Willst du Gott zum Lachen bringen …

…dann erzähl ihm deine Pläne. Gott hat mit uns höchstwahrscheinlich gerade eine super Zeit. „Wenigstens einer, der sich freuen kann“ denke ich, während ich an die Decke starre und darauf hoffe, dass der Strom bald zurückkommt und somit die Klimaanlage wieder anspringt. Wäre ich religiös, würde ich zu Gott beten oder vielleicht sogar mit ihm schimpfen. Es ist unerträglich heiss. Es sind nicht nur die 35 Grad Aussentemperatur und die 90 Prozent Feuchtigkeit in der Luft,  die mir zu schaffen machen, es ist auch das Fieber, mit dem ich mich seit zwei Tagen herumquäle. Micha liegt neben mir im Bett und schaut Videos von Anke Engelke.  Auch er lacht in regelmässigen Abständen. Na immerhin – die Jungs haben Spass. Mir ist überhaupt nicht zum Lachen zumute.

Aber zurück zu unserem Plan: Eigentlich wollten wir heute schon längst in Mandalay sein. Die zweitgrösste Metropole im Zentrum Myanmars hat viele touristische Highlights in der Stadt selbst und in der näheren Umgebung zu bieten. Wir wollten einige Tage dort verbringen und uns alles in Ruhe anschauen. Aber die achtstündige Fahrt, die gestern früh beginnen sollte, konnte ich beim besten Willen nicht antreten. Wir mussten die Tickets für den Bus und das im voraus gebuchte Hotel stornieren und verlängerten stattdessen unser Doppelzimmer bei Kyaw auf unbestimmte Zeit. Zum Glück ist noch Vorsaison, die guten Hostels sind vakant und flexibel für Fälle wie uns. 

Micha schaut besorgt zu mir herüber, hält mir sein Telefon hin, aber ich will jetzt keine lustigen Videos sehen. Er ermutigt mich, zumindest ein paar Schluck Wasser zu trinken. Ich lächle ihn an und richte mich mit Mühe ein bisschen auf. Danke, dass du da bist und dich so liebevoll um mich kümmerst. Ich bin froh, dass es dir gut geht – nicht auszumalen, wie schrecklich es wäre, wenn wir beide zeitgleich ausser Gefecht gesetzt worden wären.

Wie bin ich eigentlich in diese Situation gekommen? Habe ich etwas Falsches gegessen oder getrunken? Wo habe ich mich angesteckt? Ich versuche mich zu erinnern: Vorgestern waren wir den ganzen Tag auf den Beinen und mir ging es gut. Der späte Nachmittag war besonders schön, denn wir haben die Shwedagon-Pagode, den wichtigsten Sakralbau und das religiöse Zentrum Myanmars besucht.

Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal hier und war so begeistert von der Atmosphäre, dass ich unbedingt zurück wollte. Damals war ich nur ein paar Tage aus beruflichen Gründen in der Stadt.  An meinem freien Tag wollte ich so viel wie möglich sehen und über die burmesische Kultur erfahren. Ich buchte eine private Tour mit einem lokalen Guide. Die Shwedagon-Pagode war schon damals mein Highlight. Für mich war es vorgestern ein Privileg, diesen Ort noch einmal besuchen zu dürfen. Ganz besonders schön war es, ihn mit Micha an meiner Seite zu erkunden – einen Mann, den ich 2016 noch nicht kannte und den ich heute so sehr liebe. 

Nun war sehr geduldig und freundlich

Am Eingang bot sich uns eine etwa sechzigjährige, gepflegt aussehende Frau als Führerin an. Auf Grund der Bedeutung dieses Ortes und ihrer sympathischen Art nahmen wir ihr Angebot gern an. Bis zum Einbruch der Dunkelheit war Nun, wie wir sie nennen sollten, unsere Begleiterin. Sie schilderte uns im besten Englisch alles rund um diese Sehenswürdigkeit.

Sie erklärte, dass der Hauptstupa aus 60 Tonnen Gold besteht und mit über 4000 Diamanten, Rubinen und Saphiren verziert ist. Der grösste Diamant an der Spitze wiegt 76 Karat. Was das bedeutet, musste ich auch erstmal recherchieren: umgerechnet sind das 15,2 Gramm, was einem Wert von aktuell rund 300.000 Euro entspricht. Kurz vor Sonnenuntergang wies uns Nun auf sein Funkeln, welches nur von einer ganz bestimmten Position aus zu sehen ist, hin. Wir waren berührt und fasziniert zugleich.

Das Abendlicht liess die Pagode in einem ganz besonderen Glanz erstrahlen. Der dunkelblaue Himmel im Hintergrund bot den perfekten farblichen Kontrast zu der goldenen Kulisse. Obwohl hier so viele Menschen waren, herrschte eine außergewöhnlich magische, friedliche und beruhigende Stimmung. Viele liefen, wie wir, einfach um den grossen Stupa herum, andere saßen in kleinen Grüppchen zusammen und unterhielten sich. Junge Mönche und Nonnen schlichen an uns vorbei. Gläubige meditierten oder verteilten Blumengirlanden und Lotusknospen, während andere jede Menge Räucherstäbchen und Kerzen anzündeten.

Umgeben ist der Hauptstupa von 60 kleineren Stupas und vier größeren an den Querseiten, welche die vier Himmelsrichtungen markieren. Dazwischen befinden sich unzählige Andachtshallen, Schreine und Pavillons mit liegenden, sitzenden, ruhenden und sonstigen Buddhas. Überall stehen Glocken, die man mit einem grossen Stück Holz anschlagen kann und sich dabei etwas wünschen darf. Als Micha das erfuhr, ging er schnurstracks auf den nächsten Gong zu und fing an, ihn mehrfach zum Läuten zu bringen. Hatte er so viele Wünsche oder hatte er einfach Spass an der Kombination aus sportlicher Betätigung und Klangerzeugung? 

Ich beobachtete in der Zeit, wie manche Besucher kleine Gläser mit Wasser immer wieder über einige Figuren schütten. Nun erklärte, dass der Wochentag der Geburt für Burmesen besonders wichtig ist. Er bestimmt den Namen des Kindes und dessen Persönlichkeit. Der astrologische Kalender in ihrem Land unterteilt die Woche in 8 Tage, wobei der Mittwoch (Tag, an dem Buddha geboren wurde) aus zwei Teilen besteht. Zu jedem Tag gehört ein Tier, ein Planet und eine Himmelsrichtung. Micha ist ein Sonntagskind, ihm ist der Garuda (ein mystischer Vogelmensch) zugeordnet und als Planet die Sonne. Seine Himmelsrichtung ist der Nordosten. Ich wurde an einem Montag geboren. Mein Tierzeichen ist der Tiger, mein Planet der Mond und meine Himmelsrichtung der Osten. 

Als wir an dem Altar mit dem Tiger vorbeigingen, fordert mich Nun auf, Wasser über die beiden Figuren zu giessen. Üblicherweise gießt man die seinem Alter entsprechende Anzahl von Gläsern Wasser plus einen für eine gute Zukunft über das Tier und den Erleuchteten. Bei mir kamen da einige Gläser zusammen, so dass die Prozedur ein bisschen Geduld von Nun und Micha verlangte. Danach zündete ich eine kleine Kerze an und wünschte mir ebenfalls etwas. Ich machte es kurz und knackig: Gesundheit, Liebe und Zufriedenheit. 

Jetzt muss ich doch ein bisschen lachen: habe ich vielleicht den kleinen Buddha falsch begossen, dass er mich ein paar Stunden nach dem Ritual dermassen abmahnt?

Jedenfalls wäre ich gerne noch länger in der Pagode geblieben, so schön fand ich es dort. Aber wir mussten noch unsere Wäsche abholen, die Rucksäcke packen und ein bisschen Proviant für die geplante Busfahrt am nächsten Tag kaufen. Und so fuhren wir zurück ins Hostel. Im Taxi merkte ich das erste Mal, dass mir irgendwie schlecht wurde. Vielleicht lag es ja am Fahrstil, dachte ich.  Aber auch im Hostel erholte ich mich nicht wieder. Ich wollte schnell den Rucksack packen und früh ins Bett gehen. Vielleicht verlangte mein Körper einfach nach etwas Ruhe. Aber auch im Bett wurde es nicht besser. Im Gegenteil, ich fühlte mich immer mieser und bekam üble Bauchschmerzen. Dann ging alles recht schnell. Irgendetwas war in mir, was mein Körper nicht wollte. Zunächst versuchte er es mit einem akuten Durchfall zu beseitigen. Aber das schien nicht zu genügen. Nachdem ich die Gemeinschaftstoiletten auf zittrigen Beinen verlassen und mich wieder ins Zimmer geschleppt hatte, entschied sich mein Körper für eine Magenentleerung im Turbogang. Jetzt spüre ich die Kehrseite meines konsequenten Verzichts auf die oft grosszügig gereichten Einkaufstüten beim Shoppen. Wo sind die verdammten Plastiktüten, wenn man sie braucht? Mein Körper folgte dem aggressiven Werbeslogan des totalen Ausverkaufs:  „Alles muss raus“. Ich war mittlerweile so geschwächt, dass mir sogar das Sitzen schwer fiel. Eine Pause war mir nicht vergönnt. Ich sollte mich erneut, diesmal auf Michas Arm gestützt, zu den Toiletten hieven. Wie weit doch zehn Meter sein können. Und wie schnell ich meine Energie verloren habe. Jede Bewegung war zu viel für mich. Ich wollte nicht mehr. Mein Herz raste und ich fühlte, wie mein Blutdruck absackte. Mir ging es so schlecht, wie schon lange nicht mehr.

Micha gab mir Wasser und ein Mittel gegen Durchfall. Ich hoffte auf den Verbleib im Körper und die schnelle Entfaltung seiner Wirkung. Irgendwann schlief ich ein, aber die Nacht war nicht erholsam. Ich bekam Fieber, Schüttelfrost und Schweissausbrüche. Immerhin musste ich mich nicht mehr übergeben. Am nächsten Morgen kaufte Micha Salz, Zucker und Orangensaft und mischte mir damit eine Elektrolytlösung, die zwar furchtbar schmeckte, die ich aber dringend brauchte. Den Tag verbrachte ich mit Schlafen, Trinken und Fiebermessen. Zum Glück stieg das Thermometer nicht auf über 39 Grad an – dann wären wir ins Krankenhaus gefahren. Über unsere umfangreiche Reiseapotheke, über die wir hin und wieder fluchen, da sie viel Platz einnimmt, waren wir selten so froh, wie in diesen Tagen. Wir hatten auch fiebersenkende Medikamente dabei und auch der viele Schlaf gestern tat mir gut. 

Heute geht es mir schon etwas besser. Ich glaube, das Gröbste überstanden zu haben und bin dankbar für meinen starken Körper, der den Kampf mit dem viralen oder bakteriellen Eindringling anscheinend gerade für sich entscheidet. Micha lacht laut auf und ermutigt mich, mir dieses eine Ladykracher-Video anzusehen. Danke Anke, jetzt muss ich auch schmunzeln. Nach einer Weile fängt es über uns an zu rattern. Die Klimaanlage ist angegangen, der Strom ist zurück. In meinem erleichternden Seufzer stosse ich ein klitzekleines Dankesgebet an Gott und an Buddha aus. Und ich lache erneut. 

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