Rivertime

„Der Weg ist das Ziel“ Ist das denn immer so? Für mich war oft das Ziel das Ziel und wenn es erreicht war, habe ich mir neue Ziele gesteckt. Die Flusswanderung über die wir nun berichten, half mir zu verstehen, warum es nicht immer auf das Ziel, sondern doch oft eher auf den Weg ankommt.

Wir sitzen um 7 Uhr morgens in einem Besprechungsraum mit zwei anderen Deutschen und drei Franzosen. Ein junger, sportlicher Mann begrüsst uns euphorisch. „How are we today?“ fragt er energisch in den Raum. Ich wundere mich immer wieder, warum die meisten Kiwis immer in der „Wir“ Form reden, wenn sie doch eigentlich „Uns“ oder „Mich“ meinen. Vielleicht ist das hier die gängige Höflichkeitsform. Wir alle erwidern mit „Great“,  auch wenn unsere Körperhaltung eher „Müde“ signalisiert.

Sogleich zeigt er uns eine Tafel mit schnell dahin gemaltem Gekritzel. Darauf zu sehen sind: 

  • ein Fluss, der eine Kurve macht
  • an einem Rand der Kurve ein Steinstrand, an dem anderen Rand ein Felsen
  • wir erkennen Bäume und Felsbrocken, die im Fluss eingezeichnet sind
  • mehrere Stromschnellen, die durch Wellen symbolisiert werden
  • und ganz am Rand wurde ein Symbol für ein Schnellboot in den Fluss skizziert
Das ist die Strecke, die wir paddeln wollen. Von Taumarunui bis Pipiriki.

Kurz: alle Gefahren, die in den nächsten Tagen auf uns warten, sind in diesem einen Bild zusammengefasst. Mir wird ganz mulmig. Wollen wir das wirklich machen? Sieben Tage lang einen Fluss hinunter paddeln? 145 Kilometer gespickt mit all den Gefahren?

Ich schaue mich um. Den anderen geht es wohl ähnlich. Der Instrukteur erklärt uns zu jeder Situation, wie wir uns am besten verhalten. Stromschnellen kündigen sich immer an – das Wasser bildet dort ein sogenanntes „V“, welche man vom Kanu aus immer gut erkennt. „Fahrt in das V hinein, denn da ist der Bereich, wo das meiste Wasser fliesst“. 198 Stromschnellen liegen laut Karte vor uns. Aber wir sollen uns nicht einschüchtern lassen – die meisten sind nicht der Rede wert. Wir besprechen die anderen Gefahren und schauen uns Videos von „Gekenterten“ an. Man soll ja aus den Fehlern der anderen lernen.

Der Whanganui National Park – mitten in der Nordinsel Neuseelands. Auch auf der Karte – rundherum alles grün.

Wir werden in einem Naturschutzgebiet sein – es gibt kein Telefonnetz, nirgends. Falls uns etwas passiert, sollen wir einfach an das nächstmögliche Ufer paddeln und warten. Ab und zu kommen Schnellboote vorbei oder eben andere Touristen im Kanu, die dann für Hilfe sorgen können. Wir sollen auf keinen Fall versuchen, in den Wald und auf einen Berg zu laufen, in der Hoffnung auf Handyempfang in der Höhe. Wir würden uns nur verlaufen und das würde dann sehr teuer werden, denn dann müssen sie mit einem Hubschrauber nach uns suchen. Alles klar.

Das erwartet uns. Viel Natur und tolles Wetter.

Die anderen fünf Gäste haben eine Drei-Tages Tour gebucht. Sie dürfen nach dem ersten Teil der Einweisung gehen und werden zu ihrem Startpunkt gefahren. Wir hingegen haben eine Fünf-Tages Tour gebucht, die direkt vor Ort anfängt. Allerdings werden wir diese Tour in sieben Tagen meistern – einfach, weil uns die vorgegebenen Etappenziele zu hoch erscheinen. Wir sind ja hier nicht im Trainingslager für angehende Weltmeister im Kanufahren. Der Kiwi nennt diese gemütliche Art des Reisens – „Rivertime“ – wie passend. Wir sollen sitzen bleiben, denn wir bekommen noch ein Spezial-Briefing. Die Strecke, beginnend vor der Haustür, soll nicht ganz einfach sein und es gibt noch ein paar Situationen, die wir beachten sollen. „Aber wenn wir diesen ersten Tag gut meistern, dann wird der Rest der Strecke fast zum Kinderspiel“ …. sagte der Guide und grinste. Na dann.

Wie soll denn bitte all unser Gepäck in diese sechs Tonnen passen?

Aber bevor es los geht, heisst es: Tonnen packen. Wir bekommen insgesamt sechs blaue Tonnen für die Reise, fünf kleinere, die wasserdicht sein sollen und eine grosse, die nicht unbedingt komplett wasserdicht ist. Wir entscheiden uns, zwei Tonnen fürs Essen zu verwenden, je eine Tonne für persönliche Sachen wie Schlafsack, Klamotten, Wechselschuhe etc., eine Tonne für Gaskocher, unsere Technik, und die grosse Tonne für das Zelt und das Wasser zu nehmen.

Futter für zwei Erwachsene und acht Tage. Wir sollen für den Notfall Essen für einen extra Tag mitnehmen.
Ab jetzt nur noch der Fluss, das Kanu und wir. 

Uns wird gezeigt, wie wir die Tonnen am Boot verschnüren müssen, so dass sie nicht hinausfallen, sollten wir einmal kentern. Wir bekommen Schwimmwesten, die wir immer zu tragen haben. Dann dürfen wir in unser grünes Kanu einsteigen. Wir sollen eine kleine Runde vor dem Instrukteur auf dem Fluss paddeln, damit wir ein Gefühl für das Paddeln bekommen und er uns sieht. Wir scheinen uns normal gut anzustellen und bekommen nach Abgabe einer Enthaftungserklärung die Startfreigabe. Dann geht es los.

Sehr angenehm, wenn „Mann“ die Sachen nicht auf dem Rücken tragen muss.

Der Fluss hat eine ordentliche Strömung und so erreichen wir bald die erste der besagten Kurven. Links ein Steinstrand, rechts grosses Steingeröll und in der Mitte eine Stromschnelle. Wir erkennen das „V“ und fahren hinein. Wir machen uns flach, drücken unsere Knie von innen gegen das Kanu, so dass möglichst viel Gewicht unten ist und paddeln. Auf keinen Fall dürfen wir vom Fluss gegen die Steine gedrückt werden. Aber das passiert nicht. Wir sind mitten drin in der Strömung und fliessen mit ihr durch die Kurve. Hui, das war aufregend. Ich schaue nach hinten zu Micha. Er grinst und hält den Daumen nach oben: „Läuft“. 

Wir paddeln weiter, vorbei an vereinzelten Schafen und Ziegen. Die Landschaft ist wunderschön grün. Wir durchfahren mehrere kleinere Stromschnellen und müssen immer wieder Felsbrocken, die im Fluss liegen, ausweichen. Manchmal sind es auch ganze Bäume inklusive Wurzelwerk, die ein Erdrutsch in den Fluss befördert hat und so kleine Hindernisse darstellen. Wir umfahren sie und kommen gut voran. Am frühen Nachmittag machen wir eine Pause an einem der vielen Steinstrände.


Satt und voller Freude, dass wir bis jetzt so gut vorangekommen sind, starten wir in den zweiten Teil des Tages. Keine 30 Minuten später sind wir plitscheplatschenass. 

Stromschnelle Nummer 34 hat uns umgehauen. Das ging ganz schnell – wir stiessen in einer Kurve an einen Ast, Wasser schwappte von der einen Seite in das Boot und schwupps landeten wir im Fluss. Wir haben uns mit grossen Augen angeschaut und begriffen in dem Moment garnicht, was passiert war. „Geht es dir gut? Hast du dein Paddel noch?“ Das Boot steht auf dem Kopf. Wir ziehen es schwimmend ans Ufer und freuen uns, dass wir die Tonnen so gut verschnürt hatten. Alles ist noch an seinem Platz und kein Deckel ist aufgegangen. 

Hier ist der Fluss ruhig, wir können eine Paddelpause einlegen und Fotos machen.

Die nächsten Tage sind entspannter. Wir paddeln jeden Tag circa vier bis fünf Stunden und können die Natur richtig geniessen. An manchen Stellen wird der Fluss ruhiger, dann lehnen wir uns auch mal zurück und lassen uns für eine Weile treiben. Ahh, das tut auch unseren Armen und Schultern gut. Da wir die Strecke in sieben und nicht fünf Tagen paddeln legen wir weniger Kilometer pro Tag zurück als die meisten anderen Touristen. Wir übernachten auf Zeltplätzen die kleiner sind und weniger häufig frequentiert werden. Am zweiten Tag kommen wir als Erste auf dem Zeltplatz an. Wahnsinn. Was für ein Ausblick! Wir bauen das Zelt am schönsten Fleckchen auf. Dann wird nochmal ein Bad genommen. Es ist doch viel angenehmer, wenn man selbst bestimmt, wann man nass werden möchte.

Wir geniessen die Stille und können garnicht fassen, dass wirklich kein anderes Boot mehr anlegt. Sollten wir wirklich ganz alleine die Nacht hier verbringen dürfen? Na, so ganz alleine sind wir dann doch nicht. Keine 20 Minuten nachdem wir in unser Zelt gekrochen waren, hören wir langsame, behutsame Schritte. Dann ein Schrei von einem Vogel, ein Aufflattern und wieder Schritte, diesmal schneller. Das war eindeutig ein Angriff auf einen Vogel. Wir glauben, dem Federvieh ist nichts passiert. Der Räuber schien frustriert über seinen erfolglosen Jagdeinsatz, schlich noch eine ganze Weile um unser Zelt herum und raubte so zumindest Micha für ein paar Stunden den Schlaf.

Das Possum – der Vogelfresser scheint Staatsfeind Nr. 1 in Neuseeland zu sein.

Am nächsten Morgen sahen wir dann auch noch einen lieben Gruss von dem genervten Tier – es war ein Possum und es hat auf der Bank, genau da, wo wir am Abend zuvor gesessen hatten sein Revier deutlich markiert. Anscheinend kommen wirklich nicht viele Touristen an diesem Zeltplatz vorbei. 

So vergehen die Tage. Wir finden unseren Rhythmus: Paddeln, Ankommen, Zeltaufbauen, Abendbrotessen, Schlafen, Aufwachen, Zeltabbauen, Frühstücken und Weiterpaddeln. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell sich unsere Körper an die Gegebenheiten anpassen. Sobald es anfängt zu dämmern, werden wir müde. Sobald morgens die Vögel singen und die ersten Sonnenstrahlen durch die Baumkronen blitzeln, werden wir wach. Es scheint, wir brauchen hier draussen in der Natur viel mehr Schlaf als sonst – hier können wir locker zehn Stunden schlummern. Bequem ist es auf einer dünnen Isomatte nicht, wir wachen mehrmals pro Nacht auf – vielleicht lautet die Devise des Körpers einfach: Quantität statt Qualität. 

Ein Gefühl wie im Dschungel.

Der North Island Robin – ein frecher und neugieriger Sperling, der so nur in Neuseeland vorkommt. Und im Vergleich zu anderen einheimischen Vogelarten sogar fliegen kann.

Der letzte Tag hat es dann wirklich nochmal in sich. Wir müssen früh aufstehen und zu einer Zeit losfahren, zu der wir in den letzten Tagen immer noch gemütlich gefrühstückt haben. Aber es nützt nichts, es liegen vier Stunden Rivertime vor uns. Wir werden bereits um 13.30 Uhr am Treffpunkt erwartet. Es gibt auf dieser Strecke drei Stromschnellen, die gefährlich sein sollen. Nach ungefähr zwei Stunden erreichen wir die erste brisante Stelle. Eigentlich sind es zwei Stromschnellen kurz hintereinander. Die erste meistern wir gut. Auch in der zweiten kippen wir nicht um. Aber … diesmal schwappt so viel Wasser in unser Boot, dass wir einige Meter nach der Schnelle, ganz langsam…. sinken – auch eine Art des Untergehens. Weniger spektakulär, weniger überraschend als am ersten Tag – aber komplett nass wurden wir auch diesmal. Also wieder ans Ufer schwimmen und raus aus den nassen Sachen. Noch zwei komplizierte Stromschnellen, noch zwei Stunden paddeln. Mir ist kalt und ich habe nicht mehr viel Lust. Stromschnelle Nummer zwei meistern wir gut – unser Kanu und wir bleiben trocken. Wir sind erleichtert.

Bei Stromschnelle Nummer drei sehen wir, wie das Kanu der zwei Jungs vor uns wild nach oben fliegt und von der Kraft des Wassers schlagartig umgerissen wird. Das sieht spektakulär aus. Wir halten an, schauen, ob sie wieder auftauchen und ob es ihnen gut geht. Es vergeht eine ganze Weile, bis wir sie an das Ufer laufen sehen. Das Kanu im Schlepptau. Micha und ich sind uns sofort einig – ein erneutes Kentern, wollen wir nicht riskieren. Wir paddeln also geradewegs auf den Strand zu, steigen dort aus und lassen die Stromschnelle links liegen. Wir ziehen das Kanu am Flussrand entlang und freuen uns, nicht im Wasser gelandet zu sein. Schliesslich heisst diese Stelle nicht umsonst Fifty/Fifty. 50 Prozent der Kanufahrer kentern an dieser Stelle – die anderen 50 Prozent schaffen es…weil sie angeblich einfach am Ufer neben der Stromschnelle laufen und das Boot hinter sich herziehen. Wie wir finden, keine schlechte Idee. Obwohl wir nach uns ein Pärchen gesehen haben, wie sie unbeschadet durch diese Schnelle gefahren sind. Chapeau. 

Geschafft!

Und so kommen wir müde, aber pünktlich am Treffpunkt an. Der Veranstalter begrüsst uns mit Saft und Schokoladenmuffins, verstaut die Kanus im Anhänger und fährt uns nun in einem Transporter zum Ausgangspunkt der Tour. Für die gesamte Strecke zurück braucht das Auto gerade einmal drei Stunden. 

Wir hingegen waren sieben Tage im Kanu unterwegs, eine ganze Woche lang Rivertime. Jeden einzelnen Tag haben wir genossen, haben die Natur bestaunt, den Vögel gelauscht, Ziegen am Ufer gezählt, haben uns die Sonne auf die Nasen scheinen lassen, sind zum Teil gegen den Wind gepaddelt, durften einen Nachthimmel voller glitzernder Sterne beobachten, haben bis auf drei Ausnahmen die Stromschnellen gut gemeistert und sind meistens freiwillig baden gegangen.

Für diese Reise auf dem Whanganui-Fluss können wir wirklich sagen, dass der Weg das Ziel war.

P.S. Auf Müsliriegel haben wir erstmal keinen Appetit mehr. 

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