Mehr als heiße Luft

Zusammen mit 16 anderen Menschen bin ich in einer korbgeflechteten Gondel den wenigen Wolken über mir näher als der Erde unter mir. Kinder schauen hinauf und winken uns lachend und lärmend zu. Wir schweben über dutzende Pagoden und Stupas, die hunderte von Jahren alt sind und sich wie in einem riesigen Freilichtmuseum bis zum nebligen Horizont auftun. In das Rot der aufgehenden Morgensonne mischt sich der Morgendunst. Die Stimmung ist genauso, wie ich sie aus den Bildern und Videoaufnahmen aus Bagan kenne. 

Doch der Reihe nach: Die Tage der intensiven Meditationen sind vorüber. Ein Taxi bringt uns zurück nach Mandalay. Am nächsten Morgen brechen wir nach Bagan auf. Das mit Touristen gut besetzte Boot benötigt nicht viel Benzin, um dem größten Fluss des Landes, dem Irrawaddy, stromabwärts zu folgen. Unser Tempo korreliert mit der gefühlten Grundstimmung in dieser Region: heiter gemächlich. Es ist feucht, heiß und wir sind ebenfalls gelassen zuversichtlich.

Nach einer längeren Weile legt der Kapitän einen Zwischenstopp in Yandabo, einem sehr kleinen Dorf, ein, welches scheinbar nur über das Wasser zugänglich ist. Fast alle Fahrgäste nutzen diese willkommene Abwechslung, um sich ein paar Schritte zu bewegen. Nur die Familie aus Berlin bevorzugt den Blick auf das Dorf aus dem sicheren Boot, beim Konsum des lokalen Bier und aus ihrer Heimat mitgebrachten Zigaretten. 

Doch wir nehmen das Angebot an und bekommen einen Einblick in die Töpfer- und Tonkunst, die in diesem Dorf von einigen Familien seit Jahren gepflegt wird. Der eine oder andere Kauf dieser Gefäße wird natürlich gern gesehen. Wir mit unserem leichten Gepäck denken nicht einmal darüber nach. Abgesehen von unserem eher geringen Interesse an solchen Behältnissen bleiben wir bei unserer Einstellung, unnötigen Reiseballast zu vermeiden. Danach geht es weiter und wir schippern langsam in den Sonnenuntergang. Ich genieße diese kitschigen Bilder, die die Sehnsucht meiner romantischen Persönlichkeitsanteile stillt.

Bagan ist ein ebenso historischer wie faszinierender Ort. In der alten Königsstadt befinden sich über zweitausend erhaltene Sakralgebäude aus Ziegelstein. Die Tempel erstrecken sich über circa 36 km² (rund 5.000 Fußballfelder) in einer versteppten Landschaft und bilden eine der größten archäologischen Stätten Südostasiens, die auch zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Das genaue Alter Bagans ist unbekannt. Es wird auf über 1100 Jahre geschätzt. Das frühere Pukam zählte neben Angkor Wat (Kambodscha) zu einer der größten Städte im Mittelalter weltweit. Die Anlage war größer als das damalige Paris oder London. Im Gegensatz zu den großen Städten und Touristenattraktionen, wie Mandalay oder Yangon, die beide Millionenstädte sind, leben im erst 1989 umbenannten Bagan lediglich 22 000 Menschen. Dadurch sind die Folgen des Tourismus und religiöser Pilgerfahrten hier stärker zu spüren. Das Verhältnis zwischen Einwohner- und Gästeanzahl befindet sich nicht im Gleichgewicht. Die Restauration vieler Tempel nach dem großen Erdbeben 2016 wurde durch das Beklettern der Tempelanlagen durch Besucher behindert oder verstärkte die Schäden. Zeitweise Einschränkungen wurden zur Ankurbelung des Tourismus relativ kurzfristig wieder aufgehoben. Wir sahen auf unserer Visite kaum Hinweise, bestimmte Areale nicht betreten zu dürfen.

Weder Jana noch ich sind zuvor in einem Heißluftballon geflogen. Als wir uns für Myanmar als Reiseziel entschieden, liebäugelte ich sofort mir dieser kontrollierten Mutprobe. Einige Erzählungen, sowie Fotos im Internet machten mir Appetit. Aufgrund der thermischen Bedingungen sind Flüge nur von etwa Mitte Oktober bis Ende März möglich. Das passt gerade mit unserem Aufenthalt, um beim Saisonstart dabei zu sein. Wenn wir schon einmal in so einem Ballon fliegen wollen, dann doch wohl hier. Wegen der nicht gerade backpackerfreundlichen Preise (rund 300 Euro pro Person) zögern wir eine Weile – und entschieden uns dennoch dafür.  Bereut haben wir es nie und sind sehr froh, uns diese Momente der ewigen Erinnerung gegönnt zu haben. Eine Wunschliste mit all den Dingen, die wir gemacht haben wollen, bevor wir den „Löffel“ abgeben, haben wir nicht. Wenn es sie gäbe, stünde diese Heißluft-Ballonfahrt über Bagan jedoch sicher darauf.

Unser kleines Abenteuer beginnt mit einem morgendlichen Blick in die Finsternis, die schleichend in die Dämmerung übergeht. Vom Hotel werden wir stilvoll in einem alten, englischen Bus zum Startplatz mit etwa einem Dutzend noch schlaff am Boden liegenden Ballons chauffiert. Die Gäste werden durch viele sehr freundliche und in einheitlicher Kleidung agierende Menschen „ihren“ Luftschiffen zugeordnet und in einem großen Kreis platziert. Dort werden uns Tee, Kaffee und Kekse gereicht. Inzwischen ist die Tür zum Tag weit geöffnet, die Sonne ist aufgegangen und wir erhalten unser Sicherheitsbriefing. Der Pilot kommt ebenfalls aus England und ist schon einige Jahre dabei. Ihm ist die große Freude anzumerken, die ihm seine Arbeit bereitet. Selbst seine Warnhinweise trägt er mit einer Melodie der Leichtigkeit vor, die ich eher bei Hochzeiten oder Geburtstagen erwarten würde. (Obwohl, ich erinnere mich bei meinen Hochzeiten an keinerlei Sicherheitshinweise des durchführenden Personals – im Nachhinein betrachtet wäre das eventuell nützlich gewesen.)

Zeitgleich werden alle Ballons mit der erforderlichen heißen Luft gefüllt. Überall sind kleine feuerspeiende Drachen zu sehen, jedenfalls wenn ich nicht genau hinschaue. Es dauert eine ganze Weile bis sich die ersten von ihnen langsam aufrichten. Kurz bevor auch unser Ballon startklar ist, werden uns noch freundliche Hinweise zum Ein- und Aussteigen gegeben. Für kleinere Menschen als Jana und mich ist dieser Teil des beginnenden Abenteuers die erste turnerische Herausforderung. Den Vorteil, den wir aufgrund unserer längeren Beine eigentlich haben, ist jedoch dahin, weil wir beide einen Longyi tragen (den traditionellen langen Rock der Burmesen). Dann geht es los. Alles muß sehr schnell gehen, wenn der Zeitpunkt erreicht ist, dass der Ballon anfängt emporzusteigen. Es ist soweit – wir heben ab, so sanft, dass wir es kaum wahrnehmen.  

Wir steigen schnell und zischend auf. Der Heißluftbrenner arbeitet kraftvoll, damit wir weiter an Höhe gewinnen. Im Wissen, dass dieser riesige Ballon nur in der Höhe, nicht aber in der Richtung steuerbar ist, lege ich mein Vertrauen in den etwa Mitte 50jährigen Piloten. Er nutzt die verschiedenen Höhen und die darin herrschenden Winde, um die Richtung zu halten, steigt mal nach oben, mal nach unten. So navigiert er uns so souverän die rund 45 Minuten, dass ich mich immer sicher fühle und den Flug entspannt genieße. 

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Es fällt mir schwer, die Höhe zu schätzen. Sie reicht aus, dass die Hütten, Stupas, Tiere, Menschen, Bäume, Felder wie eine riesige Modelllandschaft aus Kinderzeiten mit Eisenbahnen oder das Miniatur Wunderland in Hamburg wirken. Es ist ein bisschen wie im Flugzeug und doch ganz anders: die Flughöhe, der unmittelbare Außenkontakt und …. diese hörbare Stille, wenn der Heißluftmotor einmal nicht arbeitet. Wir gleiten nur vom Wind getragen durch die Lüfte. Es fühlt sich beinahe selbstverständlich an. Meine Gedanken schweifen ab und ich sehe mich schon auf der nächsten Evolutionsstufe des Menschen, der für sich allein durch die Lüfte schweben kann. Was für eine Vorstellung! Ich spüre Freiheit, Unabhängigkeit und Freude darüber, mich erneut einer zugegebenermaßen nicht allzu großen Angst, aber immerhin doch Angst, gestellt zu haben. Das Licht der Morgensonne, die mystisch-sakralen Tempel und das Schwarmgefühl mit den mit uns fliegenden Ballons erheben diesen Moment zu etwas ganz Besonderem. Ich fühle mich wie in einem kunstvoll arrangierten Bild eines berauschten Malers. Doch ich bin hier, jetzt und eins mit mir – Ruhe in mir und außerhalb von mir. Dazu gibt der aufsteigende Rauch dem Ganzen etwas mystisches. Unsere Vorstellung, dass es sich dabei um Morgennebel handelt, müssen wir allerdings aufgeben. Wie konnten wir auch denken, dass es hier zu solchen auf dem Boden aufliegenden Wolken kommt? Dazu müssen sich die erdnahen Schichten in der Nacht richtig abkühlen und dies wird hier bei Temperaturen um die 32 Grad am Tag und um die 25 Grad in der Nacht nicht passieren. Aus der Höhe sehen wir es nun ganz deutlich, der Rauch kommt von den vielen kleinen Feuerstellen, an denen die hier lebenden Menschen ihren Müll verbrennen. Und da ist er wieder der Moment, wenn mich die Realität wieder schneller auf den Boden der Tatsachen bringt, als der Heissluftbalkon. 

Auf einmal ruckelt es an der Gondelunterseite. Wir haben einen Baum gestreift. Kurze Aufregung und gleich auch wieder Entwarnung. Der Landeanflug geschah wohl etwas flotter als geplant. Etwa ein Dutzend Helfer eilen herbei, die unseren Ballon an mehreren Seilen langsam nach unten ziehen. Das letzte Hopsen beim Aufkommen spüre ich nicht stärker, als ein Schlagloch auf einer Fahrradtour. Gesund und munter endet unser luftiger Ausflug.

Vor dem Hintergrund unseres englischen Oldtimerbusses werden den Mitreisenden und uns Snacks, Kaffee und sogar Champagner gereicht. Ein perfekter Abschluss dieses außergewöhnlichen Morgens. Wir sind sehr dankbar und froh, diesen Ausflug gebucht zu haben.

Eine Erinnerung für das ganze Leben.

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