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Malaiische Häppchen

Neben den Tauchabenteuern an den Stränden Malaysias und unserem Einsatz für die Sonnenbären auf Borneo, haben wir uns auch zwei Städte des Landes angeschaut. So haben wir einen kleinen Einblick in die Kultur des Landes erhalten und einiges an Kuriosem kennengelernt.

Kuriosität Nr 1: Coffee to go in der Plastiktüte

Von Mersing an der Westküste der Halbinsel nehmen wir einen Bus nach Melaka. Für die 250 Kilometer braucht der Bus ungefähr vier Stunden. Das ist mir zu lange, um die Fahrt ohne meinen geliebten Kaffee anzutreten. Zum Glück gibt es auch hier überall reichlich Essenangebote und so bestelle ich einen Kaffee zum Mitnehmen. Anstatt eines Bechers gibt es allerdings eine Plastiktüte mit brauner Brühe.

In Melaka werden wir herzlich von unseren Gastgebern Teena und Lee empfangen. Wir bekommen sofort selbstgebackene Kekse und hach, einen Kaffee in einer Tasse angeboten. So gefällt es mir. Wir sind uns gleich sympathisch. Beide sind in meinem Alter, sie ist muslimische Malaiin mit spanischen und chinesischen Wurzeln und er kommt ursprünglich aus England. Auch eine kleine Katze, die die süsse Angewohnheit hat, ihre Zunge ständig raushängen zu lassen, wohnt bei ihnen.

Ihr Haus steht im Herzen der Altstadt. Es handelt sich um ein sehr altes Gebäude mit etwa fünf Meter Strassenfront, dafür aber rund zwanzig Meter Tiefe. Diese Architektur entspricht den alten chinesischen Handels- und Handwerkerhäusern wie sie hunderte Jahre hier betrieben wurden. Im unteren Bereich wurde gearbeitet und gekocht, während die oberen Bereiche für das Schlafen reserviert waren. Dort befindet sich auch unser gemütlich eingerichtetes Zimmer. 

Das Haus sowie ein grosser Teil des Stadtkerns versprühen den Charme einer vergessenen Kolonie. Die Spuren der jahrhundertelangen Besetzungen durch Portugiesen, Holländer und am Ende durch die Briten sind allgegenwärtig. Vor dem ehemaligen Rathaus steht eine Windmühle und daneben eine mäßig gelungene Kuh aus Kunststoff. 

Kuriosität Nr 2: Mitten in Holland 

Die Vielzahl der kleinen Cafe´s, Restaurants, Bars, Galerien und Kunstgeschäfte sind der ultimative Beweis dafür, das dieser Ort schon lange kein Geheimtipp und bei Touristen aus der ganzen Welt äusserst beliebt ist. Auch ich mag dieses Plätzchen. Die Stimmung ist entspannt. Mir gefällt diese Mischung aus Kultur, Geschichte und Moderne. Noch scheinen sich lokale und touristische Bewohner nicht das Leben gegenseitig schwer zu machen und das Mass für alle erträglich zu sein.

Zusammen mit anderen Besuchern auf Zeit nehmen wir das Angebot an und kochen einen Abend lang gemeinsam mit unseren Gastgebern in der grossen offenen Küche, in der wir sonst frühstücken. Unserem Wunsch entsprechend gibt es ein vegetarisches Menü. Ich lerne von unseren Mitköchen, wie man argentinische Empanadas liebevoll füllt und den Teig richtig mit kleinen Zöpfchen schliesst. Die Zutaten sind alle frisch und reichlich. Die von Teena gezauberte malaiische Tofuvariante kannte ich nicht, schmeckt mir aber ganz besonders gut. 

Ein vermeintlich typisch deutsches Gericht wie etwa eine Schweinshaxe mit Sauerkraut wollen wir nicht anbieten, dafür zeigen wir ihnen, wie man eine vegane Mousse au Chocolat im Handumdrehen zaubert. Während der Zubereitungen bleibt Zeit, sich mit Louisiana und Nico zu unterhalten. Beide kommen aus Argentinien und waren zuvor wie wir in Neuseeland, allerdings eher zum Geldverdienen. Mit dem Ersparten waren sie einige Wochen in Indonesien unterwegs, um jetzt hier wieder für Kost & Logis zu arbeiten. Dabei geht es eher um kleinere Aufräum-, Maler- und Reparaturarbeiten, die selten einen vollen Tag benötigen. Anders als wir planen sie keine Wiederkehr in die alte Heimat. Die andauernde Wirtschaftskrise in dem südamerikanischen Staat, die permanente Geldentwertung und die hoffnungslosen Zukunftsaussichten nennen sie als Gründe.

Nach dem Essen folgen wir der Empfehlung unserer Gastgeber und besuchen ein paar Strassen weiter eine alte Bar, die ihre Lizenz noch aus der Besatzungszeit der Japaner hat, was also rund 75 Jahre her ist. Es war damals die erste Bar in Melaka, an dem Alkohol offiziell verkauft werden durfte, was damals eine Ausnahme in dem von Muslimen dominierten Land war.

Kuriosität Nr 3: Malaien trinken normalerweise keinen Alkohol, dennoch ist er überall verfügbar. 

Als wir davor stehen, wirkt das verschlossene Gitter abweisend. Es dauert jedoch nicht lang, bis eine kleine ältere chinesisch aussehende Dame freundlich lächelnd öffnet. Sie wischt den Staub von den Barhockern und vom Tresen und bietet uns verschiedenes an Hochprozentigem in kleinen Verkostungsgläsern an. Zunächst schnuppere ich vorsichtig an den unterschiedlichen Flaschenöffnungen bis ich mich dann für einen …na, ihr wisst es schon: Kaffeeschnaps entscheide. Es brennt in der Kehle, aber irgendwie fühlt es sich nach dem üppigen Essen auch gut im Bauch an. Wir erfahren, das die Lizenz nur erhalten bleibt, wenn die Bar weiter von der Familie betrieben wird. Ihr Mann ist leider krank und ihr jüngster Sohn kann nicht immer unterstützen. Auch wenn die Regalwand mit all den unterschiedlichen Feuerwässerchen beeindruckt, bleibt mir nicht verborgen, das die besten Tage dieser Bar schon lange vorbei sind. Wer weiss, vielleicht wird dieses Kleinod seine Türen bald für immer schliessen.

Am Abend sind wir wieder zu zweit ein paar Strassen weiter spazieren. Die historischen Häuser, die Stadtmauer mit alten Geschützen der Portugiesen und Holländer sowie die schmalen Wege verleiten zum verträumten Schlendern. Wenn nicht, ja wenn nicht diese unglaublich lautschrill-bunten und blinkenden Rikscha-Taxis mit plärrender chinesischer und malaiischer Schlagermusik durch die Gassen fegen würden. Aber auch das gehört zu Melaka.

Kuriosität Nr. 4: Es geht immer noch ein bisschen mehr Blink Blink und Bum Bum.

In Kuala Lumpur würden diese wackeligen Rikschas keine Chance haben. Dort leben im Grossraum rund acht Millionen Einwohner. Der Verkehr wird von Autos sowie Motorrädern dominiert.

Nach einer kurzen Busfahrt kommen wir in einem grossen, an einen kleinen Flughafen erinnernden Terminal im Aussenbezirk der malaiischen Hauptstadt an. Erwartungen habe ich keine an diesen Ort. Vielmehr ist es der Ausgangspunkt für weitere Stationen, die jedoch erst recherchiert und dann zum nächsten Ziel auserkoren werden sollen. 

Als wir ankommen ist es später Nachmittag, es ist heiss und wir sind ziemlich weit weg vom Zentrum. Der Tarif, der mir am Taxistand von den lokalen Chauffeuren genannt wird, überrascht mich. Er ist deutlich höher als der (zugegebenermassen schon ältere) Reiseführer ausweist. Ich nutze die Taxi-App, die uns von anderen Reisenden empfohlen wurde und sehe, dass das genannte Beförderungsentgelt den sonst üblichen Touristenaufschlag deutlich übertrifft. Da wir uns mit den lokalen Taxifahrern nicht einig werden, bestellen wir ein Taxi über mein Smartphone. Scheinbar findet er uns nicht sofort. Es dauert. Dann ist er da und es kann losgehen. Er ist sehr interessiert und fragt neben den üblichen Fragen: Wo kommst Du her? Wie lange bleibst Du? Wo geht es danach hin? auch nach unseren bisherigen Eindrücken von seinem Land und wie wir die Welt im Allgemeinen sehen. Etwas überrascht, aber doch neugierig erzählen wir von unserem bisherigen Reiseverlauf und wie es dazu kam. Nach dem wir auch die Tionmaninseln lobend erwähnen, schaut er zufrieden. Er ist Akademiker und hat einen festen Job, verdient sich aber mit dem Taxifahren etwas dazu. Das Leben in der Hauptstadt sei die letzten Jahre sehr teuer geworden. Um sich und seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen arbeitet er 16 Stunden am Tag. Viele ausländische Ruheständler seien die letzten Jahre hierher gekommen, da die Haus-und Wohnungspreise sowie die Lebenshaltungskosten für die Neuzugezogenen günstig sind. Viele der neu errichteten Wohnungen seien deshalb für Einheimische kaum noch zu bezahlen. Ausserdem hat auch hier der Konsum inzwischen die anderen Religionen abgelöst. Jeder braucht ein Auto, ein Smartphone, Markensportschuhe und lässt sich gern in einem der neuen schicken Cafés und Restaurants sehen. Er verrät uns, dass er etwa umgerechnet 700 Euro im Monat mit seinen beiden Jobs verdient. Er scheint jedoch trotzdem seinen Humor noch nicht verloren zu haben. Ein Ausschnitt aus dem Gespräch ist hier als Tonsequenz abrufbar. Aufschlussreich finde ich seine Aufteilung der Menschen in drei verschiedene Gruppen.

Die Wahrheit des Taxifahrers

In Vorbereitung auf unsere Zeit in den ländlichen Gebieten sind wir auf der Suche nach einem Moskitonetz. Deutsche Tropeninstitute und auch die lokalen Behörden weisen auf regelmässig auftretende Malariafälle in unserem Reisegebiet und prophylaktische Massnahmen hin. So nehmen wir an, das diese Schutznetze wie Reinigungs- und Lebensmittel überall erhältlich sein sollten. Vergiss es. Wir besuchen kleine und grosse lokale Märkte, Shopping-Center mit Supermärkten oder grosse unseren Baumärkten ähnliche Warenlager. Die Verkäufer geben sich redlich Mühe, uns mit dem Gesuchten zu versorgen, vergeblich. Einige telefonieren mit irgendjemand anderem. Dann schicken sie uns von einem zum nächsten Geschäft. Es ist ziemlich verrückt. Niemand scheint sich wirklich Sorgen darüber zu machen, eventuell infiziert zu werden – wir schon. Eine elektrische Insektenklatsche, wie sie fast überall angeboten wird, wollen wir nicht kaufen. Keiner möchte nachts aufstehen und erstmal auf Mückenjagd gehen. Wir möchten ein Moskitonetz, das uns in Ruhe schlafen lässt. 

Zum Glück fällt Jana ein, das es (ja auch hier) einen IKEA gibt. Sie schaut auf deren Homepage und siehe da: Sie haben tatsächlich ein Moskitonetz im Angebot – Modell Solig – wie überall auf der Welt. Ein Anruf und die Bestätigung, das es tatsächlich noch vorrätig ist. Yippiiiiieeeh. Die Stechmücken können also kommen. Beziehungsweise sie können es jetzt gerne mal versuchen. 

Kuriosität Nr 5: Es gibt kein Moskitonetz in Malaysia zu kaufen (ausser bei den Schweden)

Bei unseren Einkäufen entdecken wir hin und wieder kuriose Produktempfehlungen, die so wohl nur hier funktionieren. Auf diesem Werbeplakat über dem Schokoladenregal ist ein Wonneproppen zu sehen, der lustvoll in eine grosse Tafel Schokolade beisst. Daneben steht „Eat good, feel good“ (Ernähre Dich gut. Fühle dich gut). Jana und ich schmunzeln uns mit grossen Augen an. Wir liegen wohl nicht falsch, wenn wir behaupten, das so etwas zuhause zu einem mittleren Shitstorm gegen die Handelskette und den Hersteller führen würde. 

Kuriosität Nr 6: Nasch dich gesund und fühl dich gut dabei.

Kuala Lumpur ist eine Stadt im Umbruch. Die modernen Shopping-Center, Boutiquen, Einkaufsstrassen, Bürozentren mit sauberen Strassen und guter Bahnanbindung zeigen, wohin auch Malaysia strebt. Der permanente Staub und Dreck, die Anzahl wilder Müllecken, die sichtbare Armut und viele Strassenzüge mit maroder Infrastruktur und Bausubstanz machen jedoch auch deutlich, dass noch nicht alle Menschen auf diesem Weg in die Zukunft mitgenommen werden.

Unter Sonnenbären

Ich fühle mich ungewohnt schwach. Ich phantasiere von einem Dschungel, in dem ich wie in einer grünen Hölle mit seiner feuchten Hitze gefangen bin. Alles sieht gleich und doch immer wieder anders wild gewachsen aus. Durch die Machete in meiner rechten Hand fühl ich mich etwas sicherer. Ich höre die intensiven Rufe der Makaken sowie verschiedene Vogellaute, die ich nicht zuordnen kann. Meine Kleidung ist schweissgetränkt. Plötzlich bewegt sich etwas in meinem Rücken, Äste brechen, ich spüre leichte Erschütterungen des Bodens. Die Machete fest umklammernd drehe ich mich langsam um. Ein tiefes Brummen schallt von oben auf mich herab. Es kommt aus einem pelzigen Gesicht. Ich werde vorsichtig neugierig beobachtet. Dann verschwindet plötzlich alles um mich herum. Stimmen aus einer anderen Sphäre dringen an mein Ohr. Mein Bewusstsein übernimmt wieder und ich sehe in zwei wunderschöne, wenn auch besorgt wirkende blaue Augen über mir. Jana reicht mir frisches Wasser und die nächste Paracetamoltablette. 

Mir ist heiss, sehr heiss. Mein Kopf, der Hals und die Brust glühen. Jana legt mir einen frischen Eisbeutel auf die Stirn und erneuert die Wadenwickel. Das Hotelpersonal ist inzwischen im Bilde und fragt nicht mehr nach dem Grund für das viele Eis oder will dafür extra vergütet werden.

Wir verbringen insgesamt eine Woche in diesem Business Hotel in Sandakan auf Borneo. Diese Hotelkategorie ist ungewöhnlich für uns. Aber es ist die Unterkunft, die sich am nächsten zum Krankenhaus befindet und wir damit im Notfall kurze Wege haben. Die Ärzte dort haben mich bereits gründlich untersucht und weder Malaria- noch Dengue-Fieber-Erreger im Blut festgestellt. Die Symptome mit Kopf- und Gliederschmerzen sowie hohem Fieber, das innerhalb weniger Stunden bis auf knapp unter 40 Grad anstieg, waren da. Zum Glück wurde nur eine Virusinfektion attestiert. Die hatte es allerdings in sich.

Hier sind wir: ganz im Nordosten der Insel Borneo. Der kleinere nördliche Teil gehört zu Malaysia.

Sie zwingt uns zu einer Pause unseres auf zwei Wochen angelegten Freiwilligeneinsatzes beim Sunbear-Conservation-Center in Sepilok, Borneo (Malaysia). Auf unserer Reise wollen wir nah an den Menschen und Kulturen sein, aber auch die Natur erfahren. Des weiteren möchten wir etwas geben, konkret etwas für Andere tun ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten, einfach nur, weil wir es wollen und gut finden. Jana hatte schon bei einigen Tierschutzprojekten gearbeitet und es war ihr wichtig, auch auf dieser Reise ein solche kleine Auszeit vom Reisen einzulegen. Nach einiger Recherche stiessen wir auf das Sunbear-Conservation-Center und schicken bereits im Mai unsere Bewerbung ein. Ziel dieses Zentrums und der dahinter stehenden Organisation ist der Erhalt des Lebensraumes der sogenannten Sonnenbären (oder auch Malaienbären) sowie die Pflege der aus Gefangenschaft befreiten oder von Wilderern verletzten Tiere.

Der Sonnenbär ist die kleinste lebende Bärenart. Ihr Verbreitungsgebiet ist auf wenige Gebiete in Sumatra und Borneo sowie vereinzelt im südlichen China zusammengeschrumpft. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) sowie das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) zählen sie zu den bedrohten Arten.

Dieser sympathische Bär zeigte uns regelmässig seine Kletterkünste. Wer Lust auf ein Video der Artisten hat, dem können wir dieses supersüsse Video zweier Bären empfehlen. (Link Video Baumspiele)

Unsere Aufgabe als freiwillige Helfer besteht zu einem grossen Teil darin, gemeinsam mit den zehn festangestellten Pflegern rund 40 Bären mit frischem Futter, welches aus Obst und Gemüse besteht, zu versorgen. Dazu gehört auch die Vorbereitung (Reinigung, mundgerechte Stückelung, ausgewogene Zusammenstellung) und die rituelle Futterverteilung in den Aussenanlagen. Weiterhin sind die Käfige täglich zu reinigen oder sogenannte Enrichments (Fachjargon der Pfleger) wie zum Beispiel Spielmöglichkeiten mit leckerem Zuckerrohr oder mit Honig gefüllte Beissringe zu basteln.

Besonders interessant war es, einmal bei einem Gesundheitscheck eines Bären dabei sein zu dürfen. Nach der Narkosebetäubung bot sich hier die Gelegenheit, die Tiere auch zu berühren, was sonst strikt verboten ist. Wir durften die Temperatur und den Puls messen  oder die Schnauze des Bären aufhalten, damit die Ärztin die Zähne behandeln kann.

Zum Glück ist sie betäubt. Sie spürt den Zahnarzt nicht und wir nicht ihre Zähne. Nur den Mundgeruch …

Wenn diese Bärchen so friedlich auf dem Tisch liegen, kann ich mir vorstellen, warum noch heute reiche (und einfältige) Asiaten diese Tiere mit niedlichen Haustieren verwechseln. Sie können wie Teddybären wirken, sind aber natürlich Raubtiere mit allem was dazu gehört. Und sie gehören in die Natur. 

Alle Bären haben Namen, sich diese vollständig zu merken war mir nicht vergönnt. Ein Paar von ihnen sind mir jedoch im Gedächtnis geblieben. Da war zum Beispiel Panda, eine vierjährige Bärendame, die in einem Privatzoo gehalten und dort als Pandabär ausgegeben wurde – daher auch ihr Name. Sie hat grosse Angst davor, aus ihrem sechs Quadratmeter grossen Käfig im Bärenhaus in das Freigehege zu gehen. Grund dafür ist eine negative Erfahrung, die sie mit dem Zaun der Aussenanlage gemacht hat, der permanent unter Schwachstrom steht. Würde der Zaun keinen Strom leiten, wäre es ein leichtes für einen Bären die Absperrung zu demolieren – sei es aus Übermut, Langeweile oder Neugier. Einmal entwischt wäre es jedoch sicher das Todesurteil für die Tiere. In den zum Teil riesigen Aussenanlagen sollen die Bären ihre natürliche Verhaltensweisen wieder erlernen – auf Bäume klettern, Nester bauen, nach Futter suchen, Rinden aufkratzen, Sozialverhalten üben. All jene, die sich gut entwickeln, werden Teil des „Release Programs“ – und haben somit die Chance, wieder in den Wäldern Borneos ein neues Zuhause zu finden. Sieben Bären wurden seit Gründung des Centers 2008 bereits wieder in die Freiheit entlassen. Sie alle wieder in der Natur zu sehen ist das Wunschziel von Wong, dem charismatischen Gründer und Leiter des Zentrums. Leider gelingt das nur den wenigsten Bären, da die meisten entweder zu alt, zu verhaltensgestört, zu „vermenschlicht“ oder aus anderen gesundheitlichen Gründen nicht überlebensfähig in freier Wildbahn wären. 

Aber selbst Bären wie Panda, die viel zu lange in menschlicher Obhut gelebt haben und keine Chance auf eine Entlassung haben, sollen zumindest die Freigehege geniessen dürfen. Unter Anleitung der Pfleger sind wir dreimal dabei, wenn sie langsam herangeführt wird, ihren kleinen Käfig zu verlassen. Wir verteilen leckere Snacks wie Wassermelone, Bananen und in honiggetränkte Nüsse in einem extra für diesen Zweck eingerichtetem „Zaun-Trainingsgehege“. Hier soll Panda lernen, dass das grosse Gehege keine Gefahr birgt, solange sie den Zaun nicht direkt berührt. Am Anfang hat sie grosse Angst, sie holt sich nur die Leckerbissen, die sie mit ihrer langen Zunge erreicht ohne dass dafür auch nur eine der vier Pfoten das bekannte Terrain verlassen muss. Sie streckt sich mächtig. Wir sehen ihren inneren Kampf. Sie kommuniziert mit uns: „Schaut doch mal! Da liegen so viele Süssigkeiten! Aber ich traue mich nicht hinein. Was soll ich machen? Kannst du mir nicht helfen?“ Kaum vorstellbar, was so ein ursprüngliches negatives Erlebnis mit einem Stromzaun für psychische Grenzen aufbauen kann und wieviel Zeit und Geduld es bedarf, dieses Trauma wieder aufzulösen. Lange nach unserem Aufenthalt lesen wir auf der Homepage, das Panda das Zauntraining bestanden hat und ihren ersten grossen Spaziergang im Freigehege unternommen hat – welche Freude, das zu lesen!

Panda kann sich seeeeeehr lang machen, wenn das Obst soooooo weit weg liegt.

Besonders ist mir die süsse Mailaienbärin Simone ans Herz gewachsen. Sie hatte ihren Käfig direkt gegenüber dem Eingang zum Bärenhaus und hat die Kunst des freundlichen Posens so zur Vollendung gebracht, das sie laut der centereigenen Homepage die beliebteste Bärin des gesamten Sunbear-Centers ist (Link Homepage Simone). Mit ihrer freundlichen, ruhigen und zugewandten Art fällt es schwer, sich ihrem tapsigen Bärencharme zu entziehen. Zum Abschied bekomme ich ein Abdruck ihrer Tatzen auf Papier geschenkt. Ich lächle und bin dankbar für diese Geste.

Simone: zum Verlieben.

Hätte mich das Fieber nicht nach einer Woche umgehauen, hätte ich wahrscheinlich auch so eine Pause gebraucht. Ich muss zugeben, das mich die harte körperliche Arbeit bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius und einer neunzigprozentigen Luftfeuchtigkeit stark beansprucht hat. Ich habe grosse Bewunderung für die täglichen Verrichtungen der Bärenpfleger. Auch wenn sie nur etwa halb so alt sind wie ich, haben wir uns viel unterhalten und gelacht. Einer meinte, ich sähe aus wie Keanu Reeves, ein Schauspieler, und zählte mir seine Filme auf. Ach so der Typ von Matrix, ja den kenne ich auch. Toll, dachte ich, gar nicht so schlecht, wenn er mich mit ihm vergleicht.

Die letzten Tage im Sunbear-Center nach der einwöchigen Fieberpause vergingen wie im Flug. Auf Wunsch der Mitarbeiter vor Ort haben wir unsere Eindrücke zusammengefasst. Diese wurden dann später wie die anderer Teilnehmer veröffentlicht (Link Homepage Unser Eindruck). Jede Woche kommen Freiwillige wie Jana und ich und unterstützen die Arbeit des BSBC. Es möchten regelmässig so viele helfen, das mitunter einige vertröstet werden müssen. Die Freiwilligen sind fester Bestandteil der Prozessabläufe. Es wird langfristig mit ihnen geplant. Jeder Freiwilliger zahlt (nicht wenig) Geld dafür, das er hier arbeiten darf.

Die Regel ist ja eher anders herum:  Ich arbeite und erhalte dafür eine Vergütung. Hier gibt es eine Organisation, die sich die Mitarbeiter aussuchen kann, die bei ihnen arbeiten wollen und dafür von genau diesen temporären Mitarbeitern auch noch Geld bekommt. Klingt das abgefahren?

Die Frage kann ich mir selbst beantworten. Mir war es das Geld wert, weil es ein Investment in mich war. Ich habe für eine gewisse Zeit, eine sehr erfüllende (und anstrengende) Tätigkeit mit Tieren, zu denen ich sonst niemals Zugang gehabt hätte, ausgeübt. Jeder Handschlag, jede Aktion, jede Handlung hat Sinn gemacht. Die ganze Organisation hat einen übergeordneten Zweck, die Erhaltung der Natur und des Lebens ganz konkret am Beispiel der vom Aussterben bedrohten Sonnenbären. Dieser organisatorische Leitstern klingt für mich einfach attraktiver als beispielsweise nur das Umsatzziel des letztes Jahres zu verdoppeln. Es geht hier nicht einfach nur um Gewinnmaximierung, um ein wenig sinnstiftendes, zweckungebundes Mehr an allem Materiellen. Geld ist hier nur ein Medium, ein notwendiges Mittel, das Richtige aus den richtigen Gründen zu tun. Natürlich muss auch hier der Laden am Laufen gehalten werden, Gehälter und Futter bezahlt werden. Dafür sorgen Sponsoren, Spenden, Erlöse aus dem Verkauf von Eintrittskarten und der Obolus der Freiwilligen. Einen, wenn auch nur kleinen, Beitrag, dazu geleistet zu haben, erfüllt mich mit Freude, Zufriedenheit und Glück. Natürlich will auch ich von meiner Arbeit leben können, was übrigens mit den umgerechnet etwa 350 Euro Monatsgehalt eines Bärenpflegers nicht der Fall wäre. Aber der springende Punkt ist ein anderer:

WER LEISTUNG WILL, MUSS SINN BIETEN.

oder

WER DIE MENSCHEN IM HERZEN GEWONNEN HAT, DER BRAUCHT SICH UM DIE RICHTIGEN KÖPFE NICHT ZU SORGEN.

Diese Sätze haben ich oft gehört und selber auch schon gesagt. Jetzt habe ich sie bewusst erlebt, gefühlt, erfahren. Danke Sunbear Conservation Center.

Untergetaucht

Ich weiss, dass ich keine Angst haben muss. Aber der Angst ist das ziemlich egal – sie ist trotzdem da. Ich versuche mich zu entspannen, aber das klappt überhaupt nicht.

Tausend Gedanken flitzen  mir durch den Kopf.

„Was mache ich hier eigentlich? / Das ist doch absurd / OK, Jana, versuche es mal zu geniessen / Schau mal der Fisch da / Der ist doch schön. / Ja, das stimmt / Aber wieso ist der über mir? Fische waren bis jetzt immer nur unter mir. / Oh je, die Wasseroberfläche ist aber sehr weit weg. / Wie tief sind wir eigentlich? / Atme ruhig. / Bloss keine Panik bekommen. / Irgendwann ist es vorbei.“

Nach weiteren 30 Minuten im Gedankenkarussell war er tatsächlich vorbei: Unser erster Probetauchgang. War ich froh, wieder an der Wasseroberfläche zu sein und wieder Luft über die Nase einatmen zu können. Die letzte halbe Stunde war definitiv ein Erlebnis, das mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. 

Im Nachhinein lernen wir, dass die Art und Weise wie unser Probetauchgang ablief nicht ideal war. Wir sind sprichwörtlich ins Wasser gesprungen – immerhin war das Wasser nicht kalt. Als wir nach einer fünfminütigen Bootsfahrt zu einem kleinen Korallenfelsen neben den Tioman-Inseln erklärt bekommen, wie der „Einstieg“ ins Meer vom Boot aus abläuft, mache ich nur grosse Augen.

Wir sollen auf dem Rand des Bootes sitzend eine Rolle rückwärts ins Wasser machen? Wie Bitte? Viel nachdenken konnte ich allerdings nicht – ich sollte als erste diese Turnübung ausführen. Platsch. Gäbe es Haltungsnoten müsste der Punktrichter wohl die Karte mit der Note Vier hochzeigen. So eine Tauchermontur ist ziemlich schwer – sobald du dich auch nur ein bisschen nach hinten lehnst, gewinnt die Schwerkraft über deine Muskelkraft und schon bist du im Wasser. Micha und der Tauchlehrer folgen. Er merkt sofort, dass es eine starke Strömung gibt, signalisiert uns aber, dass wir uns keine Sorgen machen sollen. Nö, machen wir nicht. Denn noch wissen wir ja garnicht, was das unter Wasser bedeutet.

Aber der Reihe nach. Wir treiben also zunächst im Wasser. Der Tauchlehrer orientiert sich kurz und gibt uns das Zeichen, dass es nun nach unten geht. Alles ok? Alles ok. Wir signalisieren dies indem der Daumen und der Zeigefinger einen Kreis bilden sowie die anderen Finger gestreckt bleiben. Er nimmt uns beide am Schlafittchen und lässt die Luft aus unseren Tauchwesten, so dass wir theoretisch absinken. Praktisch tut sich kaum etwas – ich habe Auftrieb und schwebe kurz unter der Wasseroberfläche. Micha ist auch auf meiner Höhe. Ich muss schmunzeln: ertrinken ist garnicht so einfach. Aber wir wollen ja nicht ertrinken, wir wollen tauchen und auch dazu müssen wir nach unten. Da unsere Tauchwesten aber schon komplett leer zu sein scheinen, zieht und drückt uns der Lehrer recht schnell nach unten – zu schnell für Micha. Er signalisiert, dass er Ohrenschmerzen hat. Diese entstehen, wenn man zu rasant abtaucht und/ oder zu selten einen Druckausgleich für die Ohren macht. Besonders auf den ersten zwei Metern merke ich deutlich, dass unter Wasser viel mehr Druck als an der Wasseroberfläche herrscht. Und diesen Druck muss ich mit „Nase zu halten und sanft in die Nase hineinblasen“ ausgleichen. Jeder kennt das vom Fliegen. Die beiden tauchen also wieder ein bisschen auf, so dass der Druck auf Michas Ohren nachlässt und er nochmal einen Ausgleich machen kann.

Ich bleibe eine halbe Körperlänge unter ihnen und bemerke nun die Strömung. Wir treiben alle ganz schön doll in eine Richtung, ich allerdings ein bisschen schneller als die anderen beiden, da der Lehrer mit Micha im Gepäck professionell gegen sie anschwimmt. Ich weiss, dass ein Taucher nur die Beine benutzt und die Arme möglichst ruhig am Körper anlegt. Aber wie ist das mit dem theoretischen Wissen? Es nützt wenig, wenn ich es nicht auch umsetzen kann. Ich kann es gerade nicht und paddele und wedele mit allen Vieren wie Pfiffi, der kleine Schosshund, den ich zum sonntäglichen Bad in eine für ihn viel zu grosse Badewanne gesteckt habe.

Als es Michas Ohren wieder besser geht, drückt uns der Lehrer weiter nach unten. Er packt Michas Weste mit dem rechten Arm und meine mit dem linken Arm. Er bleibt stets über uns, so dass wir ihn nicht sehen. Wir schwimmen also im Dreiergespann einmal um den Korallenfelsen. Da dies unser allererster Tauchgang ist und wir keine Ahnung haben, was wir zu tun haben, kümmert sich der Lehrer um alles. Er regelt die Luft in unseren Westen, so dass wir je nach Bedarf ein bisschen mehr oder weniger Auftrieb bekommen. Er schaut auf die Anzeige, die kontrolliert wieviel Luft noch in unserer Flasche ist. Er kontrolliert die Tiefe.

Wir müssen nur mit den Flossen treten sowie atmen und…. natürlich: den Tauchgang geniessen, uns an all den bunten Fischen erfreuen. Ich nehme sie war, freue mich jedoch noch mehr darüber, dass ich tatsächlich Luft bekomme. Und ich denke.

Tausend Gedanken flitzen mir durch den Kopf. 

Zurück auf dem Boot fragt uns der Lehrer, ob wir nun den Tauchkurs machen wollen. Wir wollen das Erlebte jedoch erstmal sacken lassen und uns nach dem Mittag wieder melden. Wir entscheiden uns dagegen. Schnorcheln ist doch auch schön. 

Drei Wochen später stehen wir wieder vor einer Tauchschule. Diesmal sind wir auf den Perhentian-Inseln im Norden Malaysias. Wir fragen nach zwei Schnorchel-Sets zum Ausleihen und nach der Möglichkeit, einen Tauchkurs zu machen. Wenn sie Zeit haben und sie uns sympathisch sind, wollen wir es eventuell nochmal probieren. Sie haben Zeit und sie sind uns sehr sympathisch. Kim, unsere Tauchlehrerin kommt aus Holland und spricht perfektes Deutsch, so dass wir den Kurs sogar in unserer Muttersprache machen könnten. Dies alles sind gute Vorraussetzungen. Die nächsten vier Tage verbringen wir wie in einem Trainingslager – wir büffeln viel Theorie, machen Tests, die an die Fahrschulprüfung erinnern und lernen, das Wissen auch unter Wasser anzuwenden. Von Kim erfahren wir, dass man für einen Schnuppertauchgang viel besser vom Strand aus in Wasser geht. Das erspart dem Novizen die Rolle rückwärts ins Nass, garantiert ein langsames Abtauchen und verringert dadurch die Probleme mit den Ohren.

Bei den Tauchgängen, die wir im Kurs absolvieren, bin ich schon um einiges entspannter als bei dem Schnuppertag. Trotzdem gibt es Übungen, die mir schwer fallen und die ich nicht gerne mache, wie zum Beispiel freiwillig Wasser in die Taucherbrille einlassen, um dieses dann wieder loszuwerden. Beim ersten Mal mache ich es falsch, bekomme Angst und atme über die Nase einiges an Salzwasser ein. Das muss ich noch öfter üben. Schliesslich ist Wasser in der Brille eine Situation, die beim Tauchen häufig vorkommt.

Wo ist Micha?

Diese Übung fällt Micha überhaupt nicht schwer. Dafür braucht er ein bisschen länger, bis er sein Gleichgewicht unter Wasser kontrollieren und halten kann. Tiefes Ein-und Ausatmen, wie es von den Yogis immer so gebetsmühlenartig wiederholt wird, kommt unter Wasser garnicht gut an. Wenn Micha einmal tief einatmet, dann geht er unter Wasser ab wie Schmidt´s Katze – soll heissen, er flutscht wie ein Pfeil nach oben und weiss garnicht wie ihm geschieht.

So ein schnelles Auftreiben ist aus verschiedenen Gründen gefährlich. Während des Kurses lernt er unter Wasser flach zu atmen und sein grosses Lungenvolumen gezielt einzusetzen, um seine Tiefe unter Wasser zu verändern. Ein leichtes Einatmen und er steigt auf, ein bewussten Ausatmen und er sinkt ab.

Immer schön auf Augenhöhe mit den Fischen bleiben…garnicht so einfach.

Kim ist eine tolle Lehrerin. Sie hat Geduld wo es nötig ist und sie ist streng und verantwortungsbewusst in Situationen, die gefährlich sein können. Wir merken, das sie auch nach tausenden von Tauchgängen und sicher hunderten von Schülern noch selbst Spass an ihrem Beruf hat. Auch das schätzen wir sehr. 

Nach bestandener Prüfung. Ihr seht dem Schüler und der Lehrerin die Erleichterung an.

Nach fünf Tauchgängen haben wir alle Prüfungen bestanden und erhalten den Open Water Tauchschein. Doch Tauchen erfordert, genauso wie das Autofahren, viel Übung und Wiederholung, um Sicherheit und eine gewisse Routine zu bekommen. Der Schein ist erst der Anfang. Wir müssen noch einige Tauchgänge machen, bis wir die Unterwasserwelt wirklich geniessen können, aber wir haben nun zumindest unsere Eintrittskarte in diese völlig neue Welt.

Augen zu und durch, oder besser: Nase zu und runter. So sah es aus, als wir das Abtauchen und den Druckausgleich geübt haben.

In Malaysia schaffen wir es leider nicht mehr, diesen Schein auch zu nutzen. Wir wollen weiter nach Borneo, wo uns eine ganz besondere Verabredung mit einem knuffigen Landbewohner erwartet.

Das Tor nach Asien

…und meine Brücke in die Vergangenheit

Nach den gefühlt unendlichen Weiten in Australien erwartet uns nun nach neun Flugstunden genau das Gegenteil. Wir landen am späten Abend auf dem Changi-Airport, einem der modernsten Flughäfen der Welt.

Willkommen im Stadtstaat Singapur. Berlin ist flächenmässig grösser, aber sonst fällt mir spontan nichts ein, wo die deutsche Hauptstadt im direkten Vergleich noch vorn liegen könnte. Singapur befindet sich an der Südspitze der Malaiischen Halbinsel und verteilt sich auf über 50 Inseln, was ich als Besucher zunächst nicht bemerke und erst im Nachhinein auf der Karte gesehen habe.

Der Stadtname heisst übersetzt aus dem Sanskrit „Löwenstadt“. Das Wahrzeichen der Stadt, Merlion, ist ein Mischwesen aus Meerjungfrau (Mermaid) und Löwe (Lion). Dadurch, das sich das Stadtgebiet auf Äquatorhöhe befindet, sind die Tage und Nächte gleich lang, immer. Das ganze Jahr herrscht tropisch heisses Klima, also nichts für Freunde des Wintersports. Eine Pizza „Vier Jahreszeiten“ wurde mir hier nicht angeboten und würde trockenen Humor voraussetzen, den ich in Singapur und auch im späteren Reiseverlauf in Asien äusserst selten angetroffen habe.

Trotzdem ist die kulinarische Vielfalt in Singapur hervorragend und wie ihr seht, schmeckt es uns ausgezeichnet. Wenn wir nicht aufpassen, sehen wir bald so glücklich aus, wie der Mann in der Mitte.

Ähnlich wie in der Schweiz gibt es hier vier (jedoch zum Glück andere) Amtssprachen: Tamil, Chinesisch, Malaiisch und Englisch. Ich bin froh, das ich zumindest eine davon beherrsche. Noch entzückter bin ich, das wir 1. abgeholt werden, 2. diese Person fliessend deutsch spricht, 3. wir uns bereits kennen und 4. ich somit auch einen kleinen Einblick in den Alltag der Menschen in einem der reichsten und teuersten Länder der Welt erhalte.

Auch nach all den Jahren erkenne ich sie bereits von Weitem: Sie ist auffällig gross und sehr sportlich. Und Sie heisst auch Jana. Das erfordert bei uns allen Konzentration bei der persönlichen Ansprache. Die andere Jana, also Jana Lauren mit vollständigem Namen, lebt seit Mitte der neunziger Jahre in Singapur. Wir kennen uns seit 1984, als wir gemeinsam die siebte bis zehnte Klasse der Sportschule des Turn- und Sportclub Berlin besuchten. Anknüpfend an ihr früheres durchaus erfolgreiches Leben als Diskuswerferin (Wikipedia) ist Jana heute als Leichtathletik-und Wurftrainerin für Kinder und Jugendliche an verschiedenen Schulen tätig. Einmal besuchen wir sie bei ihrer Arbeit in einer Privatschule.

Im Osten nix neues: Ist die Trainerin mal kurz abgelenkt, wird schnell das Smartphone gecheckt.

Ich entdecke einen passabel aussehenden Wurfring mit Netzummantelung, stelle mich spontan hinein, mache eine Drehung und simuliere einen Abwurf. Die Beine zittern etwas, da ich nicht lang die Ausgangsposition halten kann. Bei der Drehung habe ich das Gefühl, mich von oben herab selbst in Zeitlupe zu betrachten. Nach einer kurzen Pause nehme ich all meine Kraft zusammen, drehe die Hüfte ein, ziehe den rechten Wurfarm nach und versuche meine Hand möglichst lang am imaginären Diskus zu lassen, bis ich nicht mehr kann und umspringen muss. Ein Bewegungsablauf, den ich in den Jahren von 1984 bis etwa 1990 geschätzt zehntausend Mal geübt habe. Er ist so verinnerlicht, das ich ihn morgens um drei Uhr schlafwandelt ausführen könnte. Ob mich meine Schulfreundin dabei gesehen hat, weiss ich nicht. Wenn ja, wäre sie sicher zu höflich gewesen, um mich auf diverse technische Verbesserungsmöglichkeiten hinzuweisen.

Drehrumbum

Wir treffen uns einige Male zum Essen oder im Café, reden über die grossen und kleinen Themen des Lebens.  Wir erfahren, das sie nach der Heirat mit James, einem chinesischstämmigen Hammerwerfer aus Singapur, dorthin umgezogen sowie eine Tochter und einen Sohn geboren und grossgezogen hat. Beide sind nun schon junge Erwachsene und gehen ihren eigenen Weg. Das sie als (europäische) Frau im Trainer-bzw. Couchmetier tätig ist, stellt in Singapur etwas Besonderes dar. Sie kann stolz darauf sein, was sie erreicht hat. Ich habe grossen Respekt vor ihrem Weg, den sie gegangen ist. Sie hatte ihren Mann und ihre Aufgabe, sonst Nichts, um sich in einer fremden Kultur und Sprache über 10.000 Kilometer fern der alten Heimat ein neues Leben aufzubauen. Die Vornamen aller Familienmitglieder beginnen übrigens alle mit J, worüber ich schmunzeln muss.

Im September findet in Berlin ein Klassentreffen statt. Jana organisiert das von Singapur aus. Ich werde in der Zeit in China unterwegs sein. Ich finde es grossartig, das sie das in die Hand genommen und organisiert hat. Es braucht immer einen, der die Verantwortung übernimmt und sich kümmert. Das ist wohl universell und heutzutage selbst für die Vorbereitung eines Treffens von vielen Teilnehmern am anderen Ende der Welt (sechs Stunden Zeitverschiebung) möglich.

Um einen Geschmack darauf zu bekommen, wie die Zukunft der Menschen in Ballungsgebieten aussehen könnte, scheint die Stadt der Löwen bestens geeignet zu sein. Wir schlafen in unserem zentral gelegenen Hostel nicht in Doppelstockbetten oder auf dünnen Matratzen, die schon das Muster des darunter liegenden Bettenrostes angenommen haben. Unser Nachtlager ist hipp (zumindest wenn ich feststelle, wie schwer es ist, dort eine Unterkunft zu bekommen) und gleichzeitig platzsparend. In einer futuristischen Raumkapsel mit vielleicht zweieinhalb Quadratmetern Grundfläche befindet sich ein Bett mit einem Mikroschrank. Es gibt Dimmerlicht, ein Spiegel, einen kleinen Flachbildfernseher, mehrere USB-und Steckdosenanschlüssen für Smartphones, Notebooks und alles was ein „New Worker“ heute so braucht. Wohlwollend betrachtet ähnelt es einer Bienenwabe. Bei trübem Gemütszustand könnte es auch Erinnerungen an einen Sarg mit Einstieg am Fussende wecken. Ich schlafe erstaunlich gut darin. Die Reduzierung auf das Wesentliche gefällt mir, jedoch nicht die Vorstellung, mich dort permanent zur Nachtruhe begeben zu müssen. Jana kannte die Kapselhotels schon aus Japan. Ich habe wieder etwas zum ersten Mal gemacht. Allerdings darf diese Erfahrung gern ein Einzelfall bleiben.

Eines der vielen Highlights, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, ist das etwa 100 Hektar grosse Parkgelände „Gardens by the Bay“, das auf künstlich aufgeschüttetem Land angelegt wurde. Damit wird die Strategie verfolgt, Singapurs Lebensqualität zu verbessern, in dem viel neuer Raum für Grünes geschaffen wird. Dieser Prozess begann vor ungefähr 15 Jahren und ist zu etwa 80 Prozent abgeschlossen. Der letzte Bauabschnitt soll in etwa zwei Jahren fertiggestellt sein.

Markant sind die sogenannten Supertrees, Stahlgestelle in Form von Bäumen, die von innen und aussen begrünt sind und am Abend zu klassischer oder Popmusik ein Feuerwerk an bunten Lichtern versprühen. Spannend ist, das diese Bäume über einen Lift „erklommen“ und dadurch quasi auf Höhe der Baumkronen mit einer Brücke verbunden und somit begehbar sind. Von hier haben wir einen guten Überblick über den Park. 

Auf dem Gelände befindet sich auch der Flower Dome sowie der Floral Garden. Beide geben mir das Gefühl, mich wie unter einer riesigen Glasglocke auf einem fremden Planeten zu befinden. Hier wurde ein Miniaturökosystem nachgebaut. Ich sehe Wasserfälle, kleine Flüsse, Nebel, Bäume und ein üppiges Spektrum verschiedener Pflanzen.

Auch ausserhalb des Parkgeländes erblicke ich häufiger hochwertige Bürotürme oder Luxushotels, deren Fassaden begrünt oder auf verschiedenen Etagen mit Palmen, Laubbäumen oder hochwachsenden Farnen bepflanzt sind. Der frischfreche Graubeton ist natürlich noch immer dominant im Stadtbild. Trotzdem gefällt mir die Vision der Stadtregierung und die ersten sichtbaren Ergebnisse. Es gibt viele mögliche Antworten auf die Frage: Wie fühlen sich Menschen auch in Zukunft in Städten wohl? Mir hat nicht alles gefallen, was ich hier gesehen habe, aber es wurde viel Zählbares in relativ kurzer Zeit für die Menschen erreicht. Etwas mehr von dieser Umsetzungsgeschwindigkeit wünsche ich mir für Zuhause. 

Das ArtScience-Museum ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Mir gefallen neben der an eine Lotusblume erinnernden Architektur auch die Angebote an verschiedenen Ausstellungen gut. Es gibt dort unter anderem die Möglichkeit, unterschiedliche visuelle Darstellungen durch aktive Teilnahme mit zu gestalten. Es handelt sich dabei um verschiedene Licht- und Lasereffekte. Ich geniesse den kurzweiligen Aufenthalt dort wie ein Kind, das sich über eine bunte Raupe auf einem feuchten Grashalm freut.

Singapur wird auch als Tor nach Asien bezeichnet. Es wirkt sehr westlich mit den vielen Shoppingmalls (ich habe noch nie so viele Chanelgeschäfte wie dort gesehen / laut Googlemapps 15), der modernen, kostengünstigen öffentlichen Infrastruktur, den verschiedenen nebeneinander lebenden Religionen, Sprachen und Kulturen, der Vielfalt an kulinarischen Möglichkeiten sowie dem Freizeitangebot. Für uns ist es nach rund fünf Monaten Neuseeland, Tonga und Australien ein geschmeidiger Einstieg nach Asien, das wir voraussichtlich bis Jahresende bereisen werden.

Aussie Quicky

Heute ist der 26. August. Wir waren schon immer ein bisschen im Verzug mit unseren Blogeinträgen, aber noch nie so sehr. Deshalb schreibe ich heute über unsere Tage in Sydney. Beim Betrachten der Bilder stelle ich fest, dass wir Australien genau heute vor drei Monaten verlassen haben – oh je.

Und bevor ich diesen Artikel noch weiter aufschiebe, setzte ich mir nun folgendes Ziel: Komme was wolle, ich schreibe und lade diesen Blogbeitrag in den nächsten 90 Minuten hoch – ein Blog-Quicky sozusagen. Das passt auch ganz gut zu unserer Australien Reise. Wir haben diesem unglaublich grossen Land nur drei Wochen Besuchszeit gegeben. Das ist viel zu wenig, um den Kontinent wirklich kennenzulernen, richtig einzutauchen und intensiv zu erleben. Aber wir haben einen kleinen Eindruck bekommen.

In Napier/Neuseeland haben wir an einem Abend ein sehr nettes älteres Pärchen aus Sydney kennengelernt. Sie boten uns an, etwas mit ihnen gemeinsam zu unternehmen, falls wir mal in der Nähe sind. Und so kam es, dass wir bereits an unserem ersten Tag nach Ankunft in der Fünfmillionen-Stadt eine Einladung zum Frühstück hatten. Rosamund ging mit uns schnurstracks in ihr Lieblingscafe im Queen-Victoria-Building – ein stilvolles viktorianisches Einkaufsgebäude in dem wir uns in unseren zweckmässigen Roadtripklamotten ein bisschen „underdressed“ vorkamen.

Wir verbrachten den gesamten Tag mit unserer aufgeweckten Gastgeberin und lernten gleich ihr Sydney kennen. Sie arbeitete lange in der berühmten Oper und hörte gar nicht mehr auf, von den vielen Theaterstücken sowie Ballettaufführungen, die sie hier gesehen hat, zu schwärmen. Das Ballett ist ihre Leidenschaft. Sie war selbst Tänzerin und es scheint, sie tanzt noch heute durch ihr Leben. So viel Energie und Lebensfreude möchte ich auch in ihrem Alter haben. Aber welcher Jahrgang ist sie eigentlich? Sie vermeidet es ganz bewusst Jahresdaten zu nennen. Sie weiss, dass ihr Gegenüber anfangen würde zu rechnen. Auch auf meine direkte Nachfrage lächelt sie nur – eine Bühnenfrau eben. Sie spielt, kreiert Illusionen und geniesst ihr Publikum.

Am nächsten Tag sitzen wir mit Rosamund und ihrem Mann Gavin in ihrem Auto Richtung Blue Mountains. Sie nehmen uns mit ins Grüne und zeigen uns ihr „anderes“ Sydney. Gavin hatte früher ein kleines Unternehmen, welches Wanderungen in diesem Naturpark anbot – er kennt das Gebiet in- und auswendig und nimmt uns mit auf den „Grand Canyon Track“. Das Schild am Anfang des Weges weisst auf die Tour hin: drei bis vier Stunden mit vielen Stufen und Flussüberquerungen. Es war eine wunderschöne Wanderung durch eine Schlucht, die der Fluss vor Millionen von Jahren geformt hat. Wir staunen über die Fitness, die die beiden an den Tag legen. Es sind wirklich viele Stufen, die wir erst hinunter und dann wieder hoch gehen müssen. Die beiden sind ausgesprochen gut in Form. 

Nach der Tour legen wir noch einen Halt an einer Aussichtsplattform ein. Wir bekommen einen Überblick über das Gebiet. Es ist ein schöner, aber sehr touristischer Ort. Busse spucken Scharen von asiatischen Touristen aus, die alle hier ein (ach quatsch, mindestens zehn) Selfies oder Posenfotos machen wollen. Wir stehen an, um auch ein Foto ohne die anderen Menschen vor den berühmten Felsformationen „Three Sisters“ zu bekommen.

Während uns Gavin etwas zu dem Park erzählt, hören wir ein dumpfes Hupen. Der Busfahrer der Gruppenreisenden drängelt. Wieder einmal sind wir froh, dass wir nicht Teil einer solch organisierten Tour sind. Auch wenn wir nicht viel Zeit hatten, um uns Australien anzuschauen, diese Menschen haben wohl noch weniger. Es geht immer noch schneller. Bei einer Unterhaltung über diese Art des Reisens hörte ich einmal den Ausdruck „Touch and Go“. Der Begriff, der aus der Luftfahrt kommt, passt wunderbar, ist aber noch nicht für den Tourismus etabliert. Dann doch lieber ein Quicky.

P.S. Als wir uns Tage später von Rosamund per Telefon am Flughafen nochmal verabschieden, verrät sie uns ihr Geheimnis. Sie redet nicht gerne darüber, weil sie Vorurteile a la „in deinem Alter“ vermeiden möchte – sie wird im August 80 Jahre. Hut ab vor diesem Pärchen!

Magic Mountain

Es ist mehr als drei Stunden her, dass das Flugzeug in Sydney gestartet ist. Ich sehe aus dem kleinen Fenster, nehme viel braun, rot, etwas grün und ocker wahr, jedoch nichts, woran meine Augen haften bleiben. Die Crew kündigt den baldigen Landeanflug zu DEM touristischen Hotspot Australiens an: dem Uluru.

Wir haben erst den halben Kontinent überflogen und spüren nun besonders die Grösse Australiens. Wer die Karten Europas und Australiens übereinander legt, sieht, dass der „alte Kontinent“ komplett in Australien hineinpasst. So gesehen würden wir uns auf dem Weg von Istanbul nach Dublin jetzt etwa in Frankfurt befinden. Das ist natürlich nicht exakt, dient aber vielleicht dem Vorstellungsvermögen. Als Stadtbewohner aus Deutschland verschiebt sich nun mein Massstab für das was weit ist und was nicht. 

Dann dreht die Maschine zum Landeanflug. Meine Augen wandern erneut über die Landschaft. Plötzlich bleiben sie haften. Da ist er, erst weit weg, dann schnell grösser werdend. Ein Leuchten ist nicht zu erkennen, eher ein grosser grau wirkender und rechteckig aussehender Felsen mit Furchen. Der Schleier der Hitze, des Staubs oder vielleicht einfach nur das dreckige Flugzeugfenster filtern scheinbar seine Stahlkraft. Ich weiss, das die gleichen Dinge zu einer anderen Tageszeit in einem anderen Licht und auch mit einem anderen Blick des Betrachters komplett unterschiedlich aussehen können. Deshalb schmunzele ich kurz zuversichtlich in mich hinein und geniesse die Landung.

Uluru ist der Name, den die Anangu, die seit zehntausenden Jahren hier leben, diesem besonderen Ort gegeben haben. Vor etwa 30 Jahren wurde das Gebiet um diesen mächtig wirkenden Felsen an die Ureinwohner Australiens zurück gegeben. Bis dahin war der riesige Stein auch als Ayers Rock bekannt. 

Wer diesen Ort besuchen möchte, kommt am „Uluru-Village“ nicht vorbei. Ausser in den dort zusammengefassten Hotels etwas unterschiedlicher Kategorien gibt es inmitten dieser heissen, trockenen und von extrem lästigen Buschfliegen bewohnten Landschaft keine Möglichkeit, zu übernachten oder etwas einzukaufen. Und dieses künstlich erschaffene Village muss eine Gelddruckmaschine für die Eigentümer sein. Ich fühle mich etwas an den Berliner Plänterwald, dem beliebtesten Rummel in der früheren DDR, kurz vor seiner Schliessung erinnert. Alles funktioniert noch, wirkt aber „abgerockt“ und ist überteuert. Unser „Outback-Pioneer-Hotel“ war noch recht günstig. Jedoch zahlt man hier schlicht das drei- bis vierfache des Üblichen. Sicherlich ist zu berücksichtigen, das alles, also wirklich alles von aussen herangeschafft werden muss, das Meiste davon mit dem Flugzeug. Der nächste Ort Alice Springs ist rund 470 Kilometer Landstrasse entfernt. Dieser Aufwand spiegelt sich eben auch in einem Teil der Preise wider. Der Mangel an Wettbewerb verschärft die Preisbildung. Da wir, wie wahrscheinlich die meisten Besucher nicht länger als zwei Nächte bleiben, nehmen wir es hin. Wir sehen es als Eintrittskarte zu einem spannenden Erlebnis an einem der ungewöhnlichsten Orte der Welt.

Eine kleine Rebellion gegen die hohen Preise haben wir uns dann doch erlaubt. Der Shuttle, der ein paar Mal täglich vom Village zum wenige Kilometer entfernten Uluru fährt, hätte uns 49 australische Dollar pro Person (etwa 31 Euro) gekostet. Für jeweils zwanzig Fahrminuten Hin und Rück war uns das dann doch zu üppig. Was ist die Alternative?

Klar, wir hübschen nochmal eine Einkaufstüte auf. All die Touristen mit ihren eigenen oder gemieteten Autos wollten ja schliesslich auch dorthin. So haben wir uns an die Strasse gestellt, unser Lächeln und den Daumen nach oben gezeigt. Obwohl es noch nicht zehn Uhr war, spürten wir schon die trockene Hitze in unseren Knochen. Erneut warten wir nicht lange, bis uns Boris, ein russischer Tourist, einlädt, einzusteigen. Yippie, unser Entdeckungstag beginnt erfolgreich.

Boris hält zunächst am Aborigini-Kulturzentrum, das etwa eineinhalb Kilometer vom Uluru entfernt liegt und wir ohnehin besichtigen wollen. Es führt den Besucher in die Geschichte dieses ältesten bekannten indigenen Volkes der Welt ein und enthält viel Wissenswertes über die Region. Mittags machen wir uns dann zu Fuss auf den Weg zum eigentlichen Grund unseres Besuches. Uns begegnen wenige Touristen. Wir sind spät dran.

Nun stehen wir vor ihm. Vor uns ein grosses Schild, das uns unmissverständlich bestätigt, das wir am richtigen Ort sind. Zwei wirklich nervige Themen müssen an dieser Stelle erwähnt werden:

  • Es scheinen sich viele Menschen wenig um die Würde und Kultur eines anderen oder des eigenen Landes und deren Bewohner zu kümmern. Es ist nicht zu überlesen, das ausdrücklich darum gebeten wird, diese heilige Stätte nicht zu besteigen. Dennoch klettern leider zu viele Ignoranten wie in einer Kette die etwa 350 Meter dort hinauf. Kann eigentlich jeder Hans und Franz den Kölner Dom oder die Elbphilharmonie besteigen? Ich stelle mir vor, welche Befindlichkeiten es beim bayrischen Bergvolk hervorrufen würde, wenn täglich hunderte asiatische Touristen das Märchenschloss Neuschwanstein nicht nur besuchen, sondern auch erklettern würden. Ab Ende Oktober 2019 wird das nicht mehr möglich sein. Wo Appelle nicht helfen, müssen wohl Verbote her. Wen das Thema näher interessiert, sei der kurze und aufschlussreiche Artikel der Neue Zürcher Zeitung vom 26.Juli 2019 empfohlen (NZZ Artikel)
Im Vordergrund die Bitte, im Hintergrund die Ignoranz.
  • Das Elend mit den Buschfliegen ist wirklich gross. Sie kleben an jedem von uns zu Dutzenden und versuchen, in alle möglichen Körperöffnungen zu fliegen und zu krabbeln. Ich würde es nicht erwähnen, wenn es nicht eine wirkliche Plage gewesen wäre. Zeitweise hatte jeder von uns mehrere Dutzend dieser harmlos wie Stubenfliegen aussehenden Biester am Körper. Meine Phantasie geht mit mir durch und ich habe das Bild von einem grossen Haufen Notdurft vor meinem inneren Auge. Falls ich ein schlechtes Karma haben sollte und im nächsten Leben mein Dasein als Kot fristen muss, habe ich heute eine ganz genaue Vorstellung davon, wie es sich anfühlen muss. Das hat den Genuss des Aufenthaltes geschmälert. Ich gebe es zu.
Freiwillige Vollverschleierung – ein Versuch, sich vor den Plagegeistern zu schützen.

Nun zum interessanten Teil: der etwa zehn Kilometer langen Wanderweg rund um den roten, braunen oder grauen Felsen. Die Farben wechseln je nach Lichteinfall und Uhrzeit, was nicht unbedingt einander bedingen muss. Ich staune über bizarre Felsformationen, die die Anangu teilweise als rituelle Orte genutzt haben. So hatten bestimmte Felsvorsprünge ihre Bestimmung als Rückzugsort für die Geburt, als Schule oder für Initiationsriten heranwachsender junger Männer.

Bemerkenswert sind auch die Höhlenmalereien, die an wenigen ausgesuchten Plätzen vorzufinden sind. Über deren Alter erfahren wir nichts, stellen uns aber vor, wie hier bereits vor bis zu 40.000 Jahren die Vorfahren der Anangu ihre Lebensweise pflegten. Das hierarchische System innerhalb der weitverzweigten Aboriginistämme soll sehr komplex gewesen und in seiner Detailiertheit (nicht in seiner Auswirkung) dem des Kastensystems in Indien vergleichbar sein. Die über ganz Australien verteilten Stämme waren miteinander verbunden. Sie haben (wie andere sogenannte Naturvölker auch) im Einklang mit der Natur gelebt und sich als ein Teil von ihr, nicht über sie stehend, verstanden. Rund zweihundert Jahre nach der Kolonialisierung und Ausbeutung von Rohstoffen, Flora und Fauna, kann auch in diesem Teil der Erde, wie anderswo auch, von einem Gleichgewicht zwischen den berechtigten Interessen der Menschen und dem Recht aller anderen Lebewesen auf ihren eigenen Lebensraum keine Rede sein.

Im Schatten einer Felsformation sammelt sich Wasser. Man könnte es einen Tümpel nennen. Sofort beginnt das Leben, sich den Raum zurück zu erobern. Einige Pflanzen und sogar Bäume wachsen um ihn herum. Auf einem Hinweisschild lese ich, das es am Uluru eine grössere Artenvielfalt gibt, als sich mir auf den ersten und ungeschulten Blick (ohne Brille) erschliesst: 416 Pflanzenarten, 26 verschiedene Säugetiere (und weitere 20 sind bereits ausgestorben), 173 Vogelarten, 73 verschiedene Reptilien, vier Froschtypen sowie über Tausend Spezies von wirbellosen Tieren. Vereinzelt hören wir Vogelgezwitscher und hoffen, das sie doch bitte einige der Buschfliegen jagen und verspeisen mögen. Aber Hilfe ist von den kleinen gefiederten Freunden nicht zu erwarten. Es ist früher Nachmittag und brütend heiss. Die drei Liter Wasser sind nach etwa einem Drittel des Weges zur Hälfte verbraucht.

Nach längeren Streckenabschnitten haben die Ranger schattenspendende Unterstände errichtet. Wir nutzen diese jedes Mal für eine Verschnaufpause.

Stellen, die (wie oben beschrieben) für die Anangu besondere oder gar heilige Bedeutung haben, dürfen nicht fotografiert werden. Das ist kein Problem, da es auch sonst genug zu knipsen gibt.

Nach etwa vier Stunden sind wir tatsächlich einmal herumgewandert. Wieder dauert es keine zehn Minuten und ein älteres australisches Ehepaar nimmt uns vom Parkplatz mit zur Unterkunft. Sie selbst sind mit dem Camper unterwegs und wollten sich einen ersten Eindruck verschaffen, bevor sie sich am Folgetag auf den längeren Spazierweg machen. Sie haben die lange Strecke von Perth (Westaustralien) auf sich genommen, um einmal im Leben diesen magischen Felsen zu sehen. Es sei noch erwähnt, das auch sie nicht hinaufklettern wollen. Das macht sie uns noch sympathischer.

Warum nenne ich ihn magisch? Weil er jenseits der Mythen und Geschichten um ihn, allein schon aufgrund seiner Erscheinung auf mich wie dahin gezaubert wirkt, wie ein riesiges Raumschiff auf einer flachen Ebene. Er ändert seine Farben wie ein Chamäleon, wenngleich ihn das Rot der Erde berühmt gemacht hat. Wir dürfen dieses Farbenspiel nochmal am folgenden Morgen beobachten. Neben den natürlichen Farbgebungen hat ein Künstler ein Lichterfeld installiert, welches mit seiner Vielfalt eine wunderbare Ergänzung zum natürlich Gegebenen darstellt. Die Verbindung von Kunst und Natur ist hier gelungen.

Ich verabschiede mich von diesem Ort, der mir bisher als einziger auf der Reise auch Tage und Wochen später in meinen Träumen begegnet. Ob das was zu bedeuten hat, weiss ich nicht. Ich bin jedenfalls sehr froh, hier gewesen zu sein.

Down Under

Nach drei Wochen auf Tonga versetzt uns der Flughafen Sydney, auf dem wir einen kurzen Zwischenstop einlegen, mit seiner breiten Auswahl an Shopping-und Verpflegungsmöglichkeiten zurück in die uns bekannte westliche Konsumwelt. Alle unsere Sinne werden angeregt oder besser über-erregt. Es riecht nach einem Potpourri aus Parfums und Cremes, der Boden glänzt hell. Überall werden angeblich unwiderstehliche Schnäppchen beworben, Musik der Boutiquen mischt sich mit den Durchsagen zu den Flügen und den Telefongesprächen der geschäftig umher rennenden Passagiere. Wir sind wieder an einem uns vertrauten Ort angekommen, wohl fühle ich mich allerdings nicht. Dieses Gewusel ist im Moment zu viel für mich. Dennoch bin ich dankbar über die grosse Auswahl an gutem und gesundem Essen, das uns hier geboten wird. Wir kaufen uns je einen üppigen Salat, verkrümeln uns in eine Ecke und fragen uns, diese Flughafenszene beobachtend, welchen Eindruck wohl die Tongaer haben müssen, die zum ersten Mal nach Australien fliegen und hier landen.

Ist das Fluch oder Segen für sie?

In Melbourne angekommen möchten wir gleich zu unserer Unterkunft, die im Stadtteil Heidelberg West liegt. Wir fahren an einer Dresden Street vorbei, sehen einen Aldi und biegen in die Altona Street ab. Willkommen daheim. Naja, fast. Anders als zu Hause sind wir hier Anfang Mai mitten im Herbst. Von den Laubbäumen fallen gelb – orangene – rote Blätter und in ihnen sitzen Scharen von laut schreienden, bunt gefiederten Papageien. Die Zikaden, die überall auf den Bäumen und Strommasten trommeln, scheinen mit dem Federvieh im Wettstreit um den lautesten Ton zu stehen. Am Strassenrand sehen wir jede Menge Eukalyptusbäume, die einen intensiven für uns ungewohnt-aromatischen Duft versprühen. Gleichzeitig werden wir Zeugen eines dramatisch schönen Sonnenuntergangs. Diese Art von Reizüberflutung gefällt mir allerdings viel besser als die auf dem Flughafen – ich bin gespannt, was uns Australien in den nächsten drei Wochen noch zu bieten hat. 

Die Tage in Melbourne vergehen schnell. In unserem AirBnB fühlen wir uns Dank der überaus freundlichen Gastgeberin, ihren zwei süssen Hunden und unseren schottischen Mitbewohnern sehr wohl. Zu viert besuchen wir einige der Sehenswürdigkeiten, verbringen einen ganzen Tag im Stadtmuseum, schlendern durch ein paar der zahlreichen Parks und können an einem Abend sehen, wie die Pinguine zurück an Land kommen. Die Bucht in dem Stadtteil St. Kilda ist eine der wenigen Orte weltweit, an der sich eine Pinguinkolonie an einer von Menschen errichteten Bucht angesiedelt hat und sich weder vom Stadtgetümmel noch von den vielen Touristen gestört fühlt.

Am letzten Tag holen wir unseren Campervan ab. Da es keine Hochsaison mehr ist, bekommen wir vom Vermieter ein kostenloses Upgrade. Ist das ein Upgrade oder sind das drei Upgrades? Was uns da geboten wird, ist ein „Tiny House“ mit Mercedes-Benz-Antrieb – das Auto ist drei mal so gross wie unser lieb gewonnener „Papa Schlumpf“ in Neuseeland. In ihm gibt es weit mehr als wir brauchen. Sogar ein Kühlschrank ist hier drin. Einen Namen hat dieses Gefährt jedoch nicht auf seiner Tür zu stehen und so taufen wir es kurzerhand „Das lange Elend“. Es wird uns in den nächsten 10 Tagen von Melbourne nach Adelaide bringen. 

Gleich außerhalb der Metropole treffen wir auf unsere erste Gruppe Kängurus. Was in der Schweiz die Kühe sind, sind in Australien die Kängurus. Sie stehen friedlich grasend vor uns und wissen nicht, wie besonders ihr Anblick für uns gerade ist. Der Kopf ist ganz nah am Boden, die kleinen Vorderpfötchen hängen locker herunter, das gesamte Gewicht des Tieres ruht auf den Hinterbeinen und auf dem riesigen, dicken Schwanz. Wir trauen uns noch ein Stückchen näher heran. Die Gruppe besteht aus einer Vielzahl mittelgrosser Exemplare, einigen Kleinen und einem sehr stattlichen Tier. Dieses sieht uns auch zuerst. Es richtet sich auf, schaut uns an, schnüffelt ein wenig in unsere Richtung und entscheidet sich, davon zu hüpfen. Auch die anderen gucken nun hoch und machen es dem Anführer nach. Ich bin fasziniert, was für riesige Hopser diese Tiere machen und wie leicht ihnen dieses Hüpfen zu fallen scheint.

Auf unserer Reise begegnen wir noch vielen Kängurus und begeistert von ihrem Körperbau und ihren runden, braunen liebevollen Augen bleibe ich immer stehen, um sie zu beobachten. Die einzigen Momente, in denen wir auf keine der grossen Beuteltiere treffen wollen ist, wenn es draussen dämmert und wir noch mit dem Auto unterwegs sind – das ist die gefährlichste Zeit und die Unfallrate ist hoch. Zu viele der wunderschönen Tiere liegen rechts und links tot am Strassenrand. 

Wir fahren die berühmte und beliebte Küstenstrasse „Great Ocean Road“ entlang, machen aber auch immer wieder Abstecher ins Landesinnere, wo wir uns Wasserfälle anschauen, einen wunderschönen Spaziergang durch ein Stückchen des ursprünglichen Regenwaldes machen, auf eine fleischfressende Schnecke stossen und sogar einmal auf wilde Koalas treffen. 

Die Strecke an der Küste entlang ist so schön, dass wir alle paar Kilometer einen kleinen Stop einlegen, um die Natur zu bestaunen und Fotos zu machen.

Je näher wir dem Städtchen Port Campbell kommen, auf desto mehr andere Autos, Campervans und Reisebusse treffen wir. Denn hier in der Nähe steht die nach dem Uluru (früher „Ayers Rock“) meistfotografierte Sehenswürdigkeit Australiens – die zwölf Apostel. Dies sind jedoch weder die bekannten Freunde von Jesus, noch sind es zwölf. Es handelt sich hierbei um Felsformationen, die das Meer über Millionen von Jahren geformt hat. Jedes Jahr spülen die Wellen rund einen Zentimeter der Kalksteilküste ab. Nur die Bereiche, an denen der Stein fester ist, trotzen dem Meer und bleiben bestehen. So entstanden ganz langsam diese um die 60 Meter hohen Felsbrocken. 

Früher hiessen diese Steinsäulen übrigens „die Sau und die Schweinchen“, aber irgendjemand hat wohl in den 60er Jahren gedacht, dass „Zwölf Apostel“ seriöser klingt und mehr Touristen anlocken könnte. Oh ja, die Touristen sind auf alle Fälle da. Der Parkplatz war, obwohl Nebensaison, voll und wir fühlten uns schlagartig nach Asien versetzt. 

Nach diesem Highlight fahren wir wieder weg vom Meer und bekommen eine Idee, wie das Land abseits der Küste aussehen mag. Es ist sehr trocken und sandig. Auch in diesem Sommer fiel in dieser Region wenig Niederschlag. Die Menschen und die Natur litten erneut unter Rekordhitze.

Ein rosa schimmernder Salzsee ist fast ausgetrocknet. Er wirkt auf eine sehr bizarre Weise wunderschön.

Im Mai waren in Australien Wahlen – bei all den Wetterextremen mit denen das Land in den letzten Jahren zu kämpfen hat, ist es uns nicht verständlich, wieso ein konservativer Politiker, ein bekennender Kohleabbaufreund im Amt bleiben darf. Ein Umdenken im Klimaschutz wird es wohl von staatlicher Seite am anderen Ende der Welt nicht geben. Die Australier, mit denen wir nach dieser Wahl gesprochen haben, waren stark enttäuscht und verärgert – zu Recht.  Und trotzdem verlieren sie nicht Ihren Humor. Dieses Plakat ist uns positiv aufgefallen. Darauf ist in Grossbuchstaben folgendes zu lesen:

Besorge dir einen Schwimmreifen.*

Und ganz unten, ganz klein kommt die Auflösung:

*Der Meeresspiegel steigt weiter an. Diese Nachricht wird dir im Namen des Klimas übermittelt. 

Denn wenn schon die grosse Flut kommt, verhelfen einem die Schwimmreifen wenigsten dazu, den Kopf über Wasser zu halten und in Down Under nicht wortwörtlich „unten drunter“ zu sein. 🙂

In weiter Ferne, so nah.

Eine private Zwischenbilanz.

Jana und ich haben im kalten Januar diesen Jahres unsere Reise von Frankfurt aus begonnen. Wir planen etwa elf Monate unterwegs und irgendwann im Dezember wieder in der Heimat zu sein. So betrachtet befinden wir uns jetzt, Anfang Juli etwa in der Halbzeit. Nicht zu allen Stationen unseres Trips haben wir bislang etwas in unserem Blog geschrieben. Es ist einfach immer zu viel los – „Ich komme zu nichts mehr!“ Ein Ausruf, den ich natürlich mit einem grossen Grinsen im Gesicht schon öfters von mir gab. 

Tonga („In einer anderen Welt“ – unser bislang letzter Artikel) verlassen wir Ende April Richtung Australien. Über Singapur sind wir nach Malaysia weiter gereist und ruhen uns inzwischen ein paar Tage auf einer Inselgruppe im südchinesischen Meer aus.

Dieser Zeitpunkt scheint geeignet, jenseits der vielzähligen äusseren Eindrücke einmal inne zu halten (also „stop“), um dann in sich hinein zu fühlen und sehen („look“), was diese Zeit bisher mit uns persönlich und aus uns als Paar gemacht hat:

Es liegt wohl in der Natur des Menschen, sich entweder Gedanken um Vergangenes oder Sorgen um die Zukunft zu machen. Wir verpassen das „Jetzt“, indem wir geistig ständig in einer anderen Zeit sind. So ging es auch mir. Es dauerte etwa drei bis vier Monate, bis ich das Gefühl hatte, wirklich „losgelassen“ zu haben. Die Gedanken an Vergangenes holten mich am Anfang der Reise manchmal noch ein und warfen mich wieder in das „Gestern“. Das Leben hält viele Lektionen bereit, nicht alle sind angenehm und sofort verständlich. Manchmal braucht es Zeit. Ich habe meine Entscheidungen getroffen, meine Lektionen gelernt und weiss, dass sich ein weiterer Blick zurück nicht lohnt. Nun geht es um das „Heute“ und ich bin nun hier angekommen. Das ist ein wunderbar befreiendes Gefühl.

Und was wird die Zukunft bringen? Manchmal erwische ich mich mit diesem Gedanken und den möglichen Szenarien. Besonders nach den Ruhephasen an den Stränden Tongas und Malaysias möchte ich am liebsten loslegen und wieder an einem Projekt arbeiten, es zu einem Erfolg bringen und dafür auch Anerkennung von aussen bekommen. Ich brauche das. Allerdings weiss ich noch nicht, welches Projekt dies sein mag. Aber ich habe gelernt, dass sich Lücken immer schliessen werden und sich Freiräume füllen, sobald die richtige Zeit und der passende Ort dafür da ist. Dieses Wissen gibt mir die Ruhe und die Zuversicht, dass diese Projekte schon kommen werden und ich mich am Ende der Reise für das Richtige entscheiden werde. Vorerst geniessen wir diese gemeinsame Zeit im „Jetzt“ und „Hier“. 

Jana und ich hatten vor unserer Reise eine eineinhalbjährige Fernbeziehung. Diese Zeit war intensiv und von grosser Leidenschaft, Vertrauen und Glücksgefühlen geprägt. Täglich haben wir über Skype telefoniert. Jeder wusste wie es dem anderen geht und was ihn bewegte. Trotz grosser geografischer Entfernung waren wir emotional und gedanklich miteinander verbunden. Nun sind wir gemeinsam in weiter Ferne von zu Hause und uns hier so nah, wie man sich näher kaum sein könnte. Ich freue mich unglaublich wie harmonisch und entspannt unsere Beziehung ist. Unsere Charaktere und unsere Werte stimmen zum grossen Teil überein. Das sich Gegensätze anziehen, mag für eine schnelle Affäre oder für eine Beziehung, in der jeder seinen eigenen Weg geht und man sich nur ab und zu trifft, stimmen, aber wer so wie wir jeden Tag so viel Zeit miteinander verbringt, für den sind ausgeprägte Unterschiede im Verhalten und in der Einstellung eher von Nachteil. Denn das würde zu einer Achterbahn der Gefühle führen, auf der ich nicht fahren möchte.

Wir lernen uns anders und manchmal auch neu kennen. Ich habe Facetten an ihr entdeckt, die mich jeden Tag dankbar sein lassen, wie wundervoll diese Frau an meiner Seite ist. Ihr grosses Herz für alles was lebt, Ihr Engagement gegen Ignoranz und Gleichgültigkeit der Natur gegenüber schafft in mir Vertrauen und Zuversicht, die auch ich in Momenten der Unsicherheit brauche. Sie hilft mir damit, meinen inneren Kompass richtig zu justieren. Diese Facette hatte ich in unserer Fernbeziehung nicht so prägnant wahrgenommen. 

Für mich als Mann ist es besonders wichtig, das sie mir das Gefühl gibt, sie glücklich zu machen. Ihre Augen strahlen, wenn sie mich sieht. Jenseits aller guten Gespräche ist es das, was für mich zählt. Was will ich mehr?

Mit unseren individuellen Macken gehen wir mittlerweile gut um. Meine Koffeinsucht, die mich zwingt mindestens zwei Tassen Kaffee am Tag zu konsumieren war etwas, was Jana anfangs beäugte, dann akzeptierte und inzwischen danach fragt, ob ich nicht noch einen Cappuccino möchte. Anfangs wunderte ich mich über ihr drei-bis viermaliges tägliches Zähneputzen, habe mich aber nach einigen lustigen Kommentaren dem angeschlossen. Wir verbrauchen Unmengen an Zahnpasta, aber der angenehm frische Atem ist es mir wert.

Ich habe gelernt, das auch jeder Momente des Rückzugs vom Anderen braucht, was auf einer Reise zu zweit nicht immer einfach zu organisieren ist. Wir gehen keine getrennten Wege, sondern vielleicht nur jeder in ein anderes Museum oder verbringen mal einen Tag am Meer, während der andere eine Wanderung macht. Das reicht schon. 

Toll ist, das wir beide Freude daran haben, das „Kind“ in uns immer wieder heraus zu lassen. Wir blödeln rum, machen faxen und lachen oft über uns selbst.

Das Wichtigste ist jedoch, dass ich nun wieder ohne Trauer im Herzen lieben kann. Bevor ich Jana begegnete, erlebte ich eine tiefe Enttäuschung in meiner Ehe. Das zu verarbeiten und den Blick wieder nach vorn zu richten war kein leichter Weg. Danke Jana für Deine Geduld, Dein tiefes Vertrauen und Deine grosse Liebe zu mir. Ich glaube weiterhin an die Liebe. Das hat mir auch in schwierigen Momenten immer Kraft gegeben. Wahrscheinlich bin ich ein hoffnungsloser Romantiker oder einfach nur jemand, der nicht aufhören will daran zu glauben, das das Leben ein Geschenk ist und ich im Leben am meisten von dem bekomme, was ich selbst am stärksten bereit bin, zu geben.

Diese Reise wollte ich schon lange machen, ich habe viele Jahre dafür gespart und mich gedanklich darauf vorbereitet. Und dann lief mir Micha nur ein Jahr vor dem geplanten Abreisetermin wortwörtlich über den Weg. Ich erzählte ihm früh von meinen Plänen und zu meiner Verwunderung konnte er sich eine solche Reise auch für sich vorstellen. Der Gedanke, sie gemeinsam zu machen, war verrückt. Schließlich kannten wir uns zu dem Zeitpunkt kaum. Dennoch hatte ich bereits nach den ersten Treffen mit ihm, ein sehr gutes Gefühl bei der Vorstellung, meine Auszeit mit ihm gemeinsam zu verbringen. Es fühlte sich einfach richtig an. Die Zeit bis zum Abflug war trotz Fernbeziehung traumhaft. Ich war noch nie so verliebt und meine Freunde mögen mir meine zeitweise Grenzdebilität inklusive mein albernes Dauergrinsen verzeihen. Micha und ich besuchten uns alle zwei bis drei Wochen über das Wochenende, machten Ausflüge in die Umgebung und die Nacht zum Tag. Ein halbes Jahr vor der Abreise begannen wir mit der konkreten Umsetzung – Familie und Freunde einweihen, Wohnung und Job kündigen, Fahrräder kaufen und Flugtickets besorgen. 

Noch im Sommer 2018 radelte ich eine Woche durch Deutschland. Danach begannen die Knieschmerzen.

Alles war perfekt bis ich im September subtile Knieschmerzen beim Sport bekam. Diese Beschwerden schmälerten meine Vorfreude auf die Reise, ja sie liessen sogar ernste Zweifel an dieser aufkommen. Ich beschäftigte mich täglich mit meinem Knie, wollte unbedingt verstehen, woher diese Schmerzen kommen und viel wichtiger noch, wie ich sie wieder los werde. Da sich auch nach mehreren Arztbesuchen, Physiotherapie und Schonung keine wesentliche Besserung einstellte, beschlossen wir, die Reise zwar nicht abzusagen, aber sie ohne Fahrräder anzutreten. Es war die richtige Entscheidung. Zwar hatte ich in den ersten Monaten in Neuseeland noch Schmerzen nach einer Wanderung, aber sie waren nicht mehr so intensiv und eines Tages verschwanden sie komplett. Ich habe bis heute keine Ahnung, was dahinter steckt. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass das Schicksal dich oft auf die Probe stellt und dir im entscheidenen Moment eine Herausforderung schickt. Wie stark ist dein Wille, dein Ziel zu erreichen, wirklich? Gibst du es bei aufkommenden Hindernissen auf? Meine Knieschmerzen scheinen so eine Probe gewesen zu sein. Ich war mehrmals kurz davor, die Pläne unserer Auszeit hinzuschmeissen. Dadurch waren die letzten Monate vor Abflug eine sehr gefühlsintensive Zeit für mich, ein Härtetest für meine Nerven und ich lernte bereits damals meine erste wichtige Lektion dieser Auszeit.

Die Reise an sich verläuft bis jetzt sehr harmonisch und entspannt. Wir waren (ich klopfe auf Holz) noch in keiner gefährlichen Situation, haben nur kleine Kratzer oder mal einen Schnupfen abbekommen und können all das unternehmen, was wir wollen. An Michas Seite fühle ich mich richtig wohl und vollkommen sicher. Seine Statur und sein selbstbewusstes Auftreten lassen keine gaffenden Blicke (oder unangenehmeres) von fremden Männern aufkommen. Wer als Frau schon einmal ohne einen Mann in anderen Kulturen unterwegs war, weiss was ich meine.

Die gemeinsame Zeit empfinde ich als ein ganz besonderes Privileg. Waren wir vorher nur ein paar Tage im Monat zusammen, dürfen wir nun jeden Sonnenauf- und untergang miteinander verbringen. In dieser Phase der noch jungen Liebe ist dies ein ganz wunderbares Geschenk und ich bin sehr dankbar, dass wir diese Zeit so intensiv erleben können. Natürlich lernen wir uns auch noch besser kennen und ich staune, wie ähnlich wir bei vielen Themen denken. Das macht unsere Beziehung und das gemeinsame Reisen absolut unkompliziert – wir müssen kaum Kompromisse eingehen, denn meistens wollen wir beide dasselbe. Für mich wäre es unvorstellbar, eine solche Reise mit einem Menschen zu machen, der viele Situationen anders einschätzen würde und Prioritäten auf unterschiedliche Dinge legen würde. Das wäre viel zu anstrengend für mich und meinen Dickkopf. Dann würde ich lieber alleine reisen. Aber wenn es so gut passt, ist es zu zweit viel, viel schöner und lustiger (wie ihr unten sehen könnt).

An Michas Seite habe ich gelernt, auch mal loszulassen und nicht immer überall mit anpacken zu müssen. Das kannte ich aus früheren Beziehungen nicht und es war am Anfang sehr ungewohnt für mich. Wollte ich meinen Rucksack umschnallen, um ihn die Treppe hinaufzuschleppen, kam Micha mir jedesmal zuvor und schnappte mir die schwere Last vor der Nase weg. Ich musste erst lernen, dass er dies nicht macht, weil er glaubt, dass ich es nicht auch alleine tragen könnte, sondern weil es seinem Rollenverständnis entspricht. Männer sollten ihren Frauen schwere Dinge zum Tragen abnehmen. Diese Einstellung schätze ich mittlerweile sehr an ihm.

Micha sieht und akzeptiert unsere jeweiligen Stärken und er überlässt mir das Feld in Dingen, die ich besser oder schneller kann. Zum Beispiel orientiere ich mich an fremden Orten schneller und ich filtere aus einer grossen Menge von Informationen recht einfach das Wesentliche heraus. Dafür übernimmt er gerne die Aufgaben, die mir schwerer fallen oder auf die ich weniger Lust habe. Wie dankbar bin ich, dass er die insgesamt über 5.000 km in den Campervans gefahren ist und ich mich ganz dem Geniessen der Landschaft widmen konnte. Weil ich jahrelang immer selbst am Steuer sass, bin ich noch immer nicht die entspannteste Beifahrerin – aber ich gebe mir wirklich Mühe und ich hoffe, schon ein bisschen weniger schreckhaft zu sein.

War ich froh, dass ich dieses Vehikel nicht steuern musste. Wir tauften es „Das lange Elend“ – unser Gefährt in Australien.

Was ich ausserdem an unserer Beziehung schätze, ist unsere gemeinsame Neugier auf das Leben. Wir sind beide aufgeschlossen und daran interessiert, neue Erfahrungen zu machen. Micha ist ein Mann, der sich auf Neues einlässt und nicht von vornherein mit einem „Das ist nichts für mich.“ abblockt. Solche Menschen sind selten. Viel zu viele haben ein starres Bild von der Welt und vor allem von sich selbst. Was wir nicht können, das können wir lernen. Und wenn es doch nicht klappt, dann haben wir es auf jeden Fall versucht.

Nach bestandener Prüfung für den Tauchschein. Wir haben es probiert, es hat geklappt und macht Spass.

Und deshalb kommt von mir nun zum Schluss ein Gedanke zu dem dritten Wort in unserem Blogtitel („Choose“). Hatte ich kurz vor dem Antritt der Reise aufgrund meiner Knieprobleme noch Zweifel an diesem Abenteuer, so entscheide ich mich jetzt mit einem lauten und kräftigen „JA“ für die zweite gemeinsame Halbzeit der Reise. Die Schmerzen sind weg, das bisher Erlebte wunderschön und es ist nicht mehr nur das gute Gefühl, es ist nun das Wissen, dass ich mit Micha den besten Mann an meiner Seite habe – für den Rest dieser Reise und noch weit darüber hinaus.

In einer anderen Welt

Nach diesem „Once in a Lifetime und nie wieder – Erlebnis“ der 16-stündigen Überfahrt kommen wir gegen Mittag endlich auf Ha`apai an. Meine Freude, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben ist ungefähr so gross, wie bei einem Kind, das als erstes einen schönen grossen Pilz im Wald findet. Wie müssen sich wohl die Seefahrer früherer Jahrhunderte gefreut haben, wenn sie nach mehreren Wochen auf dem Ozean endlich Festland betraten?

Heute gibt es keinen Kaffee. Die vierfache Verriegelung weist auf eine längere Schliessung hin. 

Das Café, das wir uns vorab aus dem Reiseführer als einen ersten Anlaufpunkt herausgesucht haben, ist geschlossen. Wir erfahren, das die Betreiberin noch für weitere sechs Wochen auf Heimaturlaub in Polen ist. Müde und etwas ratlos erblicken wir hinter dem Café etwas, das nach einer Fremdenherberge ausschaut. Es dauert nicht lange bis eine freundlich übergewichtige Frau auf uns zukommt und uns unseren Eindruck bestätigt. Wir inspizieren eins, zwei Zimmer und beschliessen kurzentschlossen, eine Nacht zu bleiben. Diese Absteige an der Strasse ist nicht die Unterkunft, die wir uns für die nächsten Tage vorstellen, aber in Abwesenheit von Alternativen ist es zumindest für eine Nacht schon in Ordnung. Wir träumen von einer einfachen Hütte direkt am Strand und mit einer Hängematte zwischen Palmen. Das Internet schlägt uns mit diesen Kriterien nur zwei ziemlich hochpreisige Ressortanlagen am anderen Ende der Insel vor. 

Fest davon überzeugt, das es auch eine Realität jenseits des Internets gibt, setzen wir darauf, das es noch weitere und vor allem bezahlbare Unterbringungsmöglichkeiten geben muss.

Wir werden wie so oft auf unserer Reise nicht enttäuscht und unsere Zuversicht wird bestätigt. Ein Fleischberg von Frau in der Tourismusinformation wiederholt zunächst im Wesentlichen die Resorts, die wir schon kennen. Ungewöhnlich ist, wieviel Zeit sie sich bei allem lässt und welche Bedeutung sie dem Gesagten verleiht, so als würde sie uns gleich das Geheimnis ewiger Jugend preisgeben. Die Pause zwischen unseren Fragen und ihren Antworten ist so lang, das ich mir nicht sicher bin, ob sie nachdenkt oder gerade Powernapping macht. Ich glaube, ein geduldiger Zeitgenosse zu sein. In diesen Tagen auf Tonga, besonders aber auf der Insel Ha`apai, komme ich mir jedoch wie ein junges Äffchen unter gechillten Schildkröten vor. Aber auch das ist ja Bestandteil unserer Reiseerfahrungen. Ich stelle mich darauf ein. Das kann ich gut. Nach einer wie beschrieben langen Wartezeit scheint ihr plötzlich eine Idee einzufallen- sie reisst die Augen auf und lächelt. Old Tonga Beach –  diese Anlage würde kurz vor der offiziellen Registrierung als Ferienunterkunft stehen und sollte unseren Preisvorstellungen entsprechen. Das tut sie!

Ein Plätzchen direkt am Strand und zwei Hängematten zwischen Palmen mit Meerblick am absoluten Ortsrand mitten im Busch. Zwei Hütten für jeweils zwei Personen sind schon gebaut und bezugsfertig, eine Dritte ist noch geplant. Es gibt eine Gemeinschaftsküche mit überdachter Terrasse und drei Tischen sowie passender Bestuhlung. Daneben steht ein Häuschen mit Dusche/Toilette für alle Gäste. Verwendet wird Regenwasser. Licht gibt es aus der Solarstromanlage vom Dach, das Gas für den Herd kommt aus der Gasflasche. Steckdosen sind hier allerdings Fehlanzeige. Ich merke wie abhängig wir doch sind. Steckdosen oder Ladestationen für elektronische Geräte sind ja bekanntlich die neuen Brunnen. Schliesslich kommt das Wasser hier in Form von Regen verlässlich mindestens ein Mal pro Tag von oben, aber für eine Steckdose ist die dürftig zusammengekittete Solaranlage wohl zu schwach. Unsere Powerbank liefert unseren Geräten Strom für die ersten sechs Tage. Danach muss der Grundstücksbesitzer den benzinbetriebenen Generator anwerfen, um alles wieder aufzuladen. 

Unsere Vermieter, froh über uns unerwartete Vorsaison-Gäste, geben sich sehr viel Mühe mit uns und leihen uns unter anderem ihre private Schnorchelausrüstung aus. Im Ort gibt es in den von chinesischen Einwanderern geführten Minimärkten so etwas nicht. Und überhaupt ist die Auswahl dort sehr übersichtlich. Ich habe ein Déjà-vu und fühle mich wie von einer Zeitmaschine in die DDR der siebziger Jahre zurück versetzt. Das, was wir suchen gibt es nicht, dafür aber vieles, was wir nicht brauchen: Tischdecken, Plastikeimerchen und Wäscheständer. Da es sonst nicht viel zu tun gibt auf Ha`apai, sind wir froh über die Schnorchelausrüstung. Wir probieren sie noch am gleichen Tag aus und sind im Wasser.

Ich spüre die Brille, die sich eng in mein Gesicht presst. Es fühlt sich an wie eine Saugglocke, die mit grossem Appetit alle Mitesser einatmet. Es darf kein Wasser hineindringen. Der Schnorchel wird an einer Seite an die Taucherbrille fixiert, damit dieser nicht wie ein zu kleiner Strohhalm in einem zu grossen Kino-Cola-Trinkbecher hin-und herwackelt. 

Es ist flach und wir stellen fest, das wir nur wenig Platz zwischen uns und den Seepflanzen und später auch den ersten Korallen haben. Um uns an den scharfen Korallen nicht zu verletzen, erkundigen wir uns nach den Gezeiten, so das wir an den Folgetagen erst bei Flut wieder ins Meer gehen. Unsere Ausflüge werden von Tag zu Tag länger. Wir haben Spass, obwohl zumindest meine Schwimmkünste überschaubar sind und sicher nicht Rettungsschwimmerqualtitäten haben. Während Jana recht geschmeidig und ausdauernd durch das Wasser gleitet, fühle ich mich eher wie ein Eisbär, der über kurze Strecken schnell und wendig agiert, jedoch froh ist, bald wieder auf seiner geliebten Eisscholle zu pausieren.

Schnorcheln – Eine Filmkomödie. (Ton an macht mehr Spass)

Ich bin beeindruckt von der Vielfalt des Lebens unter Wasser: Blaue Seesterne, Seegurken oder einfach nur jede Menge farbiger Fische. Deutlich wird auch, das sie sich vor allem an den Korallen aufhalten. In den Abschnitten, wo es nur Sand, Steine oder Muschel – bzw. Korallenreste zu sehen gibt, sind kaum Fische vorzufinden. Einmal bekommen wir nur wenige Meter unter uns tatsächlich eine schwarzweissgestreifte Seeschlangen zu Gesicht. Diese sind hochgiftig, jedoch absolut nicht an Menschen interessiert. Trotzdem mischt sich in die Entdeckerfreude ein kleiner Schrecken. Und immer wieder gibt es diese wunderbaren Momente, wenn ich in einen Schwarm kleiner blauer Fische hinein schwimme und für Sekundenbruchteile ein Teil von ihnen zu sein scheine.

Einmal in der Woche findet in Hafennähe ein Markt statt. Nach Tagen der unfreiwilligen Obst- und Gemüseabstinenz hoffen wir so sehr darauf, dort nun endlich frisches Grünzeug kaufen zu können. Wir sehen vier Stände, die es unter der Woche dort sonst nicht gibt: einer bietet Klamotten an, einer grillt Fleischspiesse, eine Frau verkauft selbstgebackenen Kuchen und am letzten Stand werden grüne Blätter angeboten. Wir freuen uns schon und hoffen auf eine Art regionalen Spinat. Unsere Enttäuschung ist jedoch gross, als uns gesagt wird, dass dies die Blätter sind, in denen man das Fleisch zum Grillen einwickelt. Essen kann man die Blätter nicht. Oh je, es bleibt also alles beim Alten. 

Warum ist auf einer Insel, auf der quasi alles wachsen könnte, kein frisches Obst und Gemüse erhältlich? Unsere Gastgeber lächeln auf unseren Frage hin. Bananen, Melonen und Wurzelgemüse wachsen bei jeder Familie wild im Garten. Kokosnüsse und Papayas holen sie sich bei Bedarf aus dem Busch. Und der Bedarf ist, wie wir bereits wissen, eher gering. Wenn demnach alle haben, was sie brauchen, wozu soll man es da auf dem Markt anbieten? Klingt irgendwie logisch, nützt uns aber nichts. 

Die Geringschätzung vegetarischer Kost wird unter anderem auch dadurch ausgedrückt, das die reichlich vorhandenen Kokosnüsse selten auf dem eigenen Teller landen, sondern an die vielen frei herumlaufenden Hausschweine verfüttert werden. Das Aroma beim späteren Verzehr dürfte ziemlich einzigartig sein, was wir jedoch nie erfahren werden. Letztlich bleibt uns nicht anders übrig als verschrumpelte, importierte Äpfel, Orangen und Birnen aus Neuseeland in den chinesischen Mini-Shops zu kaufen. Was für ein Frevel.

Unsere Gastgeber zeigen sich verständnisvoll und bringen uns nun regelmässig frische Kokosnüsse und Papayas aus dem Busch mit. Jana und ich werden sogar im Kokosnussspalten fachgerecht unterwiesen, damit wir auch ohne fremde Hilfe nicht an der harten Nuss verzweifeln. Das dafür benötigte Werkzeug, eine Machete, wird uns für die Zeit des Aufenthaltes überlassen.

Zweimal gehen wir tatsächlich auch selbst mit der Machete bewaffnet in den Busch und erjagen uns zwei Papayas. Eine willkommene Abwechslung zu den trockenen Winteräpfeln. 

Auf zwei Ausflügen mit einem gemieteten Auto an das andere Ende der Insel lernen wir die eingangs erwähnten Ressorts kennen. Diese liegen unmittelbar nebeneinander, sind hübsch gestaltet und bieten natürlich etwas mehr Komfort (zum Beispiel Steckdosen und Sitzsäcke). Sie haben jeweils ein Restaurant, in denen wir eine Pizza und einen Fallafelwrap geniessen. Allerdings herrscht auch hier ein Mangel an dem, was wir bereits überall auf der Insel vermissen. Der schöne breite Sandstrand und das türkisfarbene Meer laden uns zum Schnorcheln ein. Allerdings bleiben wir nur Tagestouristen. Wir erwecken augenscheinlich Interesse, als wir berichten, dass wir uns am anderen Ende der Insel ebenfalls direkt am Strand eingemietet haben. Das Wissen darum, das hier zwei Übernachtungen soviel kosten wie zehn Tage an unserem kleinen Privatstrand, gibt mir das gutes Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.

Wir zweckentfremden den Sitzsatz des Luxusressorts und liegen auf ihm.
Fahren ohne Führerschein und ohne Schuhe.

Einen Führerschein oder sonstige Nachweise will übrigens keiner sehen. Aber was soll auch schon passieren auf einer kleinen Insel, auf der jeder jeden zu kennen scheint und nur zweimal in der Woche eine Fähre anlegt. Die Fahrtzeit von einem zum anderen Ende beträgt etwa 30 Minuten ohne Zwischenstopp bei einer Geschwindigkeit von etwa 40 km/h. Mehr lassen die Strassenverhältnisse nicht zu.

Auffällig ist die grosse Anzahl von Kirchen und Grabstätten. Auf Tonga dominieren die sogenannten Freien Kirchen (Methodisten, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage/Mormonen, Siebenten-Tags-Adventisten und Assembly of God sind die vier grössten Gruppen). Diejenigen, die es sich leisten können, nutzen die Möglichkeit, ihre Verstorbenen auf ihren privaten Grundstücken zu beerdigen. Dadurch scheint die Religion und der Tod visuell präsenter als gewohnt. Die Gräber wirken nicht düster, eher bunt, mit Fähnchen, Windrädern oder Permanentfotos der Verstorbenen. Über einem Grab hängt sogar ein riesiges Schild mit „Happy Birthday“, was schon etwas makaber auf uns wirkt. 

Insgesamt habe ich den Eindruck, das die meisten Menschen in Tonga zwar materiell (sehr) arm sind, sich jedoch gegenseitig helfen. Zumindest habe ich keine Obdachlosen oder vereinsamte, alleingelassene Menschen wahrgenommen. Jeder scheint irgendwie aufgefangen zu werden und bekommt eine Aufgabe. Dafür wird er durch eine kirchliche und familiäre Gemeinschaft unterstützt. Die Anteilnahme und Hilfe der Familien untereinander ist stark ausgeprägt. Fremden gegenüber habe ich stets respektvolle Freundlichkeit erlebt. Nie habe ich mich bedroht gefühlt. Dieser würdevolle Umgang der Menschen miteinander hat mir sehr gut gefallen. Das ist eine Erkenntnis, die mich auf der weiteren Reise begleiten wird.

Elf Tage nach unserer Ankunft besteigen wir für den Rückweg wieder eine Nussschale, diesmal mit zwei Tragflächen und zwei Propellern. So müssen sich die „Männer in den fliegenden Kisten“ kurz nach der Erfindung der bemannten Luftfahrt gefühlt haben. Zwischen Start und Landung liegen nur 45 Minuten. Die vielen kleinen und grösseren Inseln unter uns erinnern an Fruchtstücke in einem Joghurt. Nach Essen ist uns auch bei der Rückreise auf die Hauptinsel nicht zumute.

Nach der Landung wartet Sam erneut mit dem Wagen auf uns, um uns abzuholen und uns in das vertraute Gästehaus auf Tongatapu zu fahren. Ich bin froh, ein bekannte Gesicht zu sehen. Ja, Ha`apai ist eine andere Welt und war für mich ganz bestimmt ein kleines Abenteuer. War es waghalsig? Nein. Ein Zitat von Paulo Coelho aus meinem Notizbuch fällt mir dazu auf: „Wer denkt, Abenteuer seien gefährlich, sollte es mal mit Routine versuchen: Die ist tödlich.“

Eine Seefahrt, die ist …lustig?

Die Dame am Ticketschalter der Fährgesellschaft und ich kennen einander. Ich bin nicht das erste Mal hier. Also was soll es denn nun sein:

  • Einzelkabine mit Verpflegung
  • Einzelkabine ohne Verpflegung
  • Freie Platzwahl mit Verpflegung
  • Freie Platzwahl ohne Verpflegung

Wer uns ein bisschen kennt, der weiss natürlich, welche Kategorie wir wählen.

Hafenimpression: der Wartebereich

Mit dem Ticket in der Hand und unseren Rucksäcken auf dem Rücken gehen wir in den teilweise überdachten, aber offenen Wartebereich. Wir haben auch eine Einkaufstüte voller Notproviant bestehend aus Tofu, Mandelmilchpulver, Sojageschnetzeltem und Nüssen dabei. Diese Eiweissleckereien haben wir aus weiser Vorahnung (ok, ok und Google) noch in Neuseeland gekauft.

Was da bei den Menschen unter dem Arm klemmt, sieht aus wie eine grosse Sushi-Rolle aus Bettdecken.

Einige Männer warten sitzend und quatschen miteinander. Sie sind wie die meisten Frauen hier, sehr gross und wirken kräftig. Keiner mit dem man sich um einen Keks streiten möchte. Ich bin froh, dass Micha neben mir sitzt und mit der Zeit auch einige Familien mit kleinen Kindern eintreffen. Viele von ihnen haben in Strohmatten eingerollte Decken und Kopfkissen dabei.

Die Zeit bis zum Boarding vergeht nur langsam. Es fängt an, leicht zu regnen. Wir beobachten die Familien, wie sie schutzsuchend unter den überdachten Flächen zusammenrücken. Wir sind freundlich und lächeln den wartenden Menschen sowie den tobenden Kindern um uns herum zu. Sie lächeln alle zurück. Ist es nur die uns bereits vertraute Freundlichkeit oder schwingt da auch ein „Ihr-wisst-ja-gar nicht-was-euch-erwartet“- Grinsen mit? Wir haben in der Tat keine Ahnung, was da in den nächsten Stunden auf uns zukommen wird.

Anders und vielleicht auch aufregend wird es, das vermuten wir. Schon die unmittelbare Reisevorbereitung für diese Überfahrt war ein kleines Abenteuer. Ein Rückblick:

Auf dem Flyer steht, dass die Fähre einmal pro Woche entweder Montags oder Dienstags um 19 Uhr ablegt. Man solle sich vorab erkundigen. Das tun wir im Touristeninformationszentrum und erfahren, dass der Termin noch nicht fix ist, dass sie jedoch wahrscheinlich am Dienstag um 18 Uhr abfährt. Wir sollten uns dies einen Tag vor Abreise nochmal bestätigen lassen. Wir rufen rechtzeitig an. Ja, tatsächlich die Fähre fährt diese Woche am Dienstag ab, und zwar um 19 Uhr. Hmm. Ich beschliesse zum Hafen zu gehen und bei dem Betreiber direkt nachzufragen. Ein Verpassen der Fähre wäre schliesslich auch blöd, wenn sie so selten fährt. Die propere Dame am Ticketschalter nickt freundlich und bestätigt 18.00 Uhr. Alles klar. Geht doch.

Und hier stehen wir nun, gespannt wartend und froh, dass soweit erstmal alles ganz gut geklappt hat. Die Fähre wird noch immer beladen – bereits gestern habe ich sehen können, wie Container auf das Schiff gehoben wurden. Auch jetzt herrscht noch ein reges Treiben – nun werden zahlreiche Kühlschränke und Waschmaschinen einzeln auf die Fähre befördert. Die Menschen müssen sich noch gedulden.

Irgendwann kurz vor 18 Uhr wird der Absperrzaun geöffnet und die Passagiere dürfen über einen kleinen Steg das Schiff betreten. Es gibt kein Speedy Boarding und es bedarf auch keiner dreisprachigen Durchsage, dass Familien mit kleinen Kindern zuerst an Bord gehen dürfen. Das scheint hier jedem klar zu sein. Und so reihen wir uns irgendwo in der Mitte ein und besteigen das Schiff, welches in den nächsten 16 (!) Stunden unser Zuhause sein soll.

Wer jetzt denkt, dass wir riesige Strecken auf dem noch riesigeren Pazifik zurücklegen werden, der irrt. Unser Reiseziel, die Inselgruppe Ha’apai liegt nur 180 Kilometer nördlich von Tongatapu. Also eigentlich nur ein Katzensprung, der einer etwa zweistündigen Autofahrt auf einer deutschen Landstrasse entspräche, jedoch eine halbe Ewigkeit auf einer Fähre dauern kann.

An Board steigen wir achtsam über die schon ausgelegten Matten und Matratzen der lokalen Mitreisenden. Die ersten Familien haben sich bereits im Gang eingerichtet – freie Platzwahl eben. Im Nachhinein kann ich diese Präferenz absolut nachvollziehen – hier ist es überdacht (schützt vor dem Regen), relativ eng (weniger Schaukelspielraum), angenehm warm und luftig. 

Im Moment des Betretens erkennen wir all diese Vorteile jedoch noch nicht und sind froh über eine kleine Ecke in einem klimatisierten Raum, die noch frei ist. Da alle anderen sofort Ihre Matten ausbreiten und uns nichts besseres einfällt, halten wir es ebenso.

Es ist 19 Uhr. Das Schiff steht noch im Hafen. Wie wohl überall in der Welt, „wenn jemand eine Reise tut“ wird kurz nach Platzsicherung auch hier auf Tonga erstmal das mitgebrachte Essen ausgepackt. Nur, dass hier natürlich niemand geschmierte Brote und ein Stück Gurke aus einer wiederverwendbaren, PVC-freien und spülmaschinenfesten Tupperdose auspackt. Hier gibt reichlich Instant-Nudeln, Chips, Dosenfleisch und Kekse.

Alles ist gut, wir haben einen tollen Platz abbekommen und unsere unmittelbaren Nachbarn scheinen nett zu sein. Ich hole mein Buch heraus und freue mich auf mindestens drei Stunden Lesezeit bis zum Schlafengehen. Ich sitze also auf meiner Isomatte, den Rücken an die Wand gelehnt. Kaum, das ich die ersten paar Zeilen gelesen habe, läuft rechts von mir die erste kleine Kakerlake in mein Blickfeld. Ich drehe den Kopf und sehe auch gleich ihre grosse Familie. Na toll. Die nächsten Minuten verbringen wir mit Kakerlaken verscheuchen. Sinnlos. Der Familienvater neben uns beobachte unsere Bemühungen und lächelt uns milde an.
Ist es das nicht das gleiche Lächeln, wie zuvor im Wartebereich?

Kurz nach 19 Uhr scheint es loszugehen, es ruckelt und holpert. Die Menschen um uns herum packen ihr Essen ein, legen sich alle auf ihre Matten und machen sofort die Augen zu. Ich wundere mich noch über diese frühe Bettstunde, merke jedoch schnell, dass hier niemand wirklich müde ist. Das Hinlegen dient alleine dem Aufrechterhalten des Wohlbefindens. Auch wir begeben uns nun in die Horizontale und beobachten auf dem Bauch liegend die Szene. Jetzt noch zu stehen wäre gefährlich. Das Schiff schaukelt mittlerweile dermassen, dass die paar freistehenden Koffer in unserem Raum hin und her rollen. Die dösenden Besitzer scheint das jedoch nicht weiter zu stören. Das Licht im Raum ist grell, aus den Lautsprechern kommt der laute Ton eines Actionfilms, der irgendwo in einem anderen Raum auf einem Fernseher gezeigt wird.

Ein perfektes Produkt: dezentes Design, wertig in der Verarbeitung, einfach im Gebrauch und kostengünstig in der Produktion. Davon hätten wir gut und gerne eine Grosspackung gebrauchen können.

Die Klimaanlage ist an. Ich merke, dass mir immer kälter wird. Irgendwann richte ich mich auf, um einen zusätzlichen langen Pullover aus dem Rucksack zu ziehen. Dieses kurze Hinsetzen ist zu viel für mich. Ich empfand vorher bereits ein intensiv-flaues Gefühl in der Magengegend. Nun ist mir kotzübel. Ich muss mich schnell wieder hinlegen. Wo sind eigentlich die kleinen Tüten, die jeder Passagier in einem Flugzeug in den Sitztaschen vor sich findet?

Ich kenne meinen Magen, gut geht es ihm nicht. Keine Sitze, keine Sitztaschen, keine Kotztüten.

Ich überlege schnell, was wir in unserer Provianttasche an überflüssigen Plastiktüten dabei haben und …. muss auch schon hineingreifen. Ich schaffe es gerade noch zu den nicht abschliessbaren Flächen, an denen ein Toilettenzeichen zu sehen ist, nichts worin ich normalerweise eine Sekunde verbringen würde. Dann gibt es kein Halten mehr…

Die Zeit bis zum ersten Stop verbringen wir auf dem Rücken liegend. Es ist die einzige Position, in der wir es einigermassen aushalten. Micha sieht zwar auch nicht gerade wie das blühende Leben aus. Er scheint aber etwas weniger empfindlich zu ein.

An Schlaf ist nicht zu denken, also lassen wir uns von Podcasts berieseln – jeder hat einen Kopfhörer im Ohr. Die Konzentration auf das Gesagte hilft dabei, uns zumindest gedanklich an einen angenehmeren Ort zu versetzen. Jedesmal wenn das Schiff sich neigt, fühle ich, wie sich meine Organe in mir im selben Winkel drehen. Zudem bin ich in einem Zustand der absoluten Gleichgültigkeit und staune über die Fähigkeit des Geistes. Natürlich sehe ich die Kakerlaken neben mir umherlaufen, aber es ist mir jetzt egal. Kakerlaken tun nichts, sie laufen einfach nur herum. Und ich liege hier, unfähig mich zu bewegen. Ich lasse es geschehen.

Ein Bildschirmfoto unserer Position irgendwann in der Nacht. Ein blauer Punkt im Nichts.

Irgendwann verringert sich das Schaukeln. Wir hören, wie der Anker ausgerollt wird. Es ist der erste von insgesamt drei Stops in dieser Nacht. Endlich können wir uns aufrichten, durchatmen und einen Schluck Wasser trinken. Es ist kurz nach Mitternacht und wir sind gerade einmal 50 Kilometer vom Abfahrtshafen entfernt. All diese Stunden für eine so kurze Strecke! Die Fähre hat demnach ein Durchschnittstempo von einem mittelmässigen Hobbyläufer bei einem Stadtmarathon. In diesem Moment freue ich mich, dass wir kein Ticket nach Vava’u gekauft haben – die Inselgruppe ist der letzte Stop nach insgesamt 310 Kilometern. 

Hauptsache liegen – ein Platz findet sich überall.

Die restlichen Stunden der Nacht verbringen wir genauso auf dem Rücken liegend, wie vorher auch. Das grelle Licht im Raum stört überhaupt nicht, die schnarchenden Menschen neben uns auch nicht, der laute Ton aus den Lautsprechern ist uns egal und an die kalte Luft haben wir uns nun wohl genauso gewöhnt, wie an die Krabbeltierchen. Die Podcast-App spielt ohne Anzuhalten alle geladene Folgen ab – es ist ein kunterbunter Mix aus Nachrichten, Reiseberichten, Interviews und Reportagen. Irgendwann schlafen wir dann doch für ein paar Stunden ein.

Als die Fähre ein weiteres Mal anhält ist es kurz nach 6 Uhr. Wir nutzen den Stop und gehen nach draussen. Es ist noch recht dunkel, trotzdem können wir sehen, dass wir vor einer Insel geankert haben. Kleine Fischerboote kommen auf unser Schiff zu. Zunächst wird ihnen Gepäck in Form von Taschen, Koffern und Kartons zugeworfen. Sobald sie voll sind, fahren sie wieder an Land. Andere kleine Boote kommen nun heran, um Passagiere abzuholen. Es ist interessant zu beobachten, wie alles, was hier ausgeladen werden soll auch ausgeladen wird und jeder Passagier ein Plätzchen auf einem der vielen kleinen Boote findet. Der ganze Stop dauert über eine Stunde. 

Bis nach Ha’apai ist es nun nicht mehr weit. Nur noch 40 Kilometer und das Schaukeln lässt zum Glück nach . Micha fühlt sich wohl genug, ein paar Kekse zu essen und einen Kaffee zu trinken. So zuversichtlich bin ich nicht. Ich lege mich nochmal auf die Isomatte und versuche zu schlafen. Der relativ ruhige Seegang hilft dabei. Ich träume vom Strand, von der Sonne, die meine Haut wärmt, von festem Boden unter mir und von meinem Buch, dass ich dann endlich werde lesen können.