Schwer zu beschreiben

Nach über fünf Flugstunden landen wir endlich in Yangon, der ehemaligen Hauptstadt von Myanmar. Endlich raus aus diesem atemlosen und mich so erschöpfenden Shanghai.

Mitternacht ist schon lange vorbei. Ein Taxi bringt uns in nun wieder feuchtwarmer Luft zu unserem Hostel. Nach rund dreißig Minuten bleiben wir in einer dunklen und staubigen Straße stehen. Die Adresse stimmt. Doch wo ist unsere Unterkunft? Der Eingang ist weder auf den ersten noch den zweiten Blick zu erkennen. Wir stehen eine Weile ratlos auf der Strasse und versuchen uns zu orientieren. 

Dann sehen wir auf einem der heruntergekommenen Balkone ein kleines Schild mit Leuchtreklame  – tatsächlich, der Name unseres Hostels blinkt uns hier entgegen. Im Eingang zu dem Gebäude, gleich auf dem ersten Treppenabsatz liegt ein vom Alter her nur schwer zu schätzender Mann auf einem heruntergekommenen Liegestuhl, schläft und schnarcht. Er trägt ein Tuch um seinen Unterleib und ein schmutziges Baumwollhemd. Er sieht etwas mager aber friedlich aus. Hat er kein Zuhause, dass er hier im Hausflur ruhen muß oder verschläft er gerade seinen Dienst als Security-Mitarbeiter? Ich weiß nicht, welche Antwort mir lieber wäre.

Mit unseren Rucksäcken, die sich gerade so gar nicht nach leichtem Gepäck anfühlen, treten wir in einen zwei Quadratmeter großen Hausflur. Smartphones von heute ersetzen das Telefon, die Musikanlage, das Wörterbuch, die Landkarte und neben anderen tausend nützlichen Dingen auch die Taschenlampe. Genau diese Funktion nutze ich gerade. Wir passieren den Schlummernden auf den leisesten Sohlen, die uns in diesem Licht möglich sind. Wir müssen in den zweiten Stock. Die kleine Treppe ist voller Löcher, hat kein Geländer, dafür umso mehr herunterhängende Stromkabel. Höchste Konzentration ist gefragt – und das Nachts um drei. Ich erwische mich dabei, wie ich leise fluche. Dann betreten wir nach einem vorsichtigen Klopfen den Eingangsbereich. Kyaw begrüßt uns euphorisch. Wie kann jemand um diese Uhrzeit noch ein so offenes und freundliches Gesicht haben? Meine Stimmung bessert sich schlagartig, denn ich fühle mich sofort willkommen. Mit Kyaw waren wir bereits vor unserer Anreise im Kontakt. Wir hatten ihn vor unserer frühen Ankunft gewarnt. Und so hatte er, der rund um die Uhr für seine Gäste da ist, seine Schlafliege im Frühstücksraum zusammengeklappt, um uns zu empfangen. Sein Leben scheint nur aus diesem Job zu bestehen und trotzdem strahlt er diese Güte und Zufriedenheit aus, die mir oft in den kommenden Wochen begegnen wird.

Das frühere Burma oder Birma ist ein zutiefst religiös geprägtes Land. Mir fällt der Begriff Mönchsrepublik ein, wenn ich rückblickend an unsere Zeit dort denke. Mönche, Tempel, Klöster, Zeremonien, buddhistische Statuen und eine in der Gesellschaft gelebte Spiritualität laden mich freundlich ein, mehr über die hier praktizierte Religion erfahren zu wollen. Birmanische Buddhisten von heute schätzen die Meditation, geben reichlich Almosen und sehen ihr Los als Konsequenz einer Sünde oder eines Verdienstes in einem früheren Leben. Das gesellschaftliche Ideal für die meisten Bürger wird allgemein bahmasan chin (zu Deutsch; „Birmanisch sein“) genannt. Zu dessen Charakteristika zählen Respekt vor Älteren, Kenntnis der buddhistischen Schrift und taktvolles Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht. Das Wichtigste jedoch ist: Das Stille, Subtile und Indirekte hat immer Vorrang vor dem Lauten, Offensichtlichen und Direkten. Als ich das gelesen hatte, wußte ich, das ich dieses Land und seine Menschen als ebenso exotisch wie liebenswert empfinden würde. Mein erster Eindruck wird sich bestätigen. 

Den nächsten Tag gehen wir ruhig an. Wir wollen erstmal richtig ankommen und uns orientieren. Die Strassen von Yangon sind voller Menschen, überall sehen wir sporadisch aufgebaute Marktstände, Erwachsene sitzen auf kleinen Plastikhockern und unterhalten sich, Kinder spielen miteinander, Hunde suchen nach etwas Essbarem. Die Fassaden der Häuser sehen alle sehr, nun ja, historisch aus. Viele wurden zur englischen Kolonialzeit im 19. Jahrhundert gebaut und seit dem wohl nicht mehr restauriert. Auch dies ist ein krasser Unterschied zu China. Überhaupt kommt es mir vor, als wären wir nicht im Nachbarland, sondern in einer komplett anderen Welt. Ich fühle mich trotz der vielen Menschen, trotz des Lärms der Strassen und trotz des Schmutzes überraschend wohl hier.

Sind es die vielen Mönche, die so friedlich an uns vorbeilaufen? Sind es die zahlreichen goldig schimmernden Pagoden, die zwischen den Häusern hervorlugen und eine beruhigende Stabilität ausstrahlen? Ich weiss es nicht. Aber ich verstehe Jana, die vor ein paar Jahren schon einmal beruflich für ein paar Tage hier war und unbedingt zurückwollte. Sie berichtete von einer besonderen Atmosphäre und Stimmung im Land – konnte es aber nicht genauer beschreiben. 

Wir entdecken einen Beauty-Salon. Nach all den Laufeinheiten in China und der kurzen ersten Nacht in Myanmar tut uns die traditionelle Massage mehr als gut. Kaum sind die Muskeln versorgt, fängt auch schon der Bauch an zu knurren. Der Besitzer eines der vielen indischen Restaurants winkt uns freudig herein und überreicht uns stolz die Speisekarte auf Englisch. Schnell merke ich, dass es zwar lateinische Buchstaben sind, die ich da lese, ich aber trotzdem kaum etwas verstehe. Sie haben die Gerichte nicht erklärt und so überlegen wir, welche der vielen Speisen, die unter der Kategorie „Veggie“ stehen, wir bestellen sollen. Dann spricht mich ein irgendwie anders als die anderen Gäste aussehender, nicht mehr ganz junger Mann an. Er ist auf eine Art freundlich, die es mir unmöglich macht, mich nicht darauf einzulassen. Er fragt, ob er helfen dürfe. Jana und ich schauen uns an: ja, sehr gerne! Zur Freude des Restaurantbesitzers erklärt er uns die Speisekarte. Dabei wirkt er so engagiert, dass er mir wie ein Kandidat im Bewerbungsgespräch vorkommt. Neugierig, aber nicht aufdringlich fragt er nach unserer Herkunft und welche Beweggründe uns hierher verschlagen haben. Dankbar für seine Hilfe lassen wir uns trotz unseres Hungergefühls auf ein längeres Gespräch mit ihm ein. Von seinem Tisch grüßt eine ältere europäisch aussehende Dame zu uns herüber. Sie wird uns später als Sally aus Australien vorgestellt und bringt genau den Job zu Ende, den unser neuer Bekannter Melvin für uns gerade übernommen hat. Sie arbeitet an einer neuen englischen Speisekarte, die die angebotenen Speisen touristenfreundlich umschreibt. Wir erfahren, das er Brite mit philippinischen Wurzeln eines Elternteils ist und vor einigen Jahren in London seine burmesische Frau kennengelernt und geheiratet hat. Inzwischen ist er Vater eines kleinen Sohnes und mit seiner Frau in ihre Heimat umgezogen. Dann zieht er sich zu seiner Tischnachbarin zurück, spricht mit dem Gastwirt und wir genießen unseren späten Lunch. 

Ein Selfie mit Melvin für seinen Facebook-Account 

Noch bevor wir den Nachtisch bestellen können, hat uns Melvin zu diesem Essen und zu seiner am nächsten Tag stattfinden Party anlässlich seines vierzigsten Geburtstages eingeladen. Da sagen wir natürlich nicht nein. Was für ein toller Start in Myanmar!

Das Fest findet auf einem Ausflugsboot zeitgleich mit einem Studienabschlußtreffen sowie einer Firmenfeier statt. Als Geschenk überreichen wir ihm einen Gutschein für eine Massage, von dem Spa welches wir gestern besucht haben. Der laue Abend auf dem Ausflugsdampfer versprüht eine lässig-wohlige Laune. Beim Spaziergang über das Schiff werden wir von Burmesen mehrfach angesprochen und um Fotos gebeten. Neben all den zierlichen Menschen fühlen wir uns wie zwei grosse nordische Walrosse inmitten einer Herde flinker Zwergpinguine. 

Auf unserer Reise durch Myanmar werden wir immer wieder freundlich interessiert von den Menschen beobachtet und von den Mutigeren auch angesprochen. Die meisten wollen einfach nur ein Foto mit uns. Wir sagen stets zu und bitten im Gegenzug ebenso um eines mit ihnen. Wahrscheinlich sind wir mit unserer Bitte eher eine Ausnahme unter den Touristen, denn wir schauen dann meistens in verwunderte Augen. Aber auch uns wird unser Fotowunsch nie verwehrt. Überhaupt sind die Burmesen ein überaus freundliches Volk. Wir verständigen uns mit Hilfe von ein paar Wörtern aus dem Reiseführer und per Mimik und Gestik – ein Lächeln wird stets mit einem Lächeln erwidert. Die Burmesen wirken auf uns geerdet, dankbar und glücklich, mit dem was sie haben. Dabei haben die meisten von ihnen nicht viel an materiellem Besitz. Ein Drittel aller Haushalte lebt nach Angaben der Weltbank in Armut.

Auf einem späteren Ausflug ins Landesinnere schüttet es auf einmal wie aus Kübeln. Die Straßen verwandelten sich innerhalb von Minuten zu Flüssen. Von den Hängen spült das Wasser allerhand Schlamm und Gestein herunter. Jana und ich sehen aus dem Fenster und fangen an zu verstehen. So ein Regen würde bei uns höchstens dazu führen, dass Menschen ihre Verabredungen auf später verschieben – schließlich will niemand nass werden. Das Wasser würde in die Gullys abfließen und selbst wenn es in einen Hauskeller eindringt, so würde die Versicherung in den meisten Fällen für den entstandenen Schaden aufkommen. Hier allerdings kann die Mischung aus Wasser und Geröll durchaus die per Hand gebauten Bretterhütten wegspülen und sogar das Leben der Bewohner gefährden. Ich kann nur mutmaßen, aber ich glaube, es ist genau diese reale Bedrohung des Ist-Zustands, die dazu führt, dass die Menschen hier so eine Ruhe ausstrahlen. Das klingt vielleicht auf den ersten Blick paradox. Aber ist es nicht so, dass wir in der westlichen Welt kaum lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt sind? Wir vergessen dankbar zu sein, weil wir nicht wissen wofür. Dabei ist es so einfach. Ich möchte mit den Menschen hier nicht tauschen, aber ich wünsche mir, dass wir zufriedener sind, mit all dem was wir haben.

Und so sind es nicht nur die vielen stillen Mönche, die achtsam durch die Strassen ziehen oder die unzähligen goldig schimmernden Pagoden, die diese ruhige Atmosphäre kreieren. Es ist jeder einzelne Mensch hier, der trotz aller Schwierigkeiten eine tiefe Zufriedenheit ausstrahlt und dadurch eine ganz besonders positive Energie entstehen lässt. Es ist, wie Jana gesagt hat, eine besondere Atmosphäre und Stimmung im Land – schwer zu beschreiben. 

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