Die einzige Chance

Das ist unsere einzige Chance. Das muss klappen. 

Dies ist der Plan: Wir landen um 10.35 Uhr in Jakarta und werden von einem Fahrer abgeholt. Um 13 Uhr haben wir einen Termin in der Visastelle der chinesischen Botschaft. Laut Google Maps braucht man mit Auto für diese dreissig Kilometer weite Strecke lediglich 45 Minuten. Wir haben dreieinhalb Stunden eingeplant. Das sollte doch reichen.

Wir starten früh in Kuala Lumpur.
Vom Flughafen zur Botschaft in 42 Minuten (theoretisch).

Und hier nun die Realität: Wir landen planmässig gegen 10.30 Uhr in Jakarta, kommen gut durch die ganzen Einreisekontrollen und begeben uns dann in freudiger Erwartung zur Ausgangshalle. Da stehen die unterschiedlichsten Menschen und warten auf die Ankommenden.  Wie überall auf der Welt halten viele von ihnen Zettel mit Namen hoch. Aber unsere Namen finden wir darunter nicht. Wir quetschen uns durch das Gewusel, stellen unsere Rucksäcke ab und warten. Auch hier ist es heiss und es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit. Wir kaufen uns erstmal etwas zu trinken und warten geduldig. Irgendwann läuft ein kleiner Mann mit einem Zettel an Micha vorbei. Wir quatschen ihn an und tatsächlich, da stehen unsere Namen auf dem Blatt Papier. Wir haben uns also gefunden. Es ist mittlerweile 11.30 Uhr. Alles ist in Ordnung, wir können los. 

Unser Fahrer kann kein Englisch, weiss jedoch von dem Termin. Er zeigt uns auf der Karte das Stadtzentrum von Jakarta und sagt etwas, dass wie „Embassy China“ klingt. Wir bestätigen mehrmals per Handzeichen und Mimik, dass wir tatsächlich erstmal dort hin wollen. Die ersten paar Kilometer kommen wir gut voran. Wenn es so weiter geht, dann haben wir sogar noch Zeit für einen kurzen Stop, um etwas zu essen. Schliesslich hat der Tag für uns heute sehr früh angefangen und unsere Mägen knurren schon. Doch mir wird schnell klar, dass aus der erhofften Mittagspause nichts wird. Schon verdichtet sich der Verkehr, wir werden immer langsamer und bald schon geht es nur noch stockend vorwärts – oder garnicht mehr. Willkommen in Jakarta. Es gibt internationale Rankings, da steht die 10-Millionen-Einwohner-Stadt auf Platz eins gemessen an den Verkehrsproblemen.

Ein Weitwinkelfoto von einem ganz normalen Motorrad-Parkplatz.

Ich schaue aus dem Auto und denke an deutsche Städte (von Schweizer Städtchen will ich garnicht erst träumen). Ja, auch bei uns gibt es Stosszeiten mit viel Verkehr. Es passieren Unfälle und es gibt Baustellen, die Stau oder Stop & Go verursachen. Aber das Ausmaß des Verkehrs in der Heimat ist nicht vergleichbar mit dem Chaos, das ich hier beobachte. Es sind nicht nur die vielen Autos und Busse – unentwegt versuchen sich Massen von Motorradfahrern an uns vorbei zu schlängeln und blockieren den Verkehr so nur noch um so mehr. Ampeln oder Verkehrsregeln, die es zu befolgen gilt, scheint es hier nicht zu geben. Polizisten versuchen den Verkehr angestrengt zu regeln, aber sie können der Lawine an Blech, Kunststoffen und Reifen nicht Herr werden. Sie ergänzen das dröhnende Hupkonzert lediglich mit ihren schrillen Tönen aus den Trillerpfeifen. Wie schaffen es die Menschen, die hier leben und arbeiten, diesen Verkehr täglich zu ertragen? Ärgern sie sich? Fluchen oder schimpfen sie gar? Oder nehmen sie es einfach hin? Sehen sie es als normal an? Oder nehmen sie es gar mit Humor? Sicher wird es auch hier solche und solche Menschen geben. Es wird Tage geben, da kann der Einzelne damit besser umgehen, als an anderen Tagen. Eins ist klar, tauschen möchte ich auf keinen Fall mit den Bewohnern von Jakarta. Und wie ich so aus dem Fenster schaue, vergeht eine weitere Stunde. Mein Handy zeigt an, dass wir nur noch 10 Kilometer entfernt sind. Wir sollten es schaffen, pünktlich zu kommen. 

Das ist sehr wichtig, denn es ist unsere einzige Chance, an ein Visum für China zu kommen. Das Reich der Mitte macht es den Touristen nicht unbedingt leicht. Stellen andere Länder ganz unkompliziert und schnell E-Visa aus (oder vergeben das Visum bei der Ankunft am Flughafen), muss jeder Reisende, der in die Volksrepublik möchte, persönlich zu einer chinesischen Botschaft gehen, seine Flugtickets (Einreise und Ausreise), einen Reiseplan mit gebuchten Hotels vorweisen, zwei biometrische Passfotos und seinen Pass abgeben. Die Bearbeitungszeit dauert dann circa 4 Tage. Zudem kann man nicht einfach spontan zur Botschaft gehen. Man muss sich vorab online einen Termin für die Beantragung geben lassen. Unser Zeitfenster ist heute von 13 – 13.30 Uhr. Entweder klappt es also hier und jetzt, oder wir haben unsere Flugtickets nach und aus China umsonst gekauft und knapp 1.000 Euro in den Sand gesetzt. Kein schöner Gedanke. 

Da steht es schwarz auf weiss: 13-13.30 Uhr

Zum Glück geht es mittlerweile wieder etwas schneller vorwärts. Als wir nur noch 500 Meter von unserem Ziel entfernt sind, ist es 12.50 Uhr und ich lege mein Handy beruhigt zur Seite und beobachte weiter den Verkehr. Es wird viel gehupt, es ist chaotisch und staubig. Gut, dass wir nach unserem Termin gleich wieder aus der Stadt rausfahren und uns nicht länger hier aufhalten. Die Zeit vergeht. „Komisch“ – denke ich, „sollten wir nicht mittlerweile da sein?“ Ich schaue auf mein Handy und sehe mit Schrecken, dass wir uns bereits wieder von der Botschaft entfernt haben. Laut der Karte sind wir 1.5 Kilometer vom Ziel entfernt. Wir machen den Fahrer darauf aufmerksam, aber er scheint uns nicht zu verstehen. Einfach wenden geht nicht, denn wir befinden uns auf einer mehrspurigen Strasse, mit theoretisch vier Spuren, praktisch fahren aber mindestens fünf Autos und mehrere Motorräder nebeneinander.  Wir entfernen uns immer weiter von der Botschaft. Mein Handy berechnet die Route permanent neu – unsere aktuelle Ankunftszeit ist 13.20 Uhr. Das darf doch nicht wahr sein. Endlich kommt eine Möglichkeit zum Wenden. Ich flehe den Fahrer mit meiner theatralischsten Mimik und Gestik an, doch bitte umzukehren und tippe unentwegt auf das eingegebene Ziel in meinem Handy. Er scheint endlich zu verstehen und wendet. Kurz vor dem Ziel geraten wir erneut in einen Stau und es geht nur noch sehr langsam voran.

Es ist nun bereits 13.15 Uhr und wir beschliessen hier auszusteigen und zu Fuss die letzten 800 Meter zurückzulegen. Aber der Fahrer will uns nicht rauslassen. Er wiederholt mehrmals das Wort „Police“. Ich verstehe ihn ja, schliesslich ist das hier eine Stadtautobahn auf denen Fussgänger nichts verloren haben – in Anbetracht der Tatsache, dass der Verkehr mittlerweile jedoch komplett steht, ist mir das egal. Wir haben einen Termin und ich habe keine Lust, diesen in einem Auto sitzend zu verpassen. Wir versuchen dem Fahrer klar zu machen, dass wir zur Botschaft laufen wollen, weil wir es sonst nicht schaffen. Er soll zur Botschaft fahren und dort auf uns warten. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen versteht er uns nicht. Egal – wir müssen jetzt los.

Wir lassen unsere grossen Rucksäcke im Auto und schnappen uns nur den kleinen, in dem wir alle wichtigen Dokumente aufbewahren und stürmen über die Autobahn. Ein kleiner Sprint in der Mittagshitze, die Luftqualität regt nicht unbedingt zum tiefen Einatmen ein. Es gibt durchaus schönere Orte und bessere Gründe, Sport zu treiben.  

Um 13.26 Uhr betreten wir schweissgetränkt den Raum für die Visa-Bearbeitung. Wir zeigen unseren Zettel mit unserem Termin, setzen unser bestes Lächeln auf und bekommen nach einer Musterung des Sicherheitsbeamten eine Nummer zugeteilt. Es sieht gut aus. 

Puh, wir haben es noch gerade so zum Termin geschafft.

Nach einer kurzen Wartezeit werden wir aufgerufen. Wir geben alle unsere Papiere, die benötigten Passfotos und unsere Reisepässe ab. Die Frau verschwindet mit allem und kommt nach ein paar Minuten mit mehreren Anmerkungen wieder: 

  • 1: Michas Unterschrift auf dem Visaantrag ist ihrer Meinung nach anders als die im Pass. Er soll den Antrag nochmal ausfüllen und auf seine Unterschrift achten. 
  • 2: Das Passfoto von mir entspricht nicht den chinesischen Vorgaben. Ich muss mich von dem hausinternen Fotografen nochmals ablichten lassen. 
  • 3: Da wir ja immer im Doppelzimmer übernachten und bei den Hotelreservierungen stets unsere beiden Namen als Gäste angegeben hatten, haben wir alle Hotelbuchungen nur einmal ausgedruckt. Wir erfahren jedoch, dass wir für jeden Visaantrag die Kopien aller Hotelbuchungen benötigen. Also alles nochmal kopieren. 

Es war nervig, aber machbar. Nichts ungewöhnliches und nichts was ein Vermögen an Geld oder Zeit kosten würde. Nach weiteren 30 Minuten hatten wir alles erledigt.

Mach´s gut lieber Pass – auf ein baldiges Wiedersehen mit Visum bitte.

Nach dem zweiten Versuch kam die Schalterdame dann endlich mit einem Lächeln im Gesicht und einem Zettel mit dem Abholdatum für unsere Pässe zurück. Uns fällt ein Stein vom Herzen. 

Mittlerweile ist es kurz vor 15 Uhr. Die letzten vier Stunden waren extrem anstrengend und haben mich gefühlt um mehrere Jahre altern lassen. Auch diese Situationen gehören zum Reisen, aber zum Glück überwiegen die angenehmen Momente deutlich.  

Wie wir nun unseren Fahrer wieder finden ist eine andere Geschichte…. 

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