Das Tor nach Asien

…und meine Brücke in die Vergangenheit

Nach den gefühlt unendlichen Weiten in Australien erwartet uns nun nach neun Flugstunden genau das Gegenteil. Wir landen am späten Abend auf dem Changi-Airport, einem der modernsten Flughäfen der Welt.

Willkommen im Stadtstaat Singapur. Berlin ist flächenmässig grösser, aber sonst fällt mir spontan nichts ein, wo die deutsche Hauptstadt im direkten Vergleich noch vorn liegen könnte. Singapur befindet sich an der Südspitze der Malaiischen Halbinsel und verteilt sich auf über 50 Inseln, was ich als Besucher zunächst nicht bemerke und erst im Nachhinein auf der Karte gesehen habe.

Der Stadtname heisst übersetzt aus dem Sanskrit „Löwenstadt“. Das Wahrzeichen der Stadt, Merlion, ist ein Mischwesen aus Meerjungfrau (Mermaid) und Löwe (Lion). Dadurch, das sich das Stadtgebiet auf Äquatorhöhe befindet, sind die Tage und Nächte gleich lang, immer. Das ganze Jahr herrscht tropisch heisses Klima, also nichts für Freunde des Wintersports. Eine Pizza „Vier Jahreszeiten“ wurde mir hier nicht angeboten und würde trockenen Humor voraussetzen, den ich in Singapur und auch im späteren Reiseverlauf in Asien äusserst selten angetroffen habe.

Trotzdem ist die kulinarische Vielfalt in Singapur hervorragend und wie ihr seht, schmeckt es uns ausgezeichnet. Wenn wir nicht aufpassen, sehen wir bald so glücklich aus, wie der Mann in der Mitte.

Ähnlich wie in der Schweiz gibt es hier vier (jedoch zum Glück andere) Amtssprachen: Tamil, Chinesisch, Malaiisch und Englisch. Ich bin froh, das ich zumindest eine davon beherrsche. Noch entzückter bin ich, das wir 1. abgeholt werden, 2. diese Person fliessend deutsch spricht, 3. wir uns bereits kennen und 4. ich somit auch einen kleinen Einblick in den Alltag der Menschen in einem der reichsten und teuersten Länder der Welt erhalte.

Auch nach all den Jahren erkenne ich sie bereits von Weitem: Sie ist auffällig gross und sehr sportlich. Und Sie heisst auch Jana. Das erfordert bei uns allen Konzentration bei der persönlichen Ansprache. Die andere Jana, also Jana Lauren mit vollständigem Namen, lebt seit Mitte der neunziger Jahre in Singapur. Wir kennen uns seit 1984, als wir gemeinsam die siebte bis zehnte Klasse der Sportschule des Turn- und Sportclub Berlin besuchten. Anknüpfend an ihr früheres durchaus erfolgreiches Leben als Diskuswerferin (Wikipedia) ist Jana heute als Leichtathletik-und Wurftrainerin für Kinder und Jugendliche an verschiedenen Schulen tätig. Einmal besuchen wir sie bei ihrer Arbeit in einer Privatschule.

Im Osten nix neues: Ist die Trainerin mal kurz abgelenkt, wird schnell das Smartphone gecheckt.

Ich entdecke einen passabel aussehenden Wurfring mit Netzummantelung, stelle mich spontan hinein, mache eine Drehung und simuliere einen Abwurf. Die Beine zittern etwas, da ich nicht lang die Ausgangsposition halten kann. Bei der Drehung habe ich das Gefühl, mich von oben herab selbst in Zeitlupe zu betrachten. Nach einer kurzen Pause nehme ich all meine Kraft zusammen, drehe die Hüfte ein, ziehe den rechten Wurfarm nach und versuche meine Hand möglichst lang am imaginären Diskus zu lassen, bis ich nicht mehr kann und umspringen muss. Ein Bewegungsablauf, den ich in den Jahren von 1984 bis etwa 1990 geschätzt zehntausend Mal geübt habe. Er ist so verinnerlicht, das ich ihn morgens um drei Uhr schlafwandelt ausführen könnte. Ob mich meine Schulfreundin dabei gesehen hat, weiss ich nicht. Wenn ja, wäre sie sicher zu höflich gewesen, um mich auf diverse technische Verbesserungsmöglichkeiten hinzuweisen.

Drehrumbum

Wir treffen uns einige Male zum Essen oder im Café, reden über die grossen und kleinen Themen des Lebens.  Wir erfahren, das sie nach der Heirat mit James, einem chinesischstämmigen Hammerwerfer aus Singapur, dorthin umgezogen sowie eine Tochter und einen Sohn geboren und grossgezogen hat. Beide sind nun schon junge Erwachsene und gehen ihren eigenen Weg. Das sie als (europäische) Frau im Trainer-bzw. Couchmetier tätig ist, stellt in Singapur etwas Besonderes dar. Sie kann stolz darauf sein, was sie erreicht hat. Ich habe grossen Respekt vor ihrem Weg, den sie gegangen ist. Sie hatte ihren Mann und ihre Aufgabe, sonst Nichts, um sich in einer fremden Kultur und Sprache über 10.000 Kilometer fern der alten Heimat ein neues Leben aufzubauen. Die Vornamen aller Familienmitglieder beginnen übrigens alle mit J, worüber ich schmunzeln muss.

Im September findet in Berlin ein Klassentreffen statt. Jana organisiert das von Singapur aus. Ich werde in der Zeit in China unterwegs sein. Ich finde es grossartig, das sie das in die Hand genommen und organisiert hat. Es braucht immer einen, der die Verantwortung übernimmt und sich kümmert. Das ist wohl universell und heutzutage selbst für die Vorbereitung eines Treffens von vielen Teilnehmern am anderen Ende der Welt (sechs Stunden Zeitverschiebung) möglich.

Um einen Geschmack darauf zu bekommen, wie die Zukunft der Menschen in Ballungsgebieten aussehen könnte, scheint die Stadt der Löwen bestens geeignet zu sein. Wir schlafen in unserem zentral gelegenen Hostel nicht in Doppelstockbetten oder auf dünnen Matratzen, die schon das Muster des darunter liegenden Bettenrostes angenommen haben. Unser Nachtlager ist hipp (zumindest wenn ich feststelle, wie schwer es ist, dort eine Unterkunft zu bekommen) und gleichzeitig platzsparend. In einer futuristischen Raumkapsel mit vielleicht zweieinhalb Quadratmetern Grundfläche befindet sich ein Bett mit einem Mikroschrank. Es gibt Dimmerlicht, ein Spiegel, einen kleinen Flachbildfernseher, mehrere USB-und Steckdosenanschlüssen für Smartphones, Notebooks und alles was ein „New Worker“ heute so braucht. Wohlwollend betrachtet ähnelt es einer Bienenwabe. Bei trübem Gemütszustand könnte es auch Erinnerungen an einen Sarg mit Einstieg am Fussende wecken. Ich schlafe erstaunlich gut darin. Die Reduzierung auf das Wesentliche gefällt mir, jedoch nicht die Vorstellung, mich dort permanent zur Nachtruhe begeben zu müssen. Jana kannte die Kapselhotels schon aus Japan. Ich habe wieder etwas zum ersten Mal gemacht. Allerdings darf diese Erfahrung gern ein Einzelfall bleiben.

Eines der vielen Highlights, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, ist das etwa 100 Hektar grosse Parkgelände „Gardens by the Bay“, das auf künstlich aufgeschüttetem Land angelegt wurde. Damit wird die Strategie verfolgt, Singapurs Lebensqualität zu verbessern, in dem viel neuer Raum für Grünes geschaffen wird. Dieser Prozess begann vor ungefähr 15 Jahren und ist zu etwa 80 Prozent abgeschlossen. Der letzte Bauabschnitt soll in etwa zwei Jahren fertiggestellt sein.

Markant sind die sogenannten Supertrees, Stahlgestelle in Form von Bäumen, die von innen und aussen begrünt sind und am Abend zu klassischer oder Popmusik ein Feuerwerk an bunten Lichtern versprühen. Spannend ist, das diese Bäume über einen Lift „erklommen“ und dadurch quasi auf Höhe der Baumkronen mit einer Brücke verbunden und somit begehbar sind. Von hier haben wir einen guten Überblick über den Park. 

Auf dem Gelände befindet sich auch der Flower Dome sowie der Floral Garden. Beide geben mir das Gefühl, mich wie unter einer riesigen Glasglocke auf einem fremden Planeten zu befinden. Hier wurde ein Miniaturökosystem nachgebaut. Ich sehe Wasserfälle, kleine Flüsse, Nebel, Bäume und ein üppiges Spektrum verschiedener Pflanzen.

Auch ausserhalb des Parkgeländes erblicke ich häufiger hochwertige Bürotürme oder Luxushotels, deren Fassaden begrünt oder auf verschiedenen Etagen mit Palmen, Laubbäumen oder hochwachsenden Farnen bepflanzt sind. Der frischfreche Graubeton ist natürlich noch immer dominant im Stadtbild. Trotzdem gefällt mir die Vision der Stadtregierung und die ersten sichtbaren Ergebnisse. Es gibt viele mögliche Antworten auf die Frage: Wie fühlen sich Menschen auch in Zukunft in Städten wohl? Mir hat nicht alles gefallen, was ich hier gesehen habe, aber es wurde viel Zählbares in relativ kurzer Zeit für die Menschen erreicht. Etwas mehr von dieser Umsetzungsgeschwindigkeit wünsche ich mir für Zuhause. 

Das ArtScience-Museum ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Mir gefallen neben der an eine Lotusblume erinnernden Architektur auch die Angebote an verschiedenen Ausstellungen gut. Es gibt dort unter anderem die Möglichkeit, unterschiedliche visuelle Darstellungen durch aktive Teilnahme mit zu gestalten. Es handelt sich dabei um verschiedene Licht- und Lasereffekte. Ich geniesse den kurzweiligen Aufenthalt dort wie ein Kind, das sich über eine bunte Raupe auf einem feuchten Grashalm freut.

Singapur wird auch als Tor nach Asien bezeichnet. Es wirkt sehr westlich mit den vielen Shoppingmalls (ich habe noch nie so viele Chanelgeschäfte wie dort gesehen / laut Googlemapps 15), der modernen, kostengünstigen öffentlichen Infrastruktur, den verschiedenen nebeneinander lebenden Religionen, Sprachen und Kulturen, der Vielfalt an kulinarischen Möglichkeiten sowie dem Freizeitangebot. Für uns ist es nach rund fünf Monaten Neuseeland, Tonga und Australien ein geschmeidiger Einstieg nach Asien, das wir voraussichtlich bis Jahresende bereisen werden.

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