Über Illusionen

Gestern Abend war ich noch begeisterte Zuschauerin der Mass Games. Ich habe tausende junge Menschen bei ihrer akkurat ausgeführten Gymnastik beobachtet und war fasziniert von der uns dargebotenen Show. Wie der Name bereits sagt, es war ein Spektakel der Massen. Einzelne Menschen konnte ich nicht erkennen. Natürlich wusste ich, dass jeder einzelne Darsteller für diese exakte Synchronisierung der Bewegungen Höchstleistung vollbringen muss, doch ich blendete den Einzelnen in diesen Stunden aus. Ich bewunderte die Gemeinschaftsleistung und ich ließ mich mitreißen von dem Spektakel, der emotionalen Musik, der jubelnden Menge und der so geschaffenen Atmosphäre im Stadion.

Für die meisten Reisenden aus unserer Gruppe war es der letzte Abend in Nordkorea , doch Micha und ich entschieden uns bereits bei der Buchung für eine Verlängerungsnacht in Sinuiju. Die Grenzstadt zu China liegt auf unserem Rückweg und unser Reiseveranstalter bot jedem Zugreisenden, der sich noch ein weiteres Bild vom Land machen wollte, diesen zusätzlichen Zwischenstopp an.

Und so sitze ich heute erneut als Zuschauerin vor einer Gruppe von Artisten, die ebenso ihr Bestes geben. Auch heute staune ich über die präzise ausgeführten Bewegungen und die Synchronität der Gruppenmitglieder. Doch diesmal sitze ich viel näher an der Bühne und sehe die kleinen Künstler direkt vor mir. Die Protagonisten sind Kinder im Alter zwischen vier und etwa sieben Jahren. Ich schaue in geschminkte Gesichter mit weit aufgerissenen Augen und einem eindeutig künstlichem Lächeln. 

Heute sehe ich jeden Einzelnen. Ich sehe kleine, zierliche Körper, die in bunten Kostümen stecken. Vor mir singen, tanzen, turnen und musizieren Jungen und Mädchen eines, wie uns gesagt wurde, „ganz normalen Kindergartens“. 

Der Programmpunkt „Besichtigung eines Kindergartens“ ist eingebettet zwischen dem „Revolutionsmuseum“ und der „Kunstgalerie“. Ich war so naiv zu glauben, dass wir hier spielende Kinder besuchen würden. Kinder, die draußen im Sandkasten kleine Burgen bauen, herumtoben oder drinnen vielleicht etwas basteln würden. Ich stellte mir Szenen vor, die ich von meiner eigenen Kindergartenzeit kenne. Dass diese Einrichtung jedoch kein gewöhnlicher Kindergarten sein konnte, wird mir bereits auf dem Parkplatz mit voller Wucht bewusst. Vor dem grossen Gebäude gibt es einen noch grösseren betonierten Platz, der den riesigen Flächen vor europäischen Baumärkten sehr ähnlich sieht. Nur das in diesem Land kaum jemand ein Auto besitzt und der Platz demnach einzig für Touristenbusse angelegt wurde. Als wir ankommen strömen bereits mehrere Gruppen von chinesischen Besuchern auf den Haupteingang zu.

Wir werden in das Gebäude geführt und sollen gleich hinauf in den dritten Stock gehen, ins Auditorium. Ins Auditorium? Dieses Wort assoziiere ich mit einer Universität, nicht mit einem Kindergarten. „Oh je, wo bin ich hier?“, denke ich erneut. Ich schaue mich um, sehe aber keine Spur von spielenden Knirpsen. Einzig die bunt bemalten Wände und die darauf klebenden Comicfiguren erinnern an einen Kindergarten. Auf dem Weg nach oben versuche ich in die einzelnen Zimmer reinzuschauen, doch die Türen sind fast alle verschlossen. Nur aus einem Raum erklingt Musik, die Tür ist halb offen und ich kann ein kleines Mädchen und eine Erzieherin an einem Klavier sitzen sehen. Oben angekommen ist der Saal bereits gut gefüllt. Mehrere hundert Touristen aus dem großen Nachbarland sitzen bereits auf den Stühlen und warten, dass wir Europäer nun auch endlich Platz nehmen. Ich kann es kaum glauben, wir sind tatsächlich in einem Auditorium. Die Sitzreihen sind nach hinten steigend angeordnet, um von allen Plätzen eine gute Sicht auf die Bühne zu gewährleisten.

Als der Vorhang aufgeht, stürmen um die 50 Kinder auf die Bühne. Sie stellen sich auf, singen ein Lied und neigen dabei ihre Köpfchen im Gleichtakt nach Links und nach Rechts. Zum Schluss springen sie, jubeln und klatschen in die Hände. Das ist der Auftakt zu einer einstündigen Show.

Die Leistung der Kinder ist absolute Weltklasse, die ich sehr würdige und für die ich am Ende auch applaudiere. Ich kann es jedoch nur schwer aushalten, in die Gesichter der Jungen und Mädchen zu schauen. Sie wirken sehr steif, ihr Lächeln ist aufgesetzt und ihre Augen haben keinen Glanz. Diese Kleinen haben, außer ihrer Körpergröße, nichts Kindliches an sich. Welche Disziplin (und welchen Drill) braucht es, um in dem Alter so eine Leistung abrufen zu können?

Die jungen Bühnenkünstler machen während der gesamten Vorführung keinen einzigen Fehler. Sie jonglieren mit Fussbällen (ohne das auch nur ein Ball herunterfällt), spielen verschiedene Instrumente (ich höre keinen einzigen schiefen Ton) und sie hüpfen beim Seilspringen über mehrere Seile gleichzeitig (ohne sich dabei zu verheddern). 

Zwischen den akrobatischen Darbietungen wird auch immer wieder gesungen. Auf einmal stimmen die kleinen Nordkoreaner dem Anschein nach ein bekanntes chinesischen Volkslied (auf chinesisch wohlgemerkt) an. Die Gäste aus dem Nachbarland erkennen es sofort, johlen, singen lautstark mit und klatschen im Takt dazu. Sie zeigen großen Gefallen an der Aufmerksamkeit, die ihnen mit diesem Lied gewidmet wird. Die Knirpse wirken in dem Moment wie elende Tanzbären, die nur tun, worauf sie abgerichtet wurden. 

Mir geht es während der Vorführung überhaupt nicht gut und je länger sie dauert, umso stärker wird mein Unwohlsein. Ich mache mir Gedanken über die Methoden, mit denen diese Kinder wohl zu solchen Höchstleistungen gebracht werden. Natürlich weiß ich es nicht, aber ich habe ein sehr ungutes Gefühl. Ich überlege ernsthaft, was ich machen soll. Aufstehen und einfach gehen? Aufstehen und etwas sagen? Abwarten und später mit den Verantwortlichen sprechen?

Ich bin niemand, der den Konflikt sucht oder andere Menschen unnötig herausfordert. Im Gegenteil, je ruhiger und je harmonischer ich meine Umwelt wahrnehme, desto wohler fühle ich mich. Aber ich kann mich nur schwer zurücknehmen, wenn ich eine offensichtliche Ungerechtigkeit beobachte. Und so denke ich über meine Handlungsoptionen nach, während vor mir die Kinder und ihre Erzieherinnen ihr tagtägliches Bühnenprogramm absolvieren.

Wären wir nicht in Nordkorea, ich würde in einer solchen Situation sicher etwas unternehmen. Aber in diesem Land traue ich mich nicht aufzumucken und etwas zu kritisieren. Und so bleibe ich doch sitzen und hoffe einfach, dass es bald aufhört und ich diesen Ort endlich verlassen darf.

Nach der Veranstaltung frage ich unsere Reiseleiterin, ob dies tatsächlich ein „ganz normaler Kindergarten“ sei. Sie antwortet mit „Ja, natürlich“. Mit gehobenen Augenbrauen frage ich nach: „Bist du auch in einen solchen Kindergarten gegangen?“. Wieder bekomme ich nur ein knappes „Ja, natürlich“ als Antwort. Ein erneutes Nachfragen würde mich nicht weiterbringen und so schlucke ich meinen Unmut hinunter und steige mit einem sehr schlechten Gefühl wieder in den Reisebus.

Als wir am Abend wieder die Grenze zu China passieren bin ich sehr erleichtert, dass die Ausreise unkompliziert abläuft. Und ich bin in gewisser Weise froh, dass wir diesen Zwischenstopp hier in Sinuiju noch eingelegt haben. Denn die Besichtigung des lokalen Museums, einer weiteren Fabrik, einer Kunstgalerie und vor allem des Kindergartens verändern den Gesamteindruck, den ich von Nordkorea mitnehme.

Der Grenzfluss teilt Welten. Hier braches Land – dort Hochhäuserwettkampf.

Die Programmpunkte in den ersten Tagen waren zwar ebenfalls extra für ausländische Gäste ausgewählt und streng organisiert. Unsere Reiseleiter achteten immer sehr darauf, dass wir in der Gruppe bleiben, ja nicht trödeln oder (viel schlimmer!) verloren gehen. Wir sollten nur das sehen, was uns gezeigt wurde. Allerdings wurde uns mit dem Einkaufsbummel in einem Supermarkt, der Fahrt mit der Metro und dem Besuch des Naherholungsparks auch ein gewisser Einblick in den Lebensalltag einiger Bewohner von Pjöngjang gegeben. Dass nur wenige privilegierte Bürger diese Orte besuchen und davon profitieren können war mir durchaus klar, aber allein die Existenz dieser Plätze stimmte mich überraschend optimistisch. Dieses leicht positive Gefühl passte nicht zu den Berichten aus Dokumentarfilmen und Büchern, die ich vorab gesehen und gelesen hatte. Es passte auch nicht zu meinem allgemeinen Eindruck, den ich während der Tage in Pjöngjang und Kaesong von dem Land bekommen hatte. Während unserer Busfahrten sah ich viele recht magere Menschen auf den Feldern arbeiten und beobachtete wie Männer mit einer Schaufel den Schotter, den unser Bus beim Fahren zu Seite schleuderte, wieder auf die Straße schippten. Eine anstrengende, monotone und durch die Anlegung einer Teerstraße einfach zu vermeidende Arbeit. Eine Investition in die Infrastruktur ist jedoch scheinbar nicht möglich oder nicht gewollt.

Der Personenkult um die Herrscher ist omnipräsent und ich merke allein schon an den Antworten unserer Reiseleiter, dass es keine Meinungsfreiheit gibt. Alles Dinge, die mir in diesem Land negativ auffallen. So konnte ich es mir nicht erklären, dass ich am Abend der Mass Games eine Begeisterung spürte. Umso mehr bin ich froh darüber, dass wir am nächsten Tag nicht abgereist sind und ich eine weitere Chance bekam, das Bild von Nordkorea für mich wieder geradezurücken.

In Nordkorea ist alles so streng organisiert, dass es für die Machthaber recht einfach ist, Besuchern nur das zu zeigen, was sie sehen sollen. Es wird versucht, ein Bild vom Land zu vermitteln, welches möglichst positiv ist. Diese Bemühungen nehmen durchaus absurde Formen an und es ist klar, dass dies alles eine Illusion ist.

Doch sollte ich nicht vergessen, dass wir in den westlichen Ländern auch tagtäglich mehreren Illusionen unterliegen. Auch hier gibt es etliche Dinge, die der normale Bürger nicht mitbekommen soll und die dem gutgläubigen Verbraucher verborgen bleiben. Nur das wir hier durchaus in der Lage sind, uns über diese Missstände zu informieren und Ungerechtigkeiten bewusst anzugehen. Etwas, das in Nordkorea das eigene und das Leben der gesamten Familie gefährdet.

Schweigen, Schwitzen, Schlafen – Teil 1

Wir sind angekommen, zumindest geographisch, im Kuyunpin Meditation Center. Ich zögere keine Sekunde, aus dem Taxi zu steigen. Dieser Ort und diese Woche sollen ein Höhepunkt unserer fast einjährigen Reise werden. So habe ich es mir gewünscht und ich bin entschlossen, alles dafür zu tun, das es auch so kommt.

Dieses klostereigene Taxi brachte uns zum Mediationszentrum.

Der Aufenthalt in einem Schweigekloster war Micha`s Wunsch. Genauso wie ich bereits vor der Reise wusste, dass ich unbedingt ein oder zwei Tierschutzprojekte unterstützen möchte, wollte Micha unsere Reiseauszeit nutzen, um diese Erfahrung zu machen. Als klar wurde, dass wir durch Myanmar reisen, suchte er im Internet nach Möglichkeiten. Das Land ist voller Klöster, aber nur die wenigsten besitzen eine Homepage. So sind wir froh, dass wir das Kuyunpin Meditation Center im Norden vom Mandalay gefunden haben und hier die Mönche und Nonnen bei ihren letzten acht Tagen des ingesamt dreimonatigen Meditationretreats begleiten dürfen. Wir tauchen also erneut in eine uns völlig fremde Welt hinein.

Doch bevor ihr weiter lest, eine Sache noch: Der Artikel zu unserem Aufenthalt hier im Kloster ist so lang geworden, dass wir ihn nicht in einen einzigen Blogbeitrag packen möchten. Zudem hat dieser Bericht ein neues Format, denn wir haben ihn diesmal zusammen verfasst  – Michas Eindrücke sind in Schwarz geschrieben und meine in Blau. Die Zeit im Kloster haben wir getrennt voneinander verbracht. Wir haben in diesen Tagen unterschiedliche Erlebnisse gehabt und die Zeit auch anders wahrgenommen. Dieses abwechselnde Schreiben ermöglicht es uns den Aufenthalt im Kloster aus unser beider Sichtweisen zu illustrieren. 

Zweieinhalb Stunden dauert die Eskapade von Mandalay. Wir benutzen Straßen, die diese Bezeichnung im fernen Deutschland wohl kaum verdient hätten. Immer wieder sind Ansammlungen von drei bis vier Strohhütten, also kleinste Dörfer zu sehen. Diese Unterkünfte wirken so provisorisch, dass es mir schwerfällt, den Gedanken zu akzeptieren, das dies nicht nur Schutzhütten für Landarbeiter vor Unwetter oder der erbarmungslosen Sonne sind, sondern ein Zuhause, ein dauerhafter Rückzugsort für Familien. 

Laut Google Maps gibt es keine Strasse zum Kloster – zum Glück wissen es die Menschen vor Ort besser.

Ziegen- und Rinderherden, die wie in einem alten Märchen von einem Hirten mit einem langen Stock getrieben und zusammengehalten werden, traben hin und wieder gemächlich an unserem Wagen vorbei. Der Fahrer reduziert die Geschwindigkeit weiter und bleibt stehen, bis das letzte Kalb den Weg an uns vorbei zu seiner tierischen Gemeinschaft gefunden hat. Für mich ist dieses Warten ein kleiner Vorgeschmack auf das, was nun in den kommenden Tagen folgt.

Während der Fahrt versuche ich mich gedanklich auf die nächste Woche vorzubereiten. Wie werde ich mit den strengen Regeln des Klosters zurechtkommen? Das frühe Aufstehen, das viele Meditieren, das Schweigen, das tägliche 18 Stunden-Intervallfasten? Was werden die Tage der Stille mit uns machen? Wir werden zum ersten Mal seit Beginn unserer Reise örtlich getrennt sein. Falls wir uns über den Weg laufen sollten, so haben wir uns auf ein Zeichen geeinigt. Die Hand auf dem Herz bedeutet: Alles ist gut.

Die leitende Nonne Ing begrüßt uns zurückhaltend freundlich, erläutert uns die allgemeinen Verhaltensregeln und stattet uns mit Waschmittel, Toilettenpapier und einer dicken Decke aus. Ein Mönch führt mich schweigend zu dem Bereich im Kloster, wo die Männer wohnen und meditieren. Meine Freude ist groß als ich merke, dass ich statt der erwarteten Unterbringung im Schlafsaal einen eigenen kleinen Bungalow zugewiesen bekomme. Es ist ein Raum mit einem Bett, einer Wäscheleine und einem kleinen Schränkchen. Ich habe auch ein eigenes Bad mit einer Toilette, auf der sogar das Sitzen möglich ist. Es gibt ein Waschbecken und einen Duschschlauch. Ich bin entzückt. 

Zwei Stunden haben wir nun Zeit auch mental anzukommen. Ich packe als Erstes das grosse Moskitonetz aus und versuche es irgendwie über mein Bett zu hängen. Einen Haken an der Decke gibt es nicht, aber ich finde eine kreative Lösung mit Halterungen an den Fenstern und der Wäscheleine. Obwohl diese kleine Installation nicht aufwändig ist, läuft mir der Schweiß nur so vom Körper herunter. Es ist brütend heiss, ich sehne mich nach einem Lüftchen. Als Abkühlung bleibt mir nur die Dusche. Das kalte Wasser tut mir sehr gut. Doch sobald der kühlende Strahl nachlässt, wird mir wieder warm. Das Lufttrocknen, was ich in unseren Breitengraden durchaus geniesse, funktioniert hier aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit nicht. Ich versuche mich mit einem T-Shirt abzutrocknen, aber auch das gelingt mir nur mässig. Ich schwitze schon wieder. Warum ich kein Handtuch nehme? Weil wir nur eins haben und unser Deal war, dass ich das Moskitonetz behalte und Micha dafür unser Handtuch bekommt. 

Am Abend treffen Jana und ich uns mit Ing vor einem kleinen Raum. Ing stellt sich und das Kloster vor. Sie stammt aus Thailand und scheint alterslos zu sein. Ihre großen braunen Augen wirken durch den kahl geschorenen Kopf noch größer. Das weiße Gewand verleiht Ihr sowie ihren Kolleginnen bei aller Einfachheit des Stoffes und der Schnitte eine außerordentliche Noblesse. Ihr Englisch ist hervorragend, so das auch ich ihr gut folgen kann. In den kommenden acht Tagen ist sie unsere Mentorin.

Dieses Bild haben wir am letzten Tag mit einer Nonne und anderen Yogis gemacht.

Ich bin bereits einige Minuten vor 19 Uhr am Treffpunkt vor dem kleinen Tempel und zupfe ungeduldig an meinen neuen Kleidern herum. Ich trage einen langen braunen Rock mit goldenen Strickereien, eine weisse Bluse und eine passende braune Schärpe. Das ist die Kleidung, die alle weiblichen Gäste während ihres Aufenthalts tragen müssen. Die Vorschriften für die Männer sind lockerer. Sie können so ziemlich alles anziehen und haben die Wahl zwischen: dunkler Stoffhose oder Wickelrock, T-Shirt oder Hemd. Micha hat sich für diesen ersten Abend richtig in Schale geschmissen. Ich erkenne seinen Schritt und sehe ihn schon von Weitem. Er trägt sein langärmliges weisses Hemd und den blauen Longyi, den traditionellen Wickelrock der Burmesen, den er sich gestern erst neu gekauft hat.

Im Stoffladen mit den wohl nettesten Verkäuferinnen in ganz Mandalay.

Tag 1: 

Der erste Tag beginnt für uns sanft um 6.00 Uhr. Wir hatten mit Ing abgemacht, dass wir heute auf die Morgenmediationen verzichten und erst zum Frühstück dazukommen.

Das tägliche Anstehen zum Essen und ich mittendrin.

Ich beobachte, wie sich die Mönche entsprechend ihrer internen Rangordnung in eine Reihe stellen. Dahinter bilden die Gäste eine weitere Reihe. Wir sortieren uns nach der Dauer unseres Aufenthaltes. Ich bin ein Kurzbesucher und stehe demnach an letzter Stelle.

Auf einmal beginnt sich die Schlange von Menschen langsam zu bewegen. Wir laufen von der auf einer Anhöhe befindlichen Meditationshalle (Dhamma Hall) der Männer durch einen riesigen Garten über eine langgezogene, teilweise steile Treppe hinunter und kommen erst vor dem Meditationssaal der Nonnen zum Halt. Die Frauen stehen bereits makellos aufgereiht auf dem kleinen Platz, blicken auf den Boden und warten.

Um 5.50 Uhr gehe ich aus meinem Bungalow und versuche die Regeln zu verstehen, in der sich die Frauen aufreihen. Zuerst gehen die Nonnen in einer ordentlich geformten Reihe um die Meditationshalle herum. Sie tragen alle entweder ein braunes, weisses oder rosafarbenes Gewand – je nach ihrem Herkunftsland. Ich geselle mich zu den Frauen, die ebenfalls einen braunen Rock und eine weisse Bluse tragen, denn wir sind die Yogis (so werden hier die Gäste genannt) und wir gehen als letzte Gruppe los. Hinter unserer Halle reihen wir uns auf und warten.

Der Lehrer „Kyunpin Sayādaw“. Bild aus der Webseite des Kyunpin Meditation Center

Sobald der ranghöchste Mönch die Treppe herunterkommt steigen alle Frauen aus ihren Sandalen aus und stellen sich barfuss neben ihre Schuhe. Ich habe nie gefragt, warum wir das machen, aber ich glaube, dies gilt dem Respekt und so tue ich es ihnen nach. Zudem senken nun alle den Kopf. Es gilt Blickkontakt zu vermeiden, denn wir sollen ganz in uns ruhen. Obwohl auch ich den Kopf senke, schauen meine Augen nach oben. Ich suche Micha und lächle, als ich ihn endlich erblicke. Er sieht müde aus. 

Nun stehen wir also da und warten. Es ist extrem heiss und ich bin dankbar für den Sonnenschirm, der mir ein bisschen Schatten spendet. Ich höre die Hähne krähen. Ein paar Hunde bellen irgendwo. Nach ungefähr einer Minute setzt sich unsere Reihe wieder in Bewegung. Was den Ausschlag zum Start gegeben hat, bleibt mir bis zum Schluß ein Rätsel. Langsam gehen die Männer nun zum Speisesaal. Im Kloster ist die Regel „Ladies First“ vielleicht bekannt, wird aber nicht angewendet. Die ranghöchste Nonne wartet bis sie der letzte Mann passiert. Erst danach setzt sie sich und die anderen Frauen in Bewegung.

Nachdem alle Männer an uns vorbeigegangen sind, schlüpfen wir wieder in unsere Schuhe und folgen ihnen ruhig und in der geordneten Reihe. Es geht nur langsam vorwärts. Auf einer großen Tafel im Eingangsbereich des turnhallengroßen Speiseraums lese ich, dass eine Familie aus Vietnam die heutige Spenderin für das Mönchsfrühstück, das Mittagessen und den Saft am Nachmittag ist. Während ich am Eingang wieder meine Schuhe ausziehe ertönt aus den Lautsprechern ein Gebet. Alle kennen den Text und singen laut mit. Ich senke einfach den Kopf und warte. Auf einmal wechselt die sprechende Nonne ins Englische und dankt den Spendern des heutigen Tages. Möge die Familie gesegnet sein von Gesundheit und positiven Gedanken. Nach dieser Andacht dürfen diejenigen, die bereits ihr Essen haben und an ihrem Platz sitzen, anfangen zu essen. Ich stehe allerdings noch recht weit hinten und muss mich weiter gedulden.

Ich reihe mich an den langen Tisch, an dem das Wort „Vegetarisch“ zu lesen steht. Das Angebot ist reichhaltig, von guter Qualität und sehr abwechslungsreich. Es gibt Reis, gedämpftes Gemüse, gebratenen Tofu, Gemüse mit Ei, Tempeh, Algen, scharfe Soßen und Gewürze. Am Ende des Tisches liegt ein wenig Obst. Es gibt auch etwas, das an Kuchen erinnert und ich sehe einzelne Packungen mit löslichem Kaffee. Ja, hier kann ich es wohl aushalten.

Mir wird ein Platz zugewiesen. Ab nun sitze ich in der Nähe des Ausgangs an einem kleinen Holztisch mit vier anderen männlichen Yogis. Jana kommt nach einigen Minuten auch mit einem vollen Tablett in die Halle. Auch ihr wird ein Stuhl gezeigt. Ich freue mich, dass sie nicht weit weg von mir sitzt und wir uns zumindest sehen können.

Von meinem Platz aus kann ich Micha gut sehen.

Nach dem Frühstück nutzen Jana und ich im Kloster-Shop, der gleichzeitig Empfangsbüro ist, die vorerst letzte Gelegenheit, uns auszutauschen. Dann gilt auch für uns, was für alle Nonnen und Mönche dauerhaft die Regel ist: 

SCHWEIGEN

Zufällig sitzt der Klostervorsteher, Kuyinpin Sayadaw, der große Meister persönlich, auch dort und unterhält sich gerade mit einem älteren Mönch. Er bittet uns, Platz zu nehmen. Wir stellen uns vor und sprechen über unsere Erwartungen für die nächsten Tage – wir erzählen von unserer Neugier, der erhofften innerer Ruhe und dem Charme der Gelassenheit. Er nickt und sagt auch etwas, das ich aber nicht verstehe. Unser beider Englisch ist nicht gut genug, um die Defizite des jeweils anderen kompensieren zu können. Also bleibt es bei nonverbaler Kommunikation. Naja – wir sind ja eh in einem Schweigekloster und gehen wieder.

Das vorerst letzte gemeinsame Bild.

Wir haben noch ein paar Minuten Zeit, bis unsere erste Meditation anfängt. Ich suche meine Sitzkissen zusammen, fülle meine Wasserflasche auf und setze mich nochmal auf mein Bett. Neben mir liegt das Prospekt, welches den Tagesablauf aufzeigt: 

  • 3.30 Uhr Wecken
  • 4 Uhr Gehmeditation
  • 5 Uhr Sitzmeditation

6 Uhr Frühstück und individuelle Pause

  • 7.30 Uhr Sitzmeditation
  • 8.30 Uhr Gehmeditation
  • 9.30 Uhr Sitzmeditation

10.30 Uhr Mittag und individuelle Pause (ab 12 Uhr soll nichts mehr gegessen werden)

  • 13 Uhr Sitzmeditation
  • 14 Uhr Gehmeditation
  • 15 Uhr Sitzmeditation

16 Uhr Saft und individuelle Pause

  • 18 Uhr Sitzmeditation
  • 19 Uhr Gehmeditation
  • 20 Uhr Sitzmeditation

21 Uhr Tagesausklang mit gemeinsamem Gesang (Metta Chanting)

ab 21.30 Uhr Ruhezeit (oder Zeit für individuelles Meditieren) 

Ich zähle 11 Stunden für die Meditation und 6 Stunden für den Schlaf. Ich rechne erneut. Wieder komme ich auf 11 Stunden meditieren und 6 Stunden schlafen. Kann das sein? Ich nehme jetzt meine Finger zur Hilfe und zähle nochmal wie ein Kind. Als ob ich es nicht wahrhaben wollte. Natürlich war uns diese Information schon vor unserer Anmeldung bekannt, aber ich habe sie immer geschickt ignoriert. Wird schon. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich gehe langsam zur Dhamma Hall. Wird schon – das sage ich mir nun mehrmals in meinen Gedanken. 

Auch in der Meditationshalle bekommen wir alle einen Platz zugewiesen. Die Nonnen und Yogis sitzen durcheinander gemischt in mehrere Reihen gerade hintereinander. Der Anblick der Frauen, jede unter einem farbigen Moskitonetz sitzend ist zwar ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber ich fühle mich unter meinem Netz von Beginn an sehr wohl. Zum einen hält es tatsächlich alle lästigen Insekten ab, zum anderen markiert das Netz meinen individuellen Bereich. Es ist ein kleiner Bereich, gerade so gross wie der Platz, den ich brauche, wenn ich im Schneidersitz sitze. Vielleicht ein Quadratmeter. Sieben Stunden soll ich während unseres Aufenthalts jeden Tag auf diesem Fleckchen Erde verbringen. Wird schon, sage ich mir erneut. 

Ich bin froh für die Abwechslung bei der Gehmeditation. Die Strecke beträgt etwa zehn Meter. Ich schreite sie bevorzugt im Freien ab, da ich hier mehr Luft und Natur spüre. Der Bewegungsablauf erinnert an einen Fischreiher im flachen Wasser, der in Zeitlupe Ausschau nach Fröschen und Fischen hält und durch das flache Wasser watet. Jede Teilbewegung des Beines und Fusses wird in Gedanken seziert und parallel ausgeführt. Damit ist der Fokus auf jede kleine Veränderung gelegt und verhindert das Abschweifen der Gedanken. Im Unterschied zur Sitzmeditation melden sich hier keine Rücken- oder Knieschmerzen. Das macht es alles viel entspannter. Da es sehr warm ist, laufe ich auf meinen Fußsohlen ohne Schuhe. Ich fühle den Boden, seine Wärme, jede Unebenheit und jeden Krümel. Ich sensibilisiere meine Nerven und übe mich so in Achtsamkeit. Dies gelingt mir auf diese Art besser als im Sitzen.

Um 21 Uhr singen alle zusammen einen sogenannten Chanti (ich glaube in der Buddhasprache Pali), der auf mich beruhigend und einschläfernd wirkt. Am Ende des ersten Tages habe ich neun Stunden meditiert – erleuchtet fühle ich mich noch nicht – eher fühlen sich meine Gliedmaßen an, als wenn sie eine ordentliche Massage bräuchten. Ich habe Geduld! 

Wann selbst dem großen Meister die Geduld abhanden kommen kann, ob Jana sich vielleicht doch zuviel zugemutet hat, worüber sich Mönche freuen können, wie wir wahrscheinlich das Leben eines Hundes retteten und was das alles mit einem müden Hahn zu tun hat, erfahrt Ihr in den nächsten Blogartikeln.

Willst du Gott zum Lachen bringen …

…dann erzähl ihm deine Pläne. Gott hat mit uns höchstwahrscheinlich gerade eine super Zeit. „Wenigstens einer, der sich freuen kann“ denke ich, während ich an die Decke starre und darauf hoffe, dass der Strom bald zurückkommt und somit die Klimaanlage wieder anspringt. Wäre ich religiös, würde ich zu Gott beten oder vielleicht sogar mit ihm schimpfen. Es ist unerträglich heiss. Es sind nicht nur die 35 Grad Aussentemperatur und die 90 Prozent Feuchtigkeit in der Luft,  die mir zu schaffen machen, es ist auch das Fieber, mit dem ich mich seit zwei Tagen herumquäle. Micha liegt neben mir im Bett und schaut Videos von Anke Engelke.  Auch er lacht in regelmässigen Abständen. Na immerhin – die Jungs haben Spass. Mir ist überhaupt nicht zum Lachen zumute.

Aber zurück zu unserem Plan: Eigentlich wollten wir heute schon längst in Mandalay sein. Die zweitgrösste Metropole im Zentrum Myanmars hat viele touristische Highlights in der Stadt selbst und in der näheren Umgebung zu bieten. Wir wollten einige Tage dort verbringen und uns alles in Ruhe anschauen. Aber die achtstündige Fahrt, die gestern früh beginnen sollte, konnte ich beim besten Willen nicht antreten. Wir mussten die Tickets für den Bus und das im voraus gebuchte Hotel stornieren und verlängerten stattdessen unser Doppelzimmer bei Kyaw auf unbestimmte Zeit. Zum Glück ist noch Vorsaison, die guten Hostels sind vakant und flexibel für Fälle wie uns. 

Micha schaut besorgt zu mir herüber, hält mir sein Telefon hin, aber ich will jetzt keine lustigen Videos sehen. Er ermutigt mich, zumindest ein paar Schluck Wasser zu trinken. Ich lächle ihn an und richte mich mit Mühe ein bisschen auf. Danke, dass du da bist und dich so liebevoll um mich kümmerst. Ich bin froh, dass es dir gut geht – nicht auszumalen, wie schrecklich es wäre, wenn wir beide zeitgleich ausser Gefecht gesetzt worden wären.

Wie bin ich eigentlich in diese Situation gekommen? Habe ich etwas Falsches gegessen oder getrunken? Wo habe ich mich angesteckt? Ich versuche mich zu erinnern: Vorgestern waren wir den ganzen Tag auf den Beinen und mir ging es gut. Der späte Nachmittag war besonders schön, denn wir haben die Shwedagon-Pagode, den wichtigsten Sakralbau und das religiöse Zentrum Myanmars besucht.

Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal hier und war so begeistert von der Atmosphäre, dass ich unbedingt zurück wollte. Damals war ich nur ein paar Tage aus beruflichen Gründen in der Stadt.  An meinem freien Tag wollte ich so viel wie möglich sehen und über die burmesische Kultur erfahren. Ich buchte eine private Tour mit einem lokalen Guide. Die Shwedagon-Pagode war schon damals mein Highlight. Für mich war es vorgestern ein Privileg, diesen Ort noch einmal besuchen zu dürfen. Ganz besonders schön war es, ihn mit Micha an meiner Seite zu erkunden – einen Mann, den ich 2016 noch nicht kannte und den ich heute so sehr liebe. 

Nun war sehr geduldig und freundlich

Am Eingang bot sich uns eine etwa sechzigjährige, gepflegt aussehende Frau als Führerin an. Auf Grund der Bedeutung dieses Ortes und ihrer sympathischen Art nahmen wir ihr Angebot gern an. Bis zum Einbruch der Dunkelheit war Nun, wie wir sie nennen sollten, unsere Begleiterin. Sie schilderte uns im besten Englisch alles rund um diese Sehenswürdigkeit.

Sie erklärte, dass der Hauptstupa aus 60 Tonnen Gold besteht und mit über 4000 Diamanten, Rubinen und Saphiren verziert ist. Der grösste Diamant an der Spitze wiegt 76 Karat. Was das bedeutet, musste ich auch erstmal recherchieren: umgerechnet sind das 15,2 Gramm, was einem Wert von aktuell rund 300.000 Euro entspricht. Kurz vor Sonnenuntergang wies uns Nun auf sein Funkeln, welches nur von einer ganz bestimmten Position aus zu sehen ist, hin. Wir waren berührt und fasziniert zugleich.

Das Abendlicht liess die Pagode in einem ganz besonderen Glanz erstrahlen. Der dunkelblaue Himmel im Hintergrund bot den perfekten farblichen Kontrast zu der goldenen Kulisse. Obwohl hier so viele Menschen waren, herrschte eine außergewöhnlich magische, friedliche und beruhigende Stimmung. Viele liefen, wie wir, einfach um den grossen Stupa herum, andere saßen in kleinen Grüppchen zusammen und unterhielten sich. Junge Mönche und Nonnen schlichen an uns vorbei. Gläubige meditierten oder verteilten Blumengirlanden und Lotusknospen, während andere jede Menge Räucherstäbchen und Kerzen anzündeten.

Umgeben ist der Hauptstupa von 60 kleineren Stupas und vier größeren an den Querseiten, welche die vier Himmelsrichtungen markieren. Dazwischen befinden sich unzählige Andachtshallen, Schreine und Pavillons mit liegenden, sitzenden, ruhenden und sonstigen Buddhas. Überall stehen Glocken, die man mit einem grossen Stück Holz anschlagen kann und sich dabei etwas wünschen darf. Als Micha das erfuhr, ging er schnurstracks auf den nächsten Gong zu und fing an, ihn mehrfach zum Läuten zu bringen. Hatte er so viele Wünsche oder hatte er einfach Spass an der Kombination aus sportlicher Betätigung und Klangerzeugung? 

Ich beobachtete in der Zeit, wie manche Besucher kleine Gläser mit Wasser immer wieder über einige Figuren schütten. Nun erklärte, dass der Wochentag der Geburt für Burmesen besonders wichtig ist. Er bestimmt den Namen des Kindes und dessen Persönlichkeit. Der astrologische Kalender in ihrem Land unterteilt die Woche in 8 Tage, wobei der Mittwoch (Tag, an dem Buddha geboren wurde) aus zwei Teilen besteht. Zu jedem Tag gehört ein Tier, ein Planet und eine Himmelsrichtung. Micha ist ein Sonntagskind, ihm ist der Garuda (ein mystischer Vogelmensch) zugeordnet und als Planet die Sonne. Seine Himmelsrichtung ist der Nordosten. Ich wurde an einem Montag geboren. Mein Tierzeichen ist der Tiger, mein Planet der Mond und meine Himmelsrichtung der Osten. 

Als wir an dem Altar mit dem Tiger vorbeigingen, fordert mich Nun auf, Wasser über die beiden Figuren zu giessen. Üblicherweise gießt man die seinem Alter entsprechende Anzahl von Gläsern Wasser plus einen für eine gute Zukunft über das Tier und den Erleuchteten. Bei mir kamen da einige Gläser zusammen, so dass die Prozedur ein bisschen Geduld von Nun und Micha verlangte. Danach zündete ich eine kleine Kerze an und wünschte mir ebenfalls etwas. Ich machte es kurz und knackig: Gesundheit, Liebe und Zufriedenheit. 

Jetzt muss ich doch ein bisschen lachen: habe ich vielleicht den kleinen Buddha falsch begossen, dass er mich ein paar Stunden nach dem Ritual dermassen abmahnt?

Jedenfalls wäre ich gerne noch länger in der Pagode geblieben, so schön fand ich es dort. Aber wir mussten noch unsere Wäsche abholen, die Rucksäcke packen und ein bisschen Proviant für die geplante Busfahrt am nächsten Tag kaufen. Und so fuhren wir zurück ins Hostel. Im Taxi merkte ich das erste Mal, dass mir irgendwie schlecht wurde. Vielleicht lag es ja am Fahrstil, dachte ich.  Aber auch im Hostel erholte ich mich nicht wieder. Ich wollte schnell den Rucksack packen und früh ins Bett gehen. Vielleicht verlangte mein Körper einfach nach etwas Ruhe. Aber auch im Bett wurde es nicht besser. Im Gegenteil, ich fühlte mich immer mieser und bekam üble Bauchschmerzen. Dann ging alles recht schnell. Irgendetwas war in mir, was mein Körper nicht wollte. Zunächst versuchte er es mit einem akuten Durchfall zu beseitigen. Aber das schien nicht zu genügen. Nachdem ich die Gemeinschaftstoiletten auf zittrigen Beinen verlassen und mich wieder ins Zimmer geschleppt hatte, entschied sich mein Körper für eine Magenentleerung im Turbogang. Jetzt spüre ich die Kehrseite meines konsequenten Verzichts auf die oft grosszügig gereichten Einkaufstüten beim Shoppen. Wo sind die verdammten Plastiktüten, wenn man sie braucht? Mein Körper folgte dem aggressiven Werbeslogan des totalen Ausverkaufs:  „Alles muss raus“. Ich war mittlerweile so geschwächt, dass mir sogar das Sitzen schwer fiel. Eine Pause war mir nicht vergönnt. Ich sollte mich erneut, diesmal auf Michas Arm gestützt, zu den Toiletten hieven. Wie weit doch zehn Meter sein können. Und wie schnell ich meine Energie verloren habe. Jede Bewegung war zu viel für mich. Ich wollte nicht mehr. Mein Herz raste und ich fühlte, wie mein Blutdruck absackte. Mir ging es so schlecht, wie schon lange nicht mehr.

Micha gab mir Wasser und ein Mittel gegen Durchfall. Ich hoffte auf den Verbleib im Körper und die schnelle Entfaltung seiner Wirkung. Irgendwann schlief ich ein, aber die Nacht war nicht erholsam. Ich bekam Fieber, Schüttelfrost und Schweissausbrüche. Immerhin musste ich mich nicht mehr übergeben. Am nächsten Morgen kaufte Micha Salz, Zucker und Orangensaft und mischte mir damit eine Elektrolytlösung, die zwar furchtbar schmeckte, die ich aber dringend brauchte. Den Tag verbrachte ich mit Schlafen, Trinken und Fiebermessen. Zum Glück stieg das Thermometer nicht auf über 39 Grad an – dann wären wir ins Krankenhaus gefahren. Über unsere umfangreiche Reiseapotheke, über die wir hin und wieder fluchen, da sie viel Platz einnimmt, waren wir selten so froh, wie in diesen Tagen. Wir hatten auch fiebersenkende Medikamente dabei und auch der viele Schlaf gestern tat mir gut. 

Heute geht es mir schon etwas besser. Ich glaube, das Gröbste überstanden zu haben und bin dankbar für meinen starken Körper, der den Kampf mit dem viralen oder bakteriellen Eindringling anscheinend gerade für sich entscheidet. Micha lacht laut auf und ermutigt mich, mir dieses eine Ladykracher-Video anzusehen. Danke Anke, jetzt muss ich auch schmunzeln. Nach einer Weile fängt es über uns an zu rattern. Die Klimaanlage ist angegangen, der Strom ist zurück. In meinem erleichternden Seufzer stosse ich ein klitzekleines Dankesgebet an Gott und an Buddha aus. Und ich lache erneut. 

Dehnübungen im Palast

Die Kleidervorschrift für den Besuch des Kumsusan Palast der Sonne ist sehr streng: Männer müssen ein Hemd und eine Krawatte tragen, dunkle Hosen (keine Jeans) und dunkle Schuhe. Ich soll entweder einen zumindest knielangen Rock, ein Kleid oder eine lange Stoffhose anziehen. Die Bluse muss die Schultern bedecken (einfach einen Schal darüber zu legen, reicht nicht aus). Dazu soll ich mir Schuhe aussuchen, die die Zehen bedecken. Turnschuhe – das versteht sich von selbst, sind nicht erwünscht. 

Da unser Rucksack jedoch nicht den Inhalt eines begehbaren Kleiderschranks hervorzaubern kann und wir in Nordkorea nicht einfach so shoppen gehen können, besorgten wir uns die fehlende Krawatte für Micha und ein paar geschlossene Schuhe für mich noch in Peking.

Hübsch verpackt und rausgeputzt wie schon lange nicht mehr, starten wir früh in den Tag. In unserem Bus auf dem Weg zum Mausoleum werden wir von unseren Guides erneut über den Ablauf des Besuchs informiert. Denn nicht nur die Kleidervorschriften sind streng, auch das Verhalten vor Ort ist klar geregelt und darf auf keinen Fall abweichen. Zur Sicherheit bekommen wir die Anweisungen ebenfalls auf Papier ausgehändigt. Aha – da ist er wieder –  einer der Momente, in denen wir uns als Paar besser kennenlernen. Jetzt wissen wir, wer von uns beiden in Zukunft die Beipackzettel von Medikamenten und die Gebrauchsanweisung von neuen elektronischen Geräten lesen wird. Während ich mich pflichtbewusst durch die zwei A4-Seiten Anweisungen auf Englisch durcharbeite, vertraut Micha auf das gesprochene Wort und lässt es dabei bewenden – oder: Am Arsch vorbei führt auch ein Weg.

Der Bus lässt uns an einem grossen Parkplatz raus. Zu unserem Erstaunen heißt es nicht „Balliballi“, sondern „bitte warten“. Alle momentanen Nordkorea-Touristen haben ihren Besichtigungstermin auch heute. Es ist Reisegruppen aus dem Ausland nur Donnerstag- und Sonntagvormittag erlaubt, die Anlage zu besichtigen. Es kommen noch viele weitere Busse an.

Während wir hier so stehen und warten, beobachte ich die anderen Touristen. Ich höre viel Englisch, etwas Deutsch und Russisch durcheinanderreden. Fast alle sind den Anweisungen entsprechend gekleidet. Doch irgendetwas ist anders als sonst. Aber was? Schnell fällt mir auf, dass hier eine Sprache in dem Hintergrundrauschen fehlt. Haben wir sonst überall auch grosse Reisegruppen mit chinesischen Touristen gesehen, so fehlen diese hier komplett. Ich frage unseren Reiseleiter und dieser muss sofort schmunzeln. Ich bin nicht die erste, die nach den Gästen aus dem Nachbarland fragt. Unter vorgehaltener Hand sagt er uns, dass es den Chinesen sehr schwer fällt, sich an die bestehenden strengen Kleider- und Verhaltensvorschriften zu halten und sie deshalb hier von höchster Ebene angeordnet unerwünscht sind.

Nach dem Besuch im Inneren dürfen wir noch schnell ein Foto vor dem Palast machen.

Der ehemalige Amtssitz des „ewigen Präsidenten“ Kim Il Sung ist heute seine Ruhestätte, ebenso die seines Sohnes Kim Jong Il. Es ist das größte bestehende Mausoleum, das einem kommunistischen Machthaber gewidmet ist. Das Fotografieren im Inneren des Gebäudes ist strengstens verboten. Die Artikel-Bilder, die wir verwenden, sind Screenshots aus diesem Video vom staatlichen Fernsehen. Es zeigt den Besuch des amtierenden Machthabers Kim Jong Un und ist schon allein aufgrund der euphorischen Nachrichtensprecherin in den ersten 30 Sekunden sehenswert. Kim III nimmt in der Reportage die gleiche Route wie wir.

Nachdem wir alle vollständig sind, geht es los: Aufstellung in einer 4-er Reihe bis alle untergebracht sind. Wir setzen uns in Bewegung.  Ab den ersten mehr oder weniger synchronen Schritten herrscht Redeverbot. Wir sollen darauf achten, immer auf der gleichen Höhe zu gehen, wie die anderen drei Personen aus unserer 4-er Gruppe – gar nicht so einfach. Wann bin ich das letzte Mal im Gleichschritt gelaufen? War das in meiner Grashüpfergruppe im Kindergarten? Den einheimischen Besuchern, die weit vor uns gehen, fällt diese Art der Fortbewegung sichtlich leichter.

Nach dem Besuch lockern sich die Reihen wieder.

Bald erreichen wir eine Halle, der eigentliche Eingang zu dem Palast. Hier müssen wir nochmals warten und uns neu formieren. Eine 2-er Gruppe ist jetzt zu bilden. Die Koreaner, die eben noch vor uns liefen, warten auch. Ich nutze den Moment, um sie genauer anzuschauen. Von weitem erkannte ich, dass die Frauen fast alle traditionelle Kleider und die Männer alle einen Anzug tragen. Jetzt kann ich ihre Gesichter näher betrachten. Ich sehe Menschen, die gezeichnet sind vom Leben auf dem Land,  von körperlich schwerer Arbeit. Vor allem die Männer sehen dünn, fast dürr aus, ihre großen schwieligen Hände verraten, das ihr Alltag nicht aus Home-Office besteht. Die Haut ist rau und gezeichnet von den vielen Tagen unter freiem Himmel. Seltsam, das gerade dieser Teint in unseren Breitengraden als verwegen, heldenhaft männlich missdeutet wird. Jetzt erkenne ich auch den sehr schlechten Zustand ihrer Anzüge. Waren die Koreaner, die wir im Zentrum von Pjöngjang gesehen haben, ziemlich gut gekleidet, so fällt es hier auf, dass diese Besucher wohl nicht zu den privilegierten Hauptstadtmenschen gehören. Wahrscheinlich schaue ich jetzt in das wahre Gesicht von Nordkorea. Was ist wohl die Lebensgeschichte jedes Einzelnen? 

Mein Gedankengang wird unterbrochen, denn wir müssen weiter. Wir passieren einige Kontrollen, biegen erst links, dann wieder rechts ab. Bald stehen wir auf einem Fahrsteig, wie man ihn vom Flughafen kennt, um große Distanzen schneller zu überbrücken. Links von uns befindet sich eine weiße Mauer mit eingravierten fliegenden Kranichen. Davor wurden Weinreben gepflanzt, alle stehen im gleichen Abstand zueinander. An der Decke sind Lautsprecher angebracht, sie beschallen uns in Dauerschleife mit der getragenen Sinfonie, die zum Tode des „ewigen Präsidenten“ Kim Il Sung extra komponiert wurde. Sie erfüllt ihren Zweck – ich werde traurig. Aber nicht über den Tod des Herrschers, sondern über das offensichtlich schwere Los der Menschen, die hier leben und nun vor mir auf dem Rollfeld stehen.

Es vergeht eine Ewigkeit, bis wir das Ende dieses Flurs erreichen. Dann geht es erneut durch meterhohe Türen, weiter nach unten – wie in eine Gruft, nur besser ausgeleuchtet. Wir scheinen einen neuen Gebäudeabschnitt erreicht zu haben. Wieder müssen wir uns von einer flachen Rolltreppe im Zeitlupentempo chauffieren lassen. Diese Dinger wären in Flughäfen ganz klar ein No Go – viel zu langsam. Hier allerdings sollen die Besucher den Moment bewusst erleben, um die beidseitig hängenden Gemälde bewundern zu können. Sie zeigen den verstorbenen Vater und den Grossvater des aktuellen Alleinherrschers in gewohnt strahlend-visionären Posen. Links Kim I bei der feierlichen Eröffnung einer Fabrik, rechts Kim II bei der Bewunderung frisch geernteter Kartoffeln. Es sind bestimmt 50 Bilder von jedem – alle zeigen ähnliche Motive, alle haben dieselbe Grösse, alle umgibt ein goldener Rahmen. Sie sind im exakt gleichen Abstand zueinander aufgereiht. 

Der Grosspapa ganz entspannt mit Zigarettchen.

Dann stehen wir endlich vor der ersten Besucherhalle. Wie war die Instruktion doch gleich? Richtig, nun ist wieder eine 4-er Gruppe zu bilden. Langsam im Gleichschritt sollen wir vorwärts gehen, bis zu einer weissen Linie auf dem Boden, dort sollen wir stehen bleiben. Wir gleiten durch einen riesigen in goldener Farbe gehaltenen Raum, voller Marmor, perfekt poliert, überall stehen Säulen, es ist sehr hell. Unseren Blick haben wir auf die zwei übergrossen Wachsfiguren von Kim Il Sung und Kim Jong Il gerichtet. Micha läuft in der 4-er Gruppe vor mir. Ich sehe, wie er und sein Nachbar die weisse Grenzlinie marginal übertreten. Mein Herz reagiert sofort mit erhöhtem Pulsschlag – ich habe Angst, dass dieser Fauxpas von den Soldaten registriert und abgemahnt wird. Zum Glück reagiert der andere Nachbar und weisst die beiden Delinquenten flüsternd darauf hin. Die Soldaten haben wohl nichts gemerkt. Keine Ahnung, welche Auswirkungen so ein Grenzübertritt haben könnte – aber ich finde, mein Mann sollten es nicht austesten.

Vor den Wachsstatuen müssen wir uns das erste Mal verneigen. Eine 90-Grad Verbeugung wurde uns empfohlen. Die Hände sollen dabei entweder vor dem Körper gefaltet werden oder gerade an der Hüfte anliegen. Sie hinter dem Rücken zu halten, gilt als Beleidigung der Wachsfiguren. Nach der langsam ausgeführten Gruppenverbeugung geht es aus dem Raum heraus. Mein Herz hat sich mittlerweile auch wieder beruhigt. Wir stehen im Vorraum des Mausoleums von Kim Il Sung. Der Guide erinnert uns an den Ablauf der nächsten zwei Minuten:  Als 4-er Gruppe sollen wir vor den Sarg treten, vor den Füssen des Verstorbenen stehen bleiben (auch hier gibt es kleine Punkte am Boden, die dem Besucher den genauen Platz für die Verbeugung anzeigen), innehalten und uns dann langsam verneigen. Das gemeinsame Verbeugen fällt meiner Gruppe erstaunlich leicht. Obwohl wir nicht verbal miteinander kommunizieren und nebeneinander stehen, spüren wir als Gemeinschaft, wann wir mit dem Oberkörper nach unten gehen und wann wir uns gemeinsam wieder aufrichten. Dann geht es im Uhrzeigersinn weiter um den Sarg herum. Wir bleiben vor der linken Seite stehen und verneigen uns erneut. Jetzt müssen wir uns konzentrieren, denn nun kommt eine Ausnahme: am Kopfende dürfen wir nicht pausieren und uns auf keinen Fall vor dem Haupt des Aufgebetteten verneigen (ihr ahnt es: es gilt als Beleidigung). Also schleichen wir diszipliniert weiter zur rechten Seite, stoppen und genau: verneigen uns ein drittes Mal. Das Verbeugen vor dem Diktator ist übrigens Pflicht. Wir wussten im Vorfeld, dass dies hier von uns verlangt wird. Diejenigen, die sich nicht vor den Verstorbenen verneigen möchten, hätten heute Morgen im Hotel bleiben können. Aus unserer Gruppe sind alle mitgekommen. Ich betrachte die Verbeugung als Dehnübung für meine hintere Oberschenkelmuskulatur. 

Von dem Parteiführer selbst sehe ich kaum etwas. Ich bin so auf das korrekte Ausführen des Rituals konzentriert, dass ich keine Details des Toten wahrnehme. Zudem ist das Licht in diesem Raum sehr gedämmt. Mir fällt jedoch auf, dass in jeder Ecke ein Soldat in voller Montur stramm steht.

Wir verlassen den Bereich und gehen nun durch den Museumsteil dieser Etage. Allerhand Ehrendoktortitel von Kim Il Sung (Kim I) und Gastgeschenke befreundeter Staaten werden zur Schau gestellt. Dann treten wir in eine riesige Ausstellungshalle und bekommen zunächst die konkrete Reiseroute von diversen Staatsbesuchen erklärt. Die Limousinen, der private Eisenbahnwaggon und sogar die Yacht von Kim I sind hier ausgestellt. Ein Dienstfahrrad suche ich vergebens.

Danach gehen wir als Gruppe geschlossen eine Ebene höher zum Mausoleum von Kim Jong Il (Kim II ). Noch einmal treten wir vor einen offenen Sarg, machen unsere Dehnübungen an den drei Seiten und werden im Anschluss zu den Auszeichnungen, Medaillen und Dienstfahrzeugen des „Ewigen Generalsekretärs“ geführt. 

Das grosse Gebäude, die exakt vorgegebene Prozedur und die hier herrschende angespannte Stimmung machen den Besuch anstrengend für mich. Ich bin froh, dass ich nun wieder auf dem Fahrsteig stehe und mich von diesem langsam zurückfahren lasse. Das Band auf der anderen Seite befördert die koreanischen Besucher, die ihren Rundgang noch vor sich haben. Ich betrachte sie, schaue sie direkt an, doch mein Blick wird nicht erwidert. Fast alle starren nach vorn oder nach unten. Ich sehe sie, sehe jeden Menschen, der sich langsam an mir vorbei bewegt. Jeder Einzelne ist wichtig, auch wenn die Rhetorik in diesem Land nur das Kollektiv kennt. Wieder frage ich mich bei Jedem, was wohl seine ganz persönliche Geschichte ist. Ich werde sie nie erfahren. Mit meinem Blick versuche ich dem Menschen, der gerade auf meiner Augenhöhe ist, Zuspruch zu schenken. Und in meiner Vorstellung verbeuge ich mich vor ihm. Diese gedankliche Verneigung meine ich ernst. Diese Verbeugung ist voller Aufrichtigkeit.  

Schwer zu beschreiben

Nach über fünf Flugstunden landen wir endlich in Yangon, der ehemaligen Hauptstadt von Myanmar. Endlich raus aus diesem atemlosen und mich so erschöpfenden Shanghai.

Mitternacht ist schon lange vorbei. Ein Taxi bringt uns in nun wieder feuchtwarmer Luft zu unserem Hostel. Nach rund dreißig Minuten bleiben wir in einer dunklen und staubigen Straße stehen. Die Adresse stimmt. Doch wo ist unsere Unterkunft? Der Eingang ist weder auf den ersten noch den zweiten Blick zu erkennen. Wir stehen eine Weile ratlos auf der Strasse und versuchen uns zu orientieren. 

Dann sehen wir auf einem der heruntergekommenen Balkone ein kleines Schild mit Leuchtreklame  – tatsächlich, der Name unseres Hostels blinkt uns hier entgegen. Im Eingang zu dem Gebäude, gleich auf dem ersten Treppenabsatz liegt ein vom Alter her nur schwer zu schätzender Mann auf einem heruntergekommenen Liegestuhl, schläft und schnarcht. Er trägt ein Tuch um seinen Unterleib und ein schmutziges Baumwollhemd. Er sieht etwas mager aber friedlich aus. Hat er kein Zuhause, dass er hier im Hausflur ruhen muß oder verschläft er gerade seinen Dienst als Security-Mitarbeiter? Ich weiß nicht, welche Antwort mir lieber wäre.

Mit unseren Rucksäcken, die sich gerade so gar nicht nach leichtem Gepäck anfühlen, treten wir in einen zwei Quadratmeter großen Hausflur. Smartphones von heute ersetzen das Telefon, die Musikanlage, das Wörterbuch, die Landkarte und neben anderen tausend nützlichen Dingen auch die Taschenlampe. Genau diese Funktion nutze ich gerade. Wir passieren den Schlummernden auf den leisesten Sohlen, die uns in diesem Licht möglich sind. Wir müssen in den zweiten Stock. Die kleine Treppe ist voller Löcher, hat kein Geländer, dafür umso mehr herunterhängende Stromkabel. Höchste Konzentration ist gefragt – und das Nachts um drei. Ich erwische mich dabei, wie ich leise fluche. Dann betreten wir nach einem vorsichtigen Klopfen den Eingangsbereich. Kyaw begrüßt uns euphorisch. Wie kann jemand um diese Uhrzeit noch ein so offenes und freundliches Gesicht haben? Meine Stimmung bessert sich schlagartig, denn ich fühle mich sofort willkommen. Mit Kyaw waren wir bereits vor unserer Anreise im Kontakt. Wir hatten ihn vor unserer frühen Ankunft gewarnt. Und so hatte er, der rund um die Uhr für seine Gäste da ist, seine Schlafliege im Frühstücksraum zusammengeklappt, um uns zu empfangen. Sein Leben scheint nur aus diesem Job zu bestehen und trotzdem strahlt er diese Güte und Zufriedenheit aus, die mir oft in den kommenden Wochen begegnen wird.

Das frühere Burma oder Birma ist ein zutiefst religiös geprägtes Land. Mir fällt der Begriff Mönchsrepublik ein, wenn ich rückblickend an unsere Zeit dort denke. Mönche, Tempel, Klöster, Zeremonien, buddhistische Statuen und eine in der Gesellschaft gelebte Spiritualität laden mich freundlich ein, mehr über die hier praktizierte Religion erfahren zu wollen. Birmanische Buddhisten von heute schätzen die Meditation, geben reichlich Almosen und sehen ihr Los als Konsequenz einer Sünde oder eines Verdienstes in einem früheren Leben. Das gesellschaftliche Ideal für die meisten Bürger wird allgemein bahmasan chin (zu Deutsch; „Birmanisch sein“) genannt. Zu dessen Charakteristika zählen Respekt vor Älteren, Kenntnis der buddhistischen Schrift und taktvolles Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht. Das Wichtigste jedoch ist: Das Stille, Subtile und Indirekte hat immer Vorrang vor dem Lauten, Offensichtlichen und Direkten. Als ich das gelesen hatte, wußte ich, das ich dieses Land und seine Menschen als ebenso exotisch wie liebenswert empfinden würde. Mein erster Eindruck wird sich bestätigen. 

Den nächsten Tag gehen wir ruhig an. Wir wollen erstmal richtig ankommen und uns orientieren. Die Strassen von Yangon sind voller Menschen, überall sehen wir sporadisch aufgebaute Marktstände, Erwachsene sitzen auf kleinen Plastikhockern und unterhalten sich, Kinder spielen miteinander, Hunde suchen nach etwas Essbarem. Die Fassaden der Häuser sehen alle sehr, nun ja, historisch aus. Viele wurden zur englischen Kolonialzeit im 19. Jahrhundert gebaut und seit dem wohl nicht mehr restauriert. Auch dies ist ein krasser Unterschied zu China. Überhaupt kommt es mir vor, als wären wir nicht im Nachbarland, sondern in einer komplett anderen Welt. Ich fühle mich trotz der vielen Menschen, trotz des Lärms der Strassen und trotz des Schmutzes überraschend wohl hier.

Sind es die vielen Mönche, die so friedlich an uns vorbeilaufen? Sind es die zahlreichen goldig schimmernden Pagoden, die zwischen den Häusern hervorlugen und eine beruhigende Stabilität ausstrahlen? Ich weiss es nicht. Aber ich verstehe Jana, die vor ein paar Jahren schon einmal beruflich für ein paar Tage hier war und unbedingt zurückwollte. Sie berichtete von einer besonderen Atmosphäre und Stimmung im Land – konnte es aber nicht genauer beschreiben. 

Wir entdecken einen Beauty-Salon. Nach all den Laufeinheiten in China und der kurzen ersten Nacht in Myanmar tut uns die traditionelle Massage mehr als gut. Kaum sind die Muskeln versorgt, fängt auch schon der Bauch an zu knurren. Der Besitzer eines der vielen indischen Restaurants winkt uns freudig herein und überreicht uns stolz die Speisekarte auf Englisch. Schnell merke ich, dass es zwar lateinische Buchstaben sind, die ich da lese, ich aber trotzdem kaum etwas verstehe. Sie haben die Gerichte nicht erklärt und so überlegen wir, welche der vielen Speisen, die unter der Kategorie „Veggie“ stehen, wir bestellen sollen. Dann spricht mich ein irgendwie anders als die anderen Gäste aussehender, nicht mehr ganz junger Mann an. Er ist auf eine Art freundlich, die es mir unmöglich macht, mich nicht darauf einzulassen. Er fragt, ob er helfen dürfe. Jana und ich schauen uns an: ja, sehr gerne! Zur Freude des Restaurantbesitzers erklärt er uns die Speisekarte. Dabei wirkt er so engagiert, dass er mir wie ein Kandidat im Bewerbungsgespräch vorkommt. Neugierig, aber nicht aufdringlich fragt er nach unserer Herkunft und welche Beweggründe uns hierher verschlagen haben. Dankbar für seine Hilfe lassen wir uns trotz unseres Hungergefühls auf ein längeres Gespräch mit ihm ein. Von seinem Tisch grüßt eine ältere europäisch aussehende Dame zu uns herüber. Sie wird uns später als Sally aus Australien vorgestellt und bringt genau den Job zu Ende, den unser neuer Bekannter Melvin für uns gerade übernommen hat. Sie arbeitet an einer neuen englischen Speisekarte, die die angebotenen Speisen touristenfreundlich umschreibt. Wir erfahren, das er Brite mit philippinischen Wurzeln eines Elternteils ist und vor einigen Jahren in London seine burmesische Frau kennengelernt und geheiratet hat. Inzwischen ist er Vater eines kleinen Sohnes und mit seiner Frau in ihre Heimat umgezogen. Dann zieht er sich zu seiner Tischnachbarin zurück, spricht mit dem Gastwirt und wir genießen unseren späten Lunch. 

Ein Selfie mit Melvin für seinen Facebook-Account 

Noch bevor wir den Nachtisch bestellen können, hat uns Melvin zu diesem Essen und zu seiner am nächsten Tag stattfinden Party anlässlich seines vierzigsten Geburtstages eingeladen. Da sagen wir natürlich nicht nein. Was für ein toller Start in Myanmar!

Das Fest findet auf einem Ausflugsboot zeitgleich mit einem Studienabschlußtreffen sowie einer Firmenfeier statt. Als Geschenk überreichen wir ihm einen Gutschein für eine Massage, von dem Spa welches wir gestern besucht haben. Der laue Abend auf dem Ausflugsdampfer versprüht eine lässig-wohlige Laune. Beim Spaziergang über das Schiff werden wir von Burmesen mehrfach angesprochen und um Fotos gebeten. Neben all den zierlichen Menschen fühlen wir uns wie zwei grosse nordische Walrosse inmitten einer Herde flinker Zwergpinguine. 

Auf unserer Reise durch Myanmar werden wir immer wieder freundlich interessiert von den Menschen beobachtet und von den Mutigeren auch angesprochen. Die meisten wollen einfach nur ein Foto mit uns. Wir sagen stets zu und bitten im Gegenzug ebenso um eines mit ihnen. Wahrscheinlich sind wir mit unserer Bitte eher eine Ausnahme unter den Touristen, denn wir schauen dann meistens in verwunderte Augen. Aber auch uns wird unser Fotowunsch nie verwehrt. Überhaupt sind die Burmesen ein überaus freundliches Volk. Wir verständigen uns mit Hilfe von ein paar Wörtern aus dem Reiseführer und per Mimik und Gestik – ein Lächeln wird stets mit einem Lächeln erwidert. Die Burmesen wirken auf uns geerdet, dankbar und glücklich, mit dem was sie haben. Dabei haben die meisten von ihnen nicht viel an materiellem Besitz. Ein Drittel aller Haushalte lebt nach Angaben der Weltbank in Armut.

Auf einem späteren Ausflug ins Landesinnere schüttet es auf einmal wie aus Kübeln. Die Straßen verwandelten sich innerhalb von Minuten zu Flüssen. Von den Hängen spült das Wasser allerhand Schlamm und Gestein herunter. Jana und ich sehen aus dem Fenster und fangen an zu verstehen. So ein Regen würde bei uns höchstens dazu führen, dass Menschen ihre Verabredungen auf später verschieben – schließlich will niemand nass werden. Das Wasser würde in die Gullys abfließen und selbst wenn es in einen Hauskeller eindringt, so würde die Versicherung in den meisten Fällen für den entstandenen Schaden aufkommen. Hier allerdings kann die Mischung aus Wasser und Geröll durchaus die per Hand gebauten Bretterhütten wegspülen und sogar das Leben der Bewohner gefährden. Ich kann nur mutmaßen, aber ich glaube, es ist genau diese reale Bedrohung des Ist-Zustands, die dazu führt, dass die Menschen hier so eine Ruhe ausstrahlen. Das klingt vielleicht auf den ersten Blick paradox. Aber ist es nicht so, dass wir in der westlichen Welt kaum lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt sind? Wir vergessen dankbar zu sein, weil wir nicht wissen wofür. Dabei ist es so einfach. Ich möchte mit den Menschen hier nicht tauschen, aber ich wünsche mir, dass wir zufriedener sind, mit all dem was wir haben.

Und so sind es nicht nur die vielen stillen Mönche, die achtsam durch die Strassen ziehen oder die unzähligen goldig schimmernden Pagoden, die diese ruhige Atmosphäre kreieren. Es ist jeder einzelne Mensch hier, der trotz aller Schwierigkeiten eine tiefe Zufriedenheit ausstrahlt und dadurch eine ganz besonders positive Energie entstehen lässt. Es ist, wie Jana gesagt hat, eine besondere Atmosphäre und Stimmung im Land – schwer zu beschreiben. 

Inseln der Ruhe

Unser Zuhause ist der Zug – zumindest für einen halben Tag oder besser: eine Nacht – diesmal von Xi`an nach Hangzhou. Das hat den Vorteil, die großen Distanzen zwischen den Städten in China ohne gähnende Langeweile überwinden zu können und auch die Hotelkosten für die Übernachtung einzusparen. Inzwischen kennen wir uns aus mit den verschiedenen Komfortvarianten. Deshalb buchen wir auch diesmal wieder das 4`er Abteil. Der Nachtschlaf ist nicht wirklich tief, verkürzt jedoch gefühlt die Fahrt – hingelegt und eingedöst. Wir sind mittlerweile ziemlich robust und können fast überall schlafen. Das hilft auf Reisen, da nicht immer klar ist, wie sie verläuft und wo der Tag endet. Es ist schlau, den Akku dann aufzuladen, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Wählerisch darf man allerdings nicht sein. Weder die ständig neuen Abteilnachbarn mit ihren allzu menschlichen Lebensgeräuschen- und düften, noch der Lärm vor der Kabine oder das unrythmische Ruckeln und Schuckeln machen uns inzwischen etwas aus. Diese Genügsamkeit ist definitiv eine wertvolle Gabe, die sich erst so richtig durch unsere Reise entfaltet hat. 

Am folgenden Tag erreichen wir gegen Mittag unser Hostel im Zentrum. Mit rund neun Millionen Einwohnern in der Metropolregion und fünf Millionen im Citygebiet liegt die nur etwa 180 Kilometer von Shanghai entfernte Stadt auf Platz neun der größten Metropolen Chinas. Damit ist Hangzhou mit Abstand größer als jeder Ort in Deutschland. Wuhan, mit seinen 7,5 Millionen Einwohnern, kennt ja inzwischen wohl jeder. Aber wer hatte schon mal was von Hangzhou gehört? Ich gebe zu, ich kannte es bis zu dieser Reise auch nicht. Dabei lassen sich erste Spuren menschlicher Siedlungen an dieser Stelle bis zu 4.700 Jahre zurückverfolgen. Laut Wikipedia soll Marco Polo Hangzhou als „schönste und großartigste Stadt der Welt“ bezeichnet haben. Zu seiner Zeit, im 13. Jahrhundert, hatte die Siedlung den weltweit größten Hafen. Heute ist Hangzhou keine Hafenstadt mehr, denn im Laufe der Jahrhunderte verlandete die Bucht. Es wird angenommen, dass die Stadt zu Marco Polos Zeiten eine Bevölkerung von bis zu einer Million Menschen gehabt haben könnte. Damit wäre sie vor Bagdad die größte mittelalterliche Stadt der Welt gewesen. Womit wieder bewiesen wäre, dass das Reisen nicht dümmer macht.

Wir schauen uns etwas in der Altstadt um, merken jedoch schnell, dass diese eine Neustadt mit auf „alt“ getrimmten Fassaden ist. Auch hier wurde vieles ordentlich durchsaniert. Neu, sauber und westlich modern gestaltet scheint das Credo des verantwortlichen Stadtplaners gewesen zu sein oder der Auftrag der Provinzregierung. Die historischen Elemente sind meist so künstlich, das sie so originell wie weiße Tennissocken wirken. Es gibt mehrere breit angelegte Fußgängerzonen mit unzähligen Shops und verlockenden Essenständen. Junge Menschen tummeln sich auf den Straßen. Stolz tragen sie ihre frisch erstandenen Einkaufstüten und beißen appetitvoll in die Fleischspiesschen, die überall angeboten werden. Es herrscht engagiert-lustvolles Geldausgaben im Freiluft – Shoppingpark.

Um wieder ein bisschen Distanz zu dem Trubel zu gewinnen, besuchen wir abends eine nahe gelegene Pagode. Sie dient heute als Teehaus, Museum und Restaurant und zieht auch deshalb einige Ausflugsgäste an. Mit der Einkaufsmeile kann sie zum Glück nicht mithalten. Der Blick auf die untergehende Abendsonne über den Hügeln des Sees verspricht einen entspannten Tagesausklang.

Da uns das Tandemfahren auf der Stadtmauer in Xi´an soviel Freude bereitete, nehmen wir das Angebot unseres Hostels, dort ebenfalls Fahrräder auszuleihen, dankend an. Unser Ziel ist der Westsee, ebenfalls Unesco-Weltkulturerbe und allein in China über 30 mal nachgeahmt. Er ist jeweils etwa drei Kilometer lang und breit. Der Legende zufolge fiel eine Perle, um die sich ein Phönix und ein Drache zankten, auf die Erde und bildete diesen See. Die Zweiräder bieten uns eine sportliche Gelegenheit, ihn und die Landschaft darum zu erkunden. Der junge Mann hinter dem Hosteltresen gibt zu Bedenken, dass es nicht möglich sei, mit den Fahrrädern direkt am Wasser entlang zu fahren. Da unsere Offlinekarte auf dem Telefon mehrere kleine Wege anzeigt, versuchen wir es trotzdem. Ich stelle mir vor, wie es war als ich um die Aussen-Alster in Hamburg joggte – wie sehr ich die Nähe zum Wasser und wie oft ich die sich darin spiegelnde Sonne genoss. Warum sollten wir also auf der Straße fahren, wenn es doch all diese kleinen Wege direkt am See gibt?

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten und lautet: weil es verboten ist. Überall stehen Schilder mit durchgestrichenen Fahrrädern. Die gut ausgebauten ufernahen Pfade sind nur für Fussgänger vorgesehen. Die gedruckten kleinen und großen Hinweise allein würden uns nicht vom Benutzen der Wege abhalten, aber es stehen wirklich fast überall Aufpasser, die uns schnell und unmissverständlich anbellen, sobald wir auf unseren klapprigen Drahteseln in die Nähe des Ufers kommen. Ein bisschen genervt drehen wir um, und fahren eine ganze Weile auf der vielspurigen Straße abseits vom Wasser. Ja, sie umrundet auch den See, aber wir sind zu weit entfernt, um in den Genuß seines Anblicks zu kommen. Parallel oder hinter anderen Autos zu strampeln bereitet wenig Vergnügen.

Das er auf der Strasse fahren soll, ist klar. Aber wir sind doch gemütliche Touristen!

Immer wieder schauen wir nach Möglichkeiten, uns dem Wasser und der Natur zu nähern und dem lärmenden Verkehrsgewusel zu entfliehen. Wir biegen immer wieder ab und schauen, ob Schleichpfade nicht doch noch für Fahrräder erlaubt sind. Irgendwann entdecken wir eine unbeaufsichtigte Einfahrt und nutzen sofort die Chance.

Ätschi – Bätschi! Wir haben es geschafft! Wir sind direkt am See und genießen von nun an diese herrliche Parklandschaft.

Die Bewegung, dass viele Grün im und am Wasser sowie die sorgfältig errichteten Pfade lassen ein Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit aufkommen. Etwas, das ich in anderen Gegenden in diesem großen weiten Land so oft vermisst habe. Wir machen immer wieder Pausen, gehen ein Stück zu Fuß und geniessen den Sonnenuntergang.

An einer Stelle lassen Drachenflieger ihre Papiervögel in der hohen Luft tanzen. Wären nicht die vielen uniformierten Ordnungswächter an (fast) allen Zu- und Abgängen rund um den See sowie die überall gut sichtbar angebrachten Überwachungskameras, könnte ich es eine Idylle nennen. 

Der Bahnhof von Hangzhou mutet im Gegensatz zur „Altstadt“ wie ein moderner Flughafen an. Er ist riesig, hell und sehr sauber. Alles ist gut organisiert. Gewartet wird in der Bahnhofshalle. Wir dürfen erst nach Aufruf kurz vor planmäßiger Abfahrt durch das Gate auf den Bahnsteig. Dort steht überall mehr oder weniger freundliches Bahnhofspersonal und komplimentiert uns in die richtigen Wagenabteile. Vor dem „Boarding“ zeigen wir unsere Tickets, direkt beim Einstieg wird erneut kontrolliert. Keine Chance für Schwarzfahrer.

Was wir nicht wissen ist, dass wir zwar ein Ticket haben, aber keinen Sitzplatz. Das gibt es also auch in China. Für uns bedeutet dies, dass wir die Fahrtzeit im modernsten Hochgeschwindigkeitszug des Landes im Gang verbringen müssen.

Zum Glück dauert die Fahrt in die grösste Stadt Chinas und sechstgrößte Stadt der Welt, Shanghai, nur etwa eine Stunde. Es ist die letzte Station unserer Reise durch dieses riesige Land. Wir nehmen uns zwei Tage für die Megametropole – mehr wollen wir uns nicht zumuten.

Einer Empfehlung folgend, brechen wir am nächsten Morgen auf, um den buddhistischen Jade-Tempel zu besuchen – ein Ort der Ruhe und Spiritualität, wie wir hoffen. Unsere Erwartungen werden nicht enttäuscht. In einem der vielen Tempel gibt es die Möglichkeit, sich auf, ähnlich dem Backpapier, dünnen Papyrusrollen kalligraphisch zu üben. Tinte und Feder können gegen eine kleine Spende ausgeliehen werden.

Auf dem feinen Pergament sind Teile des Dharma (Weisheiten des Buddha) zart wie Wasserzeichen abgedruckt. Die Herausforderung besteht im schwungvoll ästhetischen und doch exakten Nachschreiben. Dabei handelt es sich um eine ebenso interessante wie entspannende Übung der chinesischen Schriftzeichen und des kunstvollen Aufzeichnens. Ich fange vorsichtig an. Schon nach kurzer Zeit stellt sich dieses kontemplative Hochgefühl einer monotonen, jedoch ziemlich beruhigenden Tätigkeit ein. Ich erinnere mich an früher, als ich im Garten den Rasen und die Pflanzen wässerte oder im Kindesalter tagelang Puzzlespiele mit Landschaften oder Städtebildern zusammensetzte. Dabei hatte ich ähnliche Empfindungen.

Eine der vielen Tempelkatzen gesellt sich erst zu Jana, dann zu mir. Nicht, dass sie sonderlich an uns oder unserer Tätigkeit interessiert wäre. Nein – der Tisch an dem wir gemeinsam sitzen ist gross genug und vielleicht ein Lieblingsplätzchen dieser dem Wesen des Buddhismus scheinbar nahe stehenden Tierart.

Wir verbringen den ganzen Tag an diesem Platz der Ruhe und essen zwischendurch im vegetarischen Tempelrestaurant. 

Am Abend machen Jana und ich uns auf zum weltberühmten „Bund“ in Shanghai. Es ist die eineinhalb Kilometer lange Uferpromenade entlang des Huangpuflusses auf der sich, wie kann es auch anders sein, hunderttausende Besucher tagtäglich wimmeln. Das Wort „Bund“ leitet sich von einem anglo-indischen Wort für eine Böschung entlang von schlammigem Wasser ab. Zahlreiche hier stehende Häuser sind historische Kolonialbauten im europäischen Stil, in denen heute Banken, Konsulate und Unternehmen untergebracht sind.

Auf der gegenüberliegenden Flussseite sind die vielen Wolkenkratzer und architektonischen Höchstleistungen, die jetzt zur Dämmerung Kulisse einer tagtäglichen Megashow werden, zu bewundern. Der Trubel und die Fülle an Menschen bilden erneut ein Kontrastprogramm zum Nachmittag. Wie bunte Lutscher aussehende Bürotürme leuchten farbenfroh durcheinander und wirken wie Las Vegas am Meer. Es blinkt unentwegt, so dass wir nicht wissen, wo wir als erstes hingucken sollen. Laserlichter kreisen am Himmel, Musik dröhnt aus den Lautsprechern.

So ein Entertainment kennen wir von unseren Grossstädten in Europa nur zu speziellen Anlässen. Hier in China ist das Besondere das Alltägliche – eine nicht enden wollende Party. Wir setzen uns etwas erschöpft vom Geräusch – und Farbenlärm auf eine freie Bank und fangen an zu philosophieren, fragen uns, welches Programm sie eigentlich zu den besonderen Tagen auffahren. Wie lange können und wollen Sie sich noch selbst übertrumpfen? Gibt es denn keine Grenze bei diesem Dauerspektakel? Unendlicher Spaß in einer endlichen Welt? Irgendwann ist der höchste Wolkenkratzer gebaut und die spektakulärste Show gespielt. Irgendwann ist vielleicht das Alltägliche auch hier wieder das Besondere.

Übrigens: die sich in der Tempelanlage befindlichen zwei lebensgrossen Buddhastatuen aus Jade stammen aus Myanmar, der nächsten Etappe auf unserer Entdeckungstour durch Asien und zu uns selbst. Obwohl beide Länder eine gemeinsame Grenze haben, kann ich mir kaum eine gegensätzlichere Grundstimmung in diesen Gesellschaften vorstellen. Ich bin dankbar für meine Begegnungen und Erlebnisse im Reich der Mitte. Keine Ahnung, ob ich hierher noch einmal zurückkehren werde. Heute sage ich eher nein, das muss ich nicht nochmal haben. Das wahres Glück und innere Zufriedenheit wenig mit technischem Fortschritt und materiellen Überfluss zu tun haben, wird auf unserer nächsten Station wieder deutlich.

Bye Bye China. Wir sind noch mit regulärem Linienflug rausgekommen. 🙂

Beware of Crowds …

and Keep Safe – lese ich auf einem Schild in der Nähe des Eingangs. Auf Deutsch: Nehmen Sie sich vor den Menschenmassen in Acht und passen Sie auf sich auf. Eigentlich hätte es diesen Hinweis nicht mehr gebraucht. Während unseres Aufenthaltes hier registriere ich bereits häufiger das für Mitteleuropäer seltsam anmutende Verständnis von gegenseitiger Rücksichtnahme und Höflichkeit. Die Devisen „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ und „Nach mir die Sintflut“ hätten in dieser Region ihren Ursprung haben können. Dieses latente Gefühl, dass die meisten Menschen hier permanent gestresst und primär auf ihren eigenen Vorteil fokussiert sind, habe ich seit unserer Ankunft. Vieles in diesen Tagen hier wirkt angestrengt, hektisch und wenig gelassen auf uns.

Nach der chinesischen Mauer und der verbotenen Stadt in Peking besuchen wir die wohl dritt berühmteste Sehenswürdigkeit Chinas: die Terrakotta-Armee bei Xi`an.

Umgerechnet etwa vier Euro Finderlohn hat der Bauer, der eigentlich nur einen Brunnen bauen wollte, erhalten, als er 1974 auf ein tönernes Etwas hackte. Der vermeintliche Krug entpuppte sich als Schulterteil einer Figur mit einer Öffnung für den Kopf in der Mitte. Der Bauer buddelte weiter und stieß in vier Metern Tiefe auf Pfeilspitzen, auf Reste von Waffen und lebensgroße, größtenteils zerbrochene Tonfiguren. Er war auf die etwa 2200 Jahre alten Grabanlagen des ersten Kaisers von China gestossen, eine der grössten archäologischen Sensationen des 20. Jahrhunderts, welche seit 1987 als Unesco-Weltkulturerbe geschützt sind.

Die Ausmasse der Grabanlagen werden auf 90 Quadratkilometer geschätzt, von denen bisher gerade einmal ein Viertel freigelegt ist. Manche Grabhügel sind gar keine, sondern nur Täuschungsmanöver ihres Bauherrn, um mögliche Grabräuber zu verwirren. Niemand sollte die Lage der Ruhestätte von Qin Shi Huangdi (259-210 v. Chr.), des ersten Kaisers und Gründers der rund tausend Jahre währenden Qin-Dynastie, kennen. Der eigentliche Grabhügel ist mittlerweile identifiziert, bleibt jedoch bis auf weiteres unangetastet. Über die Gründe kann spekuliert werden.

Die Ausgrabungsstätte, die Museum und Vergnügungspark in einem ist, liegt etwa 40 Kilometer nordöstlich von Xi`an. Jana und ich steigen in einen der vielen Busse in diese Richtung und vertrauen auf unsere Offline Karte im Handy, das wir an der richtigen Haltestelle aussteigen. Unsere Bedenken zerstreuen sich, denn auch viele Chinesen pilgern an diesen Ort. Wir brauchen uns ihnen nur anzuschliessen und dem Menschenstrom folgen. Nachdem wir jeder 100 Yuan (rund 13 Euro) Eintritt bezahlt haben, geht es Richtung Halle 1, dem überdachten Riesenkomplex der Hauptausstellung. Hier sind einige hundert Soldaten in Reih und Glied stehend zu beobachten. Insgesamt werden rund 8.000 von ihnen im gesamten Areal vermutet. Beeindruckend wie filigran unterschiedlich sie im Gesicht und an den Händen gearbeitet sind. Sie wurden individuell hergestellt, jedes Antlitz ist einmalig. Der Korpus ist hingegen bei allen identisch, er wurde bereits damals schon in Masse produziert.  

Sie sind in einer Schlachtordnung aufgestellt. Die ersten drei Reihen bilden etwa 200 Bogenschützen. Dahinter folgen tausende Grabkrieger, von denen jedoch nicht alle restauriert und zusehen sind. An vielen Stellen ist ersichtlich wie die Archäologen noch bei der Arbeit sind. Einige Streitwagen aus Holz sind im Zentrum positioniert. An den äusseren Flanken sichern nach außen gerichtete Armbrustschützen das Hauptheer ab. Der Anblick des riesigen Raumes mit all den Kriegern beeindruckt mich tief. 

Die Waffen, die jeder der Tonkrieger in den Händen trägt, sind übrigens echte Waffen, keine Attrappen. Sie sind voll einsatzbereit und könnten im Kampf benutzt werden. Forscher haben festgestellt, dass sie extra für die stummen Krieger hergestellt wurden – es gibt keinerlei Gebrauchsspuren an ihnen. Bei den Legierungen der einsetzbaren Waffen handelt es sich um Materialverbindungen, die so in Europa erst einige hundert Jahre später „erfunden“ wurden. Ich staune über das Wissen der alten Chinesen und die viele Arbeit, die sie in diese Armee gesteckt haben. Angeblich sollen 700.000 Menschen über mindestens zehn Jahre daran gearbeitet haben.

Um einzelne Kämpfer sowie Streitwagen aus Bronze aus der Nähe betrachten zu können, wechseln wir die Ausstellung. Keine gute Idee. Noch nie habe ich in einem Museum einen so vollen Raum gesehen. Das Gedrängel und Geschiebe der vielen Menschen ist extrem unangenehm. Die Besucher versuchen für ihr Foto, so nah wie möglich an die Ausstellungsstücke heranzukommen und schubsen sich unentwegt nach vorne. Da ich den Durchschnittschinesen in der Körperhöhe um mindestens einen Kopf überrage, recke ich beide Arme, das Smartphone festhaltend, nach oben und schiesse ein paar Schnappschüsse aus einer etwas höheren Perspektive. Die Stimmung hier trübt die Freude an diesem Besuch und reduziert meinen Wissensdurst. Nichts wie raus hier.

In der Hoffnung auf eine kleine mentale Erholung verlassen wir die Museumsanlage und wollen uns den Grabhügel anschauen. Einen direkten Weg gibt es jedoch nicht. Wir werden zwangsweise durch mehrere Gässchen voller Essenstände und Einkaufsmöglichkeiten geschleust. Es gibt viele kleine lokale Stände, aber auch die bekannten westlichen Fastfood- und Coffeeshops sind präsent. Jedoch haben die Parkplaner für unseren Geschmack übertrieben. Die vollgestopfte Einkaufsmeile lädt weder zum entspannten Shoppen noch zum Verweilen ein. An dem aromatischen Duft, der aus einem Café strömt, gehen wir vorbei – es ist uns einfach zu hektisch. Das Durchqueren dieser Meile fühlt sich an wie ein Spiessrutenlauf – zwar ohne Krieger, dafür mit vielen lautstarken Konsumenten, Verkäufern und billigem Kitsch zu überteuerten Preisen.

Gerade weil es nichts zu sehen gibt, ist es angenehm ruhig hier.

Nach etwa einem Kilometer Fussmarsch erreichen wir endlich den Shuttlebus, der uns zu dem weiter entfernt liegenden eigentlichen Grabhügel bringt. Dort angekommen, bleibt uns nur festzustellen, das es ausser einer sich noch im Bau befindlichen riesigen Parkanlage nichts Konkretes zu sehen gibt. Das Grab des ersten Kaisers ist nicht ausgeschildert. Es auf individuellen Wegen zu erkunden ist natürlich nicht gestattet. Die Absperrungen und Sicherheitskameras weisen unmissverständlich darauf hin. Etwas enttäuscht und müde von den langen Wegen und den vielen Menschen machen wir uns auf den Heimweg. Mein Smartphone wird mir am Ende des Tages anzeigen, das wir 15,6 Kilometer zurückgelegt haben.

Auf dem Rückweg zu unserem Hotel kaufen wir noch etwas Obst, Nüsse, Wasser und Wein und lassen den Tag früh ausklingen.

Abendstimmung über Xi´an

Den nächsten Morgen lassen wir etwas ruhiger angehen, schlafen aus und genehmigen uns ein spätes Frühstück bestehend aus unserem Obst und den Keksen vom Vortag. Auf das angebotene Frühstück der Hotels verzichten wir in China meist: warme Nudelsuppe oder angebratener Reis ist auf Dauer nichts für uns. Nach acht Monaten auf Reisen wird der Wunsch nach dem gewohnten europäischen Essen zunehmend stärker. 

Da es am Abend mit dem Nachtzug nach Hangzhou weitergeht, checken wir erst Mittags aus dem Hotel aus. Mit dem Rucksack auf dem Rücken quasi in der offenen Tür stehend, klingelt das Telefon. Zwei Minuten nach Zwölf werden wir freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass „Tscheek A Taiiiiiim“ um 12 Uhr ist. Das irritiert mich nur kurz, da ich mich inzwischen auf die chinesischen Gepflogenheiten eingestellt habe.

Vor einem der vier Eingangstore der Stadtmauer.

Wir parken unser Gepäck am Bahnhof und staunen über die dort direkt entlang verlaufene Stadtmauer. Mit nun leichtem Schritt suchen wir den nächsten Aufgang, der sich etwa 20 Minuten fussläufig entfernt befindet. Dort angekommen und die Stufen hinaufgestiegen, eröffnet sich ein herrlicher Blick über das alte Stadtzentrum von Xi`an. Die Stadtmauer ist mit 13,7 Kilometer Gesamtlänge die grösste des Landes. Ursprünglich im 14. Jahrhundert errichtet, wurde sie seit den Achtziger Jahren saniert und ist seit der Jahrtausendwende ein beliebtes Ausflugsziel für die Einwohner und Touristen. Uns überrascht die enorme Breite der Mauer. Von einer Zinne bis zur gegenüberliegenden Zinne sind es 12 bis 14 Meter.

Auf der Mauer, auf der Lauer….

Eine Fahrrad-Ausleihstation bietet neben den üblichen Zweirädern auch Tandems an. Ich überlege nicht lange und Jana sagt nicht schnell genug nein.

Das erste Mal fahren wir zwei Tandem und das an diesem wunderbaren und zugleich geschichtsträchtigen Ort. Diese Art der sanften Erkundung mit selbstbestimmten Pausen bei bestem Wetter bereitet uns viel Freude. Jana benötigt einige Zeit, um sich (hinter mir sitzend) daran zu gewöhnen, das sie nicht lenken, sondern nur strampeln kann. Sie gaggert und flucht abwechselnd in meine Ohren. Nach den ersten 500 Metern haben wir es aber raus und fahren geschmeidig im Gleichtakt mit wehenden Haaren auf dem Weltkulturerbe.

Bei einer Kaffeepause an einem kleinen Tempel, der sich ebenfalls auf der Mauer befindet, posieren Hochzeitspaare oder solche, die es werden wollen, um sich im optimalen Licht für Familie, Freunde und sich selbst fotografieren zu lassen. Der Vater der Braut, so hören wir von einer etwas entfernt stehenden deutschen Reiseleiterin, hat das Bestimmungsrecht über die Farbe des Brautkleides. Dem Brauch folgend präferieren die meisten scheinbar rot. Doch egal, welche Farbe sie tragen, alle sehen sie gut aus. Ich wünsche Ihnen, das sie sich an dieses besondere Ereignis auch in schwierigen Tagen erinnern.

Die 5 KM Marke steht schon.

Wir steigen wieder auf unseren Drahtesel und geniessen diesen Spätsommertag. Im Gegensatz zu der Terrakotta-Armee scheinen nur wenige Besucher auf die Mauer zu kommen. Es ist wie ein Ausflug in einen Park. Die Mauer ist selbstverständlich eine autofreie Zone, Spaziergänger schlendern gelassen umher, einige besuchen die Tempel oder sitzen im Café, einzig die Bäume fehlen uns.  Dies wäre doch eine wunderbare Strecke für einen Stadtlauf, höre ich Jana noch sagen. Am nächsten der vier Stadttore angekommen, hängen Werbeplakate, Fähnchen und stehen die ersten Versorgungsstände. Auf Nachfrage erfahren wir, dass hier oben am Folgetag tatsächlich ein Lauf geplant ist. Da sind wir aber schon wieder weg und ohne Training hätten wir es wohl auch nicht geniessen können. Doch es freut uns, dass der Gedanke absolut realistisch war.

Findet die langen Europäer 🙂

Eine recht grosse Ansammlung von Menschen ist kurz danach zu sehen. Kinder und Erwachsene üben mit einer Einheizerin Fähnchen schwingend Folklore zum bevorstehenden 70. Jahrestag der Republikgründung. Orientierungslos aber freundlich aussehende Touristen werden enthusiastisch eingeladen, sich zu beteiligen. Eine Kamera läuft irgendwo mit. Ehe wir es uns versehen, sind wir mittendrin und schwingen mit den anderen aus dieser Gruppe chinesische Fahnen und trällern zwei Lieder mit. Die Freude am gemeinsamen Singen ist unter den Anwesenden auch bei mässiger Qualität riesig. Aber darum geht es ja auch nicht. Wir lassen uns gern von der ausgelassenen Stimmung anstecken. Endlich mal eine Truppe, die locker auf uns wirkt.

Einige Kinder sprechen uns an und erklären uns, das sie ihre Englischkenntnisse verbessern wollen. Sie fragen uns nach unseren Namen, unserer Herkunft und welches unsere Lieblingsfarbe ist. Das können wir alles mühelos beantworten und fragen sie dieselben Fragen zurück. Bei der Frage nach unserer Glückszahl kommen wir jedoch ins Stocken. Mmh, meine Glückszahl? Während wir kurz darüber nachdenken müssen und uns schlussendlich für unsere Geburtstage entscheiden, kennen die Kleinen ihre persönliche Glückszahl ganz genau. Zahlen haben in diesem Land eine grosse Bedeutung und Chinesen können sehr abergläubisch sein. So ist die 8 die absolute Glückszahl bei den meisten Chinesen, denn sie sieht aus, wie das Symbol für Unendlichkeit ∞. Demnach gehen sie von unendlichem Glück aus. Deshalb fanden wohl auch die Olympischen Spiele in Peking im Jahr 2008 und deren Eröffnungsfeier am 08.08.08 um 8:08 Uhr statt. Dann wollen die Kleinen noch ein Foto mit uns und weg sind sie.

Nach drei Stunden kommen wir wieder am Ausgangspunkt an und geben dort unser Tandem ab. Das war ein wunderschöner Ausflug, der uns wegen seiner Leichtigkeit und Unbeschwertheit sehr gefallen hat. Nun haben wir noch ein paar Stunden bis der Zug abfährt. Wir wollen noch ein bisschen Proviant kaufen und auch irgendwo zu Abend essen. Jetzt ist es Zeit für die warme Nudelsuppe. Die chinesische Übersetzung zu „Wir sind Vegetarier, haben Sie Gemüse im Angebot?“ haben wir auf unserem Smartphone abgespeichert und zücken es jedes Mal im Restaurant. Heute haben wir Glück und die Auswahl an gedämpftem Gemüse und Tofu ist riesig. Wir genehmigen uns ein Tsingtao-Bier und geniessen unser Dinner ohne Menschenmassen um uns herum.

„Beware of Crowds and Keep Safe“. Nehmen Sie sich vor den Menschenmassen in Acht und passen Sie auf sich auf. Heute haben wir gelernt, dass es sich hierbei nicht nur um einen Sicherheitshinweis handelt, der vor Dieben oder Gedrängel warnen soll. Für uns ist es ab nun auch eine Empfehlung, uns mental auf die Meute einzustellen und zu schützen. Für dauerhaft konzentriert kollektives Miteinander sind wir wohl nicht geschaffen. Auf unserer nächsten Station erwartet uns eine positive Überraschung.

Oasis in the Hinterland

Nach acht Tagen Gruppenreise im Gänsemarsch und unter permanenter, strenger Aufsicht nun wieder die Freiheit zu erlangen, ist zwar ein schönes, aber auch eigenartiges Gefühl. Obwohl China zu Recht nicht mit unserem Verständnis von „Freiheit“ assoziiert werden darf. Überall sind Überwachungskameras angebracht. An jedem U-Bahn-Eingang werden Gepäck und Körper, wie wir es von Flughäfen kennen, gescannt. Im Vergleich zu Nordkorea sind die Menschen in diesem Land jedoch deutlich autonomer. Wir können uns wieder frei bewegen und selber entscheiden, wo wir unser Geld ausgeben möchten.

Die meisten aus unserer Reisegruppe beschliessen, ohne es sich gross zu überlegen, den zweistündigen Aufenthalt in Dandong, der chinesischen Grenzstadt zu Nordkorea, im Starbucks zu verbringen – im Starbucks! Die Preise sind hier ebenso absurd hoch wie in Deutschland. Die Lust auf einen richtigen Kaffee ist aber doch zu stark, als dass wir uns dem Duft und dem Wohlfühlversprechen dieser Marke entziehen können. Mit dem Getränk bekommen wir auch das WIFI-Passwort. Schwupps versinken wir nicht nur in den grossen, bequemen Sesseln, sondern auch in der uns vertrauten weiten Welt des Internets. Auch wir tippen jetzt auf unseren Smartphones herum und möchten nach über einer Woche Kommunikationsisolation der Familie zu Hause kurz Bescheid geben, dass wir wieder gut auf der anderen Seite des Grenzflusses Yalu angekommen sind.

Unsere Route in dem grossen Land. Von Dandong nach Peking sind es 850 Kilometer.

Wir verabschieden uns von den anderen Reiseteilnehmern und bleiben noch zwei weitere Tage in dem Grenzort, um uns hier einen Teil der chinesischen Mauer anzuschauen. Hier soll es nicht ganz so touristisch sein wie in der Nähe von Peking, wo es den überwiegenden Teil der Besucher hinzieht. Am nächsten Tag fahren wir also mit einem Bus eine Stunde raus aus der zweieinhalb Millionen Einwohner zählenden „kleinen“ Provinzstadt. Bei unserer Ankunft in Hushan sehen wir vor uns zunächst ein riesiges Eingangstor mit Ticketverkauf. Wir betreten die Anlage und merken schnell, dass es auch hier sehr touristisch ist, wenngleich es nur wenige andere Besucher gibt. Es scheint, als wurde auch an diesem Ort kräftig renoviert, saniert und alles so gebaut, dass auch diese Sehenswürdigkeit jede noch so grosse Masse an Touristen geschmeidig durchschleusen kann. Wie auch anderenorts, so wurde auch hier nicht gekleckert, sondern geklotzt.

This is a great wall! I want this.

Nach einem kleinen Spaziergang durch einen angelegten Park sehen wir sie: Die Mauer. Sie ist gross, aus massiven Steinblöcken gebaut und grau. Eine Mauer, wie sie sich Trump für Mexiko nicht schöner wünschen könnte. 

Das Original aus dem 15. Jahrhundert ist wohl schon lange nicht mehr zu bestaunen. Ein wenig enttäuscht von der chinesischen Sanierungswut machen wir uns trotzdem auf den ausgewiesenen Weg, der zum grossen Teil auf der Mauer selbst entlang geht.

Es ist recht beschwerlich, es gibt viele Treppen mit hohen Stufen und es geht zum Teil sehr steil bergauf. Auf dem höchsten Punkt angekommen, beruhigen wir zunächst unseren Puls und werfen erneut einen Blick auf das Land, welches wir kurz zuvor besucht haben. Zwischen den grünen Reisfeldern erkennen wir ein kleines Dorf. Zwei Menschen laufen mit einem Ochsen auf einem Schotterweg entlang. Sie sind so nah und doch so unendlich weit weg. Uns trennen nicht nur die chinesische Mauer und der Yalu Fluss, sondern auch mehrere Grenzzäune mit Warnhinweisen voneinander. Militär wacht in den kleinen türkisen Baracken auf der anderen Seite. Eine aus Holz zusammengezimmerte Hundehütte ist daneben zu sehen. Hier patrouillieren also nicht nur Scharfschützen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Der Nachtzug bringt uns zurück in die chinesische Hauptstadt und so lassen wir dieses eigenartige Nordkorea nun endgültig hinter uns. Wir kommen am Folgetag früh morgens in Peking an. Alles, was wir an diesem Tag machen müssen, ist, unser Gepäck abzuholen und auf den nächsten Nachtzug zu warten. Wir haben einige Sachen, die wir nicht nach Nordkorea mitnehmen wollten (unseren Laptop) oder durften (Bücher über das Land) in der Reiseagentur in Peking gelassen. Alles ist noch da – wunderbar. Nun haben wir jedoch wieder die zwei schweren Rucksäcke und keine Lust, uns damit weitere Sehenswürdigkeiten anzusehen oder den ganzen Tag am Bahnhof herumzuhängen.

Gleich in der Nähe befindet sich ein Shoppingcenter, welches wir schon kennen und von dem wir auch wissen, dass es dort ein nettes kleines Restaurant gibt. Es ist eine grosse mentale Erleichterung, sich ein wenig auszukennen und zu wissen, wo was ist. Obwohl wir es sehr geniessen auf Reisen zu sein und fortwährend neue Orte zu entdecken, merken wir auch wie kraftraubend dies manchmal sein kann. Sich stets neu zu orientieren, ständig Entscheidungen zu treffen ohne Erfahrungswerte zu haben und permanent dieser Ungewissheit des Unbekannten ausgesetzt zu sein, ist schlicht anstrengend. Da ist es auch mal schön, zu wissen, dass wir in diesem Restaurant ganz sicher einen grossen Salat bekommen und uns dort auch der Kaffee schmeckt. 

Wir verbringen den Tag mit Fotos sortieren, Blog schreiben und mit Menschen beobachten. Dabei fällt uns auf, wie sehr die jungen Leute hier auf ihr Äußeres achten. Alle haben ziemlich coole Klamotten an – graue Mäuse finden wir hier nicht. Das Auffallen scheint, zumindest für diejenigen die sich hier treffen, von hoher Bedeutung zu sein. Nun sind ironischerweise alle so individuell gekleidet, das sie im Kollektiv betrachtet schon wieder einheitlich aussehen. Draußen vor dem Shoppingcenter sehen wir einige Fotografen, die einzelne Individuen und Grüppchen im Vorbeilaufen fotografieren. Vielleicht sind sie hier auf der Suche nach neuen Trends und Models? Womöglich sind diejenigen, die hier im Laufe des Tages mehrmals an unserem Fenster vorbeistaksen, auf der Suche nach ihrer Entdeckung? Es ist ein Sehen und Gesehen werden. Auch wir fallen mit unseren großen Rucksäcken, den mittlerweile stark abgelaufenen Turnschuhen und dem müden Blick, der unsere nächtliche Zugfahrt verrät, unter all diesen bunten Vögeln auf. Wir verkörpern sozusagen den Gegentrend und werden dennoch oder gerade deshalb von niemandem fotografiert.

Der Nachtzug bringt uns nach Yinchuan – der Hauptstadt der Provinz Níngxià. Waren die ersten beiden Nachtzugfahrten in einem Sechser – Abteil ohne Türen (hard sleeper), so gönnen wir uns nun ein Ticket der nächstbesseren Kategorie – ein Vierer – Abteil mit Tür (soft sleeper). So eine Tür ist schon was Feines – hält sie nicht nur Lärm, sondern auch den Zigarettenrauch der Mitreisenden fern. Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist es beim Schlafen ständig durch den kalten Qualm einer Zigarette geweckt zu werden. Und die Chinesen in den günstigen Waggons quarzen ununterbrochen – auch nachts. 

Unsere Abteilgenossinnen sind diesmal Mutter und Tochter, die in ihre Heimat fahren. Sie sprechen kein Englisch. Dank der recht gut funktionierenden Online – Übersetzer können wir uns jedoch mit ihnen unterhalten. Wir sprechen deutsch ins Telefon hinein, die junge Stimme aus dem Smartphone quakt auf chinesisch zurück. Das es funktioniert merken wir an den Antworten der beiden Frauen. Das was die Stimme uns auf deutsch übersetzt, passt meist inhaltlich zu unseren Fragen. Nur manchmal kichern unsere Mitreisenden und halten uns das Gerät nochmal hin. Da wurde wohl der Inhalt falsch übersetzt. Die Bedeutung vieler chinesischen Wörter ergeben sich häufig nur aus dem Kontext. Wenn unsere Fragen zu kurz sind, ist es für das Programm schwierig, den Zusammenhang richtig zuzuordnen. Trotzdem sind wir begeistert von der Technik und den Möglichkeiten, die sie uns bietet.

So lernen wir auch ein chinesischen Kartenspiel kennen und spielen ein paar Runden. Im Gegenzug lehren wir den Damen das Kinderspiel „Mau Mau“. Wir schauen in fragende Gesichter. Ein deutsches Kartenspiel, was sich anhört wie der Name des grossen grausamen Führers? Wieder kichern die Beiden und sie fragen uns, warum das Kartenspiel so heißt. Hier müssen wir nun passen – wir versichern Ihnen aber, dass es ganz bestimmt Nichts mit Mao, dem längst verstorbenen kommunistischen Parteichef zu tun hat. 

An diesem Abend lernen wir die gastfreundliche und nette Seite der Chinesen kennen. Wir unterhalten uns in normaler Lautstärke, lachen mit ihnen und teilen höflich miteinander unser Essen. Jedoch begegnen wir auf unserer Reise auch Menschen, die sich anders verhalten und auf uns eher rüde oder sogar aggressiv wirken. 

Grosser Mann mit grossem Rucksack.

Dazu fällt mir eine Anekdote ein. Eine kleine Frau, die eine simple Verhaltensregel in öffentlichen Verkehrsmitteln missachtet hat: zuerst aussteigen lassen, dann einsteigen. Micha stand direkt an der Tür in dieser überfüllten U-Bahn und war der erste, der aussteigen hätten können. Wenn, ja wenn ihm nicht diese circa ein Meter fünfzig kleine Frau in den Bauch gelaufen wäre, als die Türen aufgingen. Sie hielt den Blick und damit auch den Kopf nach unten, wie ein Stier beim Angriff und versuchte sich mit all ihrer Kraft in die volle Bahn hineinzudrücken. Micha redete zunächst sanft, dann lauter auf die Frau vor sich ein, doch es half nichts. Sie schaute nicht nach oben, sie strampelte unentwegt auf Micha ein und kam doch keinen einzigen Zentimeter vorwärts. Wahrscheinlich hat ihr einer der anderen Reisenden auf chinesisch gesagt, dass sie doch bitte mal hochschauen soll. Nun sah sie den ein Meter neunzig grossen Mann vor ihr, verstand endlich und trat ein wenig zur Seite.

Yinchuan liegt rund 1.100 Kilometer westlich von Peking und befindet sich eher nicht auf dem Radar der ausländischen Touristen. Wir haben uns diesen Ort genau deshalb bewusst ausgesucht. Wie sieht das China jenseits der Top – 10 – Attraktionen aus? Wir verbringen vier Tage in der Provinz, die sich selbst als „Oasis in the Hinterland“ bezeichnet. Die Menschen kommen uns hier neugieriger vor, sprechen uns an und wollen Fotos mit uns. Eher selten besuchen solch grosse Langnasen wie wir diese Region. 

Interessant finden wir die fast tausend Jahre alten Gräber der ehemaligen Herrscher dieser Region. Die Dynastie der Xi Xia bestand zwischen 982 und 1226, war ein Vielvölkerstaat und wurde von Tanguten, Uiguren, Chinesen und Tibetern bewohnt. Ein grosses, neuerbautes Museum informiert die Besucher über die Geschichte der Xi Xia. Allerdings merken wir auch hier, dass vor allem chinesische Touristen vorbeischauen, denn an englischen Übersetzungen fehlt es meist. 

Am nächsten Tag buchen wir spontan eine Wüstentour bei einer lokalen Reiseagentur, die sich irgendetwas mit „International“ „Travel“ und „Service“ nennt. Die Verständigung klappt trotz Übersetzungsprogramm nur mässig, so dass wir hier praktisch die Katze im Sack kaufen. Wir wollen unbedingt in die Wüste. Hätten wir jedoch im Vorfeld gewusst, was uns erwartet, dann hätten wir unser Geld sicher gespart. Naja, aber das gehört ebenso zum Reisen. Auch hier merken wir wieder, dass wir als ausländische Besucher etwas besonderes sind. Ausser uns hat niemand diese englischsprachige Tour gebucht und so haben wir eine Reiseleiterin exklusiv für uns. Rita, die eigentlich Yang Rui heisst, ist eine chinesische Studentin. Ihre Sprachkenntnisse waren gut, aber sie wirkte oft etwas hilflos. Kein Wunder, wir waren ihr erstes Reisegrüppchen. 

Es erwarten uns also zwei Tage in der Wüste mit einem vollen Programm. Moment, ich korrigiere: Es erwarten uns zwei Tage in der Wüste mit einem ziemlich leeren Programm.

Rita hat kurz offline Spass.

Nachdem wir gegen Mittag am Rand der Tengger-Wüste ankommen, ein kleines aber leckeres Mittag bekommen und mit einem Geländewagen in die Wüste gebracht werden, passiert bis zum Abendessen nicht viel. Wir drehen jeweils eine Runde mit einem Monstermotorrad und einem Kamel durch den staubigen Wüstensand. Dann werden uns zwei Plastikschlitten ausgehändigt, mit denen wir die Dünen hinunterfahren können und werden fortan uns selbst überlassen. Einmal ziehen wir die Schlitten hinauf auf die nächste Düne und versuchen das Ganze sportlich zu nehmen. Rita macht es uns einmal vor und spielt dann wieder gelangweilt auf ihrem Telefon herum.

Es ist jedoch zu heiss, um den gesamten Nachmittag Schlitten zu fahren. Also laufen wir zu den zwei chinesischen Fahnen, die in einiger Entfernung auf einer anderen Düne in den Sand gesteckt wurden. Sie sind ein Ziel und spenden zumindest Schatten. 

Von hier oben haben wir einen schönen Blick auf die Wüste. Doch es kommt schnell ein Gefühl von Langeweile auf. Wir albern herum, machen Quatschfotos und kommen auf dumme Gedanken.

Was würde wohl passieren, wenn die Fahne umkippt? Gibt es vielleicht auch hier in der Wüste die omnipräsenten Überwachungskameras? Werden wir beobachtet und gelten dann als Saboteure? Wir sehen schon die Schlagzeilen in der Presse: „Deutsches Pärchen zerstört politisches Emblem in China“. Wir helfen dem Wind ein wenig nach – und schwupps, neigt sich die ehrwürdige Fahne des großes Reiches der Mitte langsam bis zum völligen Untergang dem profanen Wüstensand entgegen. Jetzt lachen wir und warten gespannt ab. Natürlich passiert rein gar nichts. Nachdem wir uns wieder beruhigt haben, rammt Micha die Fahne wieder in den Sand und wir spazieren noch ein bisschen ziellos in der Wüste herum. Immerhin haben wir mit diesem Rundgang zwei Stunden verbracht.

Wir essen früh zu Abend, schauen uns einen eher unspektakulären Sonnenuntergang an und freuen uns über die Kiste Bier, die uns unsere Reiseführerin neben das Zelt stellt. Dann fragt sie uns noch, ob sie uns die Nacht allein im Zelt lassen kann und selbst in einem Haus im nächsten Ort übernachten darf. Natürlich. Sie war sichtlich erleichtert. Mit je zwei Flaschen lauwarmen Tsingtao Bier in der einen Hand und dem Strick des Schlittens sowie Taschenlampen in der anderen, machen wir uns auf, die Wüste bei Nacht zu erobern.

Let`s dance

Es nervt. Die Museumsführerin rattert einen in- und auswendig gelernten Text im Eiltempo ohne Punkt und Komma herunter. Sie redet so schnell in diesem asiatischen Englisch, dass wir kaum etwas verstehen. Dabei lässt sie keine noch so kleine Pause zwischen zwei Sätzen zu. Es ist klar, dass wir keine Chance haben sollen, eine Frage zu stellen. Wir werden aufgefordert, jedes erwähnte Artefakt würdigend zu bestaunen und dabei gleichzeitig zügig weiter zu gehen. Ein Widerspruch, der sich leicht auflösen ließe.

Unsere zwei koranischen Betreuer Lee und Kim verfolgen jedoch einen anderen Ansatz und drängen uns, voran zu gehen. Für ihren Geschmack bleiben wir stets einen Tick zu lang vor den uns präsentierten Hinterlassenschaften des ewigen Präsidenten Kim Il Sung stehen. Ständig hören wir es hinter uns rufen: „Gapsida“, was soviel heißt wie „Los geht’s“. Wir fühlen uns wie in einer Kindergartengruppe mit strengen Erzieherinnen alter Schule. Wer nicht der Aufforderung folgt, bekommt auch gleich ein „Balli Balli“ hinterhergerufen: „Weiter, weiter“. Der Vergleich mit dem Kindergarten hackt. Wir fühlen uns eher wie unschuldige Schäfchen, die von einem übermotivierten Border Collie jedesmal in die Hacken gebissen werden, wenn es nicht in seinem Sauseschritt weitergeht. Diese zwei Ausdrücke „Gapsida“ und „Balli Balli“ schienen die Lieblingswörter unserer koreanischen Guides zu sein. Insbesondere die jüngere der Beiden, Miss Kim, nimmt ihre Hütehundaufgabe sehr ernst, weshalb sie von uns den Spitznamen „Miss Balliballi – der Wauwau“ erhält.

Schön, aber unerbittlich: Miss Balliballi, unsere nordkoreanische Border Collie Dame

Heute ist Miss Balliballi besonders streng mit ihren Schäfchen, also uns, denn heute ist ein mit Terminen über und über vollgestopfter Tag. Für die Koreaner ist es einer der wichtigsten Feiertage des Jahres. Es ist der 9. September, der 71. Jahrestag der Republikgründung.

Nach der morgendlichen Besichtigung fährt uns der Bus zu einem grossen Platz, auf dem bereits ein buntes Treiben herrscht. Mein Blick bleibt sofort an den vielen jungen, adrett gekleideten Menschen haften. Die Frauen leuchten in ihren farbenfrohen Kleidern, die Männer wirken korrekt in weißen Hemden, roten Krawatten und Anzugshosen.

Aus grossen Lautsprechern tönt heitere Musik, sie variiert von Marschmusik über Volkslieder bis hin zu schlagerähnlichen Klängen. Die schmucken Jugendlichen tanzen miteinander und bilden gleichzeitig Formationen, die von oben betrachtet wie ein atmendes Eiskristall anmuten. 

Aus unserer Reisegruppe wagen sich die ersten hinein in das geordnete Chaos und kopieren vorsichtig engagiert die Bewegungen der rhythmisch-kreisenden Studenten. Jana und ich schauen auf den gefüllten Platz, dann uns gegenseitig an und überlegen, worauf das Ganze hier hinausläuft. Wir beschließen, Spaß zu haben und uns dem lustigen Treiben anzuschließen. Diese Art von individuellem Kontakt zu den Pjöngjangern scheint erlaubt und sogar erwünscht zu sein. Miss Balliballi arrangiert für uns den Einstieg in die Volkstanzgruppe. Ein junges Paar erwidert unser freundlichstes Lächeln. Danach schwingen Jana mit So Yuan und ich mit Ming Mi das Tanzbein.

So Yuan und Ming Mi in Aktion

Die vier bis fünf Tanzschritte sind massentauglich und selbst für einen BWLer (also ein Bewegungslegastheniker) wie mich, schnell erlernbar. Alles wird mit kontrollierter Begeisterung ohne längere Pausen hintereinander durchgetanzt. Trotz verhaltener Schrittfolgen und mässigem Tempo kommen Jana und ich schnell ins Schwitzen. Es ist schwül und wir sind etwas aufgeregt. Wer hätte das gedacht, das wir ausgerechnet in Nordkorea unseren musikalischen Bewegungsdrang würden befriedigen können? Unter den Augen der verblichenen und trotzdem omnipräsenten ewigen Präsidenten Kim Il Sung und des ewigen Generals Kim Jong Il genießen wir die aufgelockerte Abwechslung. Nach vier Tänzen bedanken wir uns artig bei unseren Tanzpartnern, die beide sehr gut englisch sprechen. Wir können jetzt aufhören, die Koreaner nicht. Noch etwa eine halbe Stunde müssen sie weiter tanzen, bis auch sie geordnet den Platz verlassen dürfen.

War das jetzt alles für die Touristen arrangiert oder hätte dieses Open-Air-Happening auch ohne uns stattgefunden?

Nach der Veranstaltung wird der gemeinsame Rückzug geordnet angetreten.

Über die Mittagszeit picknicken wir im Moranbong Park, dem grössten Stadtpark und einem beliebten Ausflugsziel der Hauptstadtbewohner. Auf mitgebrachten Decken, Campingstühlen oder einfach nur auf Treppenabsätzen lassen sich Familien, Freunde oder Pärchen nieder, um gemeinsam zu essen, zu trinken, zu lachen, sich zu unterhalten, etwas zu spielen oder zu singen. Die Stimmung ist für hiesige Verhältnisse heiter gelassen bis ausgelassen. Es fühlt sich friedlich und fröhlich an. Es scheint, als ob die Diktatur einen Moment Pause macht.

Ab und zu hören wir ein „Anyoung hashimnikka“ in unsere Richtung, welches lautmalerisch deutlich wohlklingender als das „Balli Balli“ ist. Es ist die Begrüßung, die den höchstmöglichen Grad an Respekt oder Aufrichtigkeit zeigt und wird oft bei wichtigen Gästen oder geliebten Menschen, die man lange nicht gesehen hat, verwendet.

Vor Ort erhalten wir die Lunchpakete. Die Energie brauchen wir auch, denn es herrscht volksfestähnliche Stimmung. Die herzliche Aufforderung einiger Einheimischer, sich ihnen im Gesang oder Tanz anzuschliessen, können wir uns zu ihrer und unserer Freude nicht entziehen. Die für unsere Ohren eher unpopulären Klänge animieren Jana und mich zu schlangenförmigen Bewegungen mit unseren Extremitäten, auch weil unsere jeweiligen Tanzpartner uns dazu ermutigen.

Unters Volk gemischt und mitgemacht.

Jana wird von einem Tanzpartner zum Nächsten gereicht. Ich schleiche mich heimlich davon und warte geduldig an einem Schiessstand, um mit sowas ähnlichem wie einem Luftdruckgewähr auf eine runde Scheibe zu zielen. Da ich kaum was treffe (was natürlich nur am miesen technischen Material gelegen haben kann) verliere ich schnell die Lust und lasse Anderen den Vortritt. Von weitem hören wir es schon rufen…..na….eine Idee, was das gewesen sein könnte? Unser Wauwau Miss Kim sammelt ihre Schäfchen ein und treibt die Herde zum Bus. Balli Balli. Schliesslich haben wir heute noch viel vor.

Als nächstes haben wir die Wahl zwischen einem Zirkus- oder einem Opernbesuch. Jana entscheidet sich für die auditiven, ich für die visuellen Reize. Mein letzter Zirkusbesuch war mit Maximilian als er vier Jahre alt war, also vor rund 14 Jahren. Das war in einem kleinen familienbetriebenen Wanderzirkus, in dem jeder Künstler gefühlt ein Dutzend Aufgaben wahrnehmen muss, damit es zum Überleben reicht. Heute fliegen Spitzenakrobaten vor meiner Nase durch die Luft, deren Athletik und Geschicklichkeit mich sprachlos machen. Es handelt sich um Artistik vom Feinsten im vollbesetzten Staatszirkus. Aufgrund des Feiertages können viele Schulkinder kostenfrei zuschauen.

Nun dürfen wir im Duck Barbecue Restaurant unseren Hunger stillen. Wie immer ist ein separater Tisch für Jana, mich und zwei andere Gäste vorbereitet, an dem wir vegetarische Speisen serviert bekommen. Das hat während der gesamten Reise wirklich gut geklappt. Ein lokales Schmankerl ist die typische koreanische kalte Nudelsuppe. Zum Nachtisch wird mit lauter Musik eine mit brennenden Kerzen bestückte grosse Torte in den Saal gebracht. Mister Lee, unser männlicher koreanischer Tourbegleiter, hat heute Geburtstag. Wir gratulieren ihm und freuen uns über den zusätzlichen süssen Nachtisch.

Koreanische Kalte Nudeln – das Nationalgericht

Obwohl es schon spät Abends ist, steht uns der Höhepunkt des Tages noch bevor. Nachdem wir am Vormittag Teil des Massdance, quasi dem Vorprogramm der Massgames, waren und danach im Stadtpark weiter tanzten, sind wir diesmal nur Zuschauer, wenn andere tanzen. Die Massgames sind eine seit den Sechziger Jahren vom Staat organisierte Großveranstaltung, bei der in einem Stadion eine in jeder Hinsicht gigantische Show dargeboten wird. Die Massgames stehen dieses Mal unter dem Motto „Land of the People“. An 28 Abenden im August und September können im 114.000 (früher 150.000) Zuschauer fassenden größten Stadion der Welt, dem May-Day-Stadion, rund 100.000 Darsteller, Künstler, Sportler, mehrheitlich wohl Studenten, Kinder und Jugendliche bei ihren Massenchoreografien bewundert werden. Die Vorbereitungen betragen drei Monate bei täglicher Übung (außer Sonntags). 

Normalerweise führt mich selten der Weg in ein Stadion. Ich meide sonst Großveranstaltungen jeglicher Art. Sie sind mir eher suspekt. Menschenmassen insbesondere in Stadien haben auf mich eine eher bedrohliche Wirkung. Für mich fühlt es sich an solchen Orten und in Momenten höchster Massenkonzentration so an, als wenn die schmale Schicht dessen, was wir Kultur nennen durchbrochen und das Animalische und Archaische in uns wieder die Steuerung übernimmt. Das Individuelle löst sich auf. Die Suggestion der kollektiven Macht erstarkt und bricht sich ihre Bahn.

Es ist wohl kein Zufall, dass ausgerechnet in einem der wirtschaftlich ärmsten Länder der Welt jedoch mit einer mächtigen Diktatur das größte Stadion der Welt steht. Der Einzelne zählt nichts. Jeder hat sich der Gemeinschaft und seinen politischen Führern unterzuordnen. Diese Glaubenssätze werden den Menschen hier und uns Gästen auf offene, aber auch subtile Art permanent vermittelt. Das Verrückte ist nur, das sich die Menschen in Nordkorea und bei uns im Westen darin gar nicht so sehr unterscheiden. Der renommierte Stadionarchitekt Volkwin Marg formulierte es in einem Zeit-Interview (zum lesen hier klicken) so: „In einer Demokratie wie der unsrigen fühlt sich der Einzelne als Individuum häufig schwach und machtlos…..Dieser Einzelne fühlt sich in einer Fussballarena unter Gleichgesinnten in der gleichen Emotion ungeheuer mächtig. Dieses Machtgefühl ist so begehrt wie eh und jeh. Der Mensch ist ein Schwarmwesen und wird immer gefährdet sein von der politischen, der ideologischen oder der religiösen Schwarmgeisterei verführt zu werden. „

Vielleicht erklärt das meinen Zwiespalt. Einerseits kann ich mich der euphorisierenden Gefühle als Teil dieser starken Stadion-Gemeinschaft auf Zeit auch nicht entziehen. Es fühlt sich kraftvoll und trotz der Menschenmassen sicher an. Anderseits sehe ich die Gefahr der Manipulierbarkeit von Menschen, wenn deren eigener Verstand durch kollektive Emotionen ersetzt wird. 

Hier könnt ihr das Einführungsvideo unseres Reiseveranstalters zu den Mass Games auf YouTube sehen. 

Ich freue mich jedenfalls, am Abend Zeuge dieser Vorführung und Teil dieser Emotionen zu sein. Schließlich war diese Veranstaltung, trotz meiner Bedenken zu Massenveranstaltungen, ein wesentlicher Grund für unsere Reise nach Nordkorea. Nach der Eröffnungsveranstaltung im Juni wurden sämtliche Folgetermine auf Eis gelegt. Kim Jong Un persönlich soll mit dem Ergebnis der Darbietung unzufrieden gewesen sein. Alles musste überarbeitet werden. Unser Reiseveranstalter signalisierte jedoch, dass die Darbietungen ab August wieder aufgenommen werden sollen. Aber eine Garantie gab es natürlich nicht. Da die Massgames keinen festen Rhythmus haben, manchmal zwei Jahre hintereinander und manchmal auch mit einem Abstand von 10 Jahren stattfinden, entschieden wir uns, auf gut Glück zu buchen. Und wir wurden erneut belohnt. Allein für diesen Besuch hätte sich der Trip nach Nordkorea schon gelohnt.

Zunächst fällt uns die riesige digitale Leinwand auf der gegenüberliegenden Zuschauertribüne auf. Während die Zuschauer noch ins Stadium strömen und ihren Platz suchen, schauen wir auf ein sich stets änderndes Bild an Buchstaben. 

Was wird da gezeigt, was steht da? Wir fragen nach und erfahren, dass hier die Stadtteilnamen gezeigt werden, aus denen die Kinder stammen. Welche Kinder? Na die, die die Tafeln halten. Moment, das da drüben sind gar keine Millionen von Pixel? Da sitzen uns Tausende von Kindern gegenüber, die mit Clipboards ganz analog einen Effekt erzeugen, wie von einer riesigen digitalen Anzeigetafel. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Die überwältigende Wirkung wird durch den militärisch exakten und sekundengenauen Wechsel der Schilder erzeugt. Und das ist nur das Vorprogramm bis alle Zuschauer sitzen. 

Nun beginnt die eigentliche Show. Auf dem Stadionfeld läuft vieles synchron und entfaltet seine beeindruckende Wirkung durch die schiere Masse an Protagonisten, die sich perfekt aufeinander abgestimmt ordnen, auseinander driften, dann erneut zusammen finden. Alles wird professionell durch ein dynamisches Lichtspiel sowie Propagandamusik in Szene gesetzt. Die unglaubliche Präzision, mit der alles ineinander greift, fasziniert mich. Jeder Szenen- oder Farbenwechsel, quasi jedes Bühnenbild ist perfekt und bis ins letzte Detail durchdacht.

Ein Ausschnitt der Massgames 2019 im Zeitraffer

Ich sehe ein viel höheres Level als bei Eröffnungszeremonien von Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften, die ich nur als passiver Fernsehzuschauer kenne. Es war mit Abstand die beste Performance, die ich je gesehen habe. Jana vergleicht diesen optischen mit dem geschmacklichen Genuss Schweizer Schokolade. Wer die einmal probiert hat, will danach auch nichts anders mehr naschen. Das Programm dauert etwa eineinhalb Stunden und endet mit einem Feuerwerk. Es war der fulminante Abschluss dieses Festtages und unseres Aufenthaltes in der Hauptstadt. 

Auch Wauwaus müssen mal schlafen.

Am Ende dieses ereignisreichen Tages und der Reise für die meisten unserer Gruppe lassen wir gemeinsam bei Wein und Bier im Roof Top Restaurant, in der 47. Etage unseres Hochhaushotels, die letzten Tage Revue passieren. Es besteht schnell Einigkeit, das Vieles lange in Erinnerung bleiben wird. Das Jana und ich gerade in Nordkorea so viele Gelegenheiten zum Tanzen hatten, die wir auch genutzt haben, gehört zu den Überraschungen dieser Reise.

Im Auge des Taifuns

„Wie bitte? Nach Nordkorea? Was da alles passieren kann! Siehst du kein Fernsehen?“ Die besorgten Ausrufe der Daheimgebliebenen nährten auch in uns einige Zweifel. Doch unsere Zuversicht und das Vertrauen in eine etablierte und jahrzehntelang auf dieses Land spezialisierte Reiseagentur haben uns die Entscheidung am Ende leicht gemacht. Die Neugier auf dieses abgeschottete Land verbunden mit der Chance, eigene Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln, drängen Vorbehalte in den Hintergrund. Die Mutigen sind immer die mit den besten Geschichten – also los!

Mit dem Zug von Peking nach Pjöngjang
Trotz Regen wollen wir noch ein Bild vor diesem Triumphbogen mitten in Pjöngjang

In der Mitte unserer achttägigen Reise erreicht der Taifun Lingling aus dem Süden kommend mit etwa 130 Stundenkilometern die Hauptstadt Pjöngjang und somit auch das einzige internationale Hochhaushotel, in dem die meisten ausländischen Gäste untergebracht werden – so auch wir. Die Bevölkerung hat ab Mittag arbeits-/ dienst- oder schulfrei und soll zuhause bleiben. Sämtliche für die Touristen geplanten Aktivitäten müssen ruhen. Der Vormittag war regenreich, böig und ziemlich ungemütlich. Wenn sich die Tropfen horizontal durch die Luft bewegen, hilft nur ein Ganzkörperkondom, um trocken zu bleiben. Das hatten wir nicht. 

Wir sind im Hotel und haben quasi ein vom Wetter initiierten und von der Partei diktierten  Stubenarrest. Während das staatliche Fernsehen in Dauerschleife vor den Folgen des Sturms warnt, schaue ich aus dem Fenster in der 34. Etage – es sieht ruhig aus. Der Himmel direkt über uns lässt ein paar Sonnenstrahlen durch, wirkt jedoch in wenigen Kilometern Entfernung schwarz und bedrohlich. Die Flaggen vor dem Hotel hängen schlaff herunter, kein Lüftchen weht. Auch der nahegelegene Fluss zeigt keine größeren Wellenbewegungen. Obwohl ich ein kompletter Meteorologie-Laie bin, weiss ich, dass dies kein Widerspruch sein muss. Wir befinden uns möglicherweise im Zentrum eines tropischen Wirbelsturmes – im „Auge“ des Taifuns. Der Durchzug des Auges wurde früher oft mit dem Ende des Unwetters verwechselt; Menschen, die sich währenddessen ins Freie begaben, wurden häufig vom erneut und schnell einsetzenden Sturm überrascht. 

Mir schießt ein Vergleich durch den Kopf: ich reise hier durch dieses so eigenartige Land als würde ich mich im Auge eines Taifuns befinden. Ich beobachte aus ruhiger Position alles um mich herum: die spannungsreichen Gegensätze zwischen dem von unseren Reiseleitern vermittelten offiziellen Bild Nordkoreas und dem, was wir trotz aller Filter persönlich wahrnehmen. Ich verweile in einem deutlich über dem Landesstandard ausgestattetem Hotel, während ausserhalb des luxuriösen Gästehauses das wahre Leben in all seinen Facetten pulsiert und über den Köpfen vieler Menschen schwarze Regenwolken hängen.

Der koreanische Dichter Younghill Kann beschrieb in seinem Roman „Das Grasdach“ sein Korea als Land der Morgenstille. Ich finde, das ist ein sehr poesievoller Namen für eine Region, in der ich eher Stillstand – von morgens bis abends –  spüre: politisch, ökonomisch und kulturell. Bin ich im Auge des Taifuns oder ist es hier überall so? Was passiert, wenn ich nur ein paar Schritte gehe, meinen Standort und damit auch die Perspektive ändere? Spüre ich dann einen Wind, der Veränderung mit sich bringt? 

Eigenständiges Erkunden ist keinem Touristen vergönnt. Wir haben ein enges Programm, welches keine individuellen Perspektivwechsel erlaubt. Der Reisebus chauffiert unsere Gruppe durch Pjöngjang, der etwa drei Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt des Landes. Die Strassen und Plätze sind modern, das heisst beleuchtet, gross, breit und…..leer. Der einsam auf der Kreuzung stehende Verkehrspolizist regelt, was nicht geregelt werden muss. Die Wohnhäuser, Schulen, öffentliche Gebäude und Parks scheinen durchaus zeitgemäss und in gutem Zustand zu sein. Es fehlen allerdings historische Gebäude und leuchtende Farben. Das Grau in all seinen Abstufungen kommt mir aus meiner Kindheit vertraut vor.

Wir besuchen zwei Produktionsbetriebe, zumindest werden sie uns so angekündigt. Wir schauen bei den Herstellern des Ginseng-Schnapses, sowie in einer Kosmetikfirma vorbei. Uns soll gezeigt werden, welche ökonomische Kraft sich in diesem Land in den letzten Jahren entwickelt hat.

Vor jedem Betrieb steht ein Propagandamosaik, welches einen der Kims bei seinen „Anweisungen vor Ort“ zeigt.

Bevor wir mit der Besichtigung beginnen, kleiden wir uns mit weissen Kitteln oder schlüpfen mit unseren Schuhen in kleine Plastiktüten. Nach der Verkleidung sehen wir aus wir wie Professor Brinkmann mit seiner Schwester aus der Schwarzwaldklinik.

Welche Geheimnisse werden heute gelüftet? Wir werden jeweils durch gläserne Gänge geführt. Dahinter sehen wir ebenfalls bekittelte und mit Häubchen bedeckte Arbeiterinnen, die einerseits die Abfüllanlage bedienen oder anderseits die Sortiermaschine für die Flaschen oder Kosmetiktuben in die richtige Reihe bringen, damit diese dann in passende Kartons (per Hand) verpackt werden können. Was wir sehen, hat nichts mit dem eigentlichen Herstellungsprozess der Produkte zu tun. Wir dürfen hinter einer Glasfront als Zuschauer der letzten Fertigungsstufe, der Endverpackung, beiwohnen. Zwischen uns und den anderen Gästen wechseln fragende Blicke, warum wir uns für diese paar Minuten hinter dicken Scheiben eigentlich extra Bekitteln mussten. 

Beim Verlassen des Kosmetikbetriebes fällt uns eine Tafel auf, die zeigt, dass sämtliche Mitarbeiterinnen die vorgegebenen Planziele erfüllt oder übererfüllt haben. Gesehen haben wir nur wenige von diesen fleissigen Bienchen. Überhaupt wirken diese Betriebe eher wie Showrooms, in denen die Produkte zwar präsentiert, jedoch nicht wirklich hergestellt werden. Irgendwie wirkt alles verwaist. Über die Gründe können wir nur spekulieren. Glaubhafte Antworten bekommen wir von unseren koreanischen Tourbegleitern nicht. Geht es nach ihnen, ist das normal.

Sehe ich aus dem Busfenster, fallen mir die vielen Landarbeiter auf, die einfach bekleidet mit einem Ochsenkarren in Richtung der Felder unterwegs sind. Manchmal sitzen sie auch nur am Strassenrand in der für Asien so typischen tiefen Hockhaltung, die bei mir nach wenigen Minuten zu muskelkaterähnlichen Schmerzen führen würde. Bei ihnen sieht es so selbstverständlich wie entspannt aus. Auffällig ist, dass jeder noch so kleine Grünstreifen als Anbaufläche für Getreide, Gemüse oder Obst verwendet wird. Von Traktoren oder anderem technischen Gerät, welches die harte körperliche Arbeit der Bauern entlasten könnte, nehme ich nichts wahr. In ihren Händen sehe ich Sensen, Sicheln, Hacken und Spaten. Ihre Körper lassen sich mit dem Ausdruck „vom Leben gezeichnet“ beschreiben. Manchmal erhasche ich, von meinem bequemen Bussessel aus, auch einen Blick in ihre Gesichter. Ich schaue in harte, stolze und demütige Gesichtszüge. 

Das Auge des Taifuns, die Ruhe im Zentrum, ist eben nicht die ganze Wahrheit, nur ein Teil von ihr. So wie das mir gezeigte offizielle Bild der Wirtschaft Nordkoreas nicht falsch sein muss, aber eben nur ein Teil des Gesamtbildes ist. Neben der modernen Hauptstadt und den Produktionsbetrieben sehe ich Arbeitsbedingungen, die wie aus der Frühzeit des Kapitalismus anmuten.

Unserer international gemischten Gruppe von zwanzig Reisenden wurden ein Tour-Begleiter des Veranstalters, sowie zwei Guides von koreanischer Seite zugeordnet. Auf dem Weg zur nächsten Attraktion, der Metro in Pjöngjang, erzählen sie uns von den Meisterleistungen Kim Il Sungs und seiner Sippe beim Bau und der Fertigstellung dieses technischen Glanzstückes. Uns wird erklärt, das ein Metroticket umgerechnet nur einen halben Eurocent kostet. Das wäre sehr günstig auch im weltweiten Vergleich. Jana fragt, wie hoch in unserem Gastgeberland das durchschnittliche Einkommen ist, um diesen in der Tat unschlagbaren Preis mit der Kaufkraft der hier lebenden Menschen zu vergleichen. Sie erhält keine Antwort. Auf Nachfrage wird ihre Frage somit zweifach einfach ignoriert. Tja….naja solche Details sind ja auch nicht wichtig. Schließlich kommt es auf das grosse Ganze an.

Wir betreten eine der in den siebziger Jahren gebauten Metrostationen. Die Bahnsteige liegen, in Anlehnung an die Bauweise anderer kommunistischer Länder, teilweise bis hundert Mieter tief. So können diese bei einem Fliegeralarm auch als Luftschutz- oder Atombunker dienen. Mit der Rolltreppe brauchen wir einige Minuten bis wir am Ziel angekommen sind. Die Namen der insgesamt 16 Stationen auf den zwei Linien geben uns keinen Hinweis darauf, wo wir uns eigentlich befinden, sondern sind propagandistische Erinnerungen an die historische Mission des Landes. So heissen die Haltestellen „Wiederauferstehung“, „Blühendes Licht“, „Triumphale Wiederkunft“, „Vereinigung“ oder natürlich „Sieg“.

Als wohltuend empfinde ich die werbefreie Zone in der Metro und generell im Land. Das Auge und der Geist dürfen ruhen. Der Farbenlärm oder die permanente Beschallung von torgrossen Videoleinwänden kommen hier nicht vor. Ausnahmen bilden die Statuen, Bilder und Skulpturen der unerschöpflich-kitschigen Propagandakunst. Es gibt Momente, in denen ich mich der Anziehungskraft dieser Bilder nur schwer entziehen kann. Sie wirken auf eine bestimmte Art religiös auf mich. Es gibt Bilder, in denen einer oder mehrere der hiesigen ehemaligen oder aktuellen Staatslenker ohne weiteres durch Propheten oder Heilige aus den bekannten Religionen ersetzt werden könnten und das Bild wäre stimmig.

Wir betreten die U-Bahn und setzen uns zwischen die Pjöngjanger. Unsere buntgemischte Truppe wird nicht nur von den Tourbegleitern, sondern auch von den Mitreisenden genau beobachtet. Es geschieht nicht offen. Niemand starrt uns an. Doch ich spüre die prüfenden und zugleich stolzen Blicke, als ob ich von Detektiven beobachtet werde würde. Jana lächelt ihre Sitznachbarin an und bedankt sich dafür, das diese etwas zur Seite rutscht. Sie erwidert mit starrem Blick, um ihn sofort wieder abzuwenden. Aus dem frustrierten Berliner S-Bahn-Milieu kommt mir das durchaus vertraut vor. Jedoch empfinde ich hier mehr. Die sonst so universelle Sprache der freundlichen Mimik und Gestik verfängt hier nicht. Niemand lächelt zurück, wenn wir lächeln. 

Ich versuche, dieses abwehrende, ängstliche Verhalten zu verstehen. Wer, so wie ich, in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, kann solche Verhaltensweisen gegenüber Besuchern aus den Ländern des „Klassenfeindes“  bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Nordkoreanern ist es streng verboten, spontan mit Ausländern ins Gespräch zu kommen. Ein Lächeln oder jede Art von Freundlichkeit müssten sie eventuell im Nachhinein erklären. Die Menschen fühlen sich deshalb einfach sicherer, wenn sie einen Kontakt gar nicht erst entstehen lassen. Offiziell wird das allerdings nicht bestätigt. Unser Begleiter von der Reiseagentur nickt jedoch auf meine Frage hin. Ob und wenn ja welche Folgen ein Verstoss gegen diese Regel für die Betroffenen haben kann, lässt sich nur spekulieren. Jedoch gehe ich davon aus, das es dafür keinen Orden für internationale Freundschaft geben dürfte.

Die Verfassung Nordkoreas garantiert in Abschnitt V (Grundrechte und Grundpflichten) ihren Bürgern Reise-, Meinungs-, Presse-, Versammlungs-, Demonstrations- und Vereinigungsfreiheit. Das wahre Leben sieht jedoch vollständig gegensätzlich aus. Es gibt nur eine Handvoll staatliche Propagandasender, kein Internet, keine freie Berufs- oder Studienwahl, eine sehr überschaubare Warenwelt, keine freie Wahl des Wohnortes und Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen führt zu existenzieller Bedrohung für die ganze Familie und zur Einweisung in Straf -bzw. Umerziehungslager (mehr hierzu bei Amnesty International). Von Kindesbeinen an ist das Leben vorbestimmt durch klare Verhaltensregeln, Pflichten und die mantraartigen Wiederholungen der Weisheiten der unantastbaren Führer. Da ist er wieder dieser Gegensatz zwischen Ruhe und Sturm oder Aufrichtigkeit und Falschheit.

Der Staatsgründer Kim Il Sung gilt als der Treiber der sogenannten Juche-Ideologie. Dahinter steckt die Idee, dass zur Umgestaltung der Gesellschaft ein besonderes Bewusstsein entwickelt und kultiviert werden muss. Um das „chuch’e“ (Juche) zu erreichen, braucht das koreanische Volk seinen großen Führer. Nur so kann die ganze Gesellschaft als einheitlicher sozioökonomischer Organismus das Juche ausüben, also in der Innen- und Außenpolitik selbständig auftreten und handeln. Die drei Prinzipien des Juche lauten: 1. politische Souveränität, 2. wirtschaftliche Eigenversorgung, 3. militärische Eigenständigkeit.

Die jahrhundertelange Besetzung der koreanischen Halbinsel durch fremde Mächte (Russland, China, Japan und die USA) mit dem Versuch, den Koreanern ihre Identität mit teilweise brutalsten Mitteln zu nehmen, ist die Hauptursache für eine tiefverwurzelte Angst vor jeglicher Fremdbestimmung. Diese gilt es um jeden Preis zu verhindern. Das scheint alles zu rechtfertigen, was durch Kim Il Sung und seine familiären sowie politischen Nachfahren in den letzten 70 Jahren zu verantworten ist.

„Wir müssen verstehen und daran glauben, das der Führer das Zentrum des Lebens ist und dass wir nur, wenn wir organisatorisch, ideologisch und als Genossen mit ihm verbunden sind, eine unsterbliche soziopolitische Integrität erreichen können.“ 

Kim Il Sung

Die Menschen in Nordkorea zahlen einen hohen Preis für ihre politische, wirtschaftliche und militärische Autonomie, den ihre heiligen Führer allerdings nicht bereit sind, aufzubringen. Die Entbehrungen der Bevölkerung gelten nicht für ihre Elite.

Wieder spüre ich diesen Gegensatz, diesmal ist er politisch. Ich erfahre zum zweiten Mal in meinem Leben den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie. Natürlich setze ich die ehemalige DDR nicht mit Nordkorea in allen Ausprägungen, die eine Diktatur haben kann, gleich. Dazu ging es den Menschen in der früheren DDR wirtschaftlich wesentlich besser, politische Verfolgung war nur ausnahmsweise lebensbedrohlich und der Personenkult vergleichsweise moderat. 

Ich frage mich, was mit den meisten der 24 Millionen Nordkoreaner mental passiert, wenn die Abschottung beendet wird, das Land sich öffnet für all das, was im Rest der Welt trotz bestehender Unterschiede im Detail, als wirtschaftlicher, politischer und kultureller Masstab gilt. Wenn mich die Lektüre von Büchern etwas gelehrt hat, dann ist es, das Nichts ewig hält, auch nicht die Dynastie der Kims. Die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen werden irgendwann kommen und dann fundamental sein. Freude wird sich mit Ängsten mischen. Viele Ältere werden die Veränderungen als Krise wahrnehmen. Jüngere werden die neuen Freiheiten schätzen und davon am Meisten profitieren. 

Ich erinnere mich, das sich in der ehemaligen DDR die Menschen oft ins Private zurückzogen. Michael Nast („Vom Sinn unseres Lebens“/2018) beschrieb dies so: „Dort wurden Freundschaften und Beziehungen gepflegt. Es ging darum, füreinander da zu sein. Es ging um ein Miteinander, nicht um ein Gegeneinander. Wenn man menschliche Werte lebte, verstand man sich als erfolgreich im Leben. Sie zu kultivieren war ein Statussymbol, denn Reichtum und Besitz hatte das System nicht zu bieten.“ Ich vermute, das viele Menschen in Nordkorea (vielleicht unbewusst) Ähnliches erfahren. Dieses Miteinander sollten sie sich bewahren. Das ist ihr Rückzugsort, das ist ihre kleine ruhige Welt, denn das Leben da draussen gleicht einem Taifun.