Osterinseln

Dieses Jahr ist Ostern wirklich anders. Die Wörter Krise, Kurzarbeit und Quarantäne fallen in den Medien so oft, das wir uns deren inflationärem Gebrauch nur durch ein radikales Breakingnews-,Ticker- und Eilnachrichten – Fasten entziehen können.

Dass das Fasten gut tut, gerade wenn um einen herum ein „Zuviel“ herrscht, haben wir bereits gelernt. Kurz bevor alle anderen mit Hamsterkäufen anfingen, beschlossen Jana und ich zu fasten – nicht aus religiösen, esoterischen oder konsumkritischen Gründen. Nach der langen Reise war es einfach mal Zeit für eine Regeneration. Wir wollten unserem Körper die Chance geben, sich mal nicht um die Verarbeitung dessen, was wir ihm zuführen, zu kümmern, sondern um sich selbst. Wer schon mal gefastet hat, kennt das vielleicht: Verdauungs- oder Hautprobleme reduzieren sich und innere Entzündungen wie Gelenkschmerzen gehen zurück. In Kombination mit frischer Luft und viel Schlaf wurden unsere Selbstheilungskräfte gestärkt. Das gefühlte Energielevel erhöhte sich, obwohl in dieser Woche nur Wasser, Tee und verdünnte Gemüsesäfte erlaubt waren. Die Gewichtsabnahme war ein Nebeneffekt, den wir gern mitnahmen, aber nicht Ziel der Übung. Nach sieben Tagen genoßen wir den berühmten Apfel zum Fastenbrechen – eine wahre Explosion der Geschmacksknospen in unserem Gaumen.

Manche Wahrheiten vergesse ich immer wieder, dennoch gelten sie: wenn Du etwas scheinbar Selbstverständliches nicht mehr hast, dann erkennst Du seinen wahren Wert. Das gilt besonders in diesen Wochen. Wir vermissen alle unsere selbstverständliche persönliche Freiheit. Jeder wurde aufgefordert, zum eigenen Schutz und aus Rücksichtnahme auf die Anderen, seine Bewegungsfreiheit einzuschränken – und nun sitzen wir kollektiv getrennt – jeder auf seiner eigenen kleinen (Oster) Insel.

Wir vermissen unsere Mütter, ich meinen Sohn, Jana ihre Katzen, die Familie und Freunde, die wir seit Wochen und Monaten nicht persönlich gesehen haben und nun, aufgrund der gesperrten Grenzen, nicht mehr besuchen dürfen.

Seit unserer Rückkehr nach Europa arbeiten wir im Home Office, fokussiert auf unsere Bewerbungen. Unser Zuhause ist erstmal eine Wohnung zur Untermiete. Der Hausstand ist überschaubar, denn wir leben nach wie vor aus zwei Koffern, zwei Rucksäcken und einer Tasche. Leichtes Gepäck schenkt Freiheit, Leichtigkeit und schafft Räume voller Möglichkeiten. Zum Glück ist unsere temporäre Wohnung vollständig eingerichtet – zwar nicht unser Stil, aber was soll’s. Natürlich spüren auch wir Unsicherheiten. Warum sollte es uns anders gehen als Euch? Wir haben vielleicht nur schon etwas länger gelernt, damit zu leben. Wir haben die Qual der Wahl zwischen Entscheidungen, mal wichtigen, mal nebensächlichen – auf jeden Fall vielen. Aber es sind unsere eigenen Entscheidungen, was sich selbstbestimmt und gut anfühlt. Auch wenn es nicht immer einfach ist, die Konsequenzen zu akzeptieren.

Es ist das regelmäßig wiederkehrende Gefühl der Lebendigkeit, das uns seit unserer Entscheidung für unsere gemeinsame einjährige Auszeit im Frühling 2018, wie ein Schmetterling beschwingt. Wir hielten unser Leben in den gewohnten Bahnen an, um die Perspektive zu wechseln: auf die Welt, die Menschen, die Lebensräume und  – uns selbst. Wir sagten: STOP – und handelten danach. Wohl wissend, das unsere Risiken dabei zwar erheblich, doch kalkulierbar waren. Wie hätten wir uns entschieden, wären wir nicht in der Schweiz oder Deutschland zuhause, sondern irgendwo in Afrika, Lateinamerika oder oder oder? In unseren Blogs lassen wir euch seit einem Jahr daran teilhaben. Noch sind nicht alle Etappen nachzulesen. Unser Ziel ist es, unsere Reiseberichte bis zur Mitte des Jahres zu vervollständigen. Diese Phase des Beobachtens, Wahrnehmens, Zuhörens begann am 12. Januar 2019 in Auckland und dauert eigentlich bis heute an: LOOK.

Nach unserer Rückkehr entschieden wir uns für dieses erste gemeinsames Zuhause, für mehr Menschlichkeit und Freude in unserem neuen Alltag und bei der Verwirklichung unserer beruflichen Ambitionen: CHOOSE. Daran arbeiten wir jeden Tag. Mal gelingt es uns besser und mal nicht. Auch wenn die große Reise durch viele Länder und Kontinente zunächst vorüber ist, so geht unser Weg weiter. Er wird auch nie enden. Ob unser Mut belohnt wird, wissen wir nicht. Aber wir sind voller Zuversicht und Vorfreude auf den Rest dieses einen Lebens, das wir haben.

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