Schweigen, Schwitzen, Schlafen – Teil 2

Der zweite Tag beginnt für uns heute, wie für alle hier Anwesenden, um halb vier Uhr Morgens. Oder soll ich lieber „Nachts“ schreiben? Nicht der Hahn, sondern der diensthabende Mönch weckt mich und die anderen mit einem dumpfen Klanginstrument, welches mich an große aufeinander schlagende Holzlöffel erinnert.

Als ich mitten in meiner Tiefschlafphase den lauten, dumpfen Gong vor meiner Tür höre, schrecke ich aus dem Bett hoch. Obwohl ich gestern sofort eingeschlafen bin und ich somit theoretisch ausreichend Stunden Schlaf hatte, fühle ich mich wie gerädert. Nach einer schnellen Katzenwäsche taumle ich im Halbdunkeln Richtung Meditationshalle. Ich merke, dass ich im Vergleich zu den anderen Frauen, die achtsam einen Fuss vor den anderen setzen, noch sehr unkoordiniert gehe. Es ist einfach zu früh und ich bin noch nicht richtig wach. Neben der Trinkwasserstelle steht ein Baum und während das Wasser langsam meine Flasche füllt, beobachte ich einen Hahn im Baum, der versucht, wieder einzuschlafen. Er dreht sich mehrfach auf dem Ast im Kreis und steckt sein Köpfchen abwechselnd ins Gefieder und wieder aus dem Gefieder, um die Menschen zu beobachten, die an ihm vorbeilaufen. Er fühlt sich sichtbar gestört. Ich muss schmunzeln – verkehrte Welt!

Nach dem Frühstück habe ich die Gelegenheit mit dem Meister und Ing persönlich zu sprechen. Er erklärt, dass die Art des Vipassanas, die wir hier praktizieren auch Labelmeditation genannt wird. Allen Objekten, Empfindungen und Gedanken werden Etiketten verpasst. Wenn er also den rechten Fuss hebt, dann beschreibt er das gedanklich mit „lifting right foot“, wenn ihm das Sitzen Schmerzen bereitet, dann nimmt er diese wahr und notiert in seinem Kopf gedanklich „pain“. Dadurch werden alle Zustände anonymisiert und eine Distanz zu ihnen wird aufgebaut. Das hilft, schneller bei sich zu sein. Er empfiehlt für die Meditation zuhause einen fixen Termin. Auf meine Frage antwortet Kyunpin Sayādaw, das er Mönch geworden sei, weil er schon immer gern allein war. Trost spendend empfand ich seinen Hinweis, dass er trotz jahrelanger täglicher Meditation noch immer Momente hat, in denen er „angry“ (also verärgert) sei. Dies komme jedoch nur selten vor. Mit einem verschmitzten Lächeln erwähnt er, das Ing über diese Momente Bescheid weiß, da sie seinen Ärger am meisten spürt.

Sie erklärt, das laut der hier gelebten buddhistischen Philosophie alle Gedanken, Gefühle oder Geräusche nur Objekte sind, die nichts mit dem „Ich“ zu tun haben. Sie kommen und gehen und sind nicht mit dem „Selbst“ verbunden. Auf meine Frage, was dann noch von mir übrig bleibt, höre ich: 

NICHTS. 

Hmm – eine irgendwie unbefriedigende Antwort. Zum Schluss bekomme ich von Ing noch einen kleinen Hocker, damit ich in der Sitzmeditation nicht ständig das Label „Pain“ vergeben muss. 

Ing sagte uns bei der Einführung, dass es völlig normal sei, dass die Beine nach einer gewissen Zeit im Schneidersitz einschlafen und dies Schmerzen verursacht. Wir sollen den Schmerz einfach bewusst wahrnehmen, ihn etikettieren und warten, bis er wieder verschwindet. Bei mir verschwindet er jedoch nicht, im Gegenteil – er wird immer schlimmer, je länger ich in dieser Position sitzen bleibe. Normalerweise hätte ich mich schon längst bewegt, doch nun zwinge ich mich, ihn auszuhalten, bis er nachlässt. Minuten vergehen. Ich versuche auf meinen Atem zu achten, doch der Schmerz wird immer intensiver. Mein Geist driftet immer öfter zu dem Pochen in den Beinen und ich kämpfe gedanklich gegen den immer grösser werdenden Drang, mich zu bewegen. Die Neugier, ob der Schmerz tatsächlich aufhört, ist jedoch noch grösser und so halte ich weiter in der quälenden Position aus. Weitere Minuten vergehen. Auf meinen Atem kann ich nicht mehr achten, alle meine Gedanken sind bei dem Schmerz. Ich erwische mich, wie ich gedanklich fluche. Dennoch harre ich weiter aus. Während ich so still und regungslos auf meiner Matte sitze und von aussen eventuell sogar tiefenentspannt wirke, führe ich im Inneren einen brutalen Kampf: Körper gegen Willenskraft. Der Schmerz ist überwältigend, aber ich bewege mich nicht. Doch nun holt mein Geist einen Joker heraus, an den ich bis jetzt noch nicht gedacht habe: Es tauchen nun Sorgen über meine Gesundheit auf. Wie clever. Was ist, wenn ich mir gerade einen Nerv abklemme? Ich erinnere mich an das Taubheitsgefühl im kleinen Finger der rechten Hand, unter welchem ich vergangenes Jahr nach einer langen Fahrradtour noch Monate danach litt. Das möchte ich nicht nochmals durchmachen und so beschliesse ich kurzum, den Kampf aufzugeben und auf den Körper zu hören. Ich bewege mich zaghaft, um die anderen nicht zu stören. Jede kleinste Regung tut höllisch weh, am liebsten möchte ich aufschreien. Es ist, als ob mich mein Körper für dieses Experiment bestrafen will. Ich ziehe eine Lehre daraus und beschliesse, in Zukunft auf aufkommende Schmerzen zu reagieren und meine Position viel früher zu ändern. 

Am Abend des dritten Tages fühle ich mich lustlos und leicht frustriert. Ich mache keine Fortschritte, was meine Meditationspraxis angeht. Besonders bei der Sitzmeditation drifte ich häufig ab. Die Gedanken kommen und wollen oft nicht wieder gehen. Zudem schleichen sich auch negative Gedanken ein. Das nervt. Ich fühle noch immer Wut und Traurigkeit, wenn ich an Menschen denke, die mir früher sehr nah standen und die mich verletzt haben. Vielleicht finde ich ja hier den Schlüssel, der die Tür der Akzeptanz und des respektvollen Abstandes endgültig öffnet. Ich erinnere mich an die Worte von Ing, dass alle Gedanken, Gefühle und Objekte, die ich wahrnehme, nichts mit meinem Selbst zu tun haben. Alles kommt, geht und vergeht. Nichts ist beständig. Wenn ich das verinnerlicht habe, dann habe ich die erste Stufe zum Nibbana (in Palisprache „Erlöschen“ oder „Erwachen“ bzw. Nirwana in Sanskrit) erreicht.

Am nächsten Morgen beim Frühstück sehe ich Jana, wie sie langsam zu ihrem Platz geht. Sie sieht müde und zermürbt aus. Unsere Blicke treffen sich beim Essen und ich lege meine Hand auf mein Herz, unser Zeichen für „Alles gut“. Sie erwidert meine Geste nicht und steckt mir stattdessen beim Verlassen des Raumes einen Zettel zu. Sie überlegt, abzubrechen, da sie mit der Dauer und Art der Meditation Schwierigkeiten hat. Ich kann sie gut verstehen. Der Tagesablauf lässt neben den Meditationen und Mahlzeiten kaum Zeit zur freien Verfügung übrig. Hinzu kommt, das sich die Sitz- und Gehmeditation im Verhältnis 7:4 aufteilt. Selbst im bequemsten Couchsessel ist ein bewegungsloses Sitzen über sieben Stunden eine Herausforderung. Mittags steckt mir Jana erneut ein Stück Papier zu. Darauf steht, dass Ing ihre Bedenken offenbar nicht Ernst nimmt und sie als die üblichen Anfängerprobleme einordnet. Ein Abbruch der Meditation ist zwar jederzeit möglich, jedoch mit dem umgehenden Verlassen des Klosters verbunden. Das möchte Jana auch nicht und so übt sie sich in Akzeptanz und bleibt dran. Immerhin ist heute der vierte von insgesamt sieben Meditationstagen zu Ende gegangen.

Ich fühle mich unendlich müde. Während den Sitzmeditationen überkommt mich immer wieder die Müdigkeit. Wie ein Schleier hüllt sie mich ein und zwingt mich förmlich in den Schlaf. Und so döse ich regelmässig ein und wache erst wieder auf, wenn ich merke, wie ich zur Seite kippe. In dem Moment erschrecke ich, setze mich wieder gerade hin und versuche mich erneut auf meinen Atem zu konzentrieren. Das klappt nur eine kurze Weile, denn auch bei mir wirren die Gedanken durch den Geist. Mir scheint, als ob mich mein Geist mit immer attraktiveren Überlegung von meiner Achtsamkeitsübung abhalten will. Es fällt mir schwer eine kreative Idee einfach ziehen zu lassen und so hafte ich ihr oft an, verfolge die Spur und komme von einem Gedanken zum nächsten. Bis mir bewusst wird, dass ich erneut von meiner Atembeobachtung abgekommen bin vergehen oft Minuten. Wenn ich mich dann wieder auf das Heben und Senken der Bauchdecke konzentriere und es schaffe, die Gedanken bewusst ziehen zu lassen, klopft im nächsten Moment auch schon die Müdigkeit wieder an. Ganz nach dem Motto: „willst du nicht denken, so sollst du schlafen“ Und so gebe ich es erneut auf. Ich setze mich auf meine Knie und beuge mich nach vorne, den Kopf lege ich auf meinem Kissen ab. Obwohl diese Hockposition absolut nicht bequem ist, schlafe ich sofort ein. 

Es scheint hier übrigens völlig üblich zu sein, das Mönche und Yogis locker entspannt sämtlichen Blähungen nachgeben und furzen, was das Zeug hält, egal welche Meditation sie gerade ausüben oder in welcher Schlange sie gerade stehen. Es scheint ihnen wirklich gleichgültig zu sein – was raus muß, muß raus. Mit dem Rülpsen verhält es sich im Übrigen ebenso. Ich werde das Gefühl nicht los, das damit das Schweigegelübde auf ziemlich subtile Art umgangen wird unter dem Motto „Wenn ich schon nicht reden darf, dann mache ich eben mit Furzen und Rülpsen auf mich aufmerksam.“

Am nächsten Tag geht es mir schon besser. Ich habe beschlossen, die Woche hier durchzuziehen und das Beste daraus zu machen. Das bedeutet für mich, die Meditation nicht mehr so ernsthaft zu betreiben. Ich gebe mich von nun an meinen Gedanken hin, wenn mein Körper schmerzt, dann wechsele ich die Position und wenn mich der Schlaf überkommt, dann hocke ich mich so hin, dass ich für ein paar Minuten die Augen schliessen kann. Zudem schwänze ich ein paar Meditationsstunden und lege mich stattdessen zum Schlafen in mein Bett oder führe in meinem kleinen Bungalow Dehn- und Kraftübungen aus. All das ist natürlich nicht im Sinne der Vipassana Meditation, aber es für mich der Weg, wie ich die restlichen Tage hier überstehe.

Nach dem heutigen Frühstück steckt mir Micha einen Zettel mit lieben Worten und Durchhaltewünschen zu. Ich danke ihm so sehr dafür, lächle ihn an und lege meine Hand auf mein Herz. 

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