Wo es brüllt und rülpst

Der Taxifahrer findet uns. Es ist für ihn wesentlich leichter, zwei grosse hellhäutige Europäer auszumachen, als für uns, sein Auto in der Masse der Fahrzeuge wieder zu finden, dessen Nummernschild wir uns wegen der ganzen Aufregung noch nicht einmal gemerkt haben. Schon von Weitem hören wir ein stetiges Hupen. Es verrät uns, dass unser Fahrer mindestens genauso erleichtert zu sein scheint, uns gefunden zu haben, wie wir es gerade sind.

Wir steigen schnell ein, verlassen Jakarta und fahren 140 Kilometer nach Süden. Es geht ununterbrochen durch kleine Städte und Dörfer. Es gibt auf der ganzen Strecke keinen Abschnitt, der nicht besiedelt ist.

Als wir nach sechs Stunden endlich an unserem Ziel ankommen, ist es stockdunkel und alle tagaktiven Bewohner sind schon längst in ihren Betten. Dennoch werden wir freundlich von Hanneke begrüsst und erhalten eine erste kleine Einweisung von ihr. Hier ist die Küche, dort sind die Toiletten, hier der Frauen – und dort der Männerschlafsaal. Wir fallen todmüde in unsere zugewiesenen Betten und schlafen schnell sowie voller Vorfreude auf das, was kommt ein. 

Das Cikananga Wildlife Center ist eine gemeinnützige Organisation, die sich dem Schutz der in Indonesien lebenden Wildtiere verschrieben hat (Link Homepage). Es wurde 2001 gegründet und beherbergt rund 500 Individuen.  Dabei handelt es sich um Tiere, die von ignoranten Menschen aus ihrer natürlichen Umgebung herausgerissen wurden, sei es, um sie als Haustier zu halten, um sich mit ihrem Fell, ihren Zähne oder Klauen zu schmücken oder um ihre Organe in der absurden Hoffnung auf eine wundersame Heilung zu essen.

Heute im Jahr 2019, trotz der zunehmenden Bildung der Menschen, trotz all der Erkenntnisse moderner Medizin – blüht der Handel mit exotischen Tieren. Die meisten Käufer befinden sich in Asien selbst. Wenn ich das Leid der Tiere sehe, zweifele ich an der Menschheit. 

Nur das mein Zweifeln niemandem etwas nützt. Ich muss etwas tun. „Sei du die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Ein Spruch der Gandhi zugeschrieben wird und den ich als einen meiner Leitsätze betrachte. Und so spenden wir erneut einen Teil unserer Zeit, Arbeitskraft und Geld, um die Veränderung zu sein, die wir gerne in der Welt sehen würden.

  • Einige der hier aufgenommen Tiere kennen wir: Affen, Krokodile, Schildkröten und Kakadus. 
  • Von anderen haben wir noch nie etwas gehört: Kasuare (wer sie einmal erlebt hat, wird sie nie vergessen).
  • Viele sind bereits vom Aussterben bedroht: Gürteltiere, Nebelparder und Slow Loris. 
  • Anderen steht dieses Schicksal kurz bevor wie zum Beispiel dem Zwergotter (es ist in gewissen Kreisen gerade „hipp“, sich einen Otter als Haustier zu halten; mehr dazu hier: Nationalgeographie ).
Ein Hornbill – kräftig in den Schminktopf gefallen. Mit Erfolg – er ist das meistfotografierte Tier im Center.

Am ersten Tag bekommen wir nun bei Tageslicht eine ausführliche Einführung von der robusten Dame, die uns am Vorabend so herzlich empfangen hat. Hanneke ist eine nicht mehr ganz junge Holländerin und sie ist die Ansprechpartnerin für alle Freiwilligen hier. Bemerkenswert ist, dass sie mit über 50 Jahren noch eine Ausbildung im Wildtiermanagement gemacht, dann ihr Leben um 180 Grad verändert hat, um hier auf Java unter den einfachsten Bedingungen für diese Organisation zu arbeiten. „Nein“, verrät sie uns „bereut hat sie die Entscheidung nicht“. 

Bei unserem Rundgang lernen wir gleich einige der festangestellten Pfleger, der Tiere und die auf uns zu kommenden Arbeiten kennen. Hanneke freut sich, dass wir bereits Erfahrungen bei den Sonnenbären gesammelt haben und dadurch die Routine eines Tierpflegers kennen –  auch hier herrscht eine strenge „Tiere-nicht-anfassen“ Politik. Auch hier verbringen wir die ersten Stunden am Morgen mit der Futterzubereitung. Danach folgt die Reinigung der Gehege. Die Nachmittagsstunden bringen wir oft damit zu, Beschäftigungsspielzeug für die Tiere zu basteln. Soweit ähneln sich die Abläufe zu unserem letzten Freiwilligeneinsatz. 

Dennoch merken wir schnell den Unterschied zu dem Sunbear-Center auf Borneo. Während die Auffangstation für die Sonnenbären finanziell recht gut da steht, fehlt es hier ganz offensichtlich an vielem. Es gibt für all diese Tiere nur eine Handvoll festangestellte Pfleger. Die Geräte und Werkzeuge der täglichen Arbeit wurden alle schon mehrmals repariert, vieles ging kaputt oder verloren und konnte nicht wieder ersetzt werden. Einige der Gehege sind recht klein und ziemlich alt. Trotzdem geht es den Tieren hier bedeutend besser, als dort, wo sie vorher waren. Hier bekommen sie artgerechtes Futter, die Gesellschaft anderer ihrer Spezies und zumindest so viel Platz, dass sie sich bewegen können. Und was am wichtigsten ist: hier dürfen sie leben.

Unser Arbeitstag beginnt um 7 Uhr früh – Obst und Gemüse maul- beziehungsweise schnabelgerecht zu schnippeln, empfand ich schon immer als meditativ. Deshalb sitze ich gerne auf dem kleinen roten Plastikhocker und mache mich daran, den grossen blauen Korb vor mir zu füllen. Er ist für die Kasuare und die lieben circa 3 Zentimeter grosse Bananenstücke (gerne auch mit Schale) sowie Apfel-, Melonen-, Birnen-, Kaki- oder gekochte Süsskartoffelstückchen. Es dauert etwa eine Stunde bis der Korb voll ist. Danach werde ich Zeuge, wie diese Tiere all die so liebevoll von mir geschnittenen Portionen ratzfatz mit ihren Schnäbeln verschlingen.

Diesen Vögeln sollte man stets mit Respekt begegnen. Ihre Schnäbel und ihre Füsse sind gefährliche Waffen und können einen übermütigen Menschen auch schon mal töten.

Nachdem alle erstmal versorgt sind geht es nun an das Reinigen. Wir Freiwilligen wechseln uns täglich ab, damit jeder mal die weniger dreckigen und jeder auch mal die stark verschmutzten Gehege reinigen darf. Es gibt Tiere, die sind sehr sauber und machen ihr Geschäft nur in eine Ecke und es gibt Schmutzfinken, die hinterlassen jeden Tag einen wahren Saustall. Zudem ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Stoffwechselendprodukte der Fleischfresser wesentlich unangenehmer riechen, als die eines sich vorwiegend von Obst und Gemüse ernährenden Bären. Wir bekommen Masken, damit uns nicht allzu übel wird. 

Am anstrengendsten empfinde ich jedoch die Reinigung der Gehege der Siamang. Im Wildlife Center leben aktuell vier dieser Primaten, die zur Familie der Gibbons gehören. Charakteristisch für diese Tiere ist ihr grosser, aufblasbarer Kehlsack mit dem sie ohrenbetäubende „Gesänge“ von sich geben können.

Jedesmal, wenn sich ein Mensch ihrem Gehege nähert, legt erst einer los und alle anderen stimmen ein. Ihre Stimmgewalt nutzen die Siamang, um im Regenwald über weite Distanzen miteinander zu kommunizieren. Für mich klingt das in nächster Nähe wie ein direkt vor mir haltender Notarztwagen, der weder seine Sirene abstellen noch weiterfahren will. So als wäre ich der zukünftige Patient, der jedoch erstmal einen Gehörsturz verpasst bekommt, um dann vom Verursacher des Übels gerettet und abtransportiert zu werden.

Es ist für mich absolut nicht nachvollziehbar, warum man sich freiwillig eine solch nervtötende Spezies als Haustier hält. Wer es gerne laut um sich hat, dem empfehle eine Katze zu adoptieren – wenn die richtig Hunger hat, kann auch sie schreien, dass einem die Ohren weh tun. Wer meinen Kater „Gordi“ kennt, der weiss wovon ich schreibe.

Die Nachmittage gestalten sich im Cikananga Wildlife Center sehr abwechslungsreich – je nachdem, was gerade am Dringendsten benötigt wird, suchen wir nach frischen Blättern als Spiel- oder Nestmaterial, bauen Behausungen oder lernen, wie man ein Krokodil fängt. 

Das Bauen von Dingen macht uns am meisten Spass. Wir sägen, schrauben, fädeln und feilen. Das uns zur Verfügung stehende Material ist spärlich. Der Werkzeugkasten ist eher halb leer als halb voll. Aber es ist genau das, was den Reiz ausmacht. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg und eine kreative Lösung findet sich immer.

Die Otter sind ganz ausser sich, als sie unser handgefertigtes Floss erhalten. Mit Micha gemeinsam etwas geschaffen zu haben, was anderen Lebewesen so viel Freude bereitet, sind für mich die schönsten Momente. 

Gegen 16 Uhr endet unsere Arbeitszeit. Wie üblich gibt es am frühen Abend die letzte Mahlzeit des Tages. Wir sitzen mit den anderen Freiwilligen zusammen, unterhalten uns, spielen Karten, einige von uns lesen.

Plötzlich schrecken die Hunde, die gerade so friedlich unter dem Tisch geschlafen haben, auf und beginnen, wie verrückt in die Luft zu bellen, jeder in eine andere Richtung. Keiner von uns versteht den Grund ihrer Aufregung. Wir sehen niemanden, vor dem sie uns warnen müssen. Liegt es an der Waschmaschine, die gerade in den Schleudergang überging und den Boden leicht wackeln lässt? Moment mal: die Waschmaschine steht doch gar nicht hier. Bevor ich diesen Gedanken weiter verfolgen kann, kommen auch schon die einheimischen Frauen, die für uns Kochen und sicher gerade mit dem Geschirrabwaschen beschäftigt waren, aus der Küche heraus gerannt. Wir starren auch sie mit weit geöffneten Augen und unverständlichen Blicken an. Sie rufen uns zu: „Kommt raus hier, dies ist ein Erdbeben!“. 

Endlich verstehen auch wir und bewegen uns so schnell wir können raus aus dem Essbereich, raus in die nicht überdachte Natur. Die Erde vibriert jetzt ganz schön doll. Es fühlt sich, als würden wir auf dem aufgeblähten Bauch eines Riesen sitzen, der gerade ein genüssliches Bäuerchen nach einem üppigen Mahl von sich gibt. Bevor ich es richtig begreife ist es auch schon wieder vorüber. Später lesen wir, dass wir heute Abend Zeugen eines Seebebens waren, das nicht weit von der Küste in etwa 10 Kilometer Tiefe einen Wert von 6,9 auf der Richterskala erreicht hatte.

Indonesien liegt wie viele unserer bereits bereisten Länder auf dem sogenannten Feuerring. Täglich gibt es hier mehrere Erdbeben. Glücklicherweise führen nur die wenigsten zu den fatalen Folgen, die uns unbekümmerten Europäern Chips knabbernd im Fernsehsessel als Unterbrechung unseres geliebten Abendprogramms in Form einer Eilmeldung präsentiert werden. Für die Menschen hier sind sie jedoch jedesmal eine ernstzunehmende Bedrohung. Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, warum viele Menschen hier trotz vieler materieller Defizite insgesamt zufriedener mit ihrem Leben wirken als manch Artgenosse zu Hause. Sie werden regelmässig daran erinnert, dass der Status Quo, das Zuhause oder gar die Existenz jederzeit innerhalb von Sekunden zerstört werden können. Jeden Tag, den sie also gesund und unbeschadet erleben dürfen, lässt sie dankbar sein.

Ich bin froh, dass es bei uns stets nur der Schleudergang der Waschmaschine ist, der unseren Boden wackeln lässt. Ich nehme mir vor, jedesmal wenn ich in Zukunft diese Vibration spüre, dankbar für das Leben zu sein, welches ich Zuhause leben darf.

Am nächsten Morgen stehe ich bereits um 5 Uhr auf, um mich von Micha zu verabschieden. Er hat einen besonderen Termin. Ich freue mich sehr für ihn, wünsche ihm einen guten Flug und eine tolle Zeit. In einer Woche sehen wir uns wieder. Falls du dort, wo du bist, in der Ferne einen Siamang brüllen hörst, dann weisst du, das ich es bin, die an dich denkt!

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