Stop Look Choose

Micha & Jana

Nach eineinhalb Jahren Fernbeziehung mit einer Distanz von 688km zwischen uns wäre es an der Zeit zusammenzuziehen oder…..zusammen zu reisen.
Wir entschieden uns erstmal für´s Letztere. 

Ein „Work und Travel“ sollte es sein – wir arbeiten ein paar Wochen in einem fremden Land und bereisen dieses dann mit dem verdienten Geld. Da wir jedoch die vorgeschriebene Altersgrenze von max. 30 Lebensjahren deutlich überschritten haben, interpretieren wir das Konzept auf unsere Art neu. Immerhin kommen wir zusammen schon auf über 30 Jahre im Büro. Deshalb unser Motto: Erst die Arbeit, nun das Reisen – oder:

Stop Look Choose

Wie reisen wir?

Unsere Art des Reisens ist schlicht. Ursprünglich hatten wir die Idee, das Jahr auf dem Fahrrad zu verbringen. Wir hatten alles dafür vorbereitet und ausgerichtet – neue Reiseräder und Packtaschen gekauft, Flickkurse und ein GPS- Training absolviert und unsere Route danach ausgerichtet. Mysteriöse Knieprobleme bei Jana haben uns dann zwei Monate vor Beginn der Reise umdisponieren lassen. Nun musste alles schnell gehen – wir brauchten Rucksäcke und eine Idee, wie wir nun ohne die Drahtesel von A nach B kommen. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass dies ein „Schicksalswink“ war. Allein die hügelige bis bergige Landschaft auf unserer ersten Station – Neuseeland – hätte uns doch, trotz sportlicher Vorbereitung, vor grosse Herausforderungen gestellt.

Wir sind nun mit dem Bus, der Bahn, sonstigen öffentlichen Verkehrsmitteln, sowie später auch gemieteten Camper Vans unterwegs. Ach, und wir werden uns mal als Tramper versuchen. Übernachten werden wir in AirBnB-Wohnungen, auf Zeltplätzen, in Hostels oder im Auto.

Orte, Menschen und Eindrücke 

Gestartet sind wir am 10.01.2019 in Frankfurt. Nach einem zehnstündigen Zwischenstopp in HongKong, haben wir am 12.01.2019 Auckland, die mit 1,7 Mio. Einwohnern grössten Stadt Neuseelands, erreicht.

Tradition und Moderne in HongKong. Im Hintergrund unter anderem das muschelförmige Kongresszentrum.

Die ersten Nächte verbrachten wir in einer zu einem Gästehaus umgebauten ehemaligen Garage im Stadtteil Mount Eden, einer wegen seiner kleinteiligen Einfamilienhausbebauung sehr beliebten Wohngegend. 

Blick vom Mount Eden: Auckland mit dem 328 Meter hohen Skytower

Auf ein Bier mit Nicole

In dieser Zeit trafen wir uns mit Nicole, einer 25 Jahre alten Auckländerin auf ein Feierabendbier in einem Pub bei uns um die Ecke. Sie ist eine ehemalige Kollegin von Jana und kam im Alter von 5 Jahren nach Neuseeland. So wie sie scheinen viele der Menschen hier keine gebürtigen KIWIS zu sein. Sie ist offen und freundlich, lacht viel – diese Eigenschaften liessen sich auf die meisten Einwohner hier übertragen.

Am meisten schätzt sie an ihrer Heimat das Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Menschen. „Natürlich gibt es Reiche, sie zeigen es aber nicht so. ,The Purpose` ist den Menschen hier wichtiger als das Geld; in Sydney zählt das Geld.“

Sie hat einen Bachelor in Jura und Wirtschaft. Um Studieren zu können, hat sie ein Studiendarlehen vom Staat erhalten, welches sie mit etwa 10 Prozent des verfügbaren Gehalts zurückzahlt. In ihrer Generation ist es normal, das sie sich mit ihren Kollegen über die Höhe der Gehälter austauscht. Das hat dafür gesorgt, dass das Gehalt ihrer Kollegen, die stark unterdurchschnittlich vergütet wurden, aufgestockt wurde. Ich stelle mir vor, welche überraschten Gesichter mich in Deutschland bei einem solchen Vorschlag anschauen würden.

Nicole spricht davon, das viele Kiwis das sogenannte ,Tall-Poppy`Syndrom verinnerlicht haben. Das bedeutet soviel, wie „alle sind gut, keiner ist besser“ . Die Herkunft soll auf den griechischen Philosoph Aristoteles zurückgehen, der behauptete, das man die grösseren Sprösslinge der Mohnpflanzen (Poppy) abschneiden müsse, damit alle in der gleichen Grösse heranwachsen und es keine herausragenden „Superpflanzen“ gibt. Das bedeutet nicht , das es in Neuseeland keine reichen oder extrem erfolgreichen Leute gibt. Diesen Leuten wird ihr Ruhm nur dann gegönnt, wenn sie sich weiterhin als Teil vom arbeitenden Volk` ansehen und sich nicht selbst öffentlich in eine höhere, bessere Kategorie heben.

Sie hat uns über einen kleinen Umweg auf den Mount Eden zu unserem Quartier gefahren. Angesprochen auf die ersten Tage, in denen es sehr viel geregnet hat, schmunzelte sie nur: „in Auckland ist es möglich, alle 4 Jahreszeiten an einem Tag zu erleben“. Das kam mir aus meiner norddeutschen Heimat sehr vertraut vor. Von Heimweh also keine Spur.

Da wir noch zwei Tage in Auckland verlängern wollten, blieb uns bei unserem geplanten Budget nur das Hostel in zentraler Lage. Die Scheiben am Ein-und Ausgang waren so sauber, das ich erstmal mit ordentlich Schwung dagegen lief. Besorgte Gesichter schauten mich an. Ich sollte mich hinsetzten und mir wurde sofort ein Glas Wasser gebracht. Nachdem ich versicherte, dass es mir gut geht und wir feststellten, dass die Scheibe auch keinen Schaden erlitten hat, musste alle erstmal herzhaft lachen.

Treffen mit Mike

Am Tag vor unserer Weiterreise traf ich mich mit Mike, dem Membership Manager der Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS) New Zealand, einer internationalen Berufsvereinigung von Immobilienfachleuten. Ich nehme meine Interessen natürlich mit auf unsere Reise.

Wir treffen uns in seinem Büro auf einen Cappuccino. Mike ist 62 Jahre alt, gebürtiger KIWI und sieht entspannt, freundlich und dadurch viel jünger aus. Er ist 40 Jahre verheiratet, hat zwei Kinder und lebt auf der anderen Seite der über einen Kilometer langen Harbour Bridge. Er benötigt rund 40 Minuten „one way“ für seinen Arbeitsweg. Mike wirkt sehr zufrieden, wie überhaupt die meisten Menschen, denen wir hier begegnen. Er fährt gern Fahrrad und liebt es, E-Gitarre zu spielen. Zusammen mit einem Freund (der Akustik-Gitarre spielt) tritt er in Bars auf und singt gerne Songs von „The Eagles“.

Die RICS hat in Neuseeland aktuell über 500 Mitglieder und um die 200 Kandidaten, die es werden wollen. Mike spricht davon, dass sich seit etwa 1945 die Immobilienpreise in Auckland durchschnittlich alle 10 Jahre verdoppelt und in den letzten 15 Jahren sogar verdreifacht hätten. Das ist selbst im Vergleich zu den mir bekannten Entwicklungen auf den deutschen oder niederländischen Märkten in den letzten Jahren noch einmal ein anderes Kaliber. Insbesondere aus Asien kamen in dieser Zeit viele Zuwanderer. Auf Grund dieser Entwicklungen ist seit letztem Jahr der Erwerb von Grundstücken für Ausländer nur noch eingeschränkt möglich.

Sein Rat an junge Menschen: „Geht für raus in die Welt, sammelt dort Erfahrungen und bringt diese in der Heimat wieder ein“. Das erinnert mich an ein Zitat von Alexander von Humboldt, welches ich kürzlich las: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.“

Das Immobiliengeschäft folgt hier natürlich den gleichen Mechanismen wie zuhause. Ich hatte das Gefühl, das es hier eine unglaubliche Zuversicht für den Berufsstand und die Märkte gibt. Krisen scheinen zumindest in der Mentalität der Marktteilnehmer hier keine Furchen hinterlassen zu haben.


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