Im Auge des Taifuns

„Wie bitte? Nach Nordkorea? Was da alles passieren kann! Siehst du kein Fernsehen?“ Die besorgten Ausrufe der Daheimgebliebenen nährten auch in uns einige Zweifel. Doch unsere Zuversicht und das Vertrauen in eine etablierte und jahrzehntelang auf dieses Land spezialisierte Reiseagentur haben uns die Entscheidung am Ende leicht gemacht. Die Neugier auf dieses abgeschottete Land verbunden mit der Chance, eigene Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln, drängen Vorbehalte in den Hintergrund. Die Mutigen sind immer die mit den besten Geschichten – also los!

Mit dem Zug von Peking nach Pjöngjang
Trotz Regen wollen wir noch ein Bild vor diesem Triumphbogen mitten in Pjöngjang

In der Mitte unserer achttägigen Reise erreicht der Taifun Lingling aus dem Süden kommend mit etwa 130 Stundenkilometern die Hauptstadt Pjöngjang und somit auch das einzige internationale Hochhaushotel, in dem die meisten ausländischen Gäste untergebracht werden – so auch wir. Die Bevölkerung hat ab Mittag arbeits-/ dienst- oder schulfrei und soll zuhause bleiben. Sämtliche für die Touristen geplanten Aktivitäten müssen ruhen. Der Vormittag war regenreich, böig und ziemlich ungemütlich. Wenn sich die Tropfen horizontal durch die Luft bewegen, hilft nur ein Ganzkörperkondom, um trocken zu bleiben. Das hatten wir nicht. 

Wir sind im Hotel und haben quasi ein vom Wetter initiierten und von der Partei diktierten  Stubenarrest. Während das staatliche Fernsehen in Dauerschleife vor den Folgen des Sturms warnt, schaue ich aus dem Fenster in der 34. Etage – es sieht ruhig aus. Der Himmel direkt über uns lässt ein paar Sonnenstrahlen durch, wirkt jedoch in wenigen Kilometern Entfernung schwarz und bedrohlich. Die Flaggen vor dem Hotel hängen schlaff herunter, kein Lüftchen weht. Auch der nahegelegene Fluss zeigt keine größeren Wellenbewegungen. Obwohl ich ein kompletter Meteorologie-Laie bin, weiss ich, dass dies kein Widerspruch sein muss. Wir befinden uns möglicherweise im Zentrum eines tropischen Wirbelsturmes – im „Auge“ des Taifuns. Der Durchzug des Auges wurde früher oft mit dem Ende des Unwetters verwechselt; Menschen, die sich währenddessen ins Freie begaben, wurden häufig vom erneut und schnell einsetzenden Sturm überrascht. 

Mir schießt ein Vergleich durch den Kopf: ich reise hier durch dieses so eigenartige Land als würde ich mich im Auge eines Taifuns befinden. Ich beobachte aus ruhiger Position alles um mich herum: die spannungsreichen Gegensätze zwischen dem von unseren Reiseleitern vermittelten offiziellen Bild Nordkoreas und dem, was wir trotz aller Filter persönlich wahrnehmen. Ich verweile in einem deutlich über dem Landesstandard ausgestattetem Hotel, während ausserhalb des luxuriösen Gästehauses das wahre Leben in all seinen Facetten pulsiert und über den Köpfen vieler Menschen schwarze Regenwolken hängen.

Der koreanische Dichter Younghill Kann beschrieb in seinem Roman „Das Grasdach“ sein Korea als Land der Morgenstille. Ich finde, das ist ein sehr poesievoller Namen für eine Region, in der ich eher Stillstand – von morgens bis abends –  spüre: politisch, ökonomisch und kulturell. Bin ich im Auge des Taifuns oder ist es hier überall so? Was passiert, wenn ich nur ein paar Schritte gehe, meinen Standort und damit auch die Perspektive ändere? Spüre ich dann einen Wind, der Veränderung mit sich bringt? 

Eigenständiges Erkunden ist keinem Touristen vergönnt. Wir haben ein enges Programm, welches keine individuellen Perspektivwechsel erlaubt. Der Reisebus chauffiert unsere Gruppe durch Pjöngjang, der etwa drei Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt des Landes. Die Strassen und Plätze sind modern, das heisst beleuchtet, gross, breit und…..leer. Der einsam auf der Kreuzung stehende Verkehrspolizist regelt, was nicht geregelt werden muss. Die Wohnhäuser, Schulen, öffentliche Gebäude und Parks scheinen durchaus zeitgemäss und in gutem Zustand zu sein. Es fehlen allerdings historische Gebäude und leuchtende Farben. Das Grau in all seinen Abstufungen kommt mir aus meiner Kindheit vertraut vor.

Wir besuchen zwei Produktionsbetriebe, zumindest werden sie uns so angekündigt. Wir schauen bei den Herstellern des Ginseng-Schnapses, sowie in einer Kosmetikfirma vorbei. Uns soll gezeigt werden, welche ökonomische Kraft sich in diesem Land in den letzten Jahren entwickelt hat.

Vor jedem Betrieb steht ein Propagandamosaik, welches einen der Kims bei seinen „Anweisungen vor Ort“ zeigt.

Bevor wir mit der Besichtigung beginnen, kleiden wir uns mit weissen Kitteln oder schlüpfen mit unseren Schuhen in kleine Plastiktüten. Nach der Verkleidung sehen wir aus wir wie Professor Brinkmann mit seiner Schwester aus der Schwarzwaldklinik.

Welche Geheimnisse werden heute gelüftet? Wir werden jeweils durch gläserne Gänge geführt. Dahinter sehen wir ebenfalls bekittelte und mit Häubchen bedeckte Arbeiterinnen, die einerseits die Abfüllanlage bedienen oder anderseits die Sortiermaschine für die Flaschen oder Kosmetiktuben in die richtige Reihe bringen, damit diese dann in passende Kartons (per Hand) verpackt werden können. Was wir sehen, hat nichts mit dem eigentlichen Herstellungsprozess der Produkte zu tun. Wir dürfen hinter einer Glasfront als Zuschauer der letzten Fertigungsstufe, der Endverpackung, beiwohnen. Zwischen uns und den anderen Gästen wechseln fragende Blicke, warum wir uns für diese paar Minuten hinter dicken Scheiben eigentlich extra Bekitteln mussten. 

Beim Verlassen des Kosmetikbetriebes fällt uns eine Tafel auf, die zeigt, dass sämtliche Mitarbeiterinnen die vorgegebenen Planziele erfüllt oder übererfüllt haben. Gesehen haben wir nur wenige von diesen fleissigen Bienchen. Überhaupt wirken diese Betriebe eher wie Showrooms, in denen die Produkte zwar präsentiert, jedoch nicht wirklich hergestellt werden. Irgendwie wirkt alles verwaist. Über die Gründe können wir nur spekulieren. Glaubhafte Antworten bekommen wir von unseren koreanischen Tourbegleitern nicht. Geht es nach ihnen, ist das normal.

Sehe ich aus dem Busfenster, fallen mir die vielen Landarbeiter auf, die einfach bekleidet mit einem Ochsenkarren in Richtung der Felder unterwegs sind. Manchmal sitzen sie auch nur am Strassenrand in der für Asien so typischen tiefen Hockhaltung, die bei mir nach wenigen Minuten zu muskelkaterähnlichen Schmerzen führen würde. Bei ihnen sieht es so selbstverständlich wie entspannt aus. Auffällig ist, dass jeder noch so kleine Grünstreifen als Anbaufläche für Getreide, Gemüse oder Obst verwendet wird. Von Traktoren oder anderem technischen Gerät, welches die harte körperliche Arbeit der Bauern entlasten könnte, nehme ich nichts wahr. In ihren Händen sehe ich Sensen, Sicheln, Hacken und Spaten. Ihre Körper lassen sich mit dem Ausdruck „vom Leben gezeichnet“ beschreiben. Manchmal erhasche ich, von meinem bequemen Bussessel aus, auch einen Blick in ihre Gesichter. Ich schaue in harte, stolze und demütige Gesichtszüge. 

Das Auge des Taifuns, die Ruhe im Zentrum, ist eben nicht die ganze Wahrheit, nur ein Teil von ihr. So wie das mir gezeigte offizielle Bild der Wirtschaft Nordkoreas nicht falsch sein muss, aber eben nur ein Teil des Gesamtbildes ist. Neben der modernen Hauptstadt und den Produktionsbetrieben sehe ich Arbeitsbedingungen, die wie aus der Frühzeit des Kapitalismus anmuten.

Unserer international gemischten Gruppe von zwanzig Reisenden wurden ein Tour-Begleiter des Veranstalters, sowie zwei Guides von koreanischer Seite zugeordnet. Auf dem Weg zur nächsten Attraktion, der Metro in Pjöngjang, erzählen sie uns von den Meisterleistungen Kim Il Sungs und seiner Sippe beim Bau und der Fertigstellung dieses technischen Glanzstückes. Uns wird erklärt, das ein Metroticket umgerechnet nur einen halben Eurocent kostet. Das wäre sehr günstig auch im weltweiten Vergleich. Jana fragt, wie hoch in unserem Gastgeberland das durchschnittliche Einkommen ist, um diesen in der Tat unschlagbaren Preis mit der Kaufkraft der hier lebenden Menschen zu vergleichen. Sie erhält keine Antwort. Auf Nachfrage wird ihre Frage somit zweifach einfach ignoriert. Tja….naja solche Details sind ja auch nicht wichtig. Schließlich kommt es auf das grosse Ganze an.

Wir betreten eine der in den siebziger Jahren gebauten Metrostationen. Die Bahnsteige liegen, in Anlehnung an die Bauweise anderer kommunistischer Länder, teilweise bis hundert Mieter tief. So können diese bei einem Fliegeralarm auch als Luftschutz- oder Atombunker dienen. Mit der Rolltreppe brauchen wir einige Minuten bis wir am Ziel angekommen sind. Die Namen der insgesamt 16 Stationen auf den zwei Linien geben uns keinen Hinweis darauf, wo wir uns eigentlich befinden, sondern sind propagandistische Erinnerungen an die historische Mission des Landes. So heissen die Haltestellen „Wiederauferstehung“, „Blühendes Licht“, „Triumphale Wiederkunft“, „Vereinigung“ oder natürlich „Sieg“.

Als wohltuend empfinde ich die werbefreie Zone in der Metro und generell im Land. Das Auge und der Geist dürfen ruhen. Der Farbenlärm oder die permanente Beschallung von torgrossen Videoleinwänden kommen hier nicht vor. Ausnahmen bilden die Statuen, Bilder und Skulpturen der unerschöpflich-kitschigen Propagandakunst. Es gibt Momente, in denen ich mich der Anziehungskraft dieser Bilder nur schwer entziehen kann. Sie wirken auf eine bestimmte Art religiös auf mich. Es gibt Bilder, in denen einer oder mehrere der hiesigen ehemaligen oder aktuellen Staatslenker ohne weiteres durch Propheten oder Heilige aus den bekannten Religionen ersetzt werden könnten und das Bild wäre stimmig.

Wir betreten die U-Bahn und setzen uns zwischen die Pjöngjanger. Unsere buntgemischte Truppe wird nicht nur von den Tourbegleitern, sondern auch von den Mitreisenden genau beobachtet. Es geschieht nicht offen. Niemand starrt uns an. Doch ich spüre die prüfenden und zugleich stolzen Blicke, als ob ich von Detektiven beobachtet werde würde. Jana lächelt ihre Sitznachbarin an und bedankt sich dafür, das diese etwas zur Seite rutscht. Sie erwidert mit starrem Blick, um ihn sofort wieder abzuwenden. Aus dem frustrierten Berliner S-Bahn-Milieu kommt mir das durchaus vertraut vor. Jedoch empfinde ich hier mehr. Die sonst so universelle Sprache der freundlichen Mimik und Gestik verfängt hier nicht. Niemand lächelt zurück, wenn wir lächeln. 

Ich versuche, dieses abwehrende, ängstliche Verhalten zu verstehen. Wer, so wie ich, in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, kann solche Verhaltensweisen gegenüber Besuchern aus den Ländern des „Klassenfeindes“  bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Nordkoreanern ist es streng verboten, spontan mit Ausländern ins Gespräch zu kommen. Ein Lächeln oder jede Art von Freundlichkeit müssten sie eventuell im Nachhinein erklären. Die Menschen fühlen sich deshalb einfach sicherer, wenn sie einen Kontakt gar nicht erst entstehen lassen. Offiziell wird das allerdings nicht bestätigt. Unser Begleiter von der Reiseagentur nickt jedoch auf meine Frage hin. Ob und wenn ja welche Folgen ein Verstoss gegen diese Regel für die Betroffenen haben kann, lässt sich nur spekulieren. Jedoch gehe ich davon aus, das es dafür keinen Orden für internationale Freundschaft geben dürfte.

Die Verfassung Nordkoreas garantiert in Abschnitt V (Grundrechte und Grundpflichten) ihren Bürgern Reise-, Meinungs-, Presse-, Versammlungs-, Demonstrations- und Vereinigungsfreiheit. Das wahre Leben sieht jedoch vollständig gegensätzlich aus. Es gibt nur eine Handvoll staatliche Propagandasender, kein Internet, keine freie Berufs- oder Studienwahl, eine sehr überschaubare Warenwelt, keine freie Wahl des Wohnortes und Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen führt zu existenzieller Bedrohung für die ganze Familie und zur Einweisung in Straf -bzw. Umerziehungslager (mehr hierzu bei Amnesty International). Von Kindesbeinen an ist das Leben vorbestimmt durch klare Verhaltensregeln, Pflichten und die mantraartigen Wiederholungen der Weisheiten der unantastbaren Führer. Da ist er wieder dieser Gegensatz zwischen Ruhe und Sturm oder Aufrichtigkeit und Falschheit.

Der Staatsgründer Kim Il Sung gilt als der Treiber der sogenannten Juche-Ideologie. Dahinter steckt die Idee, dass zur Umgestaltung der Gesellschaft ein besonderes Bewusstsein entwickelt und kultiviert werden muss. Um das „chuch’e“ (Juche) zu erreichen, braucht das koreanische Volk seinen großen Führer. Nur so kann die ganze Gesellschaft als einheitlicher sozioökonomischer Organismus das Juche ausüben, also in der Innen- und Außenpolitik selbständig auftreten und handeln. Die drei Prinzipien des Juche lauten: 1. politische Souveränität, 2. wirtschaftliche Eigenversorgung, 3. militärische Eigenständigkeit.

Die jahrhundertelange Besetzung der koreanischen Halbinsel durch fremde Mächte (Russland, China, Japan und die USA) mit dem Versuch, den Koreanern ihre Identität mit teilweise brutalsten Mitteln zu nehmen, ist die Hauptursache für eine tiefverwurzelte Angst vor jeglicher Fremdbestimmung. Diese gilt es um jeden Preis zu verhindern. Das scheint alles zu rechtfertigen, was durch Kim Il Sung und seine familiären sowie politischen Nachfahren in den letzten 70 Jahren zu verantworten ist.

„Wir müssen verstehen und daran glauben, das der Führer das Zentrum des Lebens ist und dass wir nur, wenn wir organisatorisch, ideologisch und als Genossen mit ihm verbunden sind, eine unsterbliche soziopolitische Integrität erreichen können.“ 

Kim Il Sung

Die Menschen in Nordkorea zahlen einen hohen Preis für ihre politische, wirtschaftliche und militärische Autonomie, den ihre heiligen Führer allerdings nicht bereit sind, aufzubringen. Die Entbehrungen der Bevölkerung gelten nicht für ihre Elite.

Wieder spüre ich diesen Gegensatz, diesmal ist er politisch. Ich erfahre zum zweiten Mal in meinem Leben den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie. Natürlich setze ich die ehemalige DDR nicht mit Nordkorea in allen Ausprägungen, die eine Diktatur haben kann, gleich. Dazu ging es den Menschen in der früheren DDR wirtschaftlich wesentlich besser, politische Verfolgung war nur ausnahmsweise lebensbedrohlich und der Personenkult vergleichsweise moderat. 

Ich frage mich, was mit den meisten der 24 Millionen Nordkoreaner mental passiert, wenn die Abschottung beendet wird, das Land sich öffnet für all das, was im Rest der Welt trotz bestehender Unterschiede im Detail, als wirtschaftlicher, politischer und kultureller Masstab gilt. Wenn mich die Lektüre von Büchern etwas gelehrt hat, dann ist es, das Nichts ewig hält, auch nicht die Dynastie der Kims. Die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen werden irgendwann kommen und dann fundamental sein. Freude wird sich mit Ängsten mischen. Viele Ältere werden die Veränderungen als Krise wahrnehmen. Jüngere werden die neuen Freiheiten schätzen und davon am Meisten profitieren. 

Ich erinnere mich, das sich in der ehemaligen DDR die Menschen oft ins Private zurückzogen. Michael Nast („Vom Sinn unseres Lebens“/2018) beschrieb dies so: „Dort wurden Freundschaften und Beziehungen gepflegt. Es ging darum, füreinander da zu sein. Es ging um ein Miteinander, nicht um ein Gegeneinander. Wenn man menschliche Werte lebte, verstand man sich als erfolgreich im Leben. Sie zu kultivieren war ein Statussymbol, denn Reichtum und Besitz hatte das System nicht zu bieten.“ Ich vermute, das viele Menschen in Nordkorea (vielleicht unbewusst) Ähnliches erfahren. Dieses Miteinander sollten sie sich bewahren. Das ist ihr Rückzugsort, das ist ihre kleine ruhige Welt, denn das Leben da draussen gleicht einem Taifun.

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