Endlich geht es in die Natur

Von Auckland fahren wir früh morgens mit einem Überlandbus nach Thames. So weit so gut. Aber wir wollen ja nicht in eine weitere Stadt, sondern in die Natur. Von dort sind es noch etwa 20 km bis zu dem von uns ausgesuchten Campingplatz im Naturschutzpark. Wir haben keine Ahnung, wie wir den letzten Streckenabschnitt zurücklegen sollen. Jana geht also sogleich in die Touristeninformation und fragt mal nach. Ja, es gäbe ein Taxiservice, der solch „Gestrandete“ wie uns für umgerechnet 35 Euro pro Person um 14 Uhr von hier bis zum Campingplatz fährt. Mmh – ok – danke. Das ist gut zu wissen, aber doch zu teuer und ausserdem hatten wir keine Lust, 3 Stunden auf der Information zu warten. 

Wir schnallen uns unsere Rucksäcke auf, die grossen Backpacker auf den Rücken und die kleineren City-Rucksäcke auf die Brust – das sieht lustig aus, hilft aber das Gleichgewicht zu behalten. Und so gehen wir die Hauptstrasse hinunter, bis wir zum entscheidenden Abzweig kommen, der in den Coromandel Forest Park, dem ausgedehnten Naturschutzgebiet, führt. Und da ist sie wieder, eine von Michas Lieblingsfragen:

„Wann habe ich das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“ 

Wir trampen!

Heute ist ein Tag dafür. Wir schieben unsere Bedenken beiseite und versuchen, nicht an all die gruseligen Geschichten und Psychothriller zu denken, als wir, erst zaghaft, dann uns noch einmal umblickend, ob jemand mit vorgehaltener Hand den Finger auf uns zeigt, nun endlich mit dem freundlichsten Lächeln, das wir anzubieten haben, die Hand ausstrecken und die Daumen hochhalten.

Viele Autos fahren nicht die Strasse herunter. Dann kommt ein Campervan direkt auf uns zu, bremst ab und fährt auf den Parkplatz der gegenüberliegenden Tankstelle. Wir freuen uns schon. Ein älterer Mann mit ausgiebigen Sonnenschutz auf dem Kopf steigt aus, redet mit dem Tankwart, wechselt dann die Strassenseite und kommt auf uns zu. Ja, es scheint zu funktionieren. Er lächelt uns an, grüsst und fragt wohin es denn gehen solle. Wir lächeln zurück und antworten ihm in voller Vorfreude auf das erhoffte Angebot von ihm. „Aahhh – in the bush….so then enjoy your time“ bekommen wir jedoch stattdessen als Antwort. Er geht weiter und an uns vorbei. Oh nein. Wir stellen uns gedanklich auf ein längeres Verweilen am Strassenrand ein.

Weitere Autos fahren an uns vorbei, als dann plötzlich aus der entgegengesetzten Richtung eine schon arg gebrauchte japanische Karre mit einer Mutter und zwei kleinen Jungs auf uns zufährt, abbremst und vor uns wendet. Aus dem Auto heraus spricht sie uns an, fragt, wohin wir wollen. Noch etwas überrascht, antworten wir. „OK. I am going there as well, I will give you a lift.“ Wow, echt? Klasse! Jeana und ihre zwei blonden kleinen Jungs, die auch einem Astrid Lindgren-Buch hätten entspringen können, machen Platz. Wir laden unser Zeug ein. Das ist eine entspannte Tramperpremiere nach nur etwa einer Viertelstunde am Strassenrand. Micha fällt der Hannover 96-Sticker auf der Kofferraumklappe beim Verstauen der Rucksäcke auf. Als er Jeana später darauf anspricht, lacht sie. Den Wagen hat sie von einem Deutschen erworben. Sie hatte bislang keine Ahnung, was dieses Symbol bedeutet.

Unser erster Campingplatz, der Wainora-Campsite, befindet sich inmitten des Coromandelwaldes, einem Naturschutzgebiet in der nördlichen Mitte Neuseelands auf der gleichnamigen Halbinsel. Jetzt machen wir uns erstmal an den Zeltaufbau. Wieder eine Premiere. Micha hatte zwar versucht, das Zelt zu Hause einmal Probe aufzubauen, aber in einer Wohnung wollen die Heringe bekanntlich nicht so recht in den Boden. Wir kommen gut voran, nur ganz zum Schluss merken wir, dass etwas nicht so recht passt. Irgendwas ist schief. Aber was? Wir laufen mehrmals um das Zelt herum, finden aber keinen Fehler. 

Da kommt auch schon das Mädchen (Hannah) unseres Zeltplatznachbarn, bei dem wir uns vorher kurz vorgestellt haben, vorbei und fragt uns, ob wir nicht Lust hätten, mit ihnen zum Hoffmans Pool zu kommen. Mit dem Auto wären wir in 10 Minuten da und sie würden uns gerne mitnehmen. Klar wollen wir mit! Bei so einem Angebot sagen wir doch nicht Nein. Das Zelt kann warten. Wir legen getreu unserem Blogtitel erstmal ein „STOP“ ein.

Was für ein toller Ort – eine Stelle, an der der Fluss sehr tief ist und man von einem ca. 6 Meter hohen Felsen ins Wasser springen kann. „Are you joining us? “ fragte uns Hannah. Wenn ein 12jähriges Mädchen springt, welchen Grund sollten wir dann haben, es nicht zu tun? Der Weg auf den Felsen erwies sich als weitaus gefährlicher, als der Sprung an sich – aber das wussten wir ja nicht vorher. Einmal oben, dachten wir nicht lange nach und hüpften ins kühle, erfrischende Nass. Das tut gut. Wieder haben wir etwas zum ersten Mal gemacht. 

Zurück am Zeltplatz fällt uns dann auch gleich das Problem mit dem Zelt auf – zwei wichtige Schnüre am Boden waren nicht mit einander verknüpft. Das ändern wir flott. Und schon steht das Zelt gerade wie eine eins. Yeah, eine dritte Sache, die wir heute zum ersten Mal gemacht haben. Was für ein Tag! 

Am zweiten Tag wandern wir den circa 7 km langen Cookson Kauri Track, dessen Rundweg direkt am Zeltplatz startet. Auf einem hervorragend ausgebauten, allerdings im steileren Teil wegen der vielen Stufen etwas anstrengenden Weg, erreichen wir einen riesigen Kauri-Baum, den sogenannten Cookson Kauri. Wir würden ihn locker auf 35 m Höhe und mehrere hundert Jahre schätzen. Diese Baumart gibt es seit rund 190 Mio. Jahren, inzwischen sind jedoch nur noch wenige Exemplare übrig geblieben und diese nahezu ausschliesslich in Neuseeland. Einige verwandte Arten sind noch in vier weiteren Ländern zu finden.

Bei der Entdeckung Neuseelands durch den Niederländer Abel Tasman waren 95% des Landes mit Urwald bedeckt. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde hier Gold entdeckt und gemeinsam mit den riesigen Baumbeständen abgebaut. Nach dem ersten Weltkrieg (bei dem rund 14.000 Neuseeländer starben) wurde der Bergbau reduziert und Ende der 50’er Jahre eingestellt. Der überwiegende heute sichtbare Teil der Waldbestände ist sogenannter „Sekundärbestand“. Dabei handelt es sich um wieder aufgeforstete Baumbestände. Die klimatischen Bedingungen, das milde und feuchte Klima haben zu seiner Erholung beigetragen. Der Wald sieht jedoch für unsere Augen sehr wild und ursprünglich und garnicht wie ein Sekundärwald aus. 

Am Tag darauf starten wir unsere erste grössere Wanderung über 2 Tage – den Pinnacle Track durch das Kauaeranga-Tal. Der Weg führt zunächst laut Beschilderung ungefähr 3,5 Stunden bergauf. Wir sehen Pflanzen in einer Abwechslung und Zusammenstellung wie nie zuvor. Farne sind so hoch und haben die Form von Palmen. Umgekippte Bäume mit Wurzel- und Rindenformationen, die uns neu waren, Silberfarne in der Grösse von riesigen Sonnenschirmen. Dazwischen viele Moose, Gräser und immer wieder kleine Rinnsale, die sich zu Bächlein verstärken. Zusammen mit Insekten, Schmetterlingen und Vögeln fordert alles unsere volle Aufmerksamkeit. 

Bis zum sogenannten „Hut“, einer jugendherbergsähnlichen Hütte, die etwa 80 Menschen in nur 2 Räumen eine Schlafgelegenheit bietet, brauchen wir deshalb ca. 5 Stunden. Dort angekommen erhält jeder eine Art Sportmatte zugewiesen. Die Nacht sollen wir nebeneinanderliegend, wie die Rollmöpse im Glas, verbringen.

Da Janas Knie durch diese Wanderung schon hart auf die Probe gestellt wird und nicht noch zusätzlich belastet werden soll, trägt Micha einen grossen Rucksack mit unseren Schlafsäcken, Kissen, der Regenkleidung und unserer Wanderzehrung für diese 2 Tage. 

Lester, der diensthabende Ranger und „Herbergsvater“ findet es beispielhaft, das der Mann den Rucksack und die Frau „lediglich“ die Verantwortung trägt. „Was für ein Vorbild! Von dem Deutschen könnten sich die KIWIS mal eine Scheibe abschneiden“ sagt er zu uns, aber eben auch so laut, dass es auch alle anderen Gäste hören. Die Frauen sind begeistert, die Männer sprechen Micha sogleich Tischverbot aus.

Jaja…die Deutschen. In einer Sache muss er uns aber schonmal vorab berichtigen, also noch bevor wir den Fehler machen dürfen. Die Bergspitze, die wir besteigen wollen, spricht man richtig: „Pinnickl“ aus. Die Deutschen würden nämlich aus dem Pinnacle immer ein „Peinickl“ machen, was ja völlig falsch wäre. Er weiss das nur zu gut. Schliesslich ist sein Chef bei dem Department of Conservation (D.O.C.) ein vor vielen Jahren ausgewanderter Deutscher…

Wegen angekündigten Regenwetters für den Folgetag machen wir uns noch am gleichen Abend auf, die Bergspitze zu besteigen, um dort den Sonnenuntergang zu geniessen. Wir sind mit dieser Idee nicht allein, sodass es ein recht geselliger einstündiger Aufstieg mit üppiger internationaler Plateaubesetzung ist. Die Aussicht ist grandios und bezeugt die Einzigartigkeit der unter uns liegenden Hügel- und Berglandschaft.

Auf dem Rückweg am nächsten Tag haben wir dann tatsächlich reichlich Regen. Ab der Tagesmitte bahnt sich jedoch die Sonne ihren Weg und wir haben Gelegenheit, uns in einem Bergfluss bei einem ausgiebigen Bad erst im Wasser und dann in der Sonne zu erfrischen und zu erholen. Am Abend sind wir froh, unsere erste grosse Wanderung blasenfrei, relativ Knieschmerzfrei, dafür aber mit jeder Menge toller Eindrücke geschafft zu haben. 

Mit Lester sind wir noch so verblieben, das er uns am nächsten Tag von unserem Zeltplatz abholt und nach Thames mitnimmt. Seine Dienstwoche auf dem „Hut“ endete an diesem Tag und da er auch in Thames wohnt, wäre das gar kein Problem. Wir freuen uns riesig über dieses Angebot, da wir am nächsten Tag tatsächlich die Einzigen auf dem Zeltplatz sind und somit die Wahrscheinlichkeit, von anderen Campern mitgenommen zu werden, auf Null sinkt.

Wir stehen also zur vereinbarten Zeit abholbereit am Zeltplatzeingang. Irgendwann zwischen 12 und 13.30 Uhr würde er vorbeikommen. Doch Lester kommt nicht, auch als es dann 14 Uhr ist. Es musste wohl etwas dazwischen gekommen sein. Telefonnummern haben wir nicht ausgetauscht, wozu auch – Netz gibt es ja hier in der Natur sowieso nicht.

Wir warten und warten, verbringen die Zeit mit Reisetagebuch schreiben, einem Steinweitwurfwettbewerb und dem Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst…und das ist Grün“. Hihi.

Ein junges Paar kommt von der Wanderung vom Cookson Kauri wieder. Wir hatten ihnen nach ihrer Ankunft geholfen, den Start des Wanderweges zu finden. Nach gut zwei Stunden haben sie den Track absolviert und wir hoffen noch immer auf Lester. Sie schmunzeln und fragen, ob sie helfen könnten. Der Akzent und die Wortwahl kommen uns sehr vertraut vor. Wir probieren es auf deutsch und siehe da……wir lernen Maike und Martin aus Oldenburg und Hannover kennen. Sie bieten an, uns mitzunehmen und sind sogar so freundlich, uns direkt vor unserem Motel in Thames abzusetzen. Was sind wir happy. Wir tauschen Telefonnummern aus. Unsere Wege würden sich schon bald wieder kreuzen, was wir jedoch zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen können.

Die Motelbetreiberin öffnet die Tür zu unserem Zimmer. Flash! Wir sehen das Paradies. Ein Doppelbett, eine Mikrowelle, ein Wasserkocher, zwei Stühle und ein Badezimmer für uns alleine. Es gibt kaum etwas Schöneres als eine heisse Dusche, ein weiches Bett und saubere Klamotten nach mehreren Tagen auf dem Campingplatz. Das Leben kann so einfach und so schön sein!


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