Unsere persönliche „Herr der Ringe“-Trilogie

„Es ist eine gefährliche Sache, Frodo, aus Deiner Tür hinauszugehen. Du betrittst die Strasse, und wenn Du nicht auf Deine Füße aufpasst, kannst Du nicht wissen, wohin sie Dich tragen.“

Bilbo zu Frodo aus “Herr Der Ringe – Die Gefährten”

Wie Millionen Andere begeisterte mich vor vielen Jahren die Romanverfilmung von J.R.R. Tolkien‘s “Der Herr der Ringe”. Obwohl ich das Buch selbst nie las, schwelgten diejenigen, die sich durch das lange Werk durchgelesen hatten davon, wie von einem süßen langen Traum. Der Glanz in ihren Augen sagte mir, dass jeder für sich reich beschenkt worden sein muß. Was es war, wollte ich selbst herausfinden, als ich vor 18 Jahren den ersten Teil der Romanverfilmung im Kino sah. Ich wurde “infiziert”, habe die Trilogie sowie die viele Jahre später erfolgte Verfilmung “Der Hobbit” gesehen.

Wie könnte ich nicht an die vielen Orte, Helden, Zauberer und Fabelwesen denken, wenn ich in dem Land zu Gast bin, in dem all die Phantasiegestalten aus dem Roman zum Leben erweckt wurden.

Dass Jana mich an diese Orte begleitet ohne je einen der Herr der Ringe Filme gesehen zu haben, hat mich berührt. Was für ein Opfer und Liebesbeweis!

Das Auenland

Das „Auenland“ ist so real, das ich mich am liebsten gleich im „Green Dragon“ (die Kneipe aus dem Film gibt es wirklich – siehe Bild) ein paar Tage eingemietet und mich zu Frodo unter einen Apfelbaum gesetzt hätte.

In der Nähe des Örtchens Matamata wurden die Kulissen, die für „Der Hobbit“ dauerhaft errichtet wurden, in ein „Hobbiton“ umbenannt. Für diese feste Etablierung der Filmkulisse hatte sich der Eigentümer entschieden, da nach dem weltweiten Erfolg der „Herr der Ringe“-Trilogie jährlich Tausende Fans an diesen Ort pilgerten, obwohl es kaum etwas zu betrachten gab. Wenngleich der Eigentümer auch heute noch seine Farm mit Viehzucht betreibt, dürfte die Haupteinnahmequelle die (täglich!) Tausenden Besucher sein.

Wir würden definitiv nicht als Hobbits durchgehen – im wahrsten Sinne. Übrigens verbirgt sich hinter der Tür…nichts (ausser einer Wand).

 Mordor und der Schicksalsberg

Einige Tage später besuchen wir den Tongariro-Nationalpark, der im Film für die Szenen in „Mordor“ und am „Mount Doom – Schicksalsberg“, in den Frodo am Ende des dritten Teils nach langem Hin und Her den Ring wirft, als Drehort genutzt wurde.

Jana und ich haben uns für den an einem Tag schaffbaren Tongariro-Alpine-Crossing mit seinen rund 20 Kilometern und etwa 800 Höhenmetern entschieden. Ein Shuttle holt uns an unserem Backpacker-Hostel ab und fährt uns etwa eine halbe Stunde zum Startpunkt des bei In- und Ausländern sehr beliebten Wanderwegs. Dort angekommen, fühlt es sich ein bisschen wie in einem internationalen Ferienlager an. Wanderer aus der ganzen Welt mit Gehhilfen, Säuglingen, Flip-Flops…..Der „Walk“, wie die Wanderwege hier heissen, hat es in sich, was Einige jedoch nicht davon abschreckt, neben der normalen körperlichen Herausforderung den Schwierigkeitsgrad durch die zuvor beschriebenen „Handicaps“ zu erhöhen. Wir waren jedenfalls froh, richtige Wanderschuhe und keine Kinder zu tragen.

Wo es hoch geht, geht es auch wieder runter. Und dieser Abstieg war äußerst steil und rutschig.

Wie beschreibe ich nun diese Landschaft? Wie beschreibt man den Geschmack einer sonnengereiften Erdbeere oder das Gefühl des ersten Kusses? Nicht das erste Mal auf dieser Reise merke ich, das Worte nur eine Skizze dessen sind, was ich e r l e b e. Dann denke ich an den Redner und Autor Dieter Lange (cooler Typ – das nur am Rande) : „Verstehen bekommt immer nur den Trostpreis“. Erfahrungen, praktisches, angewandtes Wissen ist das, was zählt und uns weiter bringt. Ich zeige Euch deshalb ein paar kommentierte Fotos und lege euch ans Herz, selbst jede Menge toller Erfahrungen zu machen (es muss ja nicht gleich Neuseeland sein). 🙂

Am Anfang des Weges wandern wir noch durch grüne Landschaften. Moose und andere alpine Pflanzen und Sträucher wachsen hier.
Je höher wir kommen, desto karger wird es. Zum Glück keine Spur von einem Ork.
Angekommen auf dem höchsten Punkt der Wanderung – am Kraterrand.
Die Emerald Lakes, gleich unter dem Krater, beeindrucken durch ihre Farben.

Das schreckliche Mordor ist gar nicht so übel. Eine karge, bizarr-schöne Natur. Ich empfinde Ehrfurcht im Angesicht dieser Vulkanlandschaft. Der „Schicksalsberg“ heisst eigentlich Mount Ngauruhoe und beeindruckt mich. Er wirkt jedoch im Vergleich zum benachbarten Mount Ruapehu, der etwa 500 Meter höher ist, wie sein kleiner Bruder. Wir laufen an seinem Fusse halb um ihn herum, weiter eine scheinbar endlose Ebene entlang. Dann geht es auf den höchsten Punkt der Wanderung mit 1.868 Metern, auf den Rand des Roten Krater`s. Bei dem Anstieg trennt sich die Spreu der fitten und angemessen gekleideten Wanderer vom Weizen, also vom Rest. Jana und ich sehen uns irgendwo dazwischen. Um richtig zügig mit den Besten mitzuhalten, sind wir einfach nicht ambitioiert genug. Wir lieben unsere Pausen mit dem Genuss der mitgeschleppten Äpfel, Proteinriegel und den Anblick unzähliger wunderschöner Details.

Das Bild braucht keine weitere Beschreibung.

Wir brauchten für die letzten fünf Kilometer atemberaubende zweieinhalb Stunden, da Jana wegen Kniebeschwerden den Talweg rückwärts lief. Und ich hatte am Ende des Tages eine Blase am kleinen linken Zeh. So hat eben jeder sein eigenes, kleines Handicap. Haha….

Dieses Bild auch nicht 🙂

Ziemlich erschöpft steigen wir also am Ende der Wanderung in den letztmöglichen Shuttle. Am Abend gönnen wir uns als Belohnung das zweite Mal auf dieser Reise ein Restaurantbesuch und geniessen einen Burger mit einem herrlich kalten lokalen Bier. Viel will ich davon aus zwei Gründen nicht trinken: 1. Der Alkoholgehalt des neuseeländischen Biers beginnt bei 4,9 Prozent und endet bei etwa neun Prozent. 2. Bier sowie Alkohol im Allgemeinen sind ziemlich hochpreisig.

Wellywood

Bevor wir auf die Südinsel übersetzen, verbringen wir drei Tage in der Landeshauptstadt „Windy“ Wellington. Was hier als laues Lüftchen von den Einheimischen betrachtet wird, würde wohl in den meisten deutschen Städten für Sturm- oder Orkanwarnungen sorgen. Ich mag es, wenn es windet und eine Brise weht. Das finde ich auch an Hamburg immer wieder schön. Aber was zuviel ist, ist zuviel. Ständig tränende Augen! Hüte und Schirme kannste vajessen…

Ein Neuseeländisches Insekt als Namensgeber. Uii

Was verbindet diesen Ort mit Matamata und dem Ruapehu? Es sind die WETA-Filmstudios, in den die Innenaufnahmen der „Herr der Ringe“ und der „Hobbit“-Trilogie sowie die technische Nachbearbeitung vieler Filmszenen erfolgten. Wir werden zwei Stunden durch verschiedene Bereiche geführt. Uns wird gezeigt, wie lange es vom ersten Entwurf bis zum finalen Exemplar einer Filmfigur wie einem Ork oder Uruk-hai dauert. Es stehen einige Miniaturmodelle von den Festungen herum, die (so wie alles andere) nicht fotografiert werden dürfen.

Der einzige, der für ein Foto zu haben ist, ist einer der Kreativdirektoren, der uns anschaulich vorführt, wie die ersten einfachen Entwürfe aus Alufolie geformt werden, bevor sie dann mit einem Material namens Pal Tiya bearbeitet werden.

3-D-Drucker, eine eigene Schmiede für die Schwerter und Messer sowie jede Menge Einzelstücke aus dort produzierten Filmen sind zu sehen. Ich verstehe, das viel improvisiert und recycelt wird. So wird aus einer Zitronenpresse ein Flugzeugmotor, Staubsaugerschläuche werden zu Verbindungsrohren zwischen Raumschiffen und das Innenleben ehemaliger Computer verwandelt sich zu einer Weltraumstation. Illusion ist alles und diese zu perfektionieren ist ja der Sinn dieses Ortes. Ich freue mich jedenfalls auf den ganz realen Cappuccino nach dieser Tour. 

Frodo hat sich den Weg, den er in der „Herr der Ringe“-Trilogie gegangen ist, nicht ausgesucht. Er wusste nicht, was ihn erwartet. Er ging trotzdem, weil etwas in ihm sagte, das dies seine Bestimmung war. Zumindest in diesem Punkt sehe ich eine Ähnlichkeit zu mir und dem Wunsch für diese Auszeit. Geschrumpft bin ich nicht und Fellfüsse habe ich auch nicht. Aber es tut gut, selbst zu erfahren, wie es ist, einfach loszugehen ohne zu wissen, wo der Weg endet. Dazu passend ein Zitat von Kurt Marti (Schweizer Theologe und Schriftsteller) an das ich denken muss: „Wo kämen wir hin,  wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“ Und so gehe ich nun weiter. 

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