Malaiische Häppchen

Neben den Tauchabenteuern an den Stränden Malaysias und unserem Einsatz für die Sonnenbären auf Borneo, haben wir uns auch zwei Städte des Landes angeschaut. So haben wir einen kleinen Einblick in die Kultur des Landes erhalten und einiges an Kuriosem kennengelernt.

Kuriosität Nr 1: Coffee to go in der Plastiktüte

Von Mersing an der Westküste der Halbinsel nehmen wir einen Bus nach Melaka. Für die 250 Kilometer braucht der Bus ungefähr vier Stunden. Das ist mir zu lange, um die Fahrt ohne meinen geliebten Kaffee anzutreten. Zum Glück gibt es auch hier überall reichlich Essenangebote und so bestelle ich einen Kaffee zum Mitnehmen. Anstatt eines Bechers gibt es allerdings eine Plastiktüte mit brauner Brühe.

In Melaka werden wir herzlich von unseren Gastgebern Teena und Lee empfangen. Wir bekommen sofort selbstgebackene Kekse und hach, einen Kaffee in einer Tasse angeboten. So gefällt es mir. Wir sind uns gleich sympathisch. Beide sind in meinem Alter, sie ist muslimische Malaiin mit spanischen und chinesischen Wurzeln und er kommt ursprünglich aus England. Auch eine kleine Katze, die die süsse Angewohnheit hat, ihre Zunge ständig raushängen zu lassen, wohnt bei ihnen.

Ihr Haus steht im Herzen der Altstadt. Es handelt sich um ein sehr altes Gebäude mit etwa fünf Meter Strassenfront, dafür aber rund zwanzig Meter Tiefe. Diese Architektur entspricht den alten chinesischen Handels- und Handwerkerhäusern wie sie hunderte Jahre hier betrieben wurden. Im unteren Bereich wurde gearbeitet und gekocht, während die oberen Bereiche für das Schlafen reserviert waren. Dort befindet sich auch unser gemütlich eingerichtetes Zimmer. 

Das Haus sowie ein grosser Teil des Stadtkerns versprühen den Charme einer vergessenen Kolonie. Die Spuren der jahrhundertelangen Besetzungen durch Portugiesen, Holländer und am Ende durch die Briten sind allgegenwärtig. Vor dem ehemaligen Rathaus steht eine Windmühle und daneben eine mäßig gelungene Kuh aus Kunststoff. 

Kuriosität Nr 2: Mitten in Holland 

Die Vielzahl der kleinen Cafe´s, Restaurants, Bars, Galerien und Kunstgeschäfte sind der ultimative Beweis dafür, das dieser Ort schon lange kein Geheimtipp und bei Touristen aus der ganzen Welt äusserst beliebt ist. Auch ich mag dieses Plätzchen. Die Stimmung ist entspannt. Mir gefällt diese Mischung aus Kultur, Geschichte und Moderne. Noch scheinen sich lokale und touristische Bewohner nicht das Leben gegenseitig schwer zu machen und das Mass für alle erträglich zu sein.

Zusammen mit anderen Besuchern auf Zeit nehmen wir das Angebot an und kochen einen Abend lang gemeinsam mit unseren Gastgebern in der grossen offenen Küche, in der wir sonst frühstücken. Unserem Wunsch entsprechend gibt es ein vegetarisches Menü. Ich lerne von unseren Mitköchen, wie man argentinische Empanadas liebevoll füllt und den Teig richtig mit kleinen Zöpfchen schliesst. Die Zutaten sind alle frisch und reichlich. Die von Teena gezauberte malaiische Tofuvariante kannte ich nicht, schmeckt mir aber ganz besonders gut. 

Ein vermeintlich typisch deutsches Gericht wie etwa eine Schweinshaxe mit Sauerkraut wollen wir nicht anbieten, dafür zeigen wir ihnen, wie man eine vegane Mousse au Chocolat im Handumdrehen zaubert. Während der Zubereitungen bleibt Zeit, sich mit Louisiana und Nico zu unterhalten. Beide kommen aus Argentinien und waren zuvor wie wir in Neuseeland, allerdings eher zum Geldverdienen. Mit dem Ersparten waren sie einige Wochen in Indonesien unterwegs, um jetzt hier wieder für Kost & Logis zu arbeiten. Dabei geht es eher um kleinere Aufräum-, Maler- und Reparaturarbeiten, die selten einen vollen Tag benötigen. Anders als wir planen sie keine Wiederkehr in die alte Heimat. Die andauernde Wirtschaftskrise in dem südamerikanischen Staat, die permanente Geldentwertung und die hoffnungslosen Zukunftsaussichten nennen sie als Gründe.

Nach dem Essen folgen wir der Empfehlung unserer Gastgeber und besuchen ein paar Strassen weiter eine alte Bar, die ihre Lizenz noch aus der Besatzungszeit der Japaner hat, was also rund 75 Jahre her ist. Es war damals die erste Bar in Melaka, an dem Alkohol offiziell verkauft werden durfte, was damals eine Ausnahme in dem von Muslimen dominierten Land war.

Kuriosität Nr 3: Malaien trinken normalerweise keinen Alkohol, dennoch ist er überall verfügbar. 

Als wir davor stehen, wirkt das verschlossene Gitter abweisend. Es dauert jedoch nicht lang, bis eine kleine ältere chinesisch aussehende Dame freundlich lächelnd öffnet. Sie wischt den Staub von den Barhockern und vom Tresen und bietet uns verschiedenes an Hochprozentigem in kleinen Verkostungsgläsern an. Zunächst schnuppere ich vorsichtig an den unterschiedlichen Flaschenöffnungen bis ich mich dann für einen …na, ihr wisst es schon: Kaffeeschnaps entscheide. Es brennt in der Kehle, aber irgendwie fühlt es sich nach dem üppigen Essen auch gut im Bauch an. Wir erfahren, das die Lizenz nur erhalten bleibt, wenn die Bar weiter von der Familie betrieben wird. Ihr Mann ist leider krank und ihr jüngster Sohn kann nicht immer unterstützen. Auch wenn die Regalwand mit all den unterschiedlichen Feuerwässerchen beeindruckt, bleibt mir nicht verborgen, das die besten Tage dieser Bar schon lange vorbei sind. Wer weiss, vielleicht wird dieses Kleinod seine Türen bald für immer schliessen.

Am Abend sind wir wieder zu zweit ein paar Strassen weiter spazieren. Die historischen Häuser, die Stadtmauer mit alten Geschützen der Portugiesen und Holländer sowie die schmalen Wege verleiten zum verträumten Schlendern. Wenn nicht, ja wenn nicht diese unglaublich lautschrill-bunten und blinkenden Rikscha-Taxis mit plärrender chinesischer und malaiischer Schlagermusik durch die Gassen fegen würden. Aber auch das gehört zu Melaka.

Kuriosität Nr. 4: Es geht immer noch ein bisschen mehr Blink Blink und Bum Bum.

In Kuala Lumpur würden diese wackeligen Rikschas keine Chance haben. Dort leben im Grossraum rund acht Millionen Einwohner. Der Verkehr wird von Autos sowie Motorrädern dominiert.

Nach einer kurzen Busfahrt kommen wir in einem grossen, an einen kleinen Flughafen erinnernden Terminal im Aussenbezirk der malaiischen Hauptstadt an. Erwartungen habe ich keine an diesen Ort. Vielmehr ist es der Ausgangspunkt für weitere Stationen, die jedoch erst recherchiert und dann zum nächsten Ziel auserkoren werden sollen. 

Als wir ankommen ist es später Nachmittag, es ist heiss und wir sind ziemlich weit weg vom Zentrum. Der Tarif, der mir am Taxistand von den lokalen Chauffeuren genannt wird, überrascht mich. Er ist deutlich höher als der (zugegebenermassen schon ältere) Reiseführer ausweist. Ich nutze die Taxi-App, die uns von anderen Reisenden empfohlen wurde und sehe, dass das genannte Beförderungsentgelt den sonst üblichen Touristenaufschlag deutlich übertrifft. Da wir uns mit den lokalen Taxifahrern nicht einig werden, bestellen wir ein Taxi über mein Smartphone. Scheinbar findet er uns nicht sofort. Es dauert. Dann ist er da und es kann losgehen. Er ist sehr interessiert und fragt neben den üblichen Fragen: Wo kommst Du her? Wie lange bleibst Du? Wo geht es danach hin? auch nach unseren bisherigen Eindrücken von seinem Land und wie wir die Welt im Allgemeinen sehen. Etwas überrascht, aber doch neugierig erzählen wir von unserem bisherigen Reiseverlauf und wie es dazu kam. Nach dem wir auch die Tionmaninseln lobend erwähnen, schaut er zufrieden. Er ist Akademiker und hat einen festen Job, verdient sich aber mit dem Taxifahren etwas dazu. Das Leben in der Hauptstadt sei die letzten Jahre sehr teuer geworden. Um sich und seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen arbeitet er 16 Stunden am Tag. Viele ausländische Ruheständler seien die letzten Jahre hierher gekommen, da die Haus-und Wohnungspreise sowie die Lebenshaltungskosten für die Neuzugezogenen günstig sind. Viele der neu errichteten Wohnungen seien deshalb für Einheimische kaum noch zu bezahlen. Ausserdem hat auch hier der Konsum inzwischen die anderen Religionen abgelöst. Jeder braucht ein Auto, ein Smartphone, Markensportschuhe und lässt sich gern in einem der neuen schicken Cafés und Restaurants sehen. Er verrät uns, dass er etwa umgerechnet 700 Euro im Monat mit seinen beiden Jobs verdient. Er scheint jedoch trotzdem seinen Humor noch nicht verloren zu haben. Ein Ausschnitt aus dem Gespräch ist hier als Tonsequenz abrufbar. Aufschlussreich finde ich seine Aufteilung der Menschen in drei verschiedene Gruppen.

Die Wahrheit des Taxifahrers

In Vorbereitung auf unsere Zeit in den ländlichen Gebieten sind wir auf der Suche nach einem Moskitonetz. Deutsche Tropeninstitute und auch die lokalen Behörden weisen auf regelmässig auftretende Malariafälle in unserem Reisegebiet und prophylaktische Massnahmen hin. So nehmen wir an, das diese Schutznetze wie Reinigungs- und Lebensmittel überall erhältlich sein sollten. Vergiss es. Wir besuchen kleine und grosse lokale Märkte, Shopping-Center mit Supermärkten oder grosse unseren Baumärkten ähnliche Warenlager. Die Verkäufer geben sich redlich Mühe, uns mit dem Gesuchten zu versorgen, vergeblich. Einige telefonieren mit irgendjemand anderem. Dann schicken sie uns von einem zum nächsten Geschäft. Es ist ziemlich verrückt. Niemand scheint sich wirklich Sorgen darüber zu machen, eventuell infiziert zu werden – wir schon. Eine elektrische Insektenklatsche, wie sie fast überall angeboten wird, wollen wir nicht kaufen. Keiner möchte nachts aufstehen und erstmal auf Mückenjagd gehen. Wir möchten ein Moskitonetz, das uns in Ruhe schlafen lässt. 

Zum Glück fällt Jana ein, das es (ja auch hier) einen IKEA gibt. Sie schaut auf deren Homepage und siehe da: Sie haben tatsächlich ein Moskitonetz im Angebot – Modell Solig – wie überall auf der Welt. Ein Anruf und die Bestätigung, das es tatsächlich noch vorrätig ist. Yippiiiiieeeh. Die Stechmücken können also kommen. Beziehungsweise sie können es jetzt gerne mal versuchen. 

Kuriosität Nr 5: Es gibt kein Moskitonetz in Malaysia zu kaufen (ausser bei den Schweden)

Bei unseren Einkäufen entdecken wir hin und wieder kuriose Produktempfehlungen, die so wohl nur hier funktionieren. Auf diesem Werbeplakat über dem Schokoladenregal ist ein Wonneproppen zu sehen, der lustvoll in eine grosse Tafel Schokolade beisst. Daneben steht „Eat good, feel good“ (Ernähre Dich gut. Fühle dich gut). Jana und ich schmunzeln uns mit grossen Augen an. Wir liegen wohl nicht falsch, wenn wir behaupten, das so etwas zuhause zu einem mittleren Shitstorm gegen die Handelskette und den Hersteller führen würde. 

Kuriosität Nr 6: Nasch dich gesund und fühl dich gut dabei.

Kuala Lumpur ist eine Stadt im Umbruch. Die modernen Shopping-Center, Boutiquen, Einkaufsstrassen, Bürozentren mit sauberen Strassen und guter Bahnanbindung zeigen, wohin auch Malaysia strebt. Der permanente Staub und Dreck, die Anzahl wilder Müllecken, die sichtbare Armut und viele Strassenzüge mit maroder Infrastruktur und Bausubstanz machen jedoch auch deutlich, dass noch nicht alle Menschen auf diesem Weg in die Zukunft mitgenommen werden.

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