Zelten ist nichts für mich…

…war nach meiner Pubertät bis vor etwa zwei, drei Jahren ganz klar meine Meinung. Dieser Verzicht auf Bequemlichkeit und das auch noch am Wochenende oder noch schlimmer: im Urlaub (!), das widersprach zu sehr meiner Vorstellung von Erholung. In meiner Freizeit wollte ich mir schliesslich etwas gönnen, es mir richtig gut gehen lassen. Neugierig auf andere Länder, exotische Natur, unbekanntes Terrain und interessante Menschen war ich zwar schon immer. Aber bitteschön nicht mit allzu starker körperlicher Beanspruchung, dafür mit einem bequemen Bett, köstliche Verpflegung und gut organisiert, damit auch in der immer knapp bemessenen Zeit nichts schief gehen konnte.

Früher trug ich mein Gepäck vom Kofferraum des Autos zum Check-In-Schalter der Airline. Hier habe ich alles bei mir. 

Doch nach vielen kurzen und langen Reisen an nahe oder manchmal auch weit entfernte Orte hatte ich oft das Gefühl wie ein Zoobesucher durch fremde Länder und Kulturen unterwegs zu sein. Auch im Zoo wird uns nur gezeigt, was wir sehen sollen. Alles war arrangiert und im Wesentlichen bereits vorher klar. Der Raum für das Unerwartete beschränkte sich auf meine Auswahl der Mahlzeiten, die eventuellen Verschiebungen der Flugzeiten oder eine Veränderung im Ablaufplan bei vorher gebuchten Ausflügen. Ich war sehr bequem geworden und passiver Konsument, nicht Gestalter meiner Exkursionen.

Die Planung beim Camping erfolgt beim Frühstück und nicht Monate im Voraus auf dem heimischen Sofa. Der aufmerksame Betrachter erkennt auch die dekorative Serviettenrolle.

Das wollte ich ändern. Vor vier Jahren ging ich das erste Mal allein im Harz für ein paar Tage wandern. Auch wenn es weder exotisch noch körperlich anstrengend war, hatte ich danach doch das Gefühl, das es mir gut, ja sogar besser als nach zwei Wochen Pauschalurlaub am Meer ging. Der Hauch von einer kleinen Freiheit gab mir Kraft und bestärkte mich. Ich habe Ziel, Tempo und Inhalte der Reise selbst bestimmt, ohne alles vorher detailliert geplant zu haben. In den folgenden Jahren habe ich das mit meinem Sohn und zwei Freunden in ähnlicher Art wiederholt.

Als Jana und ich beschlossen, gemeinsam unseren Traum von einer Reise auf die andere Seite der Welt zu verwirklichen, haben wir im Sommer 2018 mit unseren Familien und Freunden darüber gesprochen, die Jobs und Wohnungen gekündigt sowie mit der ganz groben Vorplanung begonnen. Wir buchten die ersten Flüge. Wo wir uns im Land konkret bewegen, was wir uns anschauen und erleben wollen – all dies liessen wir offen. 

Es sollte für unsere Köpfe und Schultern eine Reise „mit leichtem Gepäck“ werden und das aus drei Gründen: 

  1. Wir wollen Raum haben für die Begegnungen mit Menschen, die uns nicht vordergründig als Tourist, vielleicht eher als interessierte und freundliche Fremde wahrnehmen. 
  2. Wir tragen alles was wir brauchen selbst. Das hat den Vorteil, dass wir auch nur das verlieren können. Und verloren gegangen ist schon einiges. (Wer irgendwo in Neuseeland eine schwarze Wetterjacke Grösse L findet, der soll mir bitte schreiben. Es könnte meine sein.) 
  3. Wir möchten mit einem guten, jedoch begrenztem Budget wertvolle Erfahrungen sammeln und dem Unvorhersehbaren eine Chance geben. 

Selbst leichtes Gepäck wird nach einer Tageswanderung schwer. Hier Fotos vom gleichen Tag, einmal früh und einmal am Abend.

So haben wir dann Zelte und Rucksäcke sowie sonstiges Equipment angeschafft. Da es ursprünglich eine Fahrradreise werden sollte, wurden langstreckentaugliche, robuste Fahrräder erworben. Da ich dann doch nicht allzu blauäugig ans andere Ende der Welt reisen wollte, habe ich bei meinem Fahrradhändler um die Ecke an zwei halben Tagen gelernt, wie ich das gute Stück einmal auseinander- und wieder zusammenbaue, Schläuche stopfe und sonstige einfache Reparaturen selbst durchführe.

Danach besuchte ich einen GPS-Navigationskurs speziell für Fahrradtouren, sowie einen Survival-Kurs in der Lüneburger Heide inklusive Übernachtung bei Bodenfrost auf einer Unterlage aus Blättern. Das Frühstück war im Preis mit inbegriffen: am Morgen gab es Frischwasser aus Waldmoos. Wenn das mal kein Gegensatz zum 5-Sterne-Hotel ist. 

Tatsächlich haben wir bislang unser Zelt gut genutzt. Der wesentliche Unterschied zwischen Camping und dem gewohnten Zuhause ist der (wie überraschend) auf das Existenzialistische reduzierte Bedarf an Verpflegung, Klamotten und Komfort. Ich habe vermutet, dass sich durch die Vereinfachung des Alltags auch eine Leichtigkeit und Beschleunigung der organisatorischen Abläufe einstellt. Doch das Gegenteil ist der Fall. 

Es kann lang dauern vom ersten zaghaften Augenblinzeln am Morgen bis zum Moment, in dem wir startbereit alles im Rucksack verstaut haben. Die Zeiteinteilung passt sich den täglichen Verrichtungen an und nicht umgedreht, so wie ich es aus meiner täglichen Arbeit gewohnt war: „Die Deadline für den Deal ist heute Abend um 18 Uhr.“ Hier nehmen wir uns die Zeit, alles in Ruhe zu erledigen. Aufstehen, erste Morgentoilette, Anziehen, Schlafsäcke und Luftmatratzen einpacken, Zeltabbauen und zum Trocknen an ein sonniges Plätzchen hängen. Nach den langen, aber nicht unbedingt erholsamen Flachschlaf-Nächten geniessen wir unser Frühstück in der ersten Runde mit Obst, Müsli und Tee sowie im zweiten Gang mit einem Keks (Jana berichtigt diesen Satz und hält fest: es wurden meist mehrere Kekse pro Person :-)) oder Toast mit Erdnussbutter zum Kaffee. 

Da der Gaskocher das Wasser in Abhängigkeit von den Windverhältnissen oder dem Füllstand der Gaspatrone entweder in fünf oder aber auch in zwanzig Minuten auf die nötige Temperatur erhitzt, kann hier Geduld gefragt sein. Wir haben nicht viel im Gepäck, aber Zeit und somit Geduld haben wir genug.

Dann wurde das Innen- und Aussenzelt nach vollständiger Trocknung erneut ausgeschüttelt und zusammen mit den Heringen im Rucksack verstaut. Das gleiche Prozedere wiederholte sich am Abend (nur umgekehrt), wenn an einem anderen Ort das Zelt aufgeschlagen wurde. Diese logistischen Herausforderungen haben wir gemeistert, wurden immer versierter bis jeder Handgriff sass, da sowohl Jana als auch ich beim Auf- und Abbau immer die gleichen Arbeiten verrichten. Wir fühlen uns wie ein gut eingespieltes Formel-1-Team beim Boxenstopp. 🙂 Am Ende hat sich alles auf wenige Minuten reduziert.

Da wir uns meistens alle ein bis zwei Tage woanders befinden, nehmen das Lesen des Wetterberichtes sowie die Übernachtungs- und Routenrecherche viel Zeit in Anspruch. Unsere Tage sind intensiv, lang und auch durch eine gewisse Reiseroutine geprägt, jedoch nicht vergleichbar mit dem Hochfahren des Rechners, E-Mails checken oder Projektmeetings während unseres Büroalltags. Nahezu jeder Tag bringt neue Bilder, Eindrücke oder Erlebnisse. Unsere Arbeitsspeicher sind mit dem Organisieren des Reisens, der Vielzahl von Entscheidungen und mit dem Verarbeiten des Erlebten gut ausgelastet. 

Ich lerne viele Menschen kennen, manche Begegnungen wirken nach, andere sind schnell vergessen. Alles geschieht im Jetzt. Ich bin ganz bei mir. So habe ich es mir gewünscht. Ich habe keine Ahnung, was diese Reise am Ende mit mir gemacht haben wird. Doch eins weiss ich jetzt schon genau: Zelten ist doch etwas für mich.

Plumpsklo mit Meerblick. Welches Hotel kann das schon bieten?

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