Osterinseln

Dieses Jahr ist Ostern wirklich anders. Die Wörter Krise, Kurzarbeit und Quarantäne fallen in den Medien so oft, das wir uns deren inflationärem Gebrauch nur durch ein radikales Breakingnews-,Ticker- und Eilnachrichten – Fasten entziehen können.

Dass das Fasten gut tut, gerade wenn um einen herum ein „Zuviel“ herrscht, haben wir bereits gelernt. Kurz bevor alle anderen mit Hamsterkäufen anfingen, beschlossen Jana und ich zu fasten – nicht aus religiösen, esoterischen oder konsumkritischen Gründen. Nach der langen Reise war es einfach mal Zeit für eine Regeneration. Wir wollten unserem Körper die Chance geben, sich mal nicht um die Verarbeitung dessen, was wir ihm zuführen, zu kümmern, sondern um sich selbst. Wer schon mal gefastet hat, kennt das vielleicht: Verdauungs- oder Hautprobleme reduzieren sich und innere Entzündungen wie Gelenkschmerzen gehen zurück. In Kombination mit frischer Luft und viel Schlaf wurden unsere Selbstheilungskräfte gestärkt. Das gefühlte Energielevel erhöhte sich, obwohl in dieser Woche nur Wasser, Tee und verdünnte Gemüsesäfte erlaubt waren. Die Gewichtsabnahme war ein Nebeneffekt, den wir gern mitnahmen, aber nicht Ziel der Übung. Nach sieben Tagen genoßen wir den berühmten Apfel zum Fastenbrechen – eine wahre Explosion der Geschmacksknospen in unserem Gaumen.

Manche Wahrheiten vergesse ich immer wieder, dennoch gelten sie: wenn Du etwas scheinbar Selbstverständliches nicht mehr hast, dann erkennst Du seinen wahren Wert. Das gilt besonders in diesen Wochen. Wir vermissen alle unsere selbstverständliche persönliche Freiheit. Jeder wurde aufgefordert, zum eigenen Schutz und aus Rücksichtnahme auf die Anderen, seine Bewegungsfreiheit einzuschränken – und nun sitzen wir kollektiv getrennt – jeder auf seiner eigenen kleinen (Oster) Insel.

Wir vermissen unsere Mütter, ich meinen Sohn, Jana ihre Katzen, die Familie und Freunde, die wir seit Wochen und Monaten nicht persönlich gesehen haben und nun, aufgrund der gesperrten Grenzen, nicht mehr besuchen dürfen.

Seit unserer Rückkehr nach Europa arbeiten wir im Home Office, fokussiert auf unsere Bewerbungen. Unser Zuhause ist erstmal eine Wohnung zur Untermiete. Der Hausstand ist überschaubar, denn wir leben nach wie vor aus zwei Koffern, zwei Rucksäcken und einer Tasche. Leichtes Gepäck schenkt Freiheit, Leichtigkeit und schafft Räume voller Möglichkeiten. Zum Glück ist unsere temporäre Wohnung vollständig eingerichtet – zwar nicht unser Stil, aber was soll’s. Natürlich spüren auch wir Unsicherheiten. Warum sollte es uns anders gehen als Euch? Wir haben vielleicht nur schon etwas länger gelernt, damit zu leben. Wir haben die Qual der Wahl zwischen Entscheidungen, mal wichtigen, mal nebensächlichen – auf jeden Fall vielen. Aber es sind unsere eigenen Entscheidungen, was sich selbstbestimmt und gut anfühlt. Auch wenn es nicht immer einfach ist, die Konsequenzen zu akzeptieren.

Es ist das regelmäßig wiederkehrende Gefühl der Lebendigkeit, das uns seit unserer Entscheidung für unsere gemeinsame einjährige Auszeit im Frühling 2018, wie ein Schmetterling beschwingt. Wir hielten unser Leben in den gewohnten Bahnen an, um die Perspektive zu wechseln: auf die Welt, die Menschen, die Lebensräume und  – uns selbst. Wir sagten: STOP – und handelten danach. Wohl wissend, das unsere Risiken dabei zwar erheblich, doch kalkulierbar waren. Wie hätten wir uns entschieden, wären wir nicht in der Schweiz oder Deutschland zuhause, sondern irgendwo in Afrika, Lateinamerika oder oder oder? In unseren Blogs lassen wir euch seit einem Jahr daran teilhaben. Noch sind nicht alle Etappen nachzulesen. Unser Ziel ist es, unsere Reiseberichte bis zur Mitte des Jahres zu vervollständigen. Diese Phase des Beobachtens, Wahrnehmens, Zuhörens begann am 12. Januar 2019 in Auckland und dauert eigentlich bis heute an: LOOK.

Nach unserer Rückkehr entschieden wir uns für dieses erste gemeinsames Zuhause, für mehr Menschlichkeit und Freude in unserem neuen Alltag und bei der Verwirklichung unserer beruflichen Ambitionen: CHOOSE. Daran arbeiten wir jeden Tag. Mal gelingt es uns besser und mal nicht. Auch wenn die große Reise durch viele Länder und Kontinente zunächst vorüber ist, so geht unser Weg weiter. Er wird auch nie enden. Ob unser Mut belohnt wird, wissen wir nicht. Aber wir sind voller Zuversicht und Vorfreude auf den Rest dieses einen Lebens, das wir haben.

In weiter Ferne, so nah.

Eine private Zwischenbilanz.

Jana und ich haben im kalten Januar diesen Jahres unsere Reise von Frankfurt aus begonnen. Wir planen etwa elf Monate unterwegs und irgendwann im Dezember wieder in der Heimat zu sein. So betrachtet befinden wir uns jetzt, Anfang Juli etwa in der Halbzeit. Nicht zu allen Stationen unseres Trips haben wir bislang etwas in unserem Blog geschrieben. Es ist einfach immer zu viel los – „Ich komme zu nichts mehr!“ Ein Ausruf, den ich natürlich mit einem grossen Grinsen im Gesicht schon öfters von mir gab. 

Tonga („In einer anderen Welt“ – unser bislang letzter Artikel) verlassen wir Ende April Richtung Australien. Über Singapur sind wir nach Malaysia weiter gereist und ruhen uns inzwischen ein paar Tage auf einer Inselgruppe im südchinesischen Meer aus.

Dieser Zeitpunkt scheint geeignet, jenseits der vielzähligen äusseren Eindrücke einmal inne zu halten (also „stop“), um dann in sich hinein zu fühlen und sehen („look“), was diese Zeit bisher mit uns persönlich und aus uns als Paar gemacht hat:

Es liegt wohl in der Natur des Menschen, sich entweder Gedanken um Vergangenes oder Sorgen um die Zukunft zu machen. Wir verpassen das „Jetzt“, indem wir geistig ständig in einer anderen Zeit sind. So ging es auch mir. Es dauerte etwa drei bis vier Monate, bis ich das Gefühl hatte, wirklich „losgelassen“ zu haben. Die Gedanken an Vergangenes holten mich am Anfang der Reise manchmal noch ein und warfen mich wieder in das „Gestern“. Das Leben hält viele Lektionen bereit, nicht alle sind angenehm und sofort verständlich. Manchmal braucht es Zeit. Ich habe meine Entscheidungen getroffen, meine Lektionen gelernt und weiss, dass sich ein weiterer Blick zurück nicht lohnt. Nun geht es um das „Heute“ und ich bin nun hier angekommen. Das ist ein wunderbar befreiendes Gefühl.

Und was wird die Zukunft bringen? Manchmal erwische ich mich mit diesem Gedanken und den möglichen Szenarien. Besonders nach den Ruhephasen an den Stränden Tongas und Malaysias möchte ich am liebsten loslegen und wieder an einem Projekt arbeiten, es zu einem Erfolg bringen und dafür auch Anerkennung von aussen bekommen. Ich brauche das. Allerdings weiss ich noch nicht, welches Projekt dies sein mag. Aber ich habe gelernt, dass sich Lücken immer schliessen werden und sich Freiräume füllen, sobald die richtige Zeit und der passende Ort dafür da ist. Dieses Wissen gibt mir die Ruhe und die Zuversicht, dass diese Projekte schon kommen werden und ich mich am Ende der Reise für das Richtige entscheiden werde. Vorerst geniessen wir diese gemeinsame Zeit im „Jetzt“ und „Hier“. 

Jana und ich hatten vor unserer Reise eine eineinhalbjährige Fernbeziehung. Diese Zeit war intensiv und von grosser Leidenschaft, Vertrauen und Glücksgefühlen geprägt. Täglich haben wir über Skype telefoniert. Jeder wusste wie es dem anderen geht und was ihn bewegte. Trotz grosser geografischer Entfernung waren wir emotional und gedanklich miteinander verbunden. Nun sind wir gemeinsam in weiter Ferne von zu Hause und uns hier so nah, wie man sich näher kaum sein könnte. Ich freue mich unglaublich wie harmonisch und entspannt unsere Beziehung ist. Unsere Charaktere und unsere Werte stimmen zum grossen Teil überein. Das sich Gegensätze anziehen, mag für eine schnelle Affäre oder für eine Beziehung, in der jeder seinen eigenen Weg geht und man sich nur ab und zu trifft, stimmen, aber wer so wie wir jeden Tag so viel Zeit miteinander verbringt, für den sind ausgeprägte Unterschiede im Verhalten und in der Einstellung eher von Nachteil. Denn das würde zu einer Achterbahn der Gefühle führen, auf der ich nicht fahren möchte.

Wir lernen uns anders und manchmal auch neu kennen. Ich habe Facetten an ihr entdeckt, die mich jeden Tag dankbar sein lassen, wie wundervoll diese Frau an meiner Seite ist. Ihr grosses Herz für alles was lebt, Ihr Engagement gegen Ignoranz und Gleichgültigkeit der Natur gegenüber schafft in mir Vertrauen und Zuversicht, die auch ich in Momenten der Unsicherheit brauche. Sie hilft mir damit, meinen inneren Kompass richtig zu justieren. Diese Facette hatte ich in unserer Fernbeziehung nicht so prägnant wahrgenommen. 

Für mich als Mann ist es besonders wichtig, das sie mir das Gefühl gibt, sie glücklich zu machen. Ihre Augen strahlen, wenn sie mich sieht. Jenseits aller guten Gespräche ist es das, was für mich zählt. Was will ich mehr?

Mit unseren individuellen Macken gehen wir mittlerweile gut um. Meine Koffeinsucht, die mich zwingt mindestens zwei Tassen Kaffee am Tag zu konsumieren war etwas, was Jana anfangs beäugte, dann akzeptierte und inzwischen danach fragt, ob ich nicht noch einen Cappuccino möchte. Anfangs wunderte ich mich über ihr drei-bis viermaliges tägliches Zähneputzen, habe mich aber nach einigen lustigen Kommentaren dem angeschlossen. Wir verbrauchen Unmengen an Zahnpasta, aber der angenehm frische Atem ist es mir wert.

Ich habe gelernt, das auch jeder Momente des Rückzugs vom Anderen braucht, was auf einer Reise zu zweit nicht immer einfach zu organisieren ist. Wir gehen keine getrennten Wege, sondern vielleicht nur jeder in ein anderes Museum oder verbringen mal einen Tag am Meer, während der andere eine Wanderung macht. Das reicht schon. 

Toll ist, das wir beide Freude daran haben, das „Kind“ in uns immer wieder heraus zu lassen. Wir blödeln rum, machen faxen und lachen oft über uns selbst.

Das Wichtigste ist jedoch, dass ich nun wieder ohne Trauer im Herzen lieben kann. Bevor ich Jana begegnete, erlebte ich eine tiefe Enttäuschung in meiner Ehe. Das zu verarbeiten und den Blick wieder nach vorn zu richten war kein leichter Weg. Danke Jana für Deine Geduld, Dein tiefes Vertrauen und Deine grosse Liebe zu mir. Ich glaube weiterhin an die Liebe. Das hat mir auch in schwierigen Momenten immer Kraft gegeben. Wahrscheinlich bin ich ein hoffnungsloser Romantiker oder einfach nur jemand, der nicht aufhören will daran zu glauben, das das Leben ein Geschenk ist und ich im Leben am meisten von dem bekomme, was ich selbst am stärksten bereit bin, zu geben.

Diese Reise wollte ich schon lange machen, ich habe viele Jahre dafür gespart und mich gedanklich darauf vorbereitet. Und dann lief mir Micha nur ein Jahr vor dem geplanten Abreisetermin wortwörtlich über den Weg. Ich erzählte ihm früh von meinen Plänen und zu meiner Verwunderung konnte er sich eine solche Reise auch für sich vorstellen. Der Gedanke, sie gemeinsam zu machen, war verrückt. Schließlich kannten wir uns zu dem Zeitpunkt kaum. Dennoch hatte ich bereits nach den ersten Treffen mit ihm, ein sehr gutes Gefühl bei der Vorstellung, meine Auszeit mit ihm gemeinsam zu verbringen. Es fühlte sich einfach richtig an. Die Zeit bis zum Abflug war trotz Fernbeziehung traumhaft. Ich war noch nie so verliebt und meine Freunde mögen mir meine zeitweise Grenzdebilität inklusive mein albernes Dauergrinsen verzeihen. Micha und ich besuchten uns alle zwei bis drei Wochen über das Wochenende, machten Ausflüge in die Umgebung und die Nacht zum Tag. Ein halbes Jahr vor der Abreise begannen wir mit der konkreten Umsetzung – Familie und Freunde einweihen, Wohnung und Job kündigen, Fahrräder kaufen und Flugtickets besorgen. 

Noch im Sommer 2018 radelte ich eine Woche durch Deutschland. Danach begannen die Knieschmerzen.

Alles war perfekt bis ich im September subtile Knieschmerzen beim Sport bekam. Diese Beschwerden schmälerten meine Vorfreude auf die Reise, ja sie liessen sogar ernste Zweifel an dieser aufkommen. Ich beschäftigte mich täglich mit meinem Knie, wollte unbedingt verstehen, woher diese Schmerzen kommen und viel wichtiger noch, wie ich sie wieder los werde. Da sich auch nach mehreren Arztbesuchen, Physiotherapie und Schonung keine wesentliche Besserung einstellte, beschlossen wir, die Reise zwar nicht abzusagen, aber sie ohne Fahrräder anzutreten. Es war die richtige Entscheidung. Zwar hatte ich in den ersten Monaten in Neuseeland noch Schmerzen nach einer Wanderung, aber sie waren nicht mehr so intensiv und eines Tages verschwanden sie komplett. Ich habe bis heute keine Ahnung, was dahinter steckt. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass das Schicksal dich oft auf die Probe stellt und dir im entscheidenen Moment eine Herausforderung schickt. Wie stark ist dein Wille, dein Ziel zu erreichen, wirklich? Gibst du es bei aufkommenden Hindernissen auf? Meine Knieschmerzen scheinen so eine Probe gewesen zu sein. Ich war mehrmals kurz davor, die Pläne unserer Auszeit hinzuschmeissen. Dadurch waren die letzten Monate vor Abflug eine sehr gefühlsintensive Zeit für mich, ein Härtetest für meine Nerven und ich lernte bereits damals meine erste wichtige Lektion dieser Auszeit.

Die Reise an sich verläuft bis jetzt sehr harmonisch und entspannt. Wir waren (ich klopfe auf Holz) noch in keiner gefährlichen Situation, haben nur kleine Kratzer oder mal einen Schnupfen abbekommen und können all das unternehmen, was wir wollen. An Michas Seite fühle ich mich richtig wohl und vollkommen sicher. Seine Statur und sein selbstbewusstes Auftreten lassen keine gaffenden Blicke (oder unangenehmeres) von fremden Männern aufkommen. Wer als Frau schon einmal ohne einen Mann in anderen Kulturen unterwegs war, weiss was ich meine.

Die gemeinsame Zeit empfinde ich als ein ganz besonderes Privileg. Waren wir vorher nur ein paar Tage im Monat zusammen, dürfen wir nun jeden Sonnenauf- und untergang miteinander verbringen. In dieser Phase der noch jungen Liebe ist dies ein ganz wunderbares Geschenk und ich bin sehr dankbar, dass wir diese Zeit so intensiv erleben können. Natürlich lernen wir uns auch noch besser kennen und ich staune, wie ähnlich wir bei vielen Themen denken. Das macht unsere Beziehung und das gemeinsame Reisen absolut unkompliziert – wir müssen kaum Kompromisse eingehen, denn meistens wollen wir beide dasselbe. Für mich wäre es unvorstellbar, eine solche Reise mit einem Menschen zu machen, der viele Situationen anders einschätzen würde und Prioritäten auf unterschiedliche Dinge legen würde. Das wäre viel zu anstrengend für mich und meinen Dickkopf. Dann würde ich lieber alleine reisen. Aber wenn es so gut passt, ist es zu zweit viel, viel schöner und lustiger (wie ihr unten sehen könnt).

An Michas Seite habe ich gelernt, auch mal loszulassen und nicht immer überall mit anpacken zu müssen. Das kannte ich aus früheren Beziehungen nicht und es war am Anfang sehr ungewohnt für mich. Wollte ich meinen Rucksack umschnallen, um ihn die Treppe hinaufzuschleppen, kam Micha mir jedesmal zuvor und schnappte mir die schwere Last vor der Nase weg. Ich musste erst lernen, dass er dies nicht macht, weil er glaubt, dass ich es nicht auch alleine tragen könnte, sondern weil es seinem Rollenverständnis entspricht. Männer sollten ihren Frauen schwere Dinge zum Tragen abnehmen. Diese Einstellung schätze ich mittlerweile sehr an ihm.

Micha sieht und akzeptiert unsere jeweiligen Stärken und er überlässt mir das Feld in Dingen, die ich besser oder schneller kann. Zum Beispiel orientiere ich mich an fremden Orten schneller und ich filtere aus einer grossen Menge von Informationen recht einfach das Wesentliche heraus. Dafür übernimmt er gerne die Aufgaben, die mir schwerer fallen oder auf die ich weniger Lust habe. Wie dankbar bin ich, dass er die insgesamt über 5.000 km in den Campervans gefahren ist und ich mich ganz dem Geniessen der Landschaft widmen konnte. Weil ich jahrelang immer selbst am Steuer sass, bin ich noch immer nicht die entspannteste Beifahrerin – aber ich gebe mir wirklich Mühe und ich hoffe, schon ein bisschen weniger schreckhaft zu sein.

War ich froh, dass ich dieses Vehikel nicht steuern musste. Wir tauften es „Das lange Elend“ – unser Gefährt in Australien.

Was ich ausserdem an unserer Beziehung schätze, ist unsere gemeinsame Neugier auf das Leben. Wir sind beide aufgeschlossen und daran interessiert, neue Erfahrungen zu machen. Micha ist ein Mann, der sich auf Neues einlässt und nicht von vornherein mit einem „Das ist nichts für mich.“ abblockt. Solche Menschen sind selten. Viel zu viele haben ein starres Bild von der Welt und vor allem von sich selbst. Was wir nicht können, das können wir lernen. Und wenn es doch nicht klappt, dann haben wir es auf jeden Fall versucht.

Nach bestandener Prüfung für den Tauchschein. Wir haben es probiert, es hat geklappt und macht Spass.

Und deshalb kommt von mir nun zum Schluss ein Gedanke zu dem dritten Wort in unserem Blogtitel („Choose“). Hatte ich kurz vor dem Antritt der Reise aufgrund meiner Knieprobleme noch Zweifel an diesem Abenteuer, so entscheide ich mich jetzt mit einem lauten und kräftigen „JA“ für die zweite gemeinsame Halbzeit der Reise. Die Schmerzen sind weg, das bisher Erlebte wunderschön und es ist nicht mehr nur das gute Gefühl, es ist nun das Wissen, dass ich mit Micha den besten Mann an meiner Seite habe – für den Rest dieser Reise und noch weit darüber hinaus.

Stop Look Choose

Micha & Jana

Nach eineinhalb Jahren Fernbeziehung mit einer Distanz von 688km zwischen uns wäre es an der Zeit zusammenzuziehen oder…..zusammen zu reisen.
Wir entschieden uns erstmal für´s Letztere. 

Ein „Work und Travel“ sollte es sein – wir arbeiten ein paar Wochen in einem fremden Land und bereisen dieses dann mit dem verdienten Geld. Da wir jedoch die vorgeschriebene Altersgrenze von max. 30 Lebensjahren deutlich überschritten haben, interpretieren wir das Konzept auf unsere Art neu. Immerhin kommen wir zusammen schon auf über 30 Jahre im Büro. Deshalb unser Motto: Erst die Arbeit, nun das Reisen – oder:

Stop Look Choose

Wie reisen wir?

Unsere Art des Reisens ist schlicht. Ursprünglich hatten wir die Idee, das Jahr auf dem Fahrrad zu verbringen. Wir hatten alles dafür vorbereitet und ausgerichtet – neue Reiseräder und Packtaschen gekauft, Flickkurse und ein GPS- Training absolviert und unsere Route danach ausgerichtet. Mysteriöse Knieprobleme bei Jana haben uns dann zwei Monate vor Beginn der Reise umdisponieren lassen. Nun musste alles schnell gehen – wir brauchten Rucksäcke und eine Idee, wie wir nun ohne die Drahtesel von A nach B kommen. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass dies ein „Schicksalswink“ war. Allein die hügelige bis bergige Landschaft auf unserer ersten Station – Neuseeland – hätte uns doch, trotz sportlicher Vorbereitung, vor grosse Herausforderungen gestellt.

Wir sind nun mit dem Bus, der Bahn, sonstigen öffentlichen Verkehrsmitteln, sowie später auch gemieteten Camper Vans unterwegs. Ach, und wir werden uns mal als Tramper versuchen. Übernachten werden wir in AirBnB-Wohnungen, auf Zeltplätzen, in Hostels oder im Auto.

Orte, Menschen und Eindrücke 

Gestartet sind wir am 10.01.2019 in Frankfurt. Nach einem zehnstündigen Zwischenstopp in HongKong, haben wir am 12.01.2019 Auckland, die mit 1,7 Mio. Einwohnern grössten Stadt Neuseelands, erreicht.

Tradition und Moderne in HongKong. Im Hintergrund unter anderem das muschelförmige Kongresszentrum.

Die ersten Nächte verbrachten wir in einer zu einem Gästehaus umgebauten ehemaligen Garage im Stadtteil Mount Eden, einer wegen seiner kleinteiligen Einfamilienhausbebauung sehr beliebten Wohngegend. 

Blick vom Mount Eden: Auckland mit dem 328 Meter hohen Skytower

Auf ein Bier mit Nicole

In dieser Zeit trafen wir uns mit Nicole, einer 25 Jahre alten Auckländerin auf ein Feierabendbier in einem Pub bei uns um die Ecke. Sie ist eine ehemalige Kollegin von Jana und kam im Alter von 5 Jahren nach Neuseeland. So wie sie scheinen viele der Menschen hier keine gebürtigen KIWIS zu sein. Sie ist offen und freundlich, lacht viel – diese Eigenschaften liessen sich auf die meisten Einwohner hier übertragen.

Am meisten schätzt sie an ihrer Heimat das Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Menschen. „Natürlich gibt es Reiche, sie zeigen es aber nicht so. ,The Purpose` ist den Menschen hier wichtiger als das Geld; in Sydney zählt das Geld.“

Sie hat einen Bachelor in Jura und Wirtschaft. Um Studieren zu können, hat sie ein Studiendarlehen vom Staat erhalten, welches sie mit etwa 10 Prozent des verfügbaren Gehalts zurückzahlt. In ihrer Generation ist es normal, das sie sich mit ihren Kollegen über die Höhe der Gehälter austauscht. Das hat dafür gesorgt, dass das Gehalt ihrer Kollegen, die stark unterdurchschnittlich vergütet wurden, aufgestockt wurde. Ich stelle mir vor, welche überraschten Gesichter mich in Deutschland bei einem solchen Vorschlag anschauen würden.

Nicole spricht davon, das viele Kiwis das sogenannte ,Tall-Poppy`Syndrom verinnerlicht haben. Das bedeutet soviel, wie „alle sind gut, keiner ist besser“ . Die Herkunft soll auf den griechischen Philosoph Aristoteles zurückgehen, der behauptete, das man die grösseren Sprösslinge der Mohnpflanzen (Poppy) abschneiden müsse, damit alle in der gleichen Grösse heranwachsen und es keine herausragenden „Superpflanzen“ gibt. Das bedeutet nicht , das es in Neuseeland keine reichen oder extrem erfolgreichen Leute gibt. Diesen Leuten wird ihr Ruhm nur dann gegönnt, wenn sie sich weiterhin als Teil vom arbeitenden Volk` ansehen und sich nicht selbst öffentlich in eine höhere, bessere Kategorie heben.

Sie hat uns über einen kleinen Umweg auf den Mount Eden zu unserem Quartier gefahren. Angesprochen auf die ersten Tage, in denen es sehr viel geregnet hat, schmunzelte sie nur: „in Auckland ist es möglich, alle 4 Jahreszeiten an einem Tag zu erleben“. Das kam mir aus meiner norddeutschen Heimat sehr vertraut vor. Von Heimweh also keine Spur.

Da wir noch zwei Tage in Auckland verlängern wollten, blieb uns bei unserem geplanten Budget nur das Hostel in zentraler Lage. Die Scheiben am Ein-und Ausgang waren so sauber, das ich erstmal mit ordentlich Schwung dagegen lief. Besorgte Gesichter schauten mich an. Ich sollte mich hinsetzten und mir wurde sofort ein Glas Wasser gebracht. Nachdem ich versicherte, dass es mir gut geht und wir feststellten, dass die Scheibe auch keinen Schaden erlitten hat, musste alle erstmal herzhaft lachen.

Treffen mit Mike

Am Tag vor unserer Weiterreise traf ich mich mit Mike, dem Membership Manager der Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS) New Zealand, einer internationalen Berufsvereinigung von Immobilienfachleuten. Ich nehme meine Interessen natürlich mit auf unsere Reise.

Wir treffen uns in seinem Büro auf einen Cappuccino. Mike ist 62 Jahre alt, gebürtiger KIWI und sieht entspannt, freundlich und dadurch viel jünger aus. Er ist 40 Jahre verheiratet, hat zwei Kinder und lebt auf der anderen Seite der über einen Kilometer langen Harbour Bridge. Er benötigt rund 40 Minuten „one way“ für seinen Arbeitsweg. Mike wirkt sehr zufrieden, wie überhaupt die meisten Menschen, denen wir hier begegnen. Er fährt gern Fahrrad und liebt es, E-Gitarre zu spielen. Zusammen mit einem Freund (der Akustik-Gitarre spielt) tritt er in Bars auf und singt gerne Songs von „The Eagles“.

Die RICS hat in Neuseeland aktuell über 500 Mitglieder und um die 200 Kandidaten, die es werden wollen. Mike spricht davon, dass sich seit etwa 1945 die Immobilienpreise in Auckland durchschnittlich alle 10 Jahre verdoppelt und in den letzten 15 Jahren sogar verdreifacht hätten. Das ist selbst im Vergleich zu den mir bekannten Entwicklungen auf den deutschen oder niederländischen Märkten in den letzten Jahren noch einmal ein anderes Kaliber. Insbesondere aus Asien kamen in dieser Zeit viele Zuwanderer. Auf Grund dieser Entwicklungen ist seit letztem Jahr der Erwerb von Grundstücken für Ausländer nur noch eingeschränkt möglich.

Sein Rat an junge Menschen: „Geht für raus in die Welt, sammelt dort Erfahrungen und bringt diese in der Heimat wieder ein“. Das erinnert mich an ein Zitat von Alexander von Humboldt, welches ich kürzlich las: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.“

Das Immobiliengeschäft folgt hier natürlich den gleichen Mechanismen wie zuhause. Ich hatte das Gefühl, das es hier eine unglaubliche Zuversicht für den Berufsstand und die Märkte gibt. Krisen scheinen zumindest in der Mentalität der Marktteilnehmer hier keine Furchen hinterlassen zu haben.