Es gibt internationale Rankings, da steht die 10-Millionen-Einwohner-Stadt auf Platz eins gemessen an den Verkehrsproblemen.

Ein Weitwinkelfoto von einem ganz normalen Motorrad-Parkplatz.

Ich schaue aus dem Auto und denke an deutsche Städte (von Schweizer Städtchen will ich garnicht erst träumen). Ja, auch bei uns gibt es Stosszeiten mit viel Verkehr. Es passieren Unfälle und es gibt Baustellen, die Stau oder Stop & Go verursachen. Aber das Ausmaß des Verkehrs in der Heimat ist nicht vergleichbar mit dem Chaos, das ich hier beobachte. Es sind nicht nur die vielen Autos und Busse – unentwegt versuchen sich Massen von Motorradfahrern an uns vorbei zu schlängeln und blockieren den Verkehr so nur noch um so mehr. Ampeln oder Verkehrsregeln, die es zu befolgen gilt, scheint es hier nicht zu geben. Polizisten versuchen den Verkehr angestrengt zu regeln, aber sie können der Lawine an Blech, Kunststoffen und Reifen nicht Herr werden. Sie ergänzen das dröhnende Hupkonzert lediglich mit ihren schrillen Tönen aus den Trillerpfeifen. Wie schaffen es die Menschen, die hier leben und arbeiten, diesen Verkehr täglich zu ertragen? Ärgern sie sich? Fluchen oder schimpfen sie gar? Oder nehmen sie es einfach hin? Sehen sie es als normal an? Oder nehmen sie es gar mit Humor? Sicher wird es auch hier solche und solche Menschen geben. Es wird Tage geben, da kann der Einzelne damit besser umgehen, als an anderen Tagen. Eins ist klar, tauschen möchte ich auf keinen Fall mit den Bewohnern von Jakarta. Und wie ich so aus dem Fenster schaue, vergeht eine weitere Stunde. Mein Handy zeigt an, dass wir nur noch 10 Kilometer entfernt sind. Wir sollten es schaffen, pünktlich zu kommen. 

Das ist sehr wichtig, denn es ist unsere einzige Chance, an ein Visum für China zu kommen. Das Reich der Mitte macht es den Touristen nicht unbedingt leicht. Stellen andere Länder ganz unkompliziert und schnell E-Visa aus (oder vergeben das Visum bei der Ankunft am Flughafen), muss jeder Reisende, der in die Volksrepublik möchte, persönlich zu einer chinesischen Botschaft gehen, seine Flugtickets (Einreise und Ausreise), einen Reiseplan mit gebuchten Hotels vorweisen, zwei biometrische Passfotos und seinen Pass abgeben. Die Bearbeitungszeit dauert dann circa 4 Tage. Zudem kann man nicht einfach spontan zur Botschaft gehen. Man muss sich vorab online einen Termin für die Beantragung geben lassen. Unser Zeitfenster ist heute von 13 – 13.30 Uhr. Entweder klappt es also hier und jetzt, oder wir haben unsere Flugtickets nach und aus China umsonst gekauft und knapp 1.000 Euro in den Sand gesetzt. Kein schöner Gedanke. 

Da steht es schwarz auf weiss: 13-13.30 Uhr

Zum Glück geht es mittlerweile wieder etwas schneller vorwärts. Als wir nur noch 500 Meter von unserem Ziel entfernt sind, ist es 12.50 Uhr und ich lege mein Handy beruhigt zur Seite und beobachte weiter den Verkehr. Es wird viel gehupt, es ist chaotisch und staubig. Gut, dass wir nach unserem Termin gleich wieder aus der Stadt rausfahren und uns nicht länger hier aufhalten. Die Zeit vergeht. „Komisch“ – denke ich, „sollten wir nicht mittlerweile da sein?“ Ich schaue auf mein Handy und sehe mit Schrecken, dass wir uns bereits wieder von der Botschaft entfernt haben. Laut der Karte sind wir 1.5 Kilometer vom Ziel entfernt. Wir machen den Fahrer darauf aufmerksam, aber er scheint uns nicht zu verstehen. Einfach wenden geht nicht, denn wir befinden uns auf einer mehrspurigen Strasse, mit theoretisch vier Spuren, praktisch fahren aber mindestens fünf Autos und mehrere Motorräder nebeneinander.  Wir entfernen uns immer weiter von der Botschaft. Mein Handy berechnet die Route permanent neu – unsere aktuelle Ankunftszeit ist 13.20 Uhr. Das darf doch nicht wahr sein. Endlich kommt eine Möglichkeit zum Wenden. Ich flehe den Fahrer mit meiner theatralischsten Mimik und Gestik an, doch bitte umzukehren und tippe unentwegt auf das eingegebene Ziel in meinem Handy. Er scheint endlich zu verstehen und wendet. Kurz vor dem Ziel geraten wir erneut in einen Stau und es geht nur noch sehr langsam voran.

Es ist nun bereits 13.15 Uhr und wir beschliessen hier auszusteigen und zu Fuss die letzten 800 Meter zurückzulegen. Aber der Fahrer will uns nicht rauslassen. Er wiederholt mehrmals das Wort „Police“. Ich verstehe ihn ja, schliesslich ist das hier eine Stadtautobahn auf denen Fussgänger nichts verloren haben – in Anbetracht der Tatsache, dass der Verkehr mittlerweile jedoch komplett steht, ist mir das egal. Wir haben einen Termin und ich habe keine Lust, diesen in einem Auto sitzend zu verpassen. Wir versuchen dem Fahrer klar zu machen, dass wir zur Botschaft laufen wollen, weil wir es sonst nicht schaffen. Er soll zur Botschaft fahren und dort auf uns warten. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen versteht er uns nicht. Egal – wir müssen jetzt los.

Wir lassen unsere grossen Rucksäcke im Auto und schnappen uns nur den kleinen, in dem wir alle wichtigen Dokumente aufbewahren und stürmen über die Autobahn. Ein kleiner Sprint in der Mittagshitze, die Luftqualität regt nicht unbedingt zum tiefen Einatmen ein. Es gibt durchaus schönere Orte und bessere Gründe, Sport zu treiben.  

Um 13.26 Uhr betreten wir schweissgetränkt den Raum für die Visa-Bearbeitung. Wir zeigen unseren Zettel mit unserem Termin, setzen unser bestes Lächeln auf und bekommen nach einer Musterung des Sicherheitsbeamten eine Nummer zugeteilt. Es sieht gut aus. 

Puh, wir haben es noch gerade so zum Termin geschafft.

Nach einer kurzen Wartezeit werden wir aufgerufen. Wir geben alle unsere Papiere, die benötigten Passfotos und unsere Reisepässe ab. Die Frau verschwindet mit allem und kommt nach ein paar Minuten mit mehreren Anmerkungen wieder: 

  • 1: Michas Unterschrift auf dem Visaantrag ist ihrer Meinung nach anders als die im Pass. Er soll den Antrag nochmal ausfüllen und auf seine Unterschrift achten. 
  • 2: Das Passfoto von mir entspricht nicht den chinesischen Vorgaben. Ich muss mich von dem hausinternen Fotografen nochmals ablichten lassen. 
  • 3: Da wir ja immer im Doppelzimmer übernachten und bei den Hotelreservierungen stets unsere beiden Namen als Gäste angegeben hatten, haben wir alle Hotelbuchungen nur einmal ausgedruckt. Wir erfahren jedoch, dass wir für jeden Visaantrag die Kopien aller Hotelbuchungen benötigen. Also alles nochmal kopieren. 

Es war nervig, aber machbar. Nichts ungewöhnliches und nichts was ein Vermögen an Geld oder Zeit kosten würde. Nach weiteren 30 Minuten hatten wir alles erledigt.

Mach´s gut lieber Pass – auf ein baldiges Wiedersehen mit Visum bitte.

Nach dem zweiten Versuch kam die Schalterdame dann endlich mit einem Lächeln im Gesicht und einem Zettel mit dem Abholdatum für unsere Pässe zurück. Uns fällt ein Stein vom Herzen. 

Mittlerweile ist es kurz vor 15 Uhr. Die letzten vier Stunden waren extrem anstrengend und haben mich gefühlt um mehrere Jahre altern lassen. Auch diese Situationen gehören zum Reisen, aber zum Glück überwiegen die angenehmen Momente deutlich.  

Wie wir nun unseren Fahrer wieder finden ist eine andere Geschichte…. 

Malaiische Häppchen

Neben den Tauchabenteuern an den Stränden Malaysias und unserem Einsatz für die Sonnenbären auf Borneo, haben wir uns auch zwei Städte des Landes angeschaut. So haben wir einen kleinen Einblick in die Kultur des Landes erhalten und einiges an Kuriosem kennengelernt.

Kuriosität Nr 1: Coffee to go in der Plastiktüte

Von Mersing an der Westküste der Halbinsel nehmen wir einen Bus nach Melaka. Für die 250 Kilometer braucht der Bus ungefähr vier Stunden. Das ist mir zu lange, um die Fahrt ohne meinen geliebten Kaffee anzutreten. Zum Glück gibt es auch hier überall reichlich Essenangebote und so bestelle ich einen Kaffee zum Mitnehmen. Anstatt eines Bechers gibt es allerdings eine Plastiktüte mit brauner Brühe.

In Melaka werden wir herzlich von unseren Gastgebern Teena und Lee empfangen. Wir bekommen sofort selbstgebackene Kekse und hach, einen Kaffee in einer Tasse angeboten. So gefällt es mir. Wir sind uns gleich sympathisch. Beide sind in meinem Alter, sie ist muslimische Malaiin mit spanischen und chinesischen Wurzeln und er kommt ursprünglich aus England. Auch eine kleine Katze, die die süsse Angewohnheit hat, ihre Zunge ständig raushängen zu lassen, wohnt bei ihnen.

Ihr Haus steht im Herzen der Altstadt. Es handelt sich um ein sehr altes Gebäude mit etwa fünf Meter Strassenfront, dafür aber rund zwanzig Meter Tiefe. Diese Architektur entspricht den alten chinesischen Handels- und Handwerkerhäusern wie sie hunderte Jahre hier betrieben wurden. Im unteren Bereich wurde gearbeitet und gekocht, während die oberen Bereiche für das Schlafen reserviert waren. Dort befindet sich auch unser gemütlich eingerichtetes Zimmer. 

Das Haus sowie ein grosser Teil des Stadtkerns versprühen den Charme einer vergessenen Kolonie. Die Spuren der jahrhundertelangen Besetzungen durch Portugiesen, Holländer und am Ende durch die Briten sind allgegenwärtig. Vor dem ehemaligen Rathaus steht eine Windmühle und daneben eine mäßig gelungene Kuh aus Kunststoff. 

Kuriosität Nr 2: Mitten in Holland 

Die Vielzahl der kleinen Cafe´s, Restaurants, Bars, Galerien und Kunstgeschäfte sind der ultimative Beweis dafür, das dieser Ort schon lange kein Geheimtipp und bei Touristen aus der ganzen Welt äusserst beliebt ist. Auch ich mag dieses Plätzchen. Die Stimmung ist entspannt. Mir gefällt diese Mischung aus Kultur, Geschichte und Moderne. Noch scheinen sich lokale und touristische Bewohner nicht das Leben gegenseitig schwer zu machen und das Mass für alle erträglich zu sein.

Zusammen mit anderen Besuchern auf Zeit nehmen wir das Angebot an und kochen einen Abend lang gemeinsam mit unseren Gastgebern in der grossen offenen Küche, in der wir sonst frühstücken. Unserem Wunsch entsprechend gibt es ein vegetarisches Menü. Ich lerne von unseren Mitköchen, wie man argentinische Empanadas liebevoll füllt und den Teig richtig mit kleinen Zöpfchen schliesst. Die Zutaten sind alle frisch und reichlich. Die von Teena gezauberte malaiische Tofuvariante kannte ich nicht, schmeckt mir aber ganz besonders gut. 

Ein vermeintlich typisch deutsches Gericht wie etwa eine Schweinshaxe mit Sauerkraut wollen wir nicht anbieten, dafür zeigen wir ihnen, wie man eine vegane Mousse au Chocolat im Handumdrehen zaubert. Während der Zubereitungen bleibt Zeit, sich mit Louisiana und Nico zu unterhalten. Beide kommen aus Argentinien und waren zuvor wie wir in Neuseeland, allerdings eher zum Geldverdienen. Mit dem Ersparten waren sie einige Wochen in Indonesien unterwegs, um jetzt hier wieder für Kost & Logis zu arbeiten. Dabei geht es eher um kleinere Aufräum-, Maler- und Reparaturarbeiten, die selten einen vollen Tag benötigen. Anders als wir planen sie keine Wiederkehr in die alte Heimat. Die andauernde Wirtschaftskrise in dem südamerikanischen Staat, die permanente Geldentwertung und die hoffnungslosen Zukunftsaussichten nennen sie als Gründe.

Nach dem Essen folgen wir der Empfehlung unserer Gastgeber und besuchen ein paar Strassen weiter eine alte Bar, die ihre Lizenz noch aus der Besatzungszeit der Japaner hat, was also rund 75 Jahre her ist. Es war damals die erste Bar in Melaka, an dem Alkohol offiziell verkauft werden durfte, was damals eine Ausnahme in dem von Muslimen dominierten Land war.

Kuriosität Nr 3: Malaien trinken normalerweise keinen Alkohol, dennoch ist er überall verfügbar. 

Als wir davor stehen, wirkt das verschlossene Gitter abweisend. Es dauert jedoch nicht lang, bis eine kleine ältere chinesisch aussehende Dame freundlich lächelnd öffnet. Sie wischt den Staub von den Barhockern und vom Tresen und bietet uns verschiedenes an Hochprozentigem in kleinen Verkostungsgläsern an. Zunächst schnuppere ich vorsichtig an den unterschiedlichen Flaschenöffnungen bis ich mich dann für einen …na, ihr wisst es schon: Kaffeeschnaps entscheide. Es brennt in der Kehle, aber irgendwie fühlt es sich nach dem üppigen Essen auch gut im Bauch an. Wir erfahren, das die Lizenz nur erhalten bleibt, wenn die Bar weiter von der Familie betrieben wird. Ihr Mann ist leider krank und ihr jüngster Sohn kann nicht immer unterstützen. Auch wenn die Regalwand mit all den unterschiedlichen Feuerwässerchen beeindruckt, bleibt mir nicht verborgen, das die besten Tage dieser Bar schon lange vorbei sind. Wer weiss, vielleicht wird dieses Kleinod seine Türen bald für immer schliessen.

Am Abend sind wir wieder zu zweit ein paar Strassen weiter spazieren. Die historischen Häuser, die Stadtmauer mit alten Geschützen der Portugiesen und Holländer sowie die schmalen Wege verleiten zum verträumten Schlendern. Wenn nicht, ja wenn nicht diese unglaublich lautschrill-bunten und blinkenden Rikscha-Taxis mit plärrender chinesischer und malaiischer Schlagermusik durch die Gassen fegen würden. Aber auch das gehört zu Melaka.

Kuriosität Nr. 4: Es geht immer noch ein bisschen mehr Blink Blink und Bum Bum.

In Kuala Lumpur würden diese wackeligen Rikschas keine Chance haben. Dort leben im Grossraum rund acht Millionen Einwohner. Der Verkehr wird von Autos sowie Motorrädern dominiert.

Nach einer kurzen Busfahrt kommen wir in einem grossen, an einen kleinen Flughafen erinnernden Terminal im Aussenbezirk der malaiischen Hauptstadt an. Erwartungen habe ich keine an diesen Ort. Vielmehr ist es der Ausgangspunkt für weitere Stationen, die jedoch erst recherchiert und dann zum nächsten Ziel auserkoren werden sollen. 

Als wir ankommen ist es später Nachmittag, es ist heiss und wir sind ziemlich weit weg vom Zentrum. Der Tarif, der mir am Taxistand von den lokalen Chauffeuren genannt wird, überrascht mich. Er ist deutlich höher als der (zugegebenermassen schon ältere) Reiseführer ausweist. Ich nutze die Taxi-App, die uns von anderen Reisenden empfohlen wurde und sehe, dass das genannte Beförderungsentgelt den sonst üblichen Touristenaufschlag deutlich übertrifft. Da wir uns mit den lokalen Taxifahrern nicht einig werden, bestellen wir ein Taxi über mein Smartphone. Scheinbar findet er uns nicht sofort. Es dauert. Dann ist er da und es kann losgehen. Er ist sehr interessiert und fragt neben den üblichen Fragen: Wo kommst Du her? Wie lange bleibst Du? Wo geht es danach hin? auch nach unseren bisherigen Eindrücken von seinem Land und wie wir die Welt im Allgemeinen sehen. Etwas überrascht, aber doch neugierig erzählen wir von unserem bisherigen Reiseverlauf und wie es dazu kam. Nach dem wir auch die Tionmaninseln lobend erwähnen, schaut er zufrieden. Er ist Akademiker und hat einen festen Job, verdient sich aber mit dem Taxifahren etwas dazu. Das Leben in der Hauptstadt sei die letzten Jahre sehr teuer geworden. Um sich und seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen arbeitet er 16 Stunden am Tag. Viele ausländische Ruheständler seien die letzten Jahre hierher gekommen, da die Haus-und Wohnungspreise sowie die Lebenshaltungskosten für die Neuzugezogenen günstig sind. Viele der neu errichteten Wohnungen seien deshalb für Einheimische kaum noch zu bezahlen. Ausserdem hat auch hier der Konsum inzwischen die anderen Religionen abgelöst. Jeder braucht ein Auto, ein Smartphone, Markensportschuhe und lässt sich gern in einem der neuen schicken Cafés und Restaurants sehen. Er verrät uns, dass er etwa umgerechnet 700 Euro im Monat mit seinen beiden Jobs verdient. Er scheint jedoch trotzdem seinen Humor noch nicht verloren zu haben. Ein Ausschnitt aus dem Gespräch ist hier als Tonsequenz abrufbar. Aufschlussreich finde ich seine Aufteilung der Menschen in drei verschiedene Gruppen.

Die Wahrheit des Taxifahrers

In Vorbereitung auf unsere Zeit in den ländlichen Gebieten sind wir auf der Suche nach einem Moskitonetz. Deutsche Tropeninstitute und auch die lokalen Behörden weisen auf regelmässig auftretende Malariafälle in unserem Reisegebiet und prophylaktische Massnahmen hin. So nehmen wir an, das diese Schutznetze wie Reinigungs- und Lebensmittel überall erhältlich sein sollten. Vergiss es. Wir besuchen kleine und grosse lokale Märkte, Shopping-Center mit Supermärkten oder grosse unseren Baumärkten ähnliche Warenlager. Die Verkäufer geben sich redlich Mühe, uns mit dem Gesuchten zu versorgen, vergeblich. Einige telefonieren mit irgendjemand anderem. Dann schicken sie uns von einem zum nächsten Geschäft. Es ist ziemlich verrückt. Niemand scheint sich wirklich Sorgen darüber zu machen, eventuell infiziert zu werden – wir schon. Eine elektrische Insektenklatsche, wie sie fast überall angeboten wird, wollen wir nicht kaufen. Keiner möchte nachts aufstehen und erstmal auf Mückenjagd gehen. Wir möchten ein Moskitonetz, das uns in Ruhe schlafen lässt. 

Zum Glück fällt Jana ein, das es (ja auch hier) einen IKEA gibt. Sie schaut auf deren Homepage und siehe da: Sie haben tatsächlich ein Moskitonetz im Angebot – Modell Solig – wie überall auf der Welt. Ein Anruf und die Bestätigung, das es tatsächlich noch vorrätig ist. Yippiiiiieeeh. Die Stechmücken können also kommen. Beziehungsweise sie können es jetzt gerne mal versuchen. 

Kuriosität Nr 5: Es gibt kein Moskitonetz in Malaysia zu kaufen (ausser bei den Schweden)

Bei unseren Einkäufen entdecken wir hin und wieder kuriose Produktempfehlungen, die so wohl nur hier funktionieren. Auf diesem Werbeplakat über dem Schokoladenregal ist ein Wonneproppen zu sehen, der lustvoll in eine grosse Tafel Schokolade beisst. Daneben steht „Eat good, feel good“ (Ernähre Dich gut. Fühle dich gut). Jana und ich schmunzeln uns mit grossen Augen an. Wir liegen wohl nicht falsch, wenn wir behaupten, das so etwas zuhause zu einem mittleren Shitstorm gegen die Handelskette und den Hersteller führen würde. 

Kuriosität Nr 6: Nasch dich gesund und fühl dich gut dabei.

Kuala Lumpur ist eine Stadt im Umbruch. Die modernen Shopping-Center, Boutiquen, Einkaufsstrassen, Bürozentren mit sauberen Strassen und guter Bahnanbindung zeigen, wohin auch Malaysia strebt. Der permanente Staub und Dreck, die Anzahl wilder Müllecken, die sichtbare Armut und viele Strassenzüge mit maroder Infrastruktur und Bausubstanz machen jedoch auch deutlich, dass noch nicht alle Menschen auf diesem Weg in die Zukunft mitgenommen werden.

Unter Sonnenbären

Ich fühle mich ungewohnt schwach. Ich phantasiere von einem Dschungel, in dem ich wie in einer grünen Hölle mit seiner feuchten Hitze gefangen bin. Alles sieht gleich und doch immer wieder anders wild gewachsen aus. Durch die Machete in meiner rechten Hand fühl ich mich etwas sicherer. Ich höre die intensiven Rufe der Makaken sowie verschiedene Vogellaute, die ich nicht zuordnen kann. Meine Kleidung ist schweissgetränkt. Plötzlich bewegt sich etwas in meinem Rücken, Äste brechen, ich spüre leichte Erschütterungen des Bodens. Die Machete fest umklammernd drehe ich mich langsam um. Ein tiefes Brummen schallt von oben auf mich herab. Es kommt aus einem pelzigen Gesicht. Ich werde vorsichtig neugierig beobachtet. Dann verschwindet plötzlich alles um mich herum. Stimmen aus einer anderen Sphäre dringen an mein Ohr. Mein Bewusstsein übernimmt wieder und ich sehe in zwei wunderschöne, wenn auch besorgt wirkende blaue Augen über mir. Jana reicht mir frisches Wasser und die nächste Paracetamoltablette. 

Mir ist heiss, sehr heiss. Mein Kopf, der Hals und die Brust glühen. Jana legt mir einen frischen Eisbeutel auf die Stirn und erneuert die Wadenwickel. Das Hotelpersonal ist inzwischen im Bilde und fragt nicht mehr nach dem Grund für das viele Eis oder will dafür extra vergütet werden.

Wir verbringen insgesamt eine Woche in diesem Business Hotel in Sandakan auf Borneo. Diese Hotelkategorie ist ungewöhnlich für uns. Aber es ist die Unterkunft, die sich am nächsten zum Krankenhaus befindet und wir damit im Notfall kurze Wege haben. Die Ärzte dort haben mich bereits gründlich untersucht und weder Malaria- noch Dengue-Fieber-Erreger im Blut festgestellt. Die Symptome mit Kopf- und Gliederschmerzen sowie hohem Fieber, das innerhalb weniger Stunden bis auf knapp unter 40 Grad anstieg, waren da. Zum Glück wurde nur eine Virusinfektion attestiert. Die hatte es allerdings in sich.

Hier sind wir: ganz im Nordosten der Insel Borneo. Der kleinere nördliche Teil gehört zu Malaysia.

Sie zwingt uns zu einer Pause unseres auf zwei Wochen angelegten Freiwilligeneinsatzes beim Sunbear-Conservation-Center in Sepilok, Borneo (Malaysia). Auf unserer Reise wollen wir nah an den Menschen und Kulturen sein, aber auch die Natur erfahren. Des weiteren möchten wir etwas geben, konkret etwas für Andere tun ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten, einfach nur, weil wir es wollen und gut finden. Jana hatte schon bei einigen Tierschutzprojekten gearbeitet und es war ihr wichtig, auch auf dieser Reise ein solche kleine Auszeit vom Reisen einzulegen. Nach einiger Recherche stiessen wir auf das Sunbear-Conservation-Center und schicken bereits im Mai unsere Bewerbung ein. Ziel dieses Zentrums und der dahinter stehenden Organisation ist der Erhalt des Lebensraumes der sogenannten Sonnenbären (oder auch Malaienbären) sowie die Pflege der aus Gefangenschaft befreiten oder von Wilderern verletzten Tiere.

Der Sonnenbär ist die kleinste lebende Bärenart. Ihr Verbreitungsgebiet ist auf wenige Gebiete in Sumatra und Borneo sowie vereinzelt im südlichen China zusammengeschrumpft. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) sowie das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) zählen sie zu den bedrohten Arten.

Dieser sympathische Bär zeigte uns regelmässig seine Kletterkünste. Wer Lust auf ein Video der Artisten hat, dem können wir dieses supersüsse Video zweier Bären empfehlen. (Link Video Baumspiele)

Unsere Aufgabe als freiwillige Helfer besteht zu einem grossen Teil darin, gemeinsam mit den zehn festangestellten Pflegern rund 40 Bären mit frischem Futter, welches aus Obst und Gemüse besteht, zu versorgen. Dazu gehört auch die Vorbereitung (Reinigung, mundgerechte Stückelung, ausgewogene Zusammenstellung) und die rituelle Futterverteilung in den Aussenanlagen. Weiterhin sind die Käfige täglich zu reinigen oder sogenannte Enrichments (Fachjargon der Pfleger) wie zum Beispiel Spielmöglichkeiten mit leckerem Zuckerrohr oder mit Honig gefüllte Beissringe zu basteln.

Besonders interessant war es, einmal bei einem Gesundheitscheck eines Bären dabei sein zu dürfen. Nach der Narkosebetäubung bot sich hier die Gelegenheit, die Tiere auch zu berühren, was sonst strikt verboten ist. Wir durften die Temperatur und den Puls messen  oder die Schnauze des Bären aufhalten, damit die Ärztin die Zähne behandeln kann.

Zum Glück ist sie betäubt. Sie spürt den Zahnarzt nicht und wir nicht ihre Zähne. Nur den Mundgeruch …

Wenn diese Bärchen so friedlich auf dem Tisch liegen, kann ich mir vorstellen, warum noch heute reiche (und einfältige) Asiaten diese Tiere mit niedlichen Haustieren verwechseln. Sie können wie Teddybären wirken, sind aber natürlich Raubtiere mit allem was dazu gehört. Und sie gehören in die Natur. 

Alle Bären haben Namen, sich diese vollständig zu merken war mir nicht vergönnt. Ein Paar von ihnen sind mir jedoch im Gedächtnis geblieben. Da war zum Beispiel Panda, eine vierjährige Bärendame, die in einem Privatzoo gehalten und dort als Pandabär ausgegeben wurde – daher auch ihr Name. Sie hat grosse Angst davor, aus ihrem sechs Quadratmeter grossen Käfig im Bärenhaus in das Freigehege zu gehen. Grund dafür ist eine negative Erfahrung, die sie mit dem Zaun der Aussenanlage gemacht hat, der permanent unter Schwachstrom steht. Würde der Zaun keinen Strom leiten, wäre es ein leichtes für einen Bären die Absperrung zu demolieren – sei es aus Übermut, Langeweile oder Neugier. Einmal entwischt wäre es jedoch sicher das Todesurteil für die Tiere. In den zum Teil riesigen Aussenanlagen sollen die Bären ihre natürliche Verhaltensweisen wieder erlernen – auf Bäume klettern, Nester bauen, nach Futter suchen, Rinden aufkratzen, Sozialverhalten üben. All jene, die sich gut entwickeln, werden Teil des „Release Programs“ – und haben somit die Chance, wieder in den Wäldern Borneos ein neues Zuhause zu finden. Sieben Bären wurden seit Gründung des Centers 2008 bereits wieder in die Freiheit entlassen. Sie alle wieder in der Natur zu sehen ist das Wunschziel von Wong, dem charismatischen Gründer und Leiter des Zentrums. Leider gelingt das nur den wenigsten Bären, da die meisten entweder zu alt, zu verhaltensgestört, zu „vermenschlicht“ oder aus anderen gesundheitlichen Gründen nicht überlebensfähig in freier Wildbahn wären. 

Aber selbst Bären wie Panda, die viel zu lange in menschlicher Obhut gelebt haben und keine Chance auf eine Entlassung haben, sollen zumindest die Freigehege geniessen dürfen. Unter Anleitung der Pfleger sind wir dreimal dabei, wenn sie langsam herangeführt wird, ihren kleinen Käfig zu verlassen. Wir verteilen leckere Snacks wie Wassermelone, Bananen und in honiggetränkte Nüsse in einem extra für diesen Zweck eingerichtetem „Zaun-Trainingsgehege“. Hier soll Panda lernen, dass das grosse Gehege keine Gefahr birgt, solange sie den Zaun nicht direkt berührt. Am Anfang hat sie grosse Angst, sie holt sich nur die Leckerbissen, die sie mit ihrer langen Zunge erreicht ohne dass dafür auch nur eine der vier Pfoten das bekannte Terrain verlassen muss. Sie streckt sich mächtig. Wir sehen ihren inneren Kampf. Sie kommuniziert mit uns: „Schaut doch mal! Da liegen so viele Süssigkeiten! Aber ich traue mich nicht hinein. Was soll ich machen? Kannst du mir nicht helfen?“ Kaum vorstellbar, was so ein ursprüngliches negatives Erlebnis mit einem Stromzaun für psychische Grenzen aufbauen kann und wieviel Zeit und Geduld es bedarf, dieses Trauma wieder aufzulösen. Lange nach unserem Aufenthalt lesen wir auf der Homepage, das Panda das Zauntraining bestanden hat und ihren ersten grossen Spaziergang im Freigehege unternommen hat – welche Freude, das zu lesen!

Panda kann sich seeeeeehr lang machen, wenn das Obst soooooo weit weg liegt.

Besonders ist mir die süsse Mailaienbärin Simone ans Herz gewachsen. Sie hatte ihren Käfig direkt gegenüber dem Eingang zum Bärenhaus und hat die Kunst des freundlichen Posens so zur Vollendung gebracht, das sie laut der centereigenen Homepage die beliebteste Bärin des gesamten Sunbear-Centers ist (Link Homepage Simone). Mit ihrer freundlichen, ruhigen und zugewandten Art fällt es schwer, sich ihrem tapsigen Bärencharme zu entziehen. Zum Abschied bekomme ich ein Abdruck ihrer Tatzen auf Papier geschenkt. Ich lächle und bin dankbar für diese Geste.

Simone: zum Verlieben.

Hätte mich das Fieber nicht nach einer Woche umgehauen, hätte ich wahrscheinlich auch so eine Pause gebraucht. Ich muss zugeben, das mich die harte körperliche Arbeit bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius und einer neunzigprozentigen Luftfeuchtigkeit stark beansprucht hat. Ich habe grosse Bewunderung für die täglichen Verrichtungen der Bärenpfleger. Auch wenn sie nur etwa halb so alt sind wie ich, haben wir uns viel unterhalten und gelacht. Einer meinte, ich sähe aus wie Keanu Reeves, ein Schauspieler, und zählte mir seine Filme auf. Ach so der Typ von Matrix, ja den kenne ich auch. Toll, dachte ich, gar nicht so schlecht, wenn er mich mit ihm vergleicht.

Die letzten Tage im Sunbear-Center nach der einwöchigen Fieberpause vergingen wie im Flug. Auf Wunsch der Mitarbeiter vor Ort haben wir unsere Eindrücke zusammengefasst. Diese wurden dann später wie die anderer Teilnehmer veröffentlicht (Link Homepage Unser Eindruck). Jede Woche kommen Freiwillige wie Jana und ich und unterstützen die Arbeit des BSBC. Es möchten regelmässig so viele helfen, das mitunter einige vertröstet werden müssen. Die Freiwilligen sind fester Bestandteil der Prozessabläufe. Es wird langfristig mit ihnen geplant. Jeder Freiwilliger zahlt (nicht wenig) Geld dafür, das er hier arbeiten darf.

Die Regel ist ja eher anders herum:  Ich arbeite und erhalte dafür eine Vergütung. Hier gibt es eine Organisation, die sich die Mitarbeiter aussuchen kann, die bei ihnen arbeiten wollen und dafür von genau diesen temporären Mitarbeitern auch noch Geld bekommt. Klingt das abgefahren?

Die Frage kann ich mir selbst beantworten. Mir war es das Geld wert, weil es ein Investment in mich war. Ich habe für eine gewisse Zeit, eine sehr erfüllende (und anstrengende) Tätigkeit mit Tieren, zu denen ich sonst niemals Zugang gehabt hätte, ausgeübt. Jeder Handschlag, jede Aktion, jede Handlung hat Sinn gemacht. Die ganze Organisation hat einen übergeordneten Zweck, die Erhaltung der Natur und des Lebens ganz konkret am Beispiel der vom Aussterben bedrohten Sonnenbären. Dieser organisatorische Leitstern klingt für mich einfach attraktiver als beispielsweise nur das Umsatzziel des letztes Jahres zu verdoppeln. Es geht hier nicht einfach nur um Gewinnmaximierung, um ein wenig sinnstiftendes, zweckungebundes Mehr an allem Materiellen. Geld ist hier nur ein Medium, ein notwendiges Mittel, das Richtige aus den richtigen Gründen zu tun. Natürlich muss auch hier der Laden am Laufen gehalten werden, Gehälter und Futter bezahlt werden. Dafür sorgen Sponsoren, Spenden, Erlöse aus dem Verkauf von Eintrittskarten und der Obolus der Freiwilligen. Einen, wenn auch nur kleinen, Beitrag, dazu geleistet zu haben, erfüllt mich mit Freude, Zufriedenheit und Glück. Natürlich will auch ich von meiner Arbeit leben können, was übrigens mit den umgerechnet etwa 350 Euro Monatsgehalt eines Bärenpflegers nicht der Fall wäre. Aber der springende Punkt ist ein anderer:

WER LEISTUNG WILL, MUSS SINN BIETEN.

oder

WER DIE MENSCHEN IM HERZEN GEWONNEN HAT, DER BRAUCHT SICH UM DIE RICHTIGEN KÖPFE NICHT ZU SORGEN.

Diese Sätze haben ich oft gehört und selber auch schon gesagt. Jetzt habe ich sie bewusst erlebt, gefühlt, erfahren. Danke Sunbear Conservation Center.

Untergetaucht

Ich weiss, dass ich keine Angst haben muss. Aber der Angst ist das ziemlich egal – sie ist trotzdem da. Ich versuche mich zu entspannen, aber das klappt überhaupt nicht.

Tausend Gedanken flitzen  mir durch den Kopf.

„Was mache ich hier eigentlich? / Das ist doch absurd / OK, Jana, versuche es mal zu geniessen / Schau mal der Fisch da / Der ist doch schön. / Ja, das stimmt / Aber wieso ist der über mir? Fische waren bis jetzt immer nur unter mir. / Oh je, die Wasseroberfläche ist aber sehr weit weg. / Wie tief sind wir eigentlich? / Atme ruhig. / Bloss keine Panik bekommen. / Irgendwann ist es vorbei.“

Nach weiteren 30 Minuten im Gedankenkarussell war er tatsächlich vorbei: Unser erster Probetauchgang. War ich froh, wieder an der Wasseroberfläche zu sein und wieder Luft über die Nase einatmen zu können. Die letzte halbe Stunde war definitiv ein Erlebnis, das mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. 

Im Nachhinein lernen wir, dass die Art und Weise wie unser Probetauchgang ablief nicht ideal war. Wir sind sprichwörtlich ins Wasser gesprungen – immerhin war das Wasser nicht kalt. Als wir nach einer fünfminütigen Bootsfahrt zu einem kleinen Korallenfelsen neben den Tioman-Inseln erklärt bekommen, wie der „Einstieg“ ins Meer vom Boot aus abläuft, mache ich nur grosse Augen.

Wir sollen auf dem Rand des Bootes sitzend eine Rolle rückwärts ins Wasser machen? Wie Bitte? Viel nachdenken konnte ich allerdings nicht – ich sollte als erste diese Turnübung ausführen. Platsch. Gäbe es Haltungsnoten müsste der Punktrichter wohl die Karte mit der Note Vier hochzeigen. So eine Tauchermontur ist ziemlich schwer – sobald du dich auch nur ein bisschen nach hinten lehnst, gewinnt die Schwerkraft über deine Muskelkraft und schon bist du im Wasser. Micha und der Tauchlehrer folgen. Er merkt sofort, dass es eine starke Strömung gibt, signalisiert uns aber, dass wir uns keine Sorgen machen sollen. Nö, machen wir nicht. Denn noch wissen wir ja garnicht, was das unter Wasser bedeutet.

Aber der Reihe nach. Wir treiben also zunächst im Wasser. Der Tauchlehrer orientiert sich kurz und gibt uns das Zeichen, dass es nun nach unten geht. Alles ok? Alles ok. Wir signalisieren dies indem der Daumen und der Zeigefinger einen Kreis bilden sowie die anderen Finger gestreckt bleiben. Er nimmt uns beide am Schlafittchen und lässt die Luft aus unseren Tauchwesten, so dass wir theoretisch absinken. Praktisch tut sich kaum etwas – ich habe Auftrieb und schwebe kurz unter der Wasseroberfläche. Micha ist auch auf meiner Höhe. Ich muss schmunzeln: ertrinken ist garnicht so einfach. Aber wir wollen ja nicht ertrinken, wir wollen tauchen und auch dazu müssen wir nach unten. Da unsere Tauchwesten aber schon komplett leer zu sein scheinen, zieht und drückt uns der Lehrer recht schnell nach unten – zu schnell für Micha. Er signalisiert, dass er Ohrenschmerzen hat. Diese entstehen, wenn man zu rasant abtaucht und/ oder zu selten einen Druckausgleich für die Ohren macht. Besonders auf den ersten zwei Metern merke ich deutlich, dass unter Wasser viel mehr Druck als an der Wasseroberfläche herrscht. Und diesen Druck muss ich mit „Nase zu halten und sanft in die Nase hineinblasen“ ausgleichen. Jeder kennt das vom Fliegen. Die beiden tauchen also wieder ein bisschen auf, so dass der Druck auf Michas Ohren nachlässt und er nochmal einen Ausgleich machen kann.

Ich bleibe eine halbe Körperlänge unter ihnen und bemerke nun die Strömung. Wir treiben alle ganz schön doll in eine Richtung, ich allerdings ein bisschen schneller als die anderen beiden, da der Lehrer mit Micha im Gepäck professionell gegen sie anschwimmt. Ich weiss, dass ein Taucher nur die Beine benutzt und die Arme möglichst ruhig am Körper anlegt. Aber wie ist das mit dem theoretischen Wissen? Es nützt wenig, wenn ich es nicht auch umsetzen kann. Ich kann es gerade nicht und paddele und wedele mit allen Vieren wie Pfiffi, der kleine Schosshund, den ich zum sonntäglichen Bad in eine für ihn viel zu grosse Badewanne gesteckt habe.

Als es Michas Ohren wieder besser geht, drückt uns der Lehrer weiter nach unten. Er packt Michas Weste mit dem rechten Arm und meine mit dem linken Arm. Er bleibt stets über uns, so dass wir ihn nicht sehen. Wir schwimmen also im Dreiergespann einmal um den Korallenfelsen. Da dies unser allererster Tauchgang ist und wir keine Ahnung haben, was wir zu tun haben, kümmert sich der Lehrer um alles. Er regelt die Luft in unseren Westen, so dass wir je nach Bedarf ein bisschen mehr oder weniger Auftrieb bekommen. Er schaut auf die Anzeige, die kontrolliert wieviel Luft noch in unserer Flasche ist. Er kontrolliert die Tiefe.

Wir müssen nur mit den Flossen treten sowie atmen und…. natürlich: den Tauchgang geniessen, uns an all den bunten Fischen erfreuen. Ich nehme sie war, freue mich jedoch noch mehr darüber, dass ich tatsächlich Luft bekomme. Und ich denke.

Tausend Gedanken flitzen mir durch den Kopf. 

Zurück auf dem Boot fragt uns der Lehrer, ob wir nun den Tauchkurs machen wollen. Wir wollen das Erlebte jedoch erstmal sacken lassen und uns nach dem Mittag wieder melden. Wir entscheiden uns dagegen. Schnorcheln ist doch auch schön. 

Drei Wochen später stehen wir wieder vor einer Tauchschule. Diesmal sind wir auf den Perhentian-Inseln im Norden Malaysias. Wir fragen nach zwei Schnorchel-Sets zum Ausleihen und nach der Möglichkeit, einen Tauchkurs zu machen. Wenn sie Zeit haben und sie uns sympathisch sind, wollen wir es eventuell nochmal probieren. Sie haben Zeit und sie sind uns sehr sympathisch. Kim, unsere Tauchlehrerin kommt aus Holland und spricht perfektes Deutsch, so dass wir den Kurs sogar in unserer Muttersprache machen könnten. Dies alles sind gute Vorraussetzungen. Die nächsten vier Tage verbringen wir wie in einem Trainingslager – wir büffeln viel Theorie, machen Tests, die an die Fahrschulprüfung erinnern und lernen, das Wissen auch unter Wasser anzuwenden. Von Kim erfahren wir, dass man für einen Schnuppertauchgang viel besser vom Strand aus in Wasser geht. Das erspart dem Novizen die Rolle rückwärts ins Nass, garantiert ein langsames Abtauchen und verringert dadurch die Probleme mit den Ohren.

Bei den Tauchgängen, die wir im Kurs absolvieren, bin ich schon um einiges entspannter als bei dem Schnuppertag. Trotzdem gibt es Übungen, die mir schwer fallen und die ich nicht gerne mache, wie zum Beispiel freiwillig Wasser in die Taucherbrille einlassen, um dieses dann wieder loszuwerden. Beim ersten Mal mache ich es falsch, bekomme Angst und atme über die Nase einiges an Salzwasser ein. Das muss ich noch öfter üben. Schliesslich ist Wasser in der Brille eine Situation, die beim Tauchen häufig vorkommt.

Wo ist Micha?

Diese Übung fällt Micha überhaupt nicht schwer. Dafür braucht er ein bisschen länger, bis er sein Gleichgewicht unter Wasser kontrollieren und halten kann. Tiefes Ein-und Ausatmen, wie es von den Yogis immer so gebetsmühlenartig wiederholt wird, kommt unter Wasser garnicht gut an. Wenn Micha einmal tief einatmet, dann geht er unter Wasser ab wie Schmidt´s Katze – soll heissen, er flutscht wie ein Pfeil nach oben und weiss garnicht wie ihm geschieht.

So ein schnelles Auftreiben ist aus verschiedenen Gründen gefährlich. Während des Kurses lernt er unter Wasser flach zu atmen und sein grosses Lungenvolumen gezielt einzusetzen, um seine Tiefe unter Wasser zu verändern. Ein leichtes Einatmen und er steigt auf, ein bewussten Ausatmen und er sinkt ab.

Immer schön auf Augenhöhe mit den Fischen bleiben…garnicht so einfach.

Kim ist eine tolle Lehrerin. Sie hat Geduld wo es nötig ist und sie ist streng und verantwortungsbewusst in Situationen, die gefährlich sein können. Wir merken, das sie auch nach tausenden von Tauchgängen und sicher hunderten von Schülern noch selbst Spass an ihrem Beruf hat. Auch das schätzen wir sehr. 

Nach bestandener Prüfung. Ihr seht dem Schüler und der Lehrerin die Erleichterung an.

Nach fünf Tauchgängen haben wir alle Prüfungen bestanden und erhalten den Open Water Tauchschein. Doch Tauchen erfordert, genauso wie das Autofahren, viel Übung und Wiederholung, um Sicherheit und eine gewisse Routine zu bekommen. Der Schein ist erst der Anfang. Wir müssen noch einige Tauchgänge machen, bis wir die Unterwasserwelt wirklich geniessen können, aber wir haben nun zumindest unsere Eintrittskarte in diese völlig neue Welt.

Augen zu und durch, oder besser: Nase zu und runter. So sah es aus, als wir das Abtauchen und den Druckausgleich geübt haben.

In Malaysia schaffen wir es leider nicht mehr, diesen Schein auch zu nutzen. Wir wollen weiter nach Borneo, wo uns eine ganz besondere Verabredung mit einem knuffigen Landbewohner erwartet.

Das Tor nach Asien

…und meine Brücke in die Vergangenheit

Nach den gefühlt unendlichen Weiten in Australien erwartet uns nun nach neun Flugstunden genau das Gegenteil. Wir landen am späten Abend auf dem Changi-Airport, einem der modernsten Flughäfen der Welt.

Willkommen im Stadtstaat Singapur. Berlin ist flächenmässig grösser, aber sonst fällt mir spontan nichts ein, wo die deutsche Hauptstadt im direkten Vergleich noch vorn liegen könnte. Singapur befindet sich an der Südspitze der Malaiischen Halbinsel und verteilt sich auf über 50 Inseln, was ich als Besucher zunächst nicht bemerke und erst im Nachhinein auf der Karte gesehen habe.

Der Stadtname heisst übersetzt aus dem Sanskrit „Löwenstadt“. Das Wahrzeichen der Stadt, Merlion, ist ein Mischwesen aus Meerjungfrau (Mermaid) und Löwe (Lion). Dadurch, das sich das Stadtgebiet auf Äquatorhöhe befindet, sind die Tage und Nächte gleich lang, immer. Das ganze Jahr herrscht tropisch heisses Klima, also nichts für Freunde des Wintersports. Eine Pizza „Vier Jahreszeiten“ wurde mir hier nicht angeboten und würde trockenen Humor voraussetzen, den ich in Singapur und auch im späteren Reiseverlauf in Asien äusserst selten angetroffen habe.

Trotzdem ist die kulinarische Vielfalt in Singapur hervorragend und wie ihr seht, schmeckt es uns ausgezeichnet. Wenn wir nicht aufpassen, sehen wir bald so glücklich aus, wie der Mann in der Mitte.

Ähnlich wie in der Schweiz gibt es hier vier (jedoch zum Glück andere) Amtssprachen: Tamil, Chinesisch, Malaiisch und Englisch. Ich bin froh, das ich zumindest eine davon beherrsche. Noch entzückter bin ich, das wir 1. abgeholt werden, 2. diese Person fliessend deutsch spricht, 3. wir uns bereits kennen und 4. ich somit auch einen kleinen Einblick in den Alltag der Menschen in einem der reichsten und teuersten Länder der Welt erhalte.

Auch nach all den Jahren erkenne ich sie bereits von Weitem: Sie ist auffällig gross und sehr sportlich. Und Sie heisst auch Jana. Das erfordert bei uns allen Konzentration bei der persönlichen Ansprache. Die andere Jana, also Jana Lauren mit vollständigem Namen, lebt seit Mitte der neunziger Jahre in Singapur. Wir kennen uns seit 1984, als wir gemeinsam die siebte bis zehnte Klasse der Sportschule des Turn- und Sportclub Berlin besuchten. Anknüpfend an ihr früheres durchaus erfolgreiches Leben als Diskuswerferin (Wikipedia) ist Jana heute als Leichtathletik-und Wurftrainerin für Kinder und Jugendliche an verschiedenen Schulen tätig. Einmal besuchen wir sie bei ihrer Arbeit in einer Privatschule.

Im Osten nix neues: Ist die Trainerin mal kurz abgelenkt, wird schnell das Smartphone gecheckt.

Ich entdecke einen passabel aussehenden Wurfring mit Netzummantelung, stelle mich spontan hinein, mache eine Drehung und simuliere einen Abwurf. Die Beine zittern etwas, da ich nicht lang die Ausgangsposition halten kann. Bei der Drehung habe ich das Gefühl, mich von oben herab selbst in Zeitlupe zu betrachten. Nach einer kurzen Pause nehme ich all meine Kraft zusammen, drehe die Hüfte ein, ziehe den rechten Wurfarm nach und versuche meine Hand möglichst lang am imaginären Diskus zu lassen, bis ich nicht mehr kann und umspringen muss. Ein Bewegungsablauf, den ich in den Jahren von 1984 bis etwa 1990 geschätzt zehntausend Mal geübt habe. Er ist so verinnerlicht, das ich ihn morgens um drei Uhr schlafwandelt ausführen könnte. Ob mich meine Schulfreundin dabei gesehen hat, weiss ich nicht. Wenn ja, wäre sie sicher zu höflich gewesen, um mich auf diverse technische Verbesserungsmöglichkeiten hinzuweisen.

Drehrumbum

Wir treffen uns einige Male zum Essen oder im Café, reden über die grossen und kleinen Themen des Lebens.  Wir erfahren, das sie nach der Heirat mit James, einem chinesischstämmigen Hammerwerfer aus Singapur, dorthin umgezogen sowie eine Tochter und einen Sohn geboren und grossgezogen hat. Beide sind nun schon junge Erwachsene und gehen ihren eigenen Weg. Das sie als (europäische) Frau im Trainer-bzw. Couchmetier tätig ist, stellt in Singapur etwas Besonderes dar. Sie kann stolz darauf sein, was sie erreicht hat. Ich habe grossen Respekt vor ihrem Weg, den sie gegangen ist. Sie hatte ihren Mann und ihre Aufgabe, sonst Nichts, um sich in einer fremden Kultur und Sprache über 10.000 Kilometer fern der alten Heimat ein neues Leben aufzubauen. Die Vornamen aller Familienmitglieder beginnen übrigens alle mit J, worüber ich schmunzeln muss.

Im September findet in Berlin ein Klassentreffen statt. Jana organisiert das von Singapur aus. Ich werde in der Zeit in China unterwegs sein. Ich finde es grossartig, das sie das in die Hand genommen und organisiert hat. Es braucht immer einen, der die Verantwortung übernimmt und sich kümmert. Das ist wohl universell und heutzutage selbst für die Vorbereitung eines Treffens von vielen Teilnehmern am anderen Ende der Welt (sechs Stunden Zeitverschiebung) möglich.

Um einen Geschmack darauf zu bekommen, wie die Zukunft der Menschen in Ballungsgebieten aussehen könnte, scheint die Stadt der Löwen bestens geeignet zu sein. Wir schlafen in unserem zentral gelegenen Hostel nicht in Doppelstockbetten oder auf dünnen Matratzen, die schon das Muster des darunter liegenden Bettenrostes angenommen haben. Unser Nachtlager ist hipp (zumindest wenn ich feststelle, wie schwer es ist, dort eine Unterkunft zu bekommen) und gleichzeitig platzsparend. In einer futuristischen Raumkapsel mit vielleicht zweieinhalb Quadratmetern Grundfläche befindet sich ein Bett mit einem Mikroschrank. Es gibt Dimmerlicht, ein Spiegel, einen kleinen Flachbildfernseher, mehrere USB-und Steckdosenanschlüssen für Smartphones, Notebooks und alles was ein „New Worker“ heute so braucht. Wohlwollend betrachtet ähnelt es einer Bienenwabe. Bei trübem Gemütszustand könnte es auch Erinnerungen an einen Sarg mit Einstieg am Fussende wecken. Ich schlafe erstaunlich gut darin. Die Reduzierung auf das Wesentliche gefällt mir, jedoch nicht die Vorstellung, mich dort permanent zur Nachtruhe begeben zu müssen. Jana kannte die Kapselhotels schon aus Japan. Ich habe wieder etwas zum ersten Mal gemacht. Allerdings darf diese Erfahrung gern ein Einzelfall bleiben.

Eines der vielen Highlights, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, ist das etwa 100 Hektar grosse Parkgelände „Gardens by the Bay“, das auf künstlich aufgeschüttetem Land angelegt wurde. Damit wird die Strategie verfolgt, Singapurs Lebensqualität zu verbessern, in dem viel neuer Raum für Grünes geschaffen wird. Dieser Prozess begann vor ungefähr 15 Jahren und ist zu etwa 80 Prozent abgeschlossen. Der letzte Bauabschnitt soll in etwa zwei Jahren fertiggestellt sein.

Markant sind die sogenannten Supertrees, Stahlgestelle in Form von Bäumen, die von innen und aussen begrünt sind und am Abend zu klassischer oder Popmusik ein Feuerwerk an bunten Lichtern versprühen. Spannend ist, das diese Bäume über einen Lift „erklommen“ und dadurch quasi auf Höhe der Baumkronen mit einer Brücke verbunden und somit begehbar sind. Von hier haben wir einen guten Überblick über den Park. 

Auf dem Gelände befindet sich auch der Flower Dome sowie der Floral Garden. Beide geben mir das Gefühl, mich wie unter einer riesigen Glasglocke auf einem fremden Planeten zu befinden. Hier wurde ein Miniaturökosystem nachgebaut. Ich sehe Wasserfälle, kleine Flüsse, Nebel, Bäume und ein üppiges Spektrum verschiedener Pflanzen.

Auch ausserhalb des Parkgeländes erblicke ich häufiger hochwertige Bürotürme oder Luxushotels, deren Fassaden begrünt oder auf verschiedenen Etagen mit Palmen, Laubbäumen oder hochwachsenden Farnen bepflanzt sind. Der frischfreche Graubeton ist natürlich noch immer dominant im Stadtbild. Trotzdem gefällt mir die Vision der Stadtregierung und die ersten sichtbaren Ergebnisse. Es gibt viele mögliche Antworten auf die Frage: Wie fühlen sich Menschen auch in Zukunft in Städten wohl? Mir hat nicht alles gefallen, was ich hier gesehen habe, aber es wurde viel Zählbares in relativ kurzer Zeit für die Menschen erreicht. Etwas mehr von dieser Umsetzungsgeschwindigkeit wünsche ich mir für Zuhause. 

Das ArtScience-Museum ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Mir gefallen neben der an eine Lotusblume erinnernden Architektur auch die Angebote an verschiedenen Ausstellungen gut. Es gibt dort unter anderem die Möglichkeit, unterschiedliche visuelle Darstellungen durch aktive Teilnahme mit zu gestalten. Es handelt sich dabei um verschiedene Licht- und Lasereffekte. Ich geniesse den kurzweiligen Aufenthalt dort wie ein Kind, das sich über eine bunte Raupe auf einem feuchten Grashalm freut.

Singapur wird auch als Tor nach Asien bezeichnet. Es wirkt sehr westlich mit den vielen Shoppingmalls (ich habe noch nie so viele Chanelgeschäfte wie dort gesehen / laut Googlemapps 15), der modernen, kostengünstigen öffentlichen Infrastruktur, den verschiedenen nebeneinander lebenden Religionen, Sprachen und Kulturen, der Vielfalt an kulinarischen Möglichkeiten sowie dem Freizeitangebot. Für uns ist es nach rund fünf Monaten Neuseeland, Tonga und Australien ein geschmeidiger Einstieg nach Asien, das wir voraussichtlich bis Jahresende bereisen werden.

Aussie Quicky

Heute ist der 26. August. Wir waren schon immer ein bisschen im Verzug mit unseren Blogeinträgen, aber noch nie so sehr. Deshalb schreibe ich heute über unsere Tage in Sydney. Beim Betrachten der Bilder stelle ich fest, dass wir Australien genau heute vor drei Monaten verlassen haben – oh je.

Und bevor ich diesen Artikel noch weiter aufschiebe, setzte ich mir nun folgendes Ziel: Komme was wolle, ich schreibe und lade diesen Blogbeitrag in den nächsten 90 Minuten hoch – ein Blog-Quicky sozusagen. Das passt auch ganz gut zu unserer Australien Reise. Wir haben diesem unglaublich grossen Land nur drei Wochen Besuchszeit gegeben. Das ist viel zu wenig, um den Kontinent wirklich kennenzulernen, richtig einzutauchen und intensiv zu erleben. Aber wir haben einen kleinen Eindruck bekommen.

In Napier/Neuseeland haben wir an einem Abend ein sehr nettes älteres Pärchen aus Sydney kennengelernt. Sie boten uns an, etwas mit ihnen gemeinsam zu unternehmen, falls wir mal in der Nähe sind. Und so kam es, dass wir bereits an unserem ersten Tag nach Ankunft in der Fünfmillionen-Stadt eine Einladung zum Frühstück hatten. Rosamund ging mit uns schnurstracks in ihr Lieblingscafe im Queen-Victoria-Building – ein stilvolles viktorianisches Einkaufsgebäude in dem wir uns in unseren zweckmässigen Roadtripklamotten ein bisschen „underdressed“ vorkamen.

Wir verbrachten den gesamten Tag mit unserer aufgeweckten Gastgeberin und lernten gleich ihr Sydney kennen. Sie arbeitete lange in der berühmten Oper und hörte gar nicht mehr auf, von den vielen Theaterstücken sowie Ballettaufführungen, die sie hier gesehen hat, zu schwärmen. Das Ballett ist ihre Leidenschaft. Sie war selbst Tänzerin und es scheint, sie tanzt noch heute durch ihr Leben. So viel Energie und Lebensfreude möchte ich auch in ihrem Alter haben. Aber welcher Jahrgang ist sie eigentlich? Sie vermeidet es ganz bewusst Jahresdaten zu nennen. Sie weiss, dass ihr Gegenüber anfangen würde zu rechnen. Auch auf meine direkte Nachfrage lächelt sie nur – eine Bühnenfrau eben. Sie spielt, kreiert Illusionen und geniesst ihr Publikum.

Am nächsten Tag sitzen wir mit Rosamund und ihrem Mann Gavin in ihrem Auto Richtung Blue Mountains. Sie nehmen uns mit ins Grüne und zeigen uns ihr „anderes“ Sydney. Gavin hatte früher ein kleines Unternehmen, welches Wanderungen in diesem Naturpark anbot – er kennt das Gebiet in- und auswendig und nimmt uns mit auf den „Grand Canyon Track“. Das Schild am Anfang des Weges weisst auf die Tour hin: drei bis vier Stunden mit vielen Stufen und Flussüberquerungen. Es war eine wunderschöne Wanderung durch eine Schlucht, die der Fluss vor Millionen von Jahren geformt hat. Wir staunen über die Fitness, die die beiden an den Tag legen. Es sind wirklich viele Stufen, die wir erst hinunter und dann wieder hoch gehen müssen. Die beiden sind ausgesprochen gut in Form. 

Nach der Tour legen wir noch einen Halt an einer Aussichtsplattform ein. Wir bekommen einen Überblick über das Gebiet. Es ist ein schöner, aber sehr touristischer Ort. Busse spucken Scharen von asiatischen Touristen aus, die alle hier ein (ach quatsch, mindestens zehn) Selfies oder Posenfotos machen wollen. Wir stehen an, um auch ein Foto ohne die anderen Menschen vor den berühmten Felsformationen „Three Sisters“ zu bekommen.

Während uns Gavin etwas zu dem Park erzählt, hören wir ein dumpfes Hupen. Der Busfahrer der Gruppenreisenden drängelt. Wieder einmal sind wir froh, dass wir nicht Teil einer solch organisierten Tour sind. Auch wenn wir nicht viel Zeit hatten, um uns Australien anzuschauen, diese Menschen haben wohl noch weniger. Es geht immer noch schneller. Bei einer Unterhaltung über diese Art des Reisens hörte ich einmal den Ausdruck „Touch and Go“. Der Begriff, der aus der Luftfahrt kommt, passt wunderbar, ist aber noch nicht für den Tourismus etabliert. Dann doch lieber ein Quicky.

P.S. Als wir uns Tage später von Rosamund per Telefon am Flughafen nochmal verabschieden, verrät sie uns ihr Geheimnis. Sie redet nicht gerne darüber, weil sie Vorurteile a la „in deinem Alter“ vermeiden möchte – sie wird im August 80 Jahre. Hut ab vor diesem Pärchen!

Magic Mountain

Es ist mehr als drei Stunden her, dass das Flugzeug in Sydney gestartet ist. Ich sehe aus dem kleinen Fenster, nehme viel braun, rot, etwas grün und ocker wahr, jedoch nichts, woran meine Augen haften bleiben. Die Crew kündigt den baldigen Landeanflug zu DEM touristischen Hotspot Australiens an: dem Uluru.

Wir haben erst den halben Kontinent überflogen und spüren nun besonders die Grösse Australiens. Wer die Karten Europas und Australiens übereinander legt, sieht, dass der „alte Kontinent“ komplett in Australien hineinpasst. So gesehen würden wir uns auf dem Weg von Istanbul nach Dublin jetzt etwa in Frankfurt befinden. Das ist natürlich nicht exakt, dient aber vielleicht dem Vorstellungsvermögen. Als Stadtbewohner aus Deutschland verschiebt sich nun mein Massstab für das was weit ist und was nicht. 

Dann dreht die Maschine zum Landeanflug. Meine Augen wandern erneut über die Landschaft. Plötzlich bleiben sie haften. Da ist er, erst weit weg, dann schnell grösser werdend. Ein Leuchten ist nicht zu erkennen, eher ein grosser grau wirkender und rechteckig aussehender Felsen mit Furchen. Der Schleier der Hitze, des Staubs oder vielleicht einfach nur das dreckige Flugzeugfenster filtern scheinbar seine Stahlkraft. Ich weiss, das die gleichen Dinge zu einer anderen Tageszeit in einem anderen Licht und auch mit einem anderen Blick des Betrachters komplett unterschiedlich aussehen können. Deshalb schmunzele ich kurz zuversichtlich in mich hinein und geniesse die Landung.

Uluru ist der Name, den die Anangu, die seit zehntausenden Jahren hier leben, diesem besonderen Ort gegeben haben. Vor etwa 30 Jahren wurde das Gebiet um diesen mächtig wirkenden Felsen an die Ureinwohner Australiens zurück gegeben. Bis dahin war der riesige Stein auch als Ayers Rock bekannt. 

Wer diesen Ort besuchen möchte, kommt am „Uluru-Village“ nicht vorbei. Ausser in den dort zusammengefassten Hotels etwas unterschiedlicher Kategorien gibt es inmitten dieser heissen, trockenen und von extrem lästigen Buschfliegen bewohnten Landschaft keine Möglichkeit, zu übernachten oder etwas einzukaufen. Und dieses künstlich erschaffene Village muss eine Gelddruckmaschine für die Eigentümer sein. Ich fühle mich etwas an den Berliner Plänterwald, dem beliebtesten Rummel in der früheren DDR, kurz vor seiner Schliessung erinnert. Alles funktioniert noch, wirkt aber „abgerockt“ und ist überteuert. Unser „Outback-Pioneer-Hotel“ war noch recht günstig. Jedoch zahlt man hier schlicht das drei- bis vierfache des Üblichen. Sicherlich ist zu berücksichtigen, das alles, also wirklich alles von aussen herangeschafft werden muss, das Meiste davon mit dem Flugzeug. Der nächste Ort Alice Springs ist rund 470 Kilometer Landstrasse entfernt. Dieser Aufwand spiegelt sich eben auch in einem Teil der Preise wider. Der Mangel an Wettbewerb verschärft die Preisbildung. Da wir, wie wahrscheinlich die meisten Besucher nicht länger als zwei Nächte bleiben, nehmen wir es hin. Wir sehen es als Eintrittskarte zu einem spannenden Erlebnis an einem der ungewöhnlichsten Orte der Welt.

Eine kleine Rebellion gegen die hohen Preise haben wir uns dann doch erlaubt. Der Shuttle, der ein paar Mal täglich vom Village zum wenige Kilometer entfernten Uluru fährt, hätte uns 49 australische Dollar pro Person (etwa 31 Euro) gekostet. Für jeweils zwanzig Fahrminuten Hin und Rück war uns das dann doch zu üppig. Was ist die Alternative?

Klar, wir hübschen nochmal eine Einkaufstüte auf. All die Touristen mit ihren eigenen oder gemieteten Autos wollten ja schliesslich auch dorthin. So haben wir uns an die Strasse gestellt, unser Lächeln und den Daumen nach oben gezeigt. Obwohl es noch nicht zehn Uhr war, spürten wir schon die trockene Hitze in unseren Knochen. Erneut warten wir nicht lange, bis uns Boris, ein russischer Tourist, einlädt, einzusteigen. Yippie, unser Entdeckungstag beginnt erfolgreich.

Boris hält zunächst am Aborigini-Kulturzentrum, das etwa eineinhalb Kilometer vom Uluru entfernt liegt und wir ohnehin besichtigen wollen. Es führt den Besucher in die Geschichte dieses ältesten bekannten indigenen Volkes der Welt ein und enthält viel Wissenswertes über die Region. Mittags machen wir uns dann zu Fuss auf den Weg zum eigentlichen Grund unseres Besuches. Uns begegnen wenige Touristen. Wir sind spät dran.

Nun stehen wir vor ihm. Vor uns ein grosses Schild, das uns unmissverständlich bestätigt, das wir am richtigen Ort sind. Zwei wirklich nervige Themen müssen an dieser Stelle erwähnt werden:

  • Es scheinen sich viele Menschen wenig um die Würde und Kultur eines anderen oder des eigenen Landes und deren Bewohner zu kümmern. Es ist nicht zu überlesen, das ausdrücklich darum gebeten wird, diese heilige Stätte nicht zu besteigen. Dennoch klettern leider zu viele Ignoranten wie in einer Kette die etwa 350 Meter dort hinauf. Kann eigentlich jeder Hans und Franz den Kölner Dom oder die Elbphilharmonie besteigen? Ich stelle mir vor, welche Befindlichkeiten es beim bayrischen Bergvolk hervorrufen würde, wenn täglich hunderte asiatische Touristen das Märchenschloss Neuschwanstein nicht nur besuchen, sondern auch erklettern würden. Ab Ende Oktober 2019 wird das nicht mehr möglich sein. Wo Appelle nicht helfen, müssen wohl Verbote her. Wen das Thema näher interessiert, sei der kurze und aufschlussreiche Artikel der Neue Zürcher Zeitung vom 26.Juli 2019 empfohlen (NZZ Artikel)
Im Vordergrund die Bitte, im Hintergrund die Ignoranz.
  • Das Elend mit den Buschfliegen ist wirklich gross. Sie kleben an jedem von uns zu Dutzenden und versuchen, in alle möglichen Körperöffnungen zu fliegen und zu krabbeln. Ich würde es nicht erwähnen, wenn es nicht eine wirkliche Plage gewesen wäre. Zeitweise hatte jeder von uns mehrere Dutzend dieser harmlos wie Stubenfliegen aussehenden Biester am Körper. Meine Phantasie geht mit mir durch und ich habe das Bild von einem grossen Haufen Notdurft vor meinem inneren Auge. Falls ich ein schlechtes Karma haben sollte und im nächsten Leben mein Dasein als Kot fristen muss, habe ich heute eine ganz genaue Vorstellung davon, wie es sich anfühlen muss. Das hat den Genuss des Aufenthaltes geschmälert. Ich gebe es zu.
Freiwillige Vollverschleierung – ein Versuch, sich vor den Plagegeistern zu schützen.

Nun zum interessanten Teil: der etwa zehn Kilometer langen Wanderweg rund um den roten, braunen oder grauen Felsen. Die Farben wechseln je nach Lichteinfall und Uhrzeit, was nicht unbedingt einander bedingen muss. Ich staune über bizarre Felsformationen, die die Anangu teilweise als rituelle Orte genutzt haben. So hatten bestimmte Felsvorsprünge ihre Bestimmung als Rückzugsort für die Geburt, als Schule oder für Initiationsriten heranwachsender junger Männer.

Bemerkenswert sind auch die Höhlenmalereien, die an wenigen ausgesuchten Plätzen vorzufinden sind. Über deren Alter erfahren wir nichts, stellen uns aber vor, wie hier bereits vor bis zu 40.000 Jahren die Vorfahren der Anangu ihre Lebensweise pflegten. Das hierarchische System innerhalb der weitverzweigten Aboriginistämme soll sehr komplex gewesen und in seiner Detailiertheit (nicht in seiner Auswirkung) dem des Kastensystems in Indien vergleichbar sein. Die über ganz Australien verteilten Stämme waren miteinander verbunden. Sie haben (wie andere sogenannte Naturvölker auch) im Einklang mit der Natur gelebt und sich als ein Teil von ihr, nicht über sie stehend, verstanden. Rund zweihundert Jahre nach der Kolonialisierung und Ausbeutung von Rohstoffen, Flora und Fauna, kann auch in diesem Teil der Erde, wie anderswo auch, von einem Gleichgewicht zwischen den berechtigten Interessen der Menschen und dem Recht aller anderen Lebewesen auf ihren eigenen Lebensraum keine Rede sein.

Im Schatten einer Felsformation sammelt sich Wasser. Man könnte es einen Tümpel nennen. Sofort beginnt das Leben, sich den Raum zurück zu erobern. Einige Pflanzen und sogar Bäume wachsen um ihn herum. Auf einem Hinweisschild lese ich, das es am Uluru eine grössere Artenvielfalt gibt, als sich mir auf den ersten und ungeschulten Blick (ohne Brille) erschliesst: 416 Pflanzenarten, 26 verschiedene Säugetiere (und weitere 20 sind bereits ausgestorben), 173 Vogelarten, 73 verschiedene Reptilien, vier Froschtypen sowie über Tausend Spezies von wirbellosen Tieren. Vereinzelt hören wir Vogelgezwitscher und hoffen, das sie doch bitte einige der Buschfliegen jagen und verspeisen mögen. Aber Hilfe ist von den kleinen gefiederten Freunden nicht zu erwarten. Es ist früher Nachmittag und brütend heiss. Die drei Liter Wasser sind nach etwa einem Drittel des Weges zur Hälfte verbraucht.

Nach längeren Streckenabschnitten haben die Ranger schattenspendende Unterstände errichtet. Wir nutzen diese jedes Mal für eine Verschnaufpause.

Stellen, die (wie oben beschrieben) für die Anangu besondere oder gar heilige Bedeutung haben, dürfen nicht fotografiert werden. Das ist kein Problem, da es auch sonst genug zu knipsen gibt.

Nach etwa vier Stunden sind wir tatsächlich einmal herumgewandert. Wieder dauert es keine zehn Minuten und ein älteres australisches Ehepaar nimmt uns vom Parkplatz mit zur Unterkunft. Sie selbst sind mit dem Camper unterwegs und wollten sich einen ersten Eindruck verschaffen, bevor sie sich am Folgetag auf den längeren Spazierweg machen. Sie haben die lange Strecke von Perth (Westaustralien) auf sich genommen, um einmal im Leben diesen magischen Felsen zu sehen. Es sei noch erwähnt, das auch sie nicht hinaufklettern wollen. Das macht sie uns noch sympathischer.

Warum nenne ich ihn magisch? Weil er jenseits der Mythen und Geschichten um ihn, allein schon aufgrund seiner Erscheinung auf mich wie dahin gezaubert wirkt, wie ein riesiges Raumschiff auf einer flachen Ebene. Er ändert seine Farben wie ein Chamäleon, wenngleich ihn das Rot der Erde berühmt gemacht hat. Wir dürfen dieses Farbenspiel nochmal am folgenden Morgen beobachten. Neben den natürlichen Farbgebungen hat ein Künstler ein Lichterfeld installiert, welches mit seiner Vielfalt eine wunderbare Ergänzung zum natürlich Gegebenen darstellt. Die Verbindung von Kunst und Natur ist hier gelungen.

Ich verabschiede mich von diesem Ort, der mir bisher als einziger auf der Reise auch Tage und Wochen später in meinen Träumen begegnet. Ob das was zu bedeuten hat, weiss ich nicht. Ich bin jedenfalls sehr froh, hier gewesen zu sein.