Schweigen, Schwitzen, Schlafen – Teil 1

Wir sind angekommen, zumindest geographisch, im Kuyunpin Meditation Center. Ich zögere keine Sekunde, aus dem Taxi zu steigen. Dieser Ort und diese Woche sollen ein Höhepunkt unserer fast einjährigen Reise werden. So habe ich es mir gewünscht und ich bin entschlossen, alles dafür zu tun, das es auch so kommt.

Dieses klostereigene Taxi brachte uns zum Mediationszentrum.

Der Aufenthalt in einem Schweigekloster war Micha`s Wunsch. Genauso wie ich bereits vor der Reise wusste, dass ich unbedingt ein oder zwei Tierschutzprojekte unterstützen möchte, wollte Micha unsere Reiseauszeit nutzen, um diese Erfahrung zu machen. Als klar wurde, dass wir durch Myanmar reisen, suchte er im Internet nach Möglichkeiten. Das Land ist voller Klöster, aber nur die wenigsten besitzen eine Homepage. So sind wir froh, dass wir das Kuyunpin Meditation Center im Norden vom Mandalay gefunden haben und hier die Mönche und Nonnen bei ihren letzten acht Tagen des ingesamt dreimonatigen Meditationretreats begleiten dürfen. Wir tauchen also erneut in eine uns völlig fremde Welt hinein.

Doch bevor ihr weiter lest, eine Sache noch: Der Artikel zu unserem Aufenthalt hier im Kloster ist so lang geworden, dass wir ihn nicht in einen einzigen Blogbeitrag packen möchten. Zudem hat dieser Bericht ein neues Format, denn wir haben ihn diesmal zusammen verfasst  – Michas Eindrücke sind in Schwarz geschrieben und meine in Blau. Die Zeit im Kloster haben wir getrennt voneinander verbracht. Wir haben in diesen Tagen unterschiedliche Erlebnisse gehabt und die Zeit auch anders wahrgenommen. Dieses abwechselnde Schreiben ermöglicht es uns den Aufenthalt im Kloster aus unser beider Sichtweisen zu illustrieren. 

Zweieinhalb Stunden dauert die Eskapade von Mandalay. Wir benutzen Straßen, die diese Bezeichnung im fernen Deutschland wohl kaum verdient hätten. Immer wieder sind Ansammlungen von drei bis vier Strohhütten, also kleinste Dörfer zu sehen. Diese Unterkünfte wirken so provisorisch, dass es mir schwerfällt, den Gedanken zu akzeptieren, das dies nicht nur Schutzhütten für Landarbeiter vor Unwetter oder der erbarmungslosen Sonne sind, sondern ein Zuhause, ein dauerhafter Rückzugsort für Familien. 

Laut Google Maps gibt es keine Strasse zum Kloster – zum Glück wissen es die Menschen vor Ort besser.

Ziegen- und Rinderherden, die wie in einem alten Märchen von einem Hirten mit einem langen Stock getrieben und zusammengehalten werden, traben hin und wieder gemächlich an unserem Wagen vorbei. Der Fahrer reduziert die Geschwindigkeit weiter und bleibt stehen, bis das letzte Kalb den Weg an uns vorbei zu seiner tierischen Gemeinschaft gefunden hat. Für mich ist dieses Warten ein kleiner Vorgeschmack auf das, was nun in den kommenden Tagen folgt.

Während der Fahrt versuche ich mich gedanklich auf die nächste Woche vorzubereiten. Wie werde ich mit den strengen Regeln des Klosters zurechtkommen? Das frühe Aufstehen, das viele Meditieren, das Schweigen, das tägliche 18 Stunden-Intervallfasten? Was werden die Tage der Stille mit uns machen? Wir werden zum ersten Mal seit Beginn unserer Reise örtlich getrennt sein. Falls wir uns über den Weg laufen sollten, so haben wir uns auf ein Zeichen geeinigt. Die Hand auf dem Herz bedeutet: Alles ist gut.

Die leitende Nonne Ing begrüßt uns zurückhaltend freundlich, erläutert uns die allgemeinen Verhaltensregeln und stattet uns mit Waschmittel, Toilettenpapier und einer dicken Decke aus. Ein Mönch führt mich schweigend zu dem Bereich im Kloster, wo die Männer wohnen und meditieren. Meine Freude ist groß als ich merke, dass ich statt der erwarteten Unterbringung im Schlafsaal einen eigenen kleinen Bungalow zugewiesen bekomme. Es ist ein Raum mit einem Bett, einer Wäscheleine und einem kleinen Schränkchen. Ich habe auch ein eigenes Bad mit einer Toilette, auf der sogar das Sitzen möglich ist. Es gibt ein Waschbecken und einen Duschschlauch. Ich bin entzückt. 

Zwei Stunden haben wir nun Zeit auch mental anzukommen. Ich packe als Erstes das grosse Moskitonetz aus und versuche es irgendwie über mein Bett zu hängen. Einen Haken an der Decke gibt es nicht, aber ich finde eine kreative Lösung mit Halterungen an den Fenstern und der Wäscheleine. Obwohl diese kleine Installation nicht aufwändig ist, läuft mir der Schweiß nur so vom Körper herunter. Es ist brütend heiss, ich sehne mich nach einem Lüftchen. Als Abkühlung bleibt mir nur die Dusche. Das kalte Wasser tut mir sehr gut. Doch sobald der kühlende Strahl nachlässt, wird mir wieder warm. Das Lufttrocknen, was ich in unseren Breitengraden durchaus geniesse, funktioniert hier aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit nicht. Ich versuche mich mit einem T-Shirt abzutrocknen, aber auch das gelingt mir nur mässig. Ich schwitze schon wieder. Warum ich kein Handtuch nehme? Weil wir nur eins haben und unser Deal war, dass ich das Moskitonetz behalte und Micha dafür unser Handtuch bekommt. 

Am Abend treffen Jana und ich uns mit Ing vor einem kleinen Raum. Ing stellt sich und das Kloster vor. Sie stammt aus Thailand und scheint alterslos zu sein. Ihre großen braunen Augen wirken durch den kahl geschorenen Kopf noch größer. Das weiße Gewand verleiht Ihr sowie ihren Kolleginnen bei aller Einfachheit des Stoffes und der Schnitte eine außerordentliche Noblesse. Ihr Englisch ist hervorragend, so das auch ich ihr gut folgen kann. In den kommenden acht Tagen ist sie unsere Mentorin.

Dieses Bild haben wir am letzten Tag mit einer Nonne und anderen Yogis gemacht.

Ich bin bereits einige Minuten vor 19 Uhr am Treffpunkt vor dem kleinen Tempel und zupfe ungeduldig an meinen neuen Kleidern herum. Ich trage einen langen braunen Rock mit goldenen Strickereien, eine weisse Bluse und eine passende braune Schärpe. Das ist die Kleidung, die alle weiblichen Gäste während ihres Aufenthalts tragen müssen. Die Vorschriften für die Männer sind lockerer. Sie können so ziemlich alles anziehen und haben die Wahl zwischen: dunkler Stoffhose oder Wickelrock, T-Shirt oder Hemd. Micha hat sich für diesen ersten Abend richtig in Schale geschmissen. Ich erkenne seinen Schritt und sehe ihn schon von Weitem. Er trägt sein langärmliges weisses Hemd und den blauen Longyi, den traditionellen Wickelrock der Burmesen, den er sich gestern erst neu gekauft hat.

Im Stoffladen mit den wohl nettesten Verkäuferinnen in ganz Mandalay.

Tag 1: 

Der erste Tag beginnt für uns sanft um 6.00 Uhr. Wir hatten mit Ing abgemacht, dass wir heute auf die Morgenmediationen verzichten und erst zum Frühstück dazukommen.

Das tägliche Anstehen zum Essen und ich mittendrin.

Ich beobachte, wie sich die Mönche entsprechend ihrer internen Rangordnung in eine Reihe stellen. Dahinter bilden die Gäste eine weitere Reihe. Wir sortieren uns nach der Dauer unseres Aufenthaltes. Ich bin ein Kurzbesucher und stehe demnach an letzter Stelle.

Auf einmal beginnt sich die Schlange von Menschen langsam zu bewegen. Wir laufen von der auf einer Anhöhe befindlichen Meditationshalle (Dhamma Hall) der Männer durch einen riesigen Garten über eine langgezogene, teilweise steile Treppe hinunter und kommen erst vor dem Meditationssaal der Nonnen zum Halt. Die Frauen stehen bereits makellos aufgereiht auf dem kleinen Platz, blicken auf den Boden und warten.

Um 5.50 Uhr gehe ich aus meinem Bungalow und versuche die Regeln zu verstehen, in der sich die Frauen aufreihen. Zuerst gehen die Nonnen in einer ordentlich geformten Reihe um die Meditationshalle herum. Sie tragen alle entweder ein braunes, weisses oder rosafarbenes Gewand – je nach ihrem Herkunftsland. Ich geselle mich zu den Frauen, die ebenfalls einen braunen Rock und eine weisse Bluse tragen, denn wir sind die Yogis (so werden hier die Gäste genannt) und wir gehen als letzte Gruppe los. Hinter unserer Halle reihen wir uns auf und warten.

Der Lehrer „Kyunpin Sayādaw“. Bild aus der Webseite des Kyunpin Meditation Center

Sobald der ranghöchste Mönch die Treppe herunterkommt steigen alle Frauen aus ihren Sandalen aus und stellen sich barfuss neben ihre Schuhe. Ich habe nie gefragt, warum wir das machen, aber ich glaube, dies gilt dem Respekt und so tue ich es ihnen nach. Zudem senken nun alle den Kopf. Es gilt Blickkontakt zu vermeiden, denn wir sollen ganz in uns ruhen. Obwohl auch ich den Kopf senke, schauen meine Augen nach oben. Ich suche Micha und lächle, als ich ihn endlich erblicke. Er sieht müde aus. 

Nun stehen wir also da und warten. Es ist extrem heiss und ich bin dankbar für den Sonnenschirm, der mir ein bisschen Schatten spendet. Ich höre die Hähne krähen. Ein paar Hunde bellen irgendwo. Nach ungefähr einer Minute setzt sich unsere Reihe wieder in Bewegung. Was den Ausschlag zum Start gegeben hat, bleibt mir bis zum Schluß ein Rätsel. Langsam gehen die Männer nun zum Speisesaal. Im Kloster ist die Regel „Ladies First“ vielleicht bekannt, wird aber nicht angewendet. Die ranghöchste Nonne wartet bis sie der letzte Mann passiert. Erst danach setzt sie sich und die anderen Frauen in Bewegung.

Nachdem alle Männer an uns vorbeigegangen sind, schlüpfen wir wieder in unsere Schuhe und folgen ihnen ruhig und in der geordneten Reihe. Es geht nur langsam vorwärts. Auf einer großen Tafel im Eingangsbereich des turnhallengroßen Speiseraums lese ich, dass eine Familie aus Vietnam die heutige Spenderin für das Mönchsfrühstück, das Mittagessen und den Saft am Nachmittag ist. Während ich am Eingang wieder meine Schuhe ausziehe ertönt aus den Lautsprechern ein Gebet. Alle kennen den Text und singen laut mit. Ich senke einfach den Kopf und warte. Auf einmal wechselt die sprechende Nonne ins Englische und dankt den Spendern des heutigen Tages. Möge die Familie gesegnet sein von Gesundheit und positiven Gedanken. Nach dieser Andacht dürfen diejenigen, die bereits ihr Essen haben und an ihrem Platz sitzen, anfangen zu essen. Ich stehe allerdings noch recht weit hinten und muss mich weiter gedulden.

Ich reihe mich an den langen Tisch, an dem das Wort „Vegetarisch“ zu lesen steht. Das Angebot ist reichhaltig, von guter Qualität und sehr abwechslungsreich. Es gibt Reis, gedämpftes Gemüse, gebratenen Tofu, Gemüse mit Ei, Tempeh, Algen, scharfe Soßen und Gewürze. Am Ende des Tisches liegt ein wenig Obst. Es gibt auch etwas, das an Kuchen erinnert und ich sehe einzelne Packungen mit löslichem Kaffee. Ja, hier kann ich es wohl aushalten.

Mir wird ein Platz zugewiesen. Ab nun sitze ich in der Nähe des Ausgangs an einem kleinen Holztisch mit vier anderen männlichen Yogis. Jana kommt nach einigen Minuten auch mit einem vollen Tablett in die Halle. Auch ihr wird ein Stuhl gezeigt. Ich freue mich, dass sie nicht weit weg von mir sitzt und wir uns zumindest sehen können.

Von meinem Platz aus kann ich Micha gut sehen.

Nach dem Frühstück nutzen Jana und ich im Kloster-Shop, der gleichzeitig Empfangsbüro ist, die vorerst letzte Gelegenheit, uns auszutauschen. Dann gilt auch für uns, was für alle Nonnen und Mönche dauerhaft die Regel ist: 

SCHWEIGEN

Zufällig sitzt der Klostervorsteher, Kuyinpin Sayadaw, der große Meister persönlich, auch dort und unterhält sich gerade mit einem älteren Mönch. Er bittet uns, Platz zu nehmen. Wir stellen uns vor und sprechen über unsere Erwartungen für die nächsten Tage – wir erzählen von unserer Neugier, der erhofften innerer Ruhe und dem Charme der Gelassenheit. Er nickt und sagt auch etwas, das ich aber nicht verstehe. Unser beider Englisch ist nicht gut genug, um die Defizite des jeweils anderen kompensieren zu können. Also bleibt es bei nonverbaler Kommunikation. Naja – wir sind ja eh in einem Schweigekloster und gehen wieder.

Das vorerst letzte gemeinsame Bild.

Wir haben noch ein paar Minuten Zeit, bis unsere erste Meditation anfängt. Ich suche meine Sitzkissen zusammen, fülle meine Wasserflasche auf und setze mich nochmal auf mein Bett. Neben mir liegt das Prospekt, welches den Tagesablauf aufzeigt: 

  • 3.30 Uhr Wecken
  • 4 Uhr Gehmeditation
  • 5 Uhr Sitzmeditation

6 Uhr Frühstück und individuelle Pause

  • 7.30 Uhr Sitzmeditation
  • 8.30 Uhr Gehmeditation
  • 9.30 Uhr Sitzmeditation

10.30 Uhr Mittag und individuelle Pause (ab 12 Uhr soll nichts mehr gegessen werden)

  • 13 Uhr Sitzmeditation
  • 14 Uhr Gehmeditation
  • 15 Uhr Sitzmeditation

16 Uhr Saft und individuelle Pause

  • 18 Uhr Sitzmeditation
  • 19 Uhr Gehmeditation
  • 20 Uhr Sitzmeditation

21 Uhr Tagesausklang mit gemeinsamem Gesang (Metta Chanting)

ab 21.30 Uhr Ruhezeit (oder Zeit für individuelles Meditieren) 

Ich zähle 11 Stunden für die Meditation und 6 Stunden für den Schlaf. Ich rechne erneut. Wieder komme ich auf 11 Stunden meditieren und 6 Stunden schlafen. Kann das sein? Ich nehme jetzt meine Finger zur Hilfe und zähle nochmal wie ein Kind. Als ob ich es nicht wahrhaben wollte. Natürlich war uns diese Information schon vor unserer Anmeldung bekannt, aber ich habe sie immer geschickt ignoriert. Wird schon. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich gehe langsam zur Dhamma Hall. Wird schon – das sage ich mir nun mehrmals in meinen Gedanken. 

Auch in der Meditationshalle bekommen wir alle einen Platz zugewiesen. Die Nonnen und Yogis sitzen durcheinander gemischt in mehrere Reihen gerade hintereinander. Der Anblick der Frauen, jede unter einem farbigen Moskitonetz sitzend ist zwar ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber ich fühle mich unter meinem Netz von Beginn an sehr wohl. Zum einen hält es tatsächlich alle lästigen Insekten ab, zum anderen markiert das Netz meinen individuellen Bereich. Es ist ein kleiner Bereich, gerade so gross wie der Platz, den ich brauche, wenn ich im Schneidersitz sitze. Vielleicht ein Quadratmeter. Sieben Stunden soll ich während unseres Aufenthalts jeden Tag auf diesem Fleckchen Erde verbringen. Wird schon, sage ich mir erneut. 

Ich bin froh für die Abwechslung bei der Gehmeditation. Die Strecke beträgt etwa zehn Meter. Ich schreite sie bevorzugt im Freien ab, da ich hier mehr Luft und Natur spüre. Der Bewegungsablauf erinnert an einen Fischreiher im flachen Wasser, der in Zeitlupe Ausschau nach Fröschen und Fischen hält und durch das flache Wasser watet. Jede Teilbewegung des Beines und Fusses wird in Gedanken seziert und parallel ausgeführt. Damit ist der Fokus auf jede kleine Veränderung gelegt und verhindert das Abschweifen der Gedanken. Im Unterschied zur Sitzmeditation melden sich hier keine Rücken- oder Knieschmerzen. Das macht es alles viel entspannter. Da es sehr warm ist, laufe ich auf meinen Fußsohlen ohne Schuhe. Ich fühle den Boden, seine Wärme, jede Unebenheit und jeden Krümel. Ich sensibilisiere meine Nerven und übe mich so in Achtsamkeit. Dies gelingt mir auf diese Art besser als im Sitzen.

Um 21 Uhr singen alle zusammen einen sogenannten Chanti (ich glaube in der Buddhasprache Pali), der auf mich beruhigend und einschläfernd wirkt. Am Ende des ersten Tages habe ich neun Stunden meditiert – erleuchtet fühle ich mich noch nicht – eher fühlen sich meine Gliedmaßen an, als wenn sie eine ordentliche Massage bräuchten. Ich habe Geduld! 

Wann selbst dem großen Meister die Geduld abhanden kommen kann, ob Jana sich vielleicht doch zuviel zugemutet hat, worüber sich Mönche freuen können, wie wir wahrscheinlich das Leben eines Hundes retteten und was das alles mit einem müden Hahn zu tun hat, erfahrt Ihr in den nächsten Blogartikeln.

Willst du Gott zum Lachen bringen …

…dann erzähl ihm deine Pläne. Gott hat mit uns höchstwahrscheinlich gerade eine super Zeit. „Wenigstens einer, der sich freuen kann“ denke ich, während ich an die Decke starre und darauf hoffe, dass der Strom bald zurückkommt und somit die Klimaanlage wieder anspringt. Wäre ich religiös, würde ich zu Gott beten oder vielleicht sogar mit ihm schimpfen. Es ist unerträglich heiss. Es sind nicht nur die 35 Grad Aussentemperatur und die 90 Prozent Feuchtigkeit in der Luft,  die mir zu schaffen machen, es ist auch das Fieber, mit dem ich mich seit zwei Tagen herumquäle. Micha liegt neben mir im Bett und schaut Videos von Anke Engelke.  Auch er lacht in regelmässigen Abständen. Na immerhin – die Jungs haben Spass. Mir ist überhaupt nicht zum Lachen zumute.

Aber zurück zu unserem Plan: Eigentlich wollten wir heute schon längst in Mandalay sein. Die zweitgrösste Metropole im Zentrum Myanmars hat viele touristische Highlights in der Stadt selbst und in der näheren Umgebung zu bieten. Wir wollten einige Tage dort verbringen und uns alles in Ruhe anschauen. Aber die achtstündige Fahrt, die gestern früh beginnen sollte, konnte ich beim besten Willen nicht antreten. Wir mussten die Tickets für den Bus und das im voraus gebuchte Hotel stornieren und verlängerten stattdessen unser Doppelzimmer bei Kyaw auf unbestimmte Zeit. Zum Glück ist noch Vorsaison, die guten Hostels sind vakant und flexibel für Fälle wie uns. 

Micha schaut besorgt zu mir herüber, hält mir sein Telefon hin, aber ich will jetzt keine lustigen Videos sehen. Er ermutigt mich, zumindest ein paar Schluck Wasser zu trinken. Ich lächle ihn an und richte mich mit Mühe ein bisschen auf. Danke, dass du da bist und dich so liebevoll um mich kümmerst. Ich bin froh, dass es dir gut geht – nicht auszumalen, wie schrecklich es wäre, wenn wir beide zeitgleich ausser Gefecht gesetzt worden wären.

Wie bin ich eigentlich in diese Situation gekommen? Habe ich etwas Falsches gegessen oder getrunken? Wo habe ich mich angesteckt? Ich versuche mich zu erinnern: Vorgestern waren wir den ganzen Tag auf den Beinen und mir ging es gut. Der späte Nachmittag war besonders schön, denn wir haben die Shwedagon-Pagode, den wichtigsten Sakralbau und das religiöse Zentrum Myanmars besucht.

Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal hier und war so begeistert von der Atmosphäre, dass ich unbedingt zurück wollte. Damals war ich nur ein paar Tage aus beruflichen Gründen in der Stadt.  An meinem freien Tag wollte ich so viel wie möglich sehen und über die burmesische Kultur erfahren. Ich buchte eine private Tour mit einem lokalen Guide. Die Shwedagon-Pagode war schon damals mein Highlight. Für mich war es vorgestern ein Privileg, diesen Ort noch einmal besuchen zu dürfen. Ganz besonders schön war es, ihn mit Micha an meiner Seite zu erkunden – einen Mann, den ich 2016 noch nicht kannte und den ich heute so sehr liebe. 

Nun war sehr geduldig und freundlich

Am Eingang bot sich uns eine etwa sechzigjährige, gepflegt aussehende Frau als Führerin an. Auf Grund der Bedeutung dieses Ortes und ihrer sympathischen Art nahmen wir ihr Angebot gern an. Bis zum Einbruch der Dunkelheit war Nun, wie wir sie nennen sollten, unsere Begleiterin. Sie schilderte uns im besten Englisch alles rund um diese Sehenswürdigkeit.

Sie erklärte, dass der Hauptstupa aus 60 Tonnen Gold besteht und mit über 4000 Diamanten, Rubinen und Saphiren verziert ist. Der grösste Diamant an der Spitze wiegt 76 Karat. Was das bedeutet, musste ich auch erstmal recherchieren: umgerechnet sind das 15,2 Gramm, was einem Wert von aktuell rund 300.000 Euro entspricht. Kurz vor Sonnenuntergang wies uns Nun auf sein Funkeln, welches nur von einer ganz bestimmten Position aus zu sehen ist, hin. Wir waren berührt und fasziniert zugleich.

Das Abendlicht liess die Pagode in einem ganz besonderen Glanz erstrahlen. Der dunkelblaue Himmel im Hintergrund bot den perfekten farblichen Kontrast zu der goldenen Kulisse. Obwohl hier so viele Menschen waren, herrschte eine außergewöhnlich magische, friedliche und beruhigende Stimmung. Viele liefen, wie wir, einfach um den grossen Stupa herum, andere saßen in kleinen Grüppchen zusammen und unterhielten sich. Junge Mönche und Nonnen schlichen an uns vorbei. Gläubige meditierten oder verteilten Blumengirlanden und Lotusknospen, während andere jede Menge Räucherstäbchen und Kerzen anzündeten.

Umgeben ist der Hauptstupa von 60 kleineren Stupas und vier größeren an den Querseiten, welche die vier Himmelsrichtungen markieren. Dazwischen befinden sich unzählige Andachtshallen, Schreine und Pavillons mit liegenden, sitzenden, ruhenden und sonstigen Buddhas. Überall stehen Glocken, die man mit einem grossen Stück Holz anschlagen kann und sich dabei etwas wünschen darf. Als Micha das erfuhr, ging er schnurstracks auf den nächsten Gong zu und fing an, ihn mehrfach zum Läuten zu bringen. Hatte er so viele Wünsche oder hatte er einfach Spass an der Kombination aus sportlicher Betätigung und Klangerzeugung? 

Ich beobachtete in der Zeit, wie manche Besucher kleine Gläser mit Wasser immer wieder über einige Figuren schütten. Nun erklärte, dass der Wochentag der Geburt für Burmesen besonders wichtig ist. Er bestimmt den Namen des Kindes und dessen Persönlichkeit. Der astrologische Kalender in ihrem Land unterteilt die Woche in 8 Tage, wobei der Mittwoch (Tag, an dem Buddha geboren wurde) aus zwei Teilen besteht. Zu jedem Tag gehört ein Tier, ein Planet und eine Himmelsrichtung. Micha ist ein Sonntagskind, ihm ist der Garuda (ein mystischer Vogelmensch) zugeordnet und als Planet die Sonne. Seine Himmelsrichtung ist der Nordosten. Ich wurde an einem Montag geboren. Mein Tierzeichen ist der Tiger, mein Planet der Mond und meine Himmelsrichtung der Osten. 

Als wir an dem Altar mit dem Tiger vorbeigingen, fordert mich Nun auf, Wasser über die beiden Figuren zu giessen. Üblicherweise gießt man die seinem Alter entsprechende Anzahl von Gläsern Wasser plus einen für eine gute Zukunft über das Tier und den Erleuchteten. Bei mir kamen da einige Gläser zusammen, so dass die Prozedur ein bisschen Geduld von Nun und Micha verlangte. Danach zündete ich eine kleine Kerze an und wünschte mir ebenfalls etwas. Ich machte es kurz und knackig: Gesundheit, Liebe und Zufriedenheit. 

Jetzt muss ich doch ein bisschen lachen: habe ich vielleicht den kleinen Buddha falsch begossen, dass er mich ein paar Stunden nach dem Ritual dermassen abmahnt?

Jedenfalls wäre ich gerne noch länger in der Pagode geblieben, so schön fand ich es dort. Aber wir mussten noch unsere Wäsche abholen, die Rucksäcke packen und ein bisschen Proviant für die geplante Busfahrt am nächsten Tag kaufen. Und so fuhren wir zurück ins Hostel. Im Taxi merkte ich das erste Mal, dass mir irgendwie schlecht wurde. Vielleicht lag es ja am Fahrstil, dachte ich.  Aber auch im Hostel erholte ich mich nicht wieder. Ich wollte schnell den Rucksack packen und früh ins Bett gehen. Vielleicht verlangte mein Körper einfach nach etwas Ruhe. Aber auch im Bett wurde es nicht besser. Im Gegenteil, ich fühlte mich immer mieser und bekam üble Bauchschmerzen. Dann ging alles recht schnell. Irgendetwas war in mir, was mein Körper nicht wollte. Zunächst versuchte er es mit einem akuten Durchfall zu beseitigen. Aber das schien nicht zu genügen. Nachdem ich die Gemeinschaftstoiletten auf zittrigen Beinen verlassen und mich wieder ins Zimmer geschleppt hatte, entschied sich mein Körper für eine Magenentleerung im Turbogang. Jetzt spüre ich die Kehrseite meines konsequenten Verzichts auf die oft grosszügig gereichten Einkaufstüten beim Shoppen. Wo sind die verdammten Plastiktüten, wenn man sie braucht? Mein Körper folgte dem aggressiven Werbeslogan des totalen Ausverkaufs:  „Alles muss raus“. Ich war mittlerweile so geschwächt, dass mir sogar das Sitzen schwer fiel. Eine Pause war mir nicht vergönnt. Ich sollte mich erneut, diesmal auf Michas Arm gestützt, zu den Toiletten hieven. Wie weit doch zehn Meter sein können. Und wie schnell ich meine Energie verloren habe. Jede Bewegung war zu viel für mich. Ich wollte nicht mehr. Mein Herz raste und ich fühlte, wie mein Blutdruck absackte. Mir ging es so schlecht, wie schon lange nicht mehr.

Micha gab mir Wasser und ein Mittel gegen Durchfall. Ich hoffte auf den Verbleib im Körper und die schnelle Entfaltung seiner Wirkung. Irgendwann schlief ich ein, aber die Nacht war nicht erholsam. Ich bekam Fieber, Schüttelfrost und Schweissausbrüche. Immerhin musste ich mich nicht mehr übergeben. Am nächsten Morgen kaufte Micha Salz, Zucker und Orangensaft und mischte mir damit eine Elektrolytlösung, die zwar furchtbar schmeckte, die ich aber dringend brauchte. Den Tag verbrachte ich mit Schlafen, Trinken und Fiebermessen. Zum Glück stieg das Thermometer nicht auf über 39 Grad an – dann wären wir ins Krankenhaus gefahren. Über unsere umfangreiche Reiseapotheke, über die wir hin und wieder fluchen, da sie viel Platz einnimmt, waren wir selten so froh, wie in diesen Tagen. Wir hatten auch fiebersenkende Medikamente dabei und auch der viele Schlaf gestern tat mir gut. 

Heute geht es mir schon etwas besser. Ich glaube, das Gröbste überstanden zu haben und bin dankbar für meinen starken Körper, der den Kampf mit dem viralen oder bakteriellen Eindringling anscheinend gerade für sich entscheidet. Micha lacht laut auf und ermutigt mich, mir dieses eine Ladykracher-Video anzusehen. Danke Anke, jetzt muss ich auch schmunzeln. Nach einer Weile fängt es über uns an zu rattern. Die Klimaanlage ist angegangen, der Strom ist zurück. In meinem erleichternden Seufzer stosse ich ein klitzekleines Dankesgebet an Gott und an Buddha aus. Und ich lache erneut. 

Schwer zu beschreiben

Nach über fünf Flugstunden landen wir endlich in Yangon, der ehemaligen Hauptstadt von Myanmar. Endlich raus aus diesem atemlosen und mich so erschöpfenden Shanghai.

Mitternacht ist schon lange vorbei. Ein Taxi bringt uns in nun wieder feuchtwarmer Luft zu unserem Hostel. Nach rund dreißig Minuten bleiben wir in einer dunklen und staubigen Straße stehen. Die Adresse stimmt. Doch wo ist unsere Unterkunft? Der Eingang ist weder auf den ersten noch den zweiten Blick zu erkennen. Wir stehen eine Weile ratlos auf der Strasse und versuchen uns zu orientieren. 

Dann sehen wir auf einem der heruntergekommenen Balkone ein kleines Schild mit Leuchtreklame  – tatsächlich, der Name unseres Hostels blinkt uns hier entgegen. Im Eingang zu dem Gebäude, gleich auf dem ersten Treppenabsatz liegt ein vom Alter her nur schwer zu schätzender Mann auf einem heruntergekommenen Liegestuhl, schläft und schnarcht. Er trägt ein Tuch um seinen Unterleib und ein schmutziges Baumwollhemd. Er sieht etwas mager aber friedlich aus. Hat er kein Zuhause, dass er hier im Hausflur ruhen muß oder verschläft er gerade seinen Dienst als Security-Mitarbeiter? Ich weiß nicht, welche Antwort mir lieber wäre.

Mit unseren Rucksäcken, die sich gerade so gar nicht nach leichtem Gepäck anfühlen, treten wir in einen zwei Quadratmeter großen Hausflur. Smartphones von heute ersetzen das Telefon, die Musikanlage, das Wörterbuch, die Landkarte und neben anderen tausend nützlichen Dingen auch die Taschenlampe. Genau diese Funktion nutze ich gerade. Wir passieren den Schlummernden auf den leisesten Sohlen, die uns in diesem Licht möglich sind. Wir müssen in den zweiten Stock. Die kleine Treppe ist voller Löcher, hat kein Geländer, dafür umso mehr herunterhängende Stromkabel. Höchste Konzentration ist gefragt – und das Nachts um drei. Ich erwische mich dabei, wie ich leise fluche. Dann betreten wir nach einem vorsichtigen Klopfen den Eingangsbereich. Kyaw begrüßt uns euphorisch. Wie kann jemand um diese Uhrzeit noch ein so offenes und freundliches Gesicht haben? Meine Stimmung bessert sich schlagartig, denn ich fühle mich sofort willkommen. Mit Kyaw waren wir bereits vor unserer Anreise im Kontakt. Wir hatten ihn vor unserer frühen Ankunft gewarnt. Und so hatte er, der rund um die Uhr für seine Gäste da ist, seine Schlafliege im Frühstücksraum zusammengeklappt, um uns zu empfangen. Sein Leben scheint nur aus diesem Job zu bestehen und trotzdem strahlt er diese Güte und Zufriedenheit aus, die mir oft in den kommenden Wochen begegnen wird.

Das frühere Burma oder Birma ist ein zutiefst religiös geprägtes Land. Mir fällt der Begriff Mönchsrepublik ein, wenn ich rückblickend an unsere Zeit dort denke. Mönche, Tempel, Klöster, Zeremonien, buddhistische Statuen und eine in der Gesellschaft gelebte Spiritualität laden mich freundlich ein, mehr über die hier praktizierte Religion erfahren zu wollen. Birmanische Buddhisten von heute schätzen die Meditation, geben reichlich Almosen und sehen ihr Los als Konsequenz einer Sünde oder eines Verdienstes in einem früheren Leben. Das gesellschaftliche Ideal für die meisten Bürger wird allgemein bahmasan chin (zu Deutsch; „Birmanisch sein“) genannt. Zu dessen Charakteristika zählen Respekt vor Älteren, Kenntnis der buddhistischen Schrift und taktvolles Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht. Das Wichtigste jedoch ist: Das Stille, Subtile und Indirekte hat immer Vorrang vor dem Lauten, Offensichtlichen und Direkten. Als ich das gelesen hatte, wußte ich, das ich dieses Land und seine Menschen als ebenso exotisch wie liebenswert empfinden würde. Mein erster Eindruck wird sich bestätigen. 

Den nächsten Tag gehen wir ruhig an. Wir wollen erstmal richtig ankommen und uns orientieren. Die Strassen von Yangon sind voller Menschen, überall sehen wir sporadisch aufgebaute Marktstände, Erwachsene sitzen auf kleinen Plastikhockern und unterhalten sich, Kinder spielen miteinander, Hunde suchen nach etwas Essbarem. Die Fassaden der Häuser sehen alle sehr, nun ja, historisch aus. Viele wurden zur englischen Kolonialzeit im 19. Jahrhundert gebaut und seit dem wohl nicht mehr restauriert. Auch dies ist ein krasser Unterschied zu China. Überhaupt kommt es mir vor, als wären wir nicht im Nachbarland, sondern in einer komplett anderen Welt. Ich fühle mich trotz der vielen Menschen, trotz des Lärms der Strassen und trotz des Schmutzes überraschend wohl hier.

Sind es die vielen Mönche, die so friedlich an uns vorbeilaufen? Sind es die zahlreichen goldig schimmernden Pagoden, die zwischen den Häusern hervorlugen und eine beruhigende Stabilität ausstrahlen? Ich weiss es nicht. Aber ich verstehe Jana, die vor ein paar Jahren schon einmal beruflich für ein paar Tage hier war und unbedingt zurückwollte. Sie berichtete von einer besonderen Atmosphäre und Stimmung im Land – konnte es aber nicht genauer beschreiben. 

Wir entdecken einen Beauty-Salon. Nach all den Laufeinheiten in China und der kurzen ersten Nacht in Myanmar tut uns die traditionelle Massage mehr als gut. Kaum sind die Muskeln versorgt, fängt auch schon der Bauch an zu knurren. Der Besitzer eines der vielen indischen Restaurants winkt uns freudig herein und überreicht uns stolz die Speisekarte auf Englisch. Schnell merke ich, dass es zwar lateinische Buchstaben sind, die ich da lese, ich aber trotzdem kaum etwas verstehe. Sie haben die Gerichte nicht erklärt und so überlegen wir, welche der vielen Speisen, die unter der Kategorie „Veggie“ stehen, wir bestellen sollen. Dann spricht mich ein irgendwie anders als die anderen Gäste aussehender, nicht mehr ganz junger Mann an. Er ist auf eine Art freundlich, die es mir unmöglich macht, mich nicht darauf einzulassen. Er fragt, ob er helfen dürfe. Jana und ich schauen uns an: ja, sehr gerne! Zur Freude des Restaurantbesitzers erklärt er uns die Speisekarte. Dabei wirkt er so engagiert, dass er mir wie ein Kandidat im Bewerbungsgespräch vorkommt. Neugierig, aber nicht aufdringlich fragt er nach unserer Herkunft und welche Beweggründe uns hierher verschlagen haben. Dankbar für seine Hilfe lassen wir uns trotz unseres Hungergefühls auf ein längeres Gespräch mit ihm ein. Von seinem Tisch grüßt eine ältere europäisch aussehende Dame zu uns herüber. Sie wird uns später als Sally aus Australien vorgestellt und bringt genau den Job zu Ende, den unser neuer Bekannter Melvin für uns gerade übernommen hat. Sie arbeitet an einer neuen englischen Speisekarte, die die angebotenen Speisen touristenfreundlich umschreibt. Wir erfahren, das er Brite mit philippinischen Wurzeln eines Elternteils ist und vor einigen Jahren in London seine burmesische Frau kennengelernt und geheiratet hat. Inzwischen ist er Vater eines kleinen Sohnes und mit seiner Frau in ihre Heimat umgezogen. Dann zieht er sich zu seiner Tischnachbarin zurück, spricht mit dem Gastwirt und wir genießen unseren späten Lunch. 

Ein Selfie mit Melvin für seinen Facebook-Account 

Noch bevor wir den Nachtisch bestellen können, hat uns Melvin zu diesem Essen und zu seiner am nächsten Tag stattfinden Party anlässlich seines vierzigsten Geburtstages eingeladen. Da sagen wir natürlich nicht nein. Was für ein toller Start in Myanmar!

Das Fest findet auf einem Ausflugsboot zeitgleich mit einem Studienabschlußtreffen sowie einer Firmenfeier statt. Als Geschenk überreichen wir ihm einen Gutschein für eine Massage, von dem Spa welches wir gestern besucht haben. Der laue Abend auf dem Ausflugsdampfer versprüht eine lässig-wohlige Laune. Beim Spaziergang über das Schiff werden wir von Burmesen mehrfach angesprochen und um Fotos gebeten. Neben all den zierlichen Menschen fühlen wir uns wie zwei grosse nordische Walrosse inmitten einer Herde flinker Zwergpinguine. 

Auf unserer Reise durch Myanmar werden wir immer wieder freundlich interessiert von den Menschen beobachtet und von den Mutigeren auch angesprochen. Die meisten wollen einfach nur ein Foto mit uns. Wir sagen stets zu und bitten im Gegenzug ebenso um eines mit ihnen. Wahrscheinlich sind wir mit unserer Bitte eher eine Ausnahme unter den Touristen, denn wir schauen dann meistens in verwunderte Augen. Aber auch uns wird unser Fotowunsch nie verwehrt. Überhaupt sind die Burmesen ein überaus freundliches Volk. Wir verständigen uns mit Hilfe von ein paar Wörtern aus dem Reiseführer und per Mimik und Gestik – ein Lächeln wird stets mit einem Lächeln erwidert. Die Burmesen wirken auf uns geerdet, dankbar und glücklich, mit dem was sie haben. Dabei haben die meisten von ihnen nicht viel an materiellem Besitz. Ein Drittel aller Haushalte lebt nach Angaben der Weltbank in Armut.

Auf einem späteren Ausflug ins Landesinnere schüttet es auf einmal wie aus Kübeln. Die Straßen verwandelten sich innerhalb von Minuten zu Flüssen. Von den Hängen spült das Wasser allerhand Schlamm und Gestein herunter. Jana und ich sehen aus dem Fenster und fangen an zu verstehen. So ein Regen würde bei uns höchstens dazu führen, dass Menschen ihre Verabredungen auf später verschieben – schließlich will niemand nass werden. Das Wasser würde in die Gullys abfließen und selbst wenn es in einen Hauskeller eindringt, so würde die Versicherung in den meisten Fällen für den entstandenen Schaden aufkommen. Hier allerdings kann die Mischung aus Wasser und Geröll durchaus die per Hand gebauten Bretterhütten wegspülen und sogar das Leben der Bewohner gefährden. Ich kann nur mutmaßen, aber ich glaube, es ist genau diese reale Bedrohung des Ist-Zustands, die dazu führt, dass die Menschen hier so eine Ruhe ausstrahlen. Das klingt vielleicht auf den ersten Blick paradox. Aber ist es nicht so, dass wir in der westlichen Welt kaum lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt sind? Wir vergessen dankbar zu sein, weil wir nicht wissen wofür. Dabei ist es so einfach. Ich möchte mit den Menschen hier nicht tauschen, aber ich wünsche mir, dass wir zufriedener sind, mit all dem was wir haben.

Und so sind es nicht nur die vielen stillen Mönche, die achtsam durch die Strassen ziehen oder die unzähligen goldig schimmernden Pagoden, die diese ruhige Atmosphäre kreieren. Es ist jeder einzelne Mensch hier, der trotz aller Schwierigkeiten eine tiefe Zufriedenheit ausstrahlt und dadurch eine ganz besonders positive Energie entstehen lässt. Es ist, wie Jana gesagt hat, eine besondere Atmosphäre und Stimmung im Land – schwer zu beschreiben.