Untergetaucht

Ich weiss, dass ich keine Angst haben muss. Aber der Angst ist das ziemlich egal – sie ist trotzdem da. Ich versuche mich zu entspannen, aber das klappt überhaupt nicht.

Tausend Gedanken flitzen  mir durch den Kopf.

„Was mache ich hier eigentlich? / Das ist doch absurd / OK, Jana, versuche es mal zu geniessen / Schau mal der Fisch da / Der ist doch schön. / Ja, das stimmt / Aber wieso ist der über mir? Fische waren bis jetzt immer nur unter mir. / Oh je, die Wasseroberfläche ist aber sehr weit weg. / Wie tief sind wir eigentlich? / Atme ruhig. / Bloss keine Panik bekommen. / Irgendwann ist es vorbei.“

Nach weiteren 30 Minuten im Gedankenkarussell war er tatsächlich vorbei: Unser erster Probetauchgang. War ich froh, wieder an der Wasseroberfläche zu sein und wieder Luft über die Nase einatmen zu können. Die letzte halbe Stunde war definitiv ein Erlebnis, das mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. 

Im Nachhinein lernen wir, dass die Art und Weise wie unser Probetauchgang ablief nicht ideal war. Wir sind sprichwörtlich ins Wasser gesprungen – immerhin war das Wasser nicht kalt. Als wir nach einer fünfminütigen Bootsfahrt zu einem kleinen Korallenfelsen neben den Tioman-Inseln erklärt bekommen, wie der „Einstieg“ ins Meer vom Boot aus abläuft, mache ich nur grosse Augen.

Wir sollen auf dem Rand des Bootes sitzend eine Rolle rückwärts ins Wasser machen? Wie Bitte? Viel nachdenken konnte ich allerdings nicht – ich sollte als erste diese Turnübung ausführen. Platsch. Gäbe es Haltungsnoten müsste der Punktrichter wohl die Karte mit der Note Vier hochzeigen. So eine Tauchermontur ist ziemlich schwer – sobald du dich auch nur ein bisschen nach hinten lehnst, gewinnt die Schwerkraft über deine Muskelkraft und schon bist du im Wasser. Micha und der Tauchlehrer folgen. Er merkt sofort, dass es eine starke Strömung gibt, signalisiert uns aber, dass wir uns keine Sorgen machen sollen. Nö, machen wir nicht. Denn noch wissen wir ja garnicht, was das unter Wasser bedeutet.

Aber der Reihe nach. Wir treiben also zunächst im Wasser. Der Tauchlehrer orientiert sich kurz und gibt uns das Zeichen, dass es nun nach unten geht. Alles ok? Alles ok. Wir signalisieren dies indem der Daumen und der Zeigefinger einen Kreis bilden sowie die anderen Finger gestreckt bleiben. Er nimmt uns beide am Schlafittchen und lässt die Luft aus unseren Tauchwesten, so dass wir theoretisch absinken. Praktisch tut sich kaum etwas – ich habe Auftrieb und schwebe kurz unter der Wasseroberfläche. Micha ist auch auf meiner Höhe. Ich muss schmunzeln: ertrinken ist garnicht so einfach. Aber wir wollen ja nicht ertrinken, wir wollen tauchen und auch dazu müssen wir nach unten. Da unsere Tauchwesten aber schon komplett leer zu sein scheinen, zieht und drückt uns der Lehrer recht schnell nach unten – zu schnell für Micha. Er signalisiert, dass er Ohrenschmerzen hat. Diese entstehen, wenn man zu rasant abtaucht und/ oder zu selten einen Druckausgleich für die Ohren macht. Besonders auf den ersten zwei Metern merke ich deutlich, dass unter Wasser viel mehr Druck als an der Wasseroberfläche herrscht. Und diesen Druck muss ich mit „Nase zu halten und sanft in die Nase hineinblasen“ ausgleichen. Jeder kennt das vom Fliegen. Die beiden tauchen also wieder ein bisschen auf, so dass der Druck auf Michas Ohren nachlässt und er nochmal einen Ausgleich machen kann.

Ich bleibe eine halbe Körperlänge unter ihnen und bemerke nun die Strömung. Wir treiben alle ganz schön doll in eine Richtung, ich allerdings ein bisschen schneller als die anderen beiden, da der Lehrer mit Micha im Gepäck professionell gegen sie anschwimmt. Ich weiss, dass ein Taucher nur die Beine benutzt und die Arme möglichst ruhig am Körper anlegt. Aber wie ist das mit dem theoretischen Wissen? Es nützt wenig, wenn ich es nicht auch umsetzen kann. Ich kann es gerade nicht und paddele und wedele mit allen Vieren wie Pfiffi, der kleine Schosshund, den ich zum sonntäglichen Bad in eine für ihn viel zu grosse Badewanne gesteckt habe.

Als es Michas Ohren wieder besser geht, drückt uns der Lehrer weiter nach unten. Er packt Michas Weste mit dem rechten Arm und meine mit dem linken Arm. Er bleibt stets über uns, so dass wir ihn nicht sehen. Wir schwimmen also im Dreiergespann einmal um den Korallenfelsen. Da dies unser allererster Tauchgang ist und wir keine Ahnung haben, was wir zu tun haben, kümmert sich der Lehrer um alles. Er regelt die Luft in unseren Westen, so dass wir je nach Bedarf ein bisschen mehr oder weniger Auftrieb bekommen. Er schaut auf die Anzeige, die kontrolliert wieviel Luft noch in unserer Flasche ist. Er kontrolliert die Tiefe.

Wir müssen nur mit den Flossen treten sowie atmen und…. natürlich: den Tauchgang geniessen, uns an all den bunten Fischen erfreuen. Ich nehme sie war, freue mich jedoch noch mehr darüber, dass ich tatsächlich Luft bekomme. Und ich denke.

Tausend Gedanken flitzen mir durch den Kopf. 

Zurück auf dem Boot fragt uns der Lehrer, ob wir nun den Tauchkurs machen wollen. Wir wollen das Erlebte jedoch erstmal sacken lassen und uns nach dem Mittag wieder melden. Wir entscheiden uns dagegen. Schnorcheln ist doch auch schön. 

Drei Wochen später stehen wir wieder vor einer Tauchschule. Diesmal sind wir auf den Perhentian-Inseln im Norden Malaysias. Wir fragen nach zwei Schnorchel-Sets zum Ausleihen und nach der Möglichkeit, einen Tauchkurs zu machen. Wenn sie Zeit haben und sie uns sympathisch sind, wollen wir es eventuell nochmal probieren. Sie haben Zeit und sie sind uns sehr sympathisch. Kim, unsere Tauchlehrerin kommt aus Holland und spricht perfektes Deutsch, so dass wir den Kurs sogar in unserer Muttersprache machen könnten. Dies alles sind gute Vorraussetzungen. Die nächsten vier Tage verbringen wir wie in einem Trainingslager – wir büffeln viel Theorie, machen Tests, die an die Fahrschulprüfung erinnern und lernen, das Wissen auch unter Wasser anzuwenden. Von Kim erfahren wir, dass man für einen Schnuppertauchgang viel besser vom Strand aus in Wasser geht. Das erspart dem Novizen die Rolle rückwärts ins Nass, garantiert ein langsames Abtauchen und verringert dadurch die Probleme mit den Ohren.

Bei den Tauchgängen, die wir im Kurs absolvieren, bin ich schon um einiges entspannter als bei dem Schnuppertag. Trotzdem gibt es Übungen, die mir schwer fallen und die ich nicht gerne mache, wie zum Beispiel freiwillig Wasser in die Taucherbrille einlassen, um dieses dann wieder loszuwerden. Beim ersten Mal mache ich es falsch, bekomme Angst und atme über die Nase einiges an Salzwasser ein. Das muss ich noch öfter üben. Schliesslich ist Wasser in der Brille eine Situation, die beim Tauchen häufig vorkommt.

Wo ist Micha?

Diese Übung fällt Micha überhaupt nicht schwer. Dafür braucht er ein bisschen länger, bis er sein Gleichgewicht unter Wasser kontrollieren und halten kann. Tiefes Ein-und Ausatmen, wie es von den Yogis immer so gebetsmühlenartig wiederholt wird, kommt unter Wasser garnicht gut an. Wenn Micha einmal tief einatmet, dann geht er unter Wasser ab wie Schmidt´s Katze – soll heissen, er flutscht wie ein Pfeil nach oben und weiss garnicht wie ihm geschieht.

So ein schnelles Auftreiben ist aus verschiedenen Gründen gefährlich. Während des Kurses lernt er unter Wasser flach zu atmen und sein grosses Lungenvolumen gezielt einzusetzen, um seine Tiefe unter Wasser zu verändern. Ein leichtes Einatmen und er steigt auf, ein bewussten Ausatmen und er sinkt ab.

Immer schön auf Augenhöhe mit den Fischen bleiben…garnicht so einfach.

Kim ist eine tolle Lehrerin. Sie hat Geduld wo es nötig ist und sie ist streng und verantwortungsbewusst in Situationen, die gefährlich sein können. Wir merken, das sie auch nach tausenden von Tauchgängen und sicher hunderten von Schülern noch selbst Spass an ihrem Beruf hat. Auch das schätzen wir sehr. 

Nach bestandener Prüfung. Ihr seht dem Schüler und der Lehrerin die Erleichterung an.

Nach fünf Tauchgängen haben wir alle Prüfungen bestanden und erhalten den Open Water Tauchschein. Doch Tauchen erfordert, genauso wie das Autofahren, viel Übung und Wiederholung, um Sicherheit und eine gewisse Routine zu bekommen. Der Schein ist erst der Anfang. Wir müssen noch einige Tauchgänge machen, bis wir die Unterwasserwelt wirklich geniessen können, aber wir haben nun zumindest unsere Eintrittskarte in diese völlig neue Welt.

Augen zu und durch, oder besser: Nase zu und runter. So sah es aus, als wir das Abtauchen und den Druckausgleich geübt haben.

In Malaysia schaffen wir es leider nicht mehr, diesen Schein auch zu nutzen. Wir wollen weiter nach Borneo, wo uns eine ganz besondere Verabredung mit einem knuffigen Landbewohner erwartet.

Das Tor nach Asien

…und meine Brücke in die Vergangenheit

Nach den gefühlt unendlichen Weiten in Australien erwartet uns nun nach neun Flugstunden genau das Gegenteil. Wir landen am späten Abend auf dem Changi-Airport, einem der modernsten Flughäfen der Welt.

Willkommen im Stadtstaat Singapur. Berlin ist flächenmässig grösser, aber sonst fällt mir spontan nichts ein, wo die deutsche Hauptstadt im direkten Vergleich noch vorn liegen könnte. Singapur befindet sich an der Südspitze der Malaiischen Halbinsel und verteilt sich auf über 50 Inseln, was ich als Besucher zunächst nicht bemerke und erst im Nachhinein auf der Karte gesehen habe.

Der Stadtname heisst übersetzt aus dem Sanskrit „Löwenstadt“. Das Wahrzeichen der Stadt, Merlion, ist ein Mischwesen aus Meerjungfrau (Mermaid) und Löwe (Lion). Dadurch, das sich das Stadtgebiet auf Äquatorhöhe befindet, sind die Tage und Nächte gleich lang, immer. Das ganze Jahr herrscht tropisch heisses Klima, also nichts für Freunde des Wintersports. Eine Pizza „Vier Jahreszeiten“ wurde mir hier nicht angeboten und würde trockenen Humor voraussetzen, den ich in Singapur und auch im späteren Reiseverlauf in Asien äusserst selten angetroffen habe.

Trotzdem ist die kulinarische Vielfalt in Singapur hervorragend und wie ihr seht, schmeckt es uns ausgezeichnet. Wenn wir nicht aufpassen, sehen wir bald so glücklich aus, wie der Mann in der Mitte.

Ähnlich wie in der Schweiz gibt es hier vier (jedoch zum Glück andere) Amtssprachen: Tamil, Chinesisch, Malaiisch und Englisch. Ich bin froh, das ich zumindest eine davon beherrsche. Noch entzückter bin ich, das wir 1. abgeholt werden, 2. diese Person fliessend deutsch spricht, 3. wir uns bereits kennen und 4. ich somit auch einen kleinen Einblick in den Alltag der Menschen in einem der reichsten und teuersten Länder der Welt erhalte.

Auch nach all den Jahren erkenne ich sie bereits von Weitem: Sie ist auffällig gross und sehr sportlich. Und Sie heisst auch Jana. Das erfordert bei uns allen Konzentration bei der persönlichen Ansprache. Die andere Jana, also Jana Lauren mit vollständigem Namen, lebt seit Mitte der neunziger Jahre in Singapur. Wir kennen uns seit 1984, als wir gemeinsam die siebte bis zehnte Klasse der Sportschule des Turn- und Sportclub Berlin besuchten. Anknüpfend an ihr früheres durchaus erfolgreiches Leben als Diskuswerferin (Wikipedia) ist Jana heute als Leichtathletik-und Wurftrainerin für Kinder und Jugendliche an verschiedenen Schulen tätig. Einmal besuchen wir sie bei ihrer Arbeit in einer Privatschule.

Im Osten nix neues: Ist die Trainerin mal kurz abgelenkt, wird schnell das Smartphone gecheckt.

Ich entdecke einen passabel aussehenden Wurfring mit Netzummantelung, stelle mich spontan hinein, mache eine Drehung und simuliere einen Abwurf. Die Beine zittern etwas, da ich nicht lang die Ausgangsposition halten kann. Bei der Drehung habe ich das Gefühl, mich von oben herab selbst in Zeitlupe zu betrachten. Nach einer kurzen Pause nehme ich all meine Kraft zusammen, drehe die Hüfte ein, ziehe den rechten Wurfarm nach und versuche meine Hand möglichst lang am imaginären Diskus zu lassen, bis ich nicht mehr kann und umspringen muss. Ein Bewegungsablauf, den ich in den Jahren von 1984 bis etwa 1990 geschätzt zehntausend Mal geübt habe. Er ist so verinnerlicht, das ich ihn morgens um drei Uhr schlafwandelt ausführen könnte. Ob mich meine Schulfreundin dabei gesehen hat, weiss ich nicht. Wenn ja, wäre sie sicher zu höflich gewesen, um mich auf diverse technische Verbesserungsmöglichkeiten hinzuweisen.

Drehrumbum

Wir treffen uns einige Male zum Essen oder im Café, reden über die grossen und kleinen Themen des Lebens.  Wir erfahren, das sie nach der Heirat mit James, einem chinesischstämmigen Hammerwerfer aus Singapur, dorthin umgezogen sowie eine Tochter und einen Sohn geboren und grossgezogen hat. Beide sind nun schon junge Erwachsene und gehen ihren eigenen Weg. Das sie als (europäische) Frau im Trainer-bzw. Couchmetier tätig ist, stellt in Singapur etwas Besonderes dar. Sie kann stolz darauf sein, was sie erreicht hat. Ich habe grossen Respekt vor ihrem Weg, den sie gegangen ist. Sie hatte ihren Mann und ihre Aufgabe, sonst Nichts, um sich in einer fremden Kultur und Sprache über 10.000 Kilometer fern der alten Heimat ein neues Leben aufzubauen. Die Vornamen aller Familienmitglieder beginnen übrigens alle mit J, worüber ich schmunzeln muss.

Im September findet in Berlin ein Klassentreffen statt. Jana organisiert das von Singapur aus. Ich werde in der Zeit in China unterwegs sein. Ich finde es grossartig, das sie das in die Hand genommen und organisiert hat. Es braucht immer einen, der die Verantwortung übernimmt und sich kümmert. Das ist wohl universell und heutzutage selbst für die Vorbereitung eines Treffens von vielen Teilnehmern am anderen Ende der Welt (sechs Stunden Zeitverschiebung) möglich.

Um einen Geschmack darauf zu bekommen, wie die Zukunft der Menschen in Ballungsgebieten aussehen könnte, scheint die Stadt der Löwen bestens geeignet zu sein. Wir schlafen in unserem zentral gelegenen Hostel nicht in Doppelstockbetten oder auf dünnen Matratzen, die schon das Muster des darunter liegenden Bettenrostes angenommen haben. Unser Nachtlager ist hipp (zumindest wenn ich feststelle, wie schwer es ist, dort eine Unterkunft zu bekommen) und gleichzeitig platzsparend. In einer futuristischen Raumkapsel mit vielleicht zweieinhalb Quadratmetern Grundfläche befindet sich ein Bett mit einem Mikroschrank. Es gibt Dimmerlicht, ein Spiegel, einen kleinen Flachbildfernseher, mehrere USB-und Steckdosenanschlüssen für Smartphones, Notebooks und alles was ein „New Worker“ heute so braucht. Wohlwollend betrachtet ähnelt es einer Bienenwabe. Bei trübem Gemütszustand könnte es auch Erinnerungen an einen Sarg mit Einstieg am Fussende wecken. Ich schlafe erstaunlich gut darin. Die Reduzierung auf das Wesentliche gefällt mir, jedoch nicht die Vorstellung, mich dort permanent zur Nachtruhe begeben zu müssen. Jana kannte die Kapselhotels schon aus Japan. Ich habe wieder etwas zum ersten Mal gemacht. Allerdings darf diese Erfahrung gern ein Einzelfall bleiben.

Eines der vielen Highlights, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, ist das etwa 100 Hektar grosse Parkgelände „Gardens by the Bay“, das auf künstlich aufgeschüttetem Land angelegt wurde. Damit wird die Strategie verfolgt, Singapurs Lebensqualität zu verbessern, in dem viel neuer Raum für Grünes geschaffen wird. Dieser Prozess begann vor ungefähr 15 Jahren und ist zu etwa 80 Prozent abgeschlossen. Der letzte Bauabschnitt soll in etwa zwei Jahren fertiggestellt sein.

Markant sind die sogenannten Supertrees, Stahlgestelle in Form von Bäumen, die von innen und aussen begrünt sind und am Abend zu klassischer oder Popmusik ein Feuerwerk an bunten Lichtern versprühen. Spannend ist, das diese Bäume über einen Lift „erklommen“ und dadurch quasi auf Höhe der Baumkronen mit einer Brücke verbunden und somit begehbar sind. Von hier haben wir einen guten Überblick über den Park. 

Auf dem Gelände befindet sich auch der Flower Dome sowie der Floral Garden. Beide geben mir das Gefühl, mich wie unter einer riesigen Glasglocke auf einem fremden Planeten zu befinden. Hier wurde ein Miniaturökosystem nachgebaut. Ich sehe Wasserfälle, kleine Flüsse, Nebel, Bäume und ein üppiges Spektrum verschiedener Pflanzen.

Auch ausserhalb des Parkgeländes erblicke ich häufiger hochwertige Bürotürme oder Luxushotels, deren Fassaden begrünt oder auf verschiedenen Etagen mit Palmen, Laubbäumen oder hochwachsenden Farnen bepflanzt sind. Der frischfreche Graubeton ist natürlich noch immer dominant im Stadtbild. Trotzdem gefällt mir die Vision der Stadtregierung und die ersten sichtbaren Ergebnisse. Es gibt viele mögliche Antworten auf die Frage: Wie fühlen sich Menschen auch in Zukunft in Städten wohl? Mir hat nicht alles gefallen, was ich hier gesehen habe, aber es wurde viel Zählbares in relativ kurzer Zeit für die Menschen erreicht. Etwas mehr von dieser Umsetzungsgeschwindigkeit wünsche ich mir für Zuhause. 

Das ArtScience-Museum ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Mir gefallen neben der an eine Lotusblume erinnernden Architektur auch die Angebote an verschiedenen Ausstellungen gut. Es gibt dort unter anderem die Möglichkeit, unterschiedliche visuelle Darstellungen durch aktive Teilnahme mit zu gestalten. Es handelt sich dabei um verschiedene Licht- und Lasereffekte. Ich geniesse den kurzweiligen Aufenthalt dort wie ein Kind, das sich über eine bunte Raupe auf einem feuchten Grashalm freut.

Singapur wird auch als Tor nach Asien bezeichnet. Es wirkt sehr westlich mit den vielen Shoppingmalls (ich habe noch nie so viele Chanelgeschäfte wie dort gesehen / laut Googlemapps 15), der modernen, kostengünstigen öffentlichen Infrastruktur, den verschiedenen nebeneinander lebenden Religionen, Sprachen und Kulturen, der Vielfalt an kulinarischen Möglichkeiten sowie dem Freizeitangebot. Für uns ist es nach rund fünf Monaten Neuseeland, Tonga und Australien ein geschmeidiger Einstieg nach Asien, das wir voraussichtlich bis Jahresende bereisen werden.

Aussie Quicky

Heute ist der 26. August. Wir waren schon immer ein bisschen im Verzug mit unseren Blogeinträgen, aber noch nie so sehr. Deshalb schreibe ich heute über unsere Tage in Sydney. Beim Betrachten der Bilder stelle ich fest, dass wir Australien genau heute vor drei Monaten verlassen haben – oh je.

Und bevor ich diesen Artikel noch weiter aufschiebe, setzte ich mir nun folgendes Ziel: Komme was wolle, ich schreibe und lade diesen Blogbeitrag in den nächsten 90 Minuten hoch – ein Blog-Quicky sozusagen. Das passt auch ganz gut zu unserer Australien Reise. Wir haben diesem unglaublich grossen Land nur drei Wochen Besuchszeit gegeben. Das ist viel zu wenig, um den Kontinent wirklich kennenzulernen, richtig einzutauchen und intensiv zu erleben. Aber wir haben einen kleinen Eindruck bekommen.

In Napier/Neuseeland haben wir an einem Abend ein sehr nettes älteres Pärchen aus Sydney kennengelernt. Sie boten uns an, etwas mit ihnen gemeinsam zu unternehmen, falls wir mal in der Nähe sind. Und so kam es, dass wir bereits an unserem ersten Tag nach Ankunft in der Fünfmillionen-Stadt eine Einladung zum Frühstück hatten. Rosamund ging mit uns schnurstracks in ihr Lieblingscafe im Queen-Victoria-Building – ein stilvolles viktorianisches Einkaufsgebäude in dem wir uns in unseren zweckmässigen Roadtripklamotten ein bisschen „underdressed“ vorkamen.

Wir verbrachten den gesamten Tag mit unserer aufgeweckten Gastgeberin und lernten gleich ihr Sydney kennen. Sie arbeitete lange in der berühmten Oper und hörte gar nicht mehr auf, von den vielen Theaterstücken sowie Ballettaufführungen, die sie hier gesehen hat, zu schwärmen. Das Ballett ist ihre Leidenschaft. Sie war selbst Tänzerin und es scheint, sie tanzt noch heute durch ihr Leben. So viel Energie und Lebensfreude möchte ich auch in ihrem Alter haben. Aber welcher Jahrgang ist sie eigentlich? Sie vermeidet es ganz bewusst Jahresdaten zu nennen. Sie weiss, dass ihr Gegenüber anfangen würde zu rechnen. Auch auf meine direkte Nachfrage lächelt sie nur – eine Bühnenfrau eben. Sie spielt, kreiert Illusionen und geniesst ihr Publikum.

Am nächsten Tag sitzen wir mit Rosamund und ihrem Mann Gavin in ihrem Auto Richtung Blue Mountains. Sie nehmen uns mit ins Grüne und zeigen uns ihr „anderes“ Sydney. Gavin hatte früher ein kleines Unternehmen, welches Wanderungen in diesem Naturpark anbot – er kennt das Gebiet in- und auswendig und nimmt uns mit auf den „Grand Canyon Track“. Das Schild am Anfang des Weges weisst auf die Tour hin: drei bis vier Stunden mit vielen Stufen und Flussüberquerungen. Es war eine wunderschöne Wanderung durch eine Schlucht, die der Fluss vor Millionen von Jahren geformt hat. Wir staunen über die Fitness, die die beiden an den Tag legen. Es sind wirklich viele Stufen, die wir erst hinunter und dann wieder hoch gehen müssen. Die beiden sind ausgesprochen gut in Form. 

Nach der Tour legen wir noch einen Halt an einer Aussichtsplattform ein. Wir bekommen einen Überblick über das Gebiet. Es ist ein schöner, aber sehr touristischer Ort. Busse spucken Scharen von asiatischen Touristen aus, die alle hier ein (ach quatsch, mindestens zehn) Selfies oder Posenfotos machen wollen. Wir stehen an, um auch ein Foto ohne die anderen Menschen vor den berühmten Felsformationen „Three Sisters“ zu bekommen.

Während uns Gavin etwas zu dem Park erzählt, hören wir ein dumpfes Hupen. Der Busfahrer der Gruppenreisenden drängelt. Wieder einmal sind wir froh, dass wir nicht Teil einer solch organisierten Tour sind. Auch wenn wir nicht viel Zeit hatten, um uns Australien anzuschauen, diese Menschen haben wohl noch weniger. Es geht immer noch schneller. Bei einer Unterhaltung über diese Art des Reisens hörte ich einmal den Ausdruck „Touch and Go“. Der Begriff, der aus der Luftfahrt kommt, passt wunderbar, ist aber noch nicht für den Tourismus etabliert. Dann doch lieber ein Quicky.

P.S. Als wir uns Tage später von Rosamund per Telefon am Flughafen nochmal verabschieden, verrät sie uns ihr Geheimnis. Sie redet nicht gerne darüber, weil sie Vorurteile a la „in deinem Alter“ vermeiden möchte – sie wird im August 80 Jahre. Hut ab vor diesem Pärchen!

Magic Mountain

Es ist mehr als drei Stunden her, dass das Flugzeug in Sydney gestartet ist. Ich sehe aus dem kleinen Fenster, nehme viel braun, rot, etwas grün und ocker wahr, jedoch nichts, woran meine Augen haften bleiben. Die Crew kündigt den baldigen Landeanflug zu DEM touristischen Hotspot Australiens an: dem Uluru.

Wir haben erst den halben Kontinent überflogen und spüren nun besonders die Grösse Australiens. Wer die Karten Europas und Australiens übereinander legt, sieht, dass der „alte Kontinent“ komplett in Australien hineinpasst. So gesehen würden wir uns auf dem Weg von Istanbul nach Dublin jetzt etwa in Frankfurt befinden. Das ist natürlich nicht exakt, dient aber vielleicht dem Vorstellungsvermögen. Als Stadtbewohner aus Deutschland verschiebt sich nun mein Massstab für das was weit ist und was nicht. 

Dann dreht die Maschine zum Landeanflug. Meine Augen wandern erneut über die Landschaft. Plötzlich bleiben sie haften. Da ist er, erst weit weg, dann schnell grösser werdend. Ein Leuchten ist nicht zu erkennen, eher ein grosser grau wirkender und rechteckig aussehender Felsen mit Furchen. Der Schleier der Hitze, des Staubs oder vielleicht einfach nur das dreckige Flugzeugfenster filtern scheinbar seine Stahlkraft. Ich weiss, das die gleichen Dinge zu einer anderen Tageszeit in einem anderen Licht und auch mit einem anderen Blick des Betrachters komplett unterschiedlich aussehen können. Deshalb schmunzele ich kurz zuversichtlich in mich hinein und geniesse die Landung.

Uluru ist der Name, den die Anangu, die seit zehntausenden Jahren hier leben, diesem besonderen Ort gegeben haben. Vor etwa 30 Jahren wurde das Gebiet um diesen mächtig wirkenden Felsen an die Ureinwohner Australiens zurück gegeben. Bis dahin war der riesige Stein auch als Ayers Rock bekannt. 

Wer diesen Ort besuchen möchte, kommt am „Uluru-Village“ nicht vorbei. Ausser in den dort zusammengefassten Hotels etwas unterschiedlicher Kategorien gibt es inmitten dieser heissen, trockenen und von extrem lästigen Buschfliegen bewohnten Landschaft keine Möglichkeit, zu übernachten oder etwas einzukaufen. Und dieses künstlich erschaffene Village muss eine Gelddruckmaschine für die Eigentümer sein. Ich fühle mich etwas an den Berliner Plänterwald, dem beliebtesten Rummel in der früheren DDR, kurz vor seiner Schliessung erinnert. Alles funktioniert noch, wirkt aber „abgerockt“ und ist überteuert. Unser „Outback-Pioneer-Hotel“ war noch recht günstig. Jedoch zahlt man hier schlicht das drei- bis vierfache des Üblichen. Sicherlich ist zu berücksichtigen, das alles, also wirklich alles von aussen herangeschafft werden muss, das Meiste davon mit dem Flugzeug. Der nächste Ort Alice Springs ist rund 470 Kilometer Landstrasse entfernt. Dieser Aufwand spiegelt sich eben auch in einem Teil der Preise wider. Der Mangel an Wettbewerb verschärft die Preisbildung. Da wir, wie wahrscheinlich die meisten Besucher nicht länger als zwei Nächte bleiben, nehmen wir es hin. Wir sehen es als Eintrittskarte zu einem spannenden Erlebnis an einem der ungewöhnlichsten Orte der Welt.

Eine kleine Rebellion gegen die hohen Preise haben wir uns dann doch erlaubt. Der Shuttle, der ein paar Mal täglich vom Village zum wenige Kilometer entfernten Uluru fährt, hätte uns 49 australische Dollar pro Person (etwa 31 Euro) gekostet. Für jeweils zwanzig Fahrminuten Hin und Rück war uns das dann doch zu üppig. Was ist die Alternative?

Klar, wir hübschen nochmal eine Einkaufstüte auf. All die Touristen mit ihren eigenen oder gemieteten Autos wollten ja schliesslich auch dorthin. So haben wir uns an die Strasse gestellt, unser Lächeln und den Daumen nach oben gezeigt. Obwohl es noch nicht zehn Uhr war, spürten wir schon die trockene Hitze in unseren Knochen. Erneut warten wir nicht lange, bis uns Boris, ein russischer Tourist, einlädt, einzusteigen. Yippie, unser Entdeckungstag beginnt erfolgreich.

Boris hält zunächst am Aborigini-Kulturzentrum, das etwa eineinhalb Kilometer vom Uluru entfernt liegt und wir ohnehin besichtigen wollen. Es führt den Besucher in die Geschichte dieses ältesten bekannten indigenen Volkes der Welt ein und enthält viel Wissenswertes über die Region. Mittags machen wir uns dann zu Fuss auf den Weg zum eigentlichen Grund unseres Besuches. Uns begegnen wenige Touristen. Wir sind spät dran.

Nun stehen wir vor ihm. Vor uns ein grosses Schild, das uns unmissverständlich bestätigt, das wir am richtigen Ort sind. Zwei wirklich nervige Themen müssen an dieser Stelle erwähnt werden:

  • Es scheinen sich viele Menschen wenig um die Würde und Kultur eines anderen oder des eigenen Landes und deren Bewohner zu kümmern. Es ist nicht zu überlesen, das ausdrücklich darum gebeten wird, diese heilige Stätte nicht zu besteigen. Dennoch klettern leider zu viele Ignoranten wie in einer Kette die etwa 350 Meter dort hinauf. Kann eigentlich jeder Hans und Franz den Kölner Dom oder die Elbphilharmonie besteigen? Ich stelle mir vor, welche Befindlichkeiten es beim bayrischen Bergvolk hervorrufen würde, wenn täglich hunderte asiatische Touristen das Märchenschloss Neuschwanstein nicht nur besuchen, sondern auch erklettern würden. Ab Ende Oktober 2019 wird das nicht mehr möglich sein. Wo Appelle nicht helfen, müssen wohl Verbote her. Wen das Thema näher interessiert, sei der kurze und aufschlussreiche Artikel der Neue Zürcher Zeitung vom 26.Juli 2019 empfohlen (NZZ Artikel)
Im Vordergrund die Bitte, im Hintergrund die Ignoranz.
  • Das Elend mit den Buschfliegen ist wirklich gross. Sie kleben an jedem von uns zu Dutzenden und versuchen, in alle möglichen Körperöffnungen zu fliegen und zu krabbeln. Ich würde es nicht erwähnen, wenn es nicht eine wirkliche Plage gewesen wäre. Zeitweise hatte jeder von uns mehrere Dutzend dieser harmlos wie Stubenfliegen aussehenden Biester am Körper. Meine Phantasie geht mit mir durch und ich habe das Bild von einem grossen Haufen Notdurft vor meinem inneren Auge. Falls ich ein schlechtes Karma haben sollte und im nächsten Leben mein Dasein als Kot fristen muss, habe ich heute eine ganz genaue Vorstellung davon, wie es sich anfühlen muss. Das hat den Genuss des Aufenthaltes geschmälert. Ich gebe es zu.
Freiwillige Vollverschleierung – ein Versuch, sich vor den Plagegeistern zu schützen.

Nun zum interessanten Teil: der etwa zehn Kilometer langen Wanderweg rund um den roten, braunen oder grauen Felsen. Die Farben wechseln je nach Lichteinfall und Uhrzeit, was nicht unbedingt einander bedingen muss. Ich staune über bizarre Felsformationen, die die Anangu teilweise als rituelle Orte genutzt haben. So hatten bestimmte Felsvorsprünge ihre Bestimmung als Rückzugsort für die Geburt, als Schule oder für Initiationsriten heranwachsender junger Männer.

Bemerkenswert sind auch die Höhlenmalereien, die an wenigen ausgesuchten Plätzen vorzufinden sind. Über deren Alter erfahren wir nichts, stellen uns aber vor, wie hier bereits vor bis zu 40.000 Jahren die Vorfahren der Anangu ihre Lebensweise pflegten. Das hierarchische System innerhalb der weitverzweigten Aboriginistämme soll sehr komplex gewesen und in seiner Detailiertheit (nicht in seiner Auswirkung) dem des Kastensystems in Indien vergleichbar sein. Die über ganz Australien verteilten Stämme waren miteinander verbunden. Sie haben (wie andere sogenannte Naturvölker auch) im Einklang mit der Natur gelebt und sich als ein Teil von ihr, nicht über sie stehend, verstanden. Rund zweihundert Jahre nach der Kolonialisierung und Ausbeutung von Rohstoffen, Flora und Fauna, kann auch in diesem Teil der Erde, wie anderswo auch, von einem Gleichgewicht zwischen den berechtigten Interessen der Menschen und dem Recht aller anderen Lebewesen auf ihren eigenen Lebensraum keine Rede sein.

Im Schatten einer Felsformation sammelt sich Wasser. Man könnte es einen Tümpel nennen. Sofort beginnt das Leben, sich den Raum zurück zu erobern. Einige Pflanzen und sogar Bäume wachsen um ihn herum. Auf einem Hinweisschild lese ich, das es am Uluru eine grössere Artenvielfalt gibt, als sich mir auf den ersten und ungeschulten Blick (ohne Brille) erschliesst: 416 Pflanzenarten, 26 verschiedene Säugetiere (und weitere 20 sind bereits ausgestorben), 173 Vogelarten, 73 verschiedene Reptilien, vier Froschtypen sowie über Tausend Spezies von wirbellosen Tieren. Vereinzelt hören wir Vogelgezwitscher und hoffen, das sie doch bitte einige der Buschfliegen jagen und verspeisen mögen. Aber Hilfe ist von den kleinen gefiederten Freunden nicht zu erwarten. Es ist früher Nachmittag und brütend heiss. Die drei Liter Wasser sind nach etwa einem Drittel des Weges zur Hälfte verbraucht.

Nach längeren Streckenabschnitten haben die Ranger schattenspendende Unterstände errichtet. Wir nutzen diese jedes Mal für eine Verschnaufpause.

Stellen, die (wie oben beschrieben) für die Anangu besondere oder gar heilige Bedeutung haben, dürfen nicht fotografiert werden. Das ist kein Problem, da es auch sonst genug zu knipsen gibt.

Nach etwa vier Stunden sind wir tatsächlich einmal herumgewandert. Wieder dauert es keine zehn Minuten und ein älteres australisches Ehepaar nimmt uns vom Parkplatz mit zur Unterkunft. Sie selbst sind mit dem Camper unterwegs und wollten sich einen ersten Eindruck verschaffen, bevor sie sich am Folgetag auf den längeren Spazierweg machen. Sie haben die lange Strecke von Perth (Westaustralien) auf sich genommen, um einmal im Leben diesen magischen Felsen zu sehen. Es sei noch erwähnt, das auch sie nicht hinaufklettern wollen. Das macht sie uns noch sympathischer.

Warum nenne ich ihn magisch? Weil er jenseits der Mythen und Geschichten um ihn, allein schon aufgrund seiner Erscheinung auf mich wie dahin gezaubert wirkt, wie ein riesiges Raumschiff auf einer flachen Ebene. Er ändert seine Farben wie ein Chamäleon, wenngleich ihn das Rot der Erde berühmt gemacht hat. Wir dürfen dieses Farbenspiel nochmal am folgenden Morgen beobachten. Neben den natürlichen Farbgebungen hat ein Künstler ein Lichterfeld installiert, welches mit seiner Vielfalt eine wunderbare Ergänzung zum natürlich Gegebenen darstellt. Die Verbindung von Kunst und Natur ist hier gelungen.

Ich verabschiede mich von diesem Ort, der mir bisher als einziger auf der Reise auch Tage und Wochen später in meinen Träumen begegnet. Ob das was zu bedeuten hat, weiss ich nicht. Ich bin jedenfalls sehr froh, hier gewesen zu sein.

Down Under

Nach drei Wochen auf Tonga versetzt uns der Flughafen Sydney, auf dem wir einen kurzen Zwischenstop einlegen, mit seiner breiten Auswahl an Shopping-und Verpflegungsmöglichkeiten zurück in die uns bekannte westliche Konsumwelt. Alle unsere Sinne werden angeregt oder besser über-erregt. Es riecht nach einem Potpourri aus Parfums und Cremes, der Boden glänzt hell. Überall werden angeblich unwiderstehliche Schnäppchen beworben, Musik der Boutiquen mischt sich mit den Durchsagen zu den Flügen und den Telefongesprächen der geschäftig umher rennenden Passagiere. Wir sind wieder an einem uns vertrauten Ort angekommen, wohl fühle ich mich allerdings nicht. Dieses Gewusel ist im Moment zu viel für mich. Dennoch bin ich dankbar über die grosse Auswahl an gutem und gesundem Essen, das uns hier geboten wird. Wir kaufen uns je einen üppigen Salat, verkrümeln uns in eine Ecke und fragen uns, diese Flughafenszene beobachtend, welchen Eindruck wohl die Tongaer haben müssen, die zum ersten Mal nach Australien fliegen und hier landen.

Ist das Fluch oder Segen für sie?

In Melbourne angekommen möchten wir gleich zu unserer Unterkunft, die im Stadtteil Heidelberg West liegt. Wir fahren an einer Dresden Street vorbei, sehen einen Aldi und biegen in die Altona Street ab. Willkommen daheim. Naja, fast. Anders als zu Hause sind wir hier Anfang Mai mitten im Herbst. Von den Laubbäumen fallen gelb – orangene – rote Blätter und in ihnen sitzen Scharen von laut schreienden, bunt gefiederten Papageien. Die Zikaden, die überall auf den Bäumen und Strommasten trommeln, scheinen mit dem Federvieh im Wettstreit um den lautesten Ton zu stehen. Am Strassenrand sehen wir jede Menge Eukalyptusbäume, die einen intensiven für uns ungewohnt-aromatischen Duft versprühen. Gleichzeitig werden wir Zeugen eines dramatisch schönen Sonnenuntergangs. Diese Art von Reizüberflutung gefällt mir allerdings viel besser als die auf dem Flughafen – ich bin gespannt, was uns Australien in den nächsten drei Wochen noch zu bieten hat. 

Die Tage in Melbourne vergehen schnell. In unserem AirBnB fühlen wir uns Dank der überaus freundlichen Gastgeberin, ihren zwei süssen Hunden und unseren schottischen Mitbewohnern sehr wohl. Zu viert besuchen wir einige der Sehenswürdigkeiten, verbringen einen ganzen Tag im Stadtmuseum, schlendern durch ein paar der zahlreichen Parks und können an einem Abend sehen, wie die Pinguine zurück an Land kommen. Die Bucht in dem Stadtteil St. Kilda ist eine der wenigen Orte weltweit, an der sich eine Pinguinkolonie an einer von Menschen errichteten Bucht angesiedelt hat und sich weder vom Stadtgetümmel noch von den vielen Touristen gestört fühlt.

Am letzten Tag holen wir unseren Campervan ab. Da es keine Hochsaison mehr ist, bekommen wir vom Vermieter ein kostenloses Upgrade. Ist das ein Upgrade oder sind das drei Upgrades? Was uns da geboten wird, ist ein „Tiny House“ mit Mercedes-Benz-Antrieb – das Auto ist drei mal so gross wie unser lieb gewonnener „Papa Schlumpf“ in Neuseeland. In ihm gibt es weit mehr als wir brauchen. Sogar ein Kühlschrank ist hier drin. Einen Namen hat dieses Gefährt jedoch nicht auf seiner Tür zu stehen und so taufen wir es kurzerhand „Das lange Elend“. Es wird uns in den nächsten 10 Tagen von Melbourne nach Adelaide bringen. 

Gleich außerhalb der Metropole treffen wir auf unsere erste Gruppe Kängurus. Was in der Schweiz die Kühe sind, sind in Australien die Kängurus. Sie stehen friedlich grasend vor uns und wissen nicht, wie besonders ihr Anblick für uns gerade ist. Der Kopf ist ganz nah am Boden, die kleinen Vorderpfötchen hängen locker herunter, das gesamte Gewicht des Tieres ruht auf den Hinterbeinen und auf dem riesigen, dicken Schwanz. Wir trauen uns noch ein Stückchen näher heran. Die Gruppe besteht aus einer Vielzahl mittelgrosser Exemplare, einigen Kleinen und einem sehr stattlichen Tier. Dieses sieht uns auch zuerst. Es richtet sich auf, schaut uns an, schnüffelt ein wenig in unsere Richtung und entscheidet sich, davon zu hüpfen. Auch die anderen gucken nun hoch und machen es dem Anführer nach. Ich bin fasziniert, was für riesige Hopser diese Tiere machen und wie leicht ihnen dieses Hüpfen zu fallen scheint.

Auf unserer Reise begegnen wir noch vielen Kängurus und begeistert von ihrem Körperbau und ihren runden, braunen liebevollen Augen bleibe ich immer stehen, um sie zu beobachten. Die einzigen Momente, in denen wir auf keine der grossen Beuteltiere treffen wollen ist, wenn es draussen dämmert und wir noch mit dem Auto unterwegs sind – das ist die gefährlichste Zeit und die Unfallrate ist hoch. Zu viele der wunderschönen Tiere liegen rechts und links tot am Strassenrand. 

Wir fahren die berühmte und beliebte Küstenstrasse „Great Ocean Road“ entlang, machen aber auch immer wieder Abstecher ins Landesinnere, wo wir uns Wasserfälle anschauen, einen wunderschönen Spaziergang durch ein Stückchen des ursprünglichen Regenwaldes machen, auf eine fleischfressende Schnecke stossen und sogar einmal auf wilde Koalas treffen. 

Die Strecke an der Küste entlang ist so schön, dass wir alle paar Kilometer einen kleinen Stop einlegen, um die Natur zu bestaunen und Fotos zu machen.

Je näher wir dem Städtchen Port Campbell kommen, auf desto mehr andere Autos, Campervans und Reisebusse treffen wir. Denn hier in der Nähe steht die nach dem Uluru (früher „Ayers Rock“) meistfotografierte Sehenswürdigkeit Australiens – die zwölf Apostel. Dies sind jedoch weder die bekannten Freunde von Jesus, noch sind es zwölf. Es handelt sich hierbei um Felsformationen, die das Meer über Millionen von Jahren geformt hat. Jedes Jahr spülen die Wellen rund einen Zentimeter der Kalksteilküste ab. Nur die Bereiche, an denen der Stein fester ist, trotzen dem Meer und bleiben bestehen. So entstanden ganz langsam diese um die 60 Meter hohen Felsbrocken. 

Früher hiessen diese Steinsäulen übrigens „die Sau und die Schweinchen“, aber irgendjemand hat wohl in den 60er Jahren gedacht, dass „Zwölf Apostel“ seriöser klingt und mehr Touristen anlocken könnte. Oh ja, die Touristen sind auf alle Fälle da. Der Parkplatz war, obwohl Nebensaison, voll und wir fühlten uns schlagartig nach Asien versetzt. 

Nach diesem Highlight fahren wir wieder weg vom Meer und bekommen eine Idee, wie das Land abseits der Küste aussehen mag. Es ist sehr trocken und sandig. Auch in diesem Sommer fiel in dieser Region wenig Niederschlag. Die Menschen und die Natur litten erneut unter Rekordhitze.

Ein rosa schimmernder Salzsee ist fast ausgetrocknet. Er wirkt auf eine sehr bizarre Weise wunderschön.

Im Mai waren in Australien Wahlen – bei all den Wetterextremen mit denen das Land in den letzten Jahren zu kämpfen hat, ist es uns nicht verständlich, wieso ein konservativer Politiker, ein bekennender Kohleabbaufreund im Amt bleiben darf. Ein Umdenken im Klimaschutz wird es wohl von staatlicher Seite am anderen Ende der Welt nicht geben. Die Australier, mit denen wir nach dieser Wahl gesprochen haben, waren stark enttäuscht und verärgert – zu Recht.  Und trotzdem verlieren sie nicht Ihren Humor. Dieses Plakat ist uns positiv aufgefallen. Darauf ist in Grossbuchstaben folgendes zu lesen:

Besorge dir einen Schwimmreifen.*

Und ganz unten, ganz klein kommt die Auflösung:

*Der Meeresspiegel steigt weiter an. Diese Nachricht wird dir im Namen des Klimas übermittelt. 

Denn wenn schon die grosse Flut kommt, verhelfen einem die Schwimmreifen wenigsten dazu, den Kopf über Wasser zu halten und in Down Under nicht wortwörtlich „unten drunter“ zu sein. 🙂

In einer anderen Welt

Nach diesem „Once in a Lifetime und nie wieder – Erlebnis“ der 16-stündigen Überfahrt kommen wir gegen Mittag endlich auf Ha`apai an. Meine Freude, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben ist ungefähr so gross, wie bei einem Kind, das als erstes einen schönen grossen Pilz im Wald findet. Wie müssen sich wohl die Seefahrer früherer Jahrhunderte gefreut haben, wenn sie nach mehreren Wochen auf dem Ozean endlich Festland betraten?

Heute gibt es keinen Kaffee. Die vierfache Verriegelung weist auf eine längere Schliessung hin. 

Das Café, das wir uns vorab aus dem Reiseführer als einen ersten Anlaufpunkt herausgesucht haben, ist geschlossen. Wir erfahren, das die Betreiberin noch für weitere sechs Wochen auf Heimaturlaub in Polen ist. Müde und etwas ratlos erblicken wir hinter dem Café etwas, das nach einer Fremdenherberge ausschaut. Es dauert nicht lange bis eine freundlich übergewichtige Frau auf uns zukommt und uns unseren Eindruck bestätigt. Wir inspizieren eins, zwei Zimmer und beschliessen kurzentschlossen, eine Nacht zu bleiben. Diese Absteige an der Strasse ist nicht die Unterkunft, die wir uns für die nächsten Tage vorstellen, aber in Abwesenheit von Alternativen ist es zumindest für eine Nacht schon in Ordnung. Wir träumen von einer einfachen Hütte direkt am Strand und mit einer Hängematte zwischen Palmen. Das Internet schlägt uns mit diesen Kriterien nur zwei ziemlich hochpreisige Ressortanlagen am anderen Ende der Insel vor. 

Fest davon überzeugt, das es auch eine Realität jenseits des Internets gibt, setzen wir darauf, das es noch weitere und vor allem bezahlbare Unterbringungsmöglichkeiten geben muss.

Wir werden wie so oft auf unserer Reise nicht enttäuscht und unsere Zuversicht wird bestätigt. Ein Fleischberg von Frau in der Tourismusinformation wiederholt zunächst im Wesentlichen die Resorts, die wir schon kennen. Ungewöhnlich ist, wieviel Zeit sie sich bei allem lässt und welche Bedeutung sie dem Gesagten verleiht, so als würde sie uns gleich das Geheimnis ewiger Jugend preisgeben. Die Pause zwischen unseren Fragen und ihren Antworten ist so lang, das ich mir nicht sicher bin, ob sie nachdenkt oder gerade Powernapping macht. Ich glaube, ein geduldiger Zeitgenosse zu sein. In diesen Tagen auf Tonga, besonders aber auf der Insel Ha`apai, komme ich mir jedoch wie ein junges Äffchen unter gechillten Schildkröten vor. Aber auch das ist ja Bestandteil unserer Reiseerfahrungen. Ich stelle mich darauf ein. Das kann ich gut. Nach einer wie beschrieben langen Wartezeit scheint ihr plötzlich eine Idee einzufallen- sie reisst die Augen auf und lächelt. Old Tonga Beach –  diese Anlage würde kurz vor der offiziellen Registrierung als Ferienunterkunft stehen und sollte unseren Preisvorstellungen entsprechen. Das tut sie!

Ein Plätzchen direkt am Strand und zwei Hängematten zwischen Palmen mit Meerblick am absoluten Ortsrand mitten im Busch. Zwei Hütten für jeweils zwei Personen sind schon gebaut und bezugsfertig, eine Dritte ist noch geplant. Es gibt eine Gemeinschaftsküche mit überdachter Terrasse und drei Tischen sowie passender Bestuhlung. Daneben steht ein Häuschen mit Dusche/Toilette für alle Gäste. Verwendet wird Regenwasser. Licht gibt es aus der Solarstromanlage vom Dach, das Gas für den Herd kommt aus der Gasflasche. Steckdosen sind hier allerdings Fehlanzeige. Ich merke wie abhängig wir doch sind. Steckdosen oder Ladestationen für elektronische Geräte sind ja bekanntlich die neuen Brunnen. Schliesslich kommt das Wasser hier in Form von Regen verlässlich mindestens ein Mal pro Tag von oben, aber für eine Steckdose ist die dürftig zusammengekittete Solaranlage wohl zu schwach. Unsere Powerbank liefert unseren Geräten Strom für die ersten sechs Tage. Danach muss der Grundstücksbesitzer den benzinbetriebenen Generator anwerfen, um alles wieder aufzuladen. 

Unsere Vermieter, froh über uns unerwartete Vorsaison-Gäste, geben sich sehr viel Mühe mit uns und leihen uns unter anderem ihre private Schnorchelausrüstung aus. Im Ort gibt es in den von chinesischen Einwanderern geführten Minimärkten so etwas nicht. Und überhaupt ist die Auswahl dort sehr übersichtlich. Ich habe ein Déjà-vu und fühle mich wie von einer Zeitmaschine in die DDR der siebziger Jahre zurück versetzt. Das, was wir suchen gibt es nicht, dafür aber vieles, was wir nicht brauchen: Tischdecken, Plastikeimerchen und Wäscheständer. Da es sonst nicht viel zu tun gibt auf Ha`apai, sind wir froh über die Schnorchelausrüstung. Wir probieren sie noch am gleichen Tag aus und sind im Wasser.

Ich spüre die Brille, die sich eng in mein Gesicht presst. Es fühlt sich an wie eine Saugglocke, die mit grossem Appetit alle Mitesser einatmet. Es darf kein Wasser hineindringen. Der Schnorchel wird an einer Seite an die Taucherbrille fixiert, damit dieser nicht wie ein zu kleiner Strohhalm in einem zu grossen Kino-Cola-Trinkbecher hin-und herwackelt. 

Es ist flach und wir stellen fest, das wir nur wenig Platz zwischen uns und den Seepflanzen und später auch den ersten Korallen haben. Um uns an den scharfen Korallen nicht zu verletzen, erkundigen wir uns nach den Gezeiten, so das wir an den Folgetagen erst bei Flut wieder ins Meer gehen. Unsere Ausflüge werden von Tag zu Tag länger. Wir haben Spass, obwohl zumindest meine Schwimmkünste überschaubar sind und sicher nicht Rettungsschwimmerqualtitäten haben. Während Jana recht geschmeidig und ausdauernd durch das Wasser gleitet, fühle ich mich eher wie ein Eisbär, der über kurze Strecken schnell und wendig agiert, jedoch froh ist, bald wieder auf seiner geliebten Eisscholle zu pausieren.

Schnorcheln – Eine Filmkomödie. (Ton an macht mehr Spass)

Ich bin beeindruckt von der Vielfalt des Lebens unter Wasser: Blaue Seesterne, Seegurken oder einfach nur jede Menge farbiger Fische. Deutlich wird auch, das sie sich vor allem an den Korallen aufhalten. In den Abschnitten, wo es nur Sand, Steine oder Muschel – bzw. Korallenreste zu sehen gibt, sind kaum Fische vorzufinden. Einmal bekommen wir nur wenige Meter unter uns tatsächlich eine schwarzweissgestreifte Seeschlangen zu Gesicht. Diese sind hochgiftig, jedoch absolut nicht an Menschen interessiert. Trotzdem mischt sich in die Entdeckerfreude ein kleiner Schrecken. Und immer wieder gibt es diese wunderbaren Momente, wenn ich in einen Schwarm kleiner blauer Fische hinein schwimme und für Sekundenbruchteile ein Teil von ihnen zu sein scheine.

Einmal in der Woche findet in Hafennähe ein Markt statt. Nach Tagen der unfreiwilligen Obst- und Gemüseabstinenz hoffen wir so sehr darauf, dort nun endlich frisches Grünzeug kaufen zu können. Wir sehen vier Stände, die es unter der Woche dort sonst nicht gibt: einer bietet Klamotten an, einer grillt Fleischspiesse, eine Frau verkauft selbstgebackenen Kuchen und am letzten Stand werden grüne Blätter angeboten. Wir freuen uns schon und hoffen auf eine Art regionalen Spinat. Unsere Enttäuschung ist jedoch gross, als uns gesagt wird, dass dies die Blätter sind, in denen man das Fleisch zum Grillen einwickelt. Essen kann man die Blätter nicht. Oh je, es bleibt also alles beim Alten. 

Warum ist auf einer Insel, auf der quasi alles wachsen könnte, kein frisches Obst und Gemüse erhältlich? Unsere Gastgeber lächeln auf unseren Frage hin. Bananen, Melonen und Wurzelgemüse wachsen bei jeder Familie wild im Garten. Kokosnüsse und Papayas holen sie sich bei Bedarf aus dem Busch. Und der Bedarf ist, wie wir bereits wissen, eher gering. Wenn demnach alle haben, was sie brauchen, wozu soll man es da auf dem Markt anbieten? Klingt irgendwie logisch, nützt uns aber nichts. 

Die Geringschätzung vegetarischer Kost wird unter anderem auch dadurch ausgedrückt, das die reichlich vorhandenen Kokosnüsse selten auf dem eigenen Teller landen, sondern an die vielen frei herumlaufenden Hausschweine verfüttert werden. Das Aroma beim späteren Verzehr dürfte ziemlich einzigartig sein, was wir jedoch nie erfahren werden. Letztlich bleibt uns nicht anders übrig als verschrumpelte, importierte Äpfel, Orangen und Birnen aus Neuseeland in den chinesischen Mini-Shops zu kaufen. Was für ein Frevel.

Unsere Gastgeber zeigen sich verständnisvoll und bringen uns nun regelmässig frische Kokosnüsse und Papayas aus dem Busch mit. Jana und ich werden sogar im Kokosnussspalten fachgerecht unterwiesen, damit wir auch ohne fremde Hilfe nicht an der harten Nuss verzweifeln. Das dafür benötigte Werkzeug, eine Machete, wird uns für die Zeit des Aufenthaltes überlassen.

Zweimal gehen wir tatsächlich auch selbst mit der Machete bewaffnet in den Busch und erjagen uns zwei Papayas. Eine willkommene Abwechslung zu den trockenen Winteräpfeln. 

Auf zwei Ausflügen mit einem gemieteten Auto an das andere Ende der Insel lernen wir die eingangs erwähnten Ressorts kennen. Diese liegen unmittelbar nebeneinander, sind hübsch gestaltet und bieten natürlich etwas mehr Komfort (zum Beispiel Steckdosen und Sitzsäcke). Sie haben jeweils ein Restaurant, in denen wir eine Pizza und einen Fallafelwrap geniessen. Allerdings herrscht auch hier ein Mangel an dem, was wir bereits überall auf der Insel vermissen. Der schöne breite Sandstrand und das türkisfarbene Meer laden uns zum Schnorcheln ein. Allerdings bleiben wir nur Tagestouristen. Wir erwecken augenscheinlich Interesse, als wir berichten, dass wir uns am anderen Ende der Insel ebenfalls direkt am Strand eingemietet haben. Das Wissen darum, das hier zwei Übernachtungen soviel kosten wie zehn Tage an unserem kleinen Privatstrand, gibt mir das gutes Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.

Wir zweckentfremden den Sitzsatz des Luxusressorts und liegen auf ihm.
Fahren ohne Führerschein und ohne Schuhe.

Einen Führerschein oder sonstige Nachweise will übrigens keiner sehen. Aber was soll auch schon passieren auf einer kleinen Insel, auf der jeder jeden zu kennen scheint und nur zweimal in der Woche eine Fähre anlegt. Die Fahrtzeit von einem zum anderen Ende beträgt etwa 30 Minuten ohne Zwischenstopp bei einer Geschwindigkeit von etwa 40 km/h. Mehr lassen die Strassenverhältnisse nicht zu.

Auffällig ist die grosse Anzahl von Kirchen und Grabstätten. Auf Tonga dominieren die sogenannten Freien Kirchen (Methodisten, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage/Mormonen, Siebenten-Tags-Adventisten und Assembly of God sind die vier grössten Gruppen). Diejenigen, die es sich leisten können, nutzen die Möglichkeit, ihre Verstorbenen auf ihren privaten Grundstücken zu beerdigen. Dadurch scheint die Religion und der Tod visuell präsenter als gewohnt. Die Gräber wirken nicht düster, eher bunt, mit Fähnchen, Windrädern oder Permanentfotos der Verstorbenen. Über einem Grab hängt sogar ein riesiges Schild mit „Happy Birthday“, was schon etwas makaber auf uns wirkt. 

Insgesamt habe ich den Eindruck, das die meisten Menschen in Tonga zwar materiell (sehr) arm sind, sich jedoch gegenseitig helfen. Zumindest habe ich keine Obdachlosen oder vereinsamte, alleingelassene Menschen wahrgenommen. Jeder scheint irgendwie aufgefangen zu werden und bekommt eine Aufgabe. Dafür wird er durch eine kirchliche und familiäre Gemeinschaft unterstützt. Die Anteilnahme und Hilfe der Familien untereinander ist stark ausgeprägt. Fremden gegenüber habe ich stets respektvolle Freundlichkeit erlebt. Nie habe ich mich bedroht gefühlt. Dieser würdevolle Umgang der Menschen miteinander hat mir sehr gut gefallen. Das ist eine Erkenntnis, die mich auf der weiteren Reise begleiten wird.

Elf Tage nach unserer Ankunft besteigen wir für den Rückweg wieder eine Nussschale, diesmal mit zwei Tragflächen und zwei Propellern. So müssen sich die „Männer in den fliegenden Kisten“ kurz nach der Erfindung der bemannten Luftfahrt gefühlt haben. Zwischen Start und Landung liegen nur 45 Minuten. Die vielen kleinen und grösseren Inseln unter uns erinnern an Fruchtstücke in einem Joghurt. Nach Essen ist uns auch bei der Rückreise auf die Hauptinsel nicht zumute.

Nach der Landung wartet Sam erneut mit dem Wagen auf uns, um uns abzuholen und uns in das vertraute Gästehaus auf Tongatapu zu fahren. Ich bin froh, ein bekannte Gesicht zu sehen. Ja, Ha`apai ist eine andere Welt und war für mich ganz bestimmt ein kleines Abenteuer. War es waghalsig? Nein. Ein Zitat von Paulo Coelho aus meinem Notizbuch fällt mir dazu auf: „Wer denkt, Abenteuer seien gefährlich, sollte es mal mit Routine versuchen: Die ist tödlich.“

Eine Seefahrt, die ist …lustig?

Die Dame am Ticketschalter der Fährgesellschaft und ich kennen einander. Ich bin nicht das erste Mal hier. Also was soll es denn nun sein:

  • Einzelkabine mit Verpflegung
  • Einzelkabine ohne Verpflegung
  • Freie Platzwahl mit Verpflegung
  • Freie Platzwahl ohne Verpflegung

Wer uns ein bisschen kennt, der weiss natürlich, welche Kategorie wir wählen.

Hafenimpression: der Wartebereich

Mit dem Ticket in der Hand und unseren Rucksäcken auf dem Rücken gehen wir in den teilweise überdachten, aber offenen Wartebereich. Wir haben auch eine Einkaufstüte voller Notproviant bestehend aus Tofu, Mandelmilchpulver, Sojageschnetzeltem und Nüssen dabei. Diese Eiweissleckereien haben wir aus weiser Vorahnung (ok, ok und Google) noch in Neuseeland gekauft.

Was da bei den Menschen unter dem Arm klemmt, sieht aus wie eine grosse Sushi-Rolle aus Bettdecken.

Einige Männer warten sitzend und quatschen miteinander. Sie sind wie die meisten Frauen hier, sehr gross und wirken kräftig. Keiner mit dem man sich um einen Keks streiten möchte. Ich bin froh, dass Micha neben mir sitzt und mit der Zeit auch einige Familien mit kleinen Kindern eintreffen. Viele von ihnen haben in Strohmatten eingerollte Decken und Kopfkissen dabei.

Die Zeit bis zum Boarding vergeht nur langsam. Es fängt an, leicht zu regnen. Wir beobachten die Familien, wie sie schutzsuchend unter den überdachten Flächen zusammenrücken. Wir sind freundlich und lächeln den wartenden Menschen sowie den tobenden Kindern um uns herum zu. Sie lächeln alle zurück. Ist es nur die uns bereits vertraute Freundlichkeit oder schwingt da auch ein „Ihr-wisst-ja-gar nicht-was-euch-erwartet“- Grinsen mit? Wir haben in der Tat keine Ahnung, was da in den nächsten Stunden auf uns zukommen wird.

Anders und vielleicht auch aufregend wird es, das vermuten wir. Schon die unmittelbare Reisevorbereitung für diese Überfahrt war ein kleines Abenteuer. Ein Rückblick:

Auf dem Flyer steht, dass die Fähre einmal pro Woche entweder Montags oder Dienstags um 19 Uhr ablegt. Man solle sich vorab erkundigen. Das tun wir im Touristeninformationszentrum und erfahren, dass der Termin noch nicht fix ist, dass sie jedoch wahrscheinlich am Dienstag um 18 Uhr abfährt. Wir sollten uns dies einen Tag vor Abreise nochmal bestätigen lassen. Wir rufen rechtzeitig an. Ja, tatsächlich die Fähre fährt diese Woche am Dienstag ab, und zwar um 19 Uhr. Hmm. Ich beschliesse zum Hafen zu gehen und bei dem Betreiber direkt nachzufragen. Ein Verpassen der Fähre wäre schliesslich auch blöd, wenn sie so selten fährt. Die propere Dame am Ticketschalter nickt freundlich und bestätigt 18.00 Uhr. Alles klar. Geht doch.

Und hier stehen wir nun, gespannt wartend und froh, dass soweit erstmal alles ganz gut geklappt hat. Die Fähre wird noch immer beladen – bereits gestern habe ich sehen können, wie Container auf das Schiff gehoben wurden. Auch jetzt herrscht noch ein reges Treiben – nun werden zahlreiche Kühlschränke und Waschmaschinen einzeln auf die Fähre befördert. Die Menschen müssen sich noch gedulden.

Irgendwann kurz vor 18 Uhr wird der Absperrzaun geöffnet und die Passagiere dürfen über einen kleinen Steg das Schiff betreten. Es gibt kein Speedy Boarding und es bedarf auch keiner dreisprachigen Durchsage, dass Familien mit kleinen Kindern zuerst an Bord gehen dürfen. Das scheint hier jedem klar zu sein. Und so reihen wir uns irgendwo in der Mitte ein und besteigen das Schiff, welches in den nächsten 16 (!) Stunden unser Zuhause sein soll.

Wer jetzt denkt, dass wir riesige Strecken auf dem noch riesigeren Pazifik zurücklegen werden, der irrt. Unser Reiseziel, die Inselgruppe Ha’apai liegt nur 180 Kilometer nördlich von Tongatapu. Also eigentlich nur ein Katzensprung, der einer etwa zweistündigen Autofahrt auf einer deutschen Landstrasse entspräche, jedoch eine halbe Ewigkeit auf einer Fähre dauern kann.

An Board steigen wir achtsam über die schon ausgelegten Matten und Matratzen der lokalen Mitreisenden. Die ersten Familien haben sich bereits im Gang eingerichtet – freie Platzwahl eben. Im Nachhinein kann ich diese Präferenz absolut nachvollziehen – hier ist es überdacht (schützt vor dem Regen), relativ eng (weniger Schaukelspielraum), angenehm warm und luftig. 

Im Moment des Betretens erkennen wir all diese Vorteile jedoch noch nicht und sind froh über eine kleine Ecke in einem klimatisierten Raum, die noch frei ist. Da alle anderen sofort Ihre Matten ausbreiten und uns nichts besseres einfällt, halten wir es ebenso.

Es ist 19 Uhr. Das Schiff steht noch im Hafen. Wie wohl überall in der Welt, „wenn jemand eine Reise tut“ wird kurz nach Platzsicherung auch hier auf Tonga erstmal das mitgebrachte Essen ausgepackt. Nur, dass hier natürlich niemand geschmierte Brote und ein Stück Gurke aus einer wiederverwendbaren, PVC-freien und spülmaschinenfesten Tupperdose auspackt. Hier gibt reichlich Instant-Nudeln, Chips, Dosenfleisch und Kekse.

Alles ist gut, wir haben einen tollen Platz abbekommen und unsere unmittelbaren Nachbarn scheinen nett zu sein. Ich hole mein Buch heraus und freue mich auf mindestens drei Stunden Lesezeit bis zum Schlafengehen. Ich sitze also auf meiner Isomatte, den Rücken an die Wand gelehnt. Kaum, das ich die ersten paar Zeilen gelesen habe, läuft rechts von mir die erste kleine Kakerlake in mein Blickfeld. Ich drehe den Kopf und sehe auch gleich ihre grosse Familie. Na toll. Die nächsten Minuten verbringen wir mit Kakerlaken verscheuchen. Sinnlos. Der Familienvater neben uns beobachte unsere Bemühungen und lächelt uns milde an.
Ist es das nicht das gleiche Lächeln, wie zuvor im Wartebereich?

Kurz nach 19 Uhr scheint es loszugehen, es ruckelt und holpert. Die Menschen um uns herum packen ihr Essen ein, legen sich alle auf ihre Matten und machen sofort die Augen zu. Ich wundere mich noch über diese frühe Bettstunde, merke jedoch schnell, dass hier niemand wirklich müde ist. Das Hinlegen dient alleine dem Aufrechterhalten des Wohlbefindens. Auch wir begeben uns nun in die Horizontale und beobachten auf dem Bauch liegend die Szene. Jetzt noch zu stehen wäre gefährlich. Das Schiff schaukelt mittlerweile dermassen, dass die paar freistehenden Koffer in unserem Raum hin und her rollen. Die dösenden Besitzer scheint das jedoch nicht weiter zu stören. Das Licht im Raum ist grell, aus den Lautsprechern kommt der laute Ton eines Actionfilms, der irgendwo in einem anderen Raum auf einem Fernseher gezeigt wird.

Ein perfektes Produkt: dezentes Design, wertig in der Verarbeitung, einfach im Gebrauch und kostengünstig in der Produktion. Davon hätten wir gut und gerne eine Grosspackung gebrauchen können.

Die Klimaanlage ist an. Ich merke, dass mir immer kälter wird. Irgendwann richte ich mich auf, um einen zusätzlichen langen Pullover aus dem Rucksack zu ziehen. Dieses kurze Hinsetzen ist zu viel für mich. Ich empfand vorher bereits ein intensiv-flaues Gefühl in der Magengegend. Nun ist mir kotzübel. Ich muss mich schnell wieder hinlegen. Wo sind eigentlich die kleinen Tüten, die jeder Passagier in einem Flugzeug in den Sitztaschen vor sich findet?

Ich kenne meinen Magen, gut geht es ihm nicht. Keine Sitze, keine Sitztaschen, keine Kotztüten.

Ich überlege schnell, was wir in unserer Provianttasche an überflüssigen Plastiktüten dabei haben und …. muss auch schon hineingreifen. Ich schaffe es gerade noch zu den nicht abschliessbaren Flächen, an denen ein Toilettenzeichen zu sehen ist, nichts worin ich normalerweise eine Sekunde verbringen würde. Dann gibt es kein Halten mehr…

Die Zeit bis zum ersten Stop verbringen wir auf dem Rücken liegend. Es ist die einzige Position, in der wir es einigermassen aushalten. Micha sieht zwar auch nicht gerade wie das blühende Leben aus. Er scheint aber etwas weniger empfindlich zu ein.

An Schlaf ist nicht zu denken, also lassen wir uns von Podcasts berieseln – jeder hat einen Kopfhörer im Ohr. Die Konzentration auf das Gesagte hilft dabei, uns zumindest gedanklich an einen angenehmeren Ort zu versetzen. Jedesmal wenn das Schiff sich neigt, fühle ich, wie sich meine Organe in mir im selben Winkel drehen. Zudem bin ich in einem Zustand der absoluten Gleichgültigkeit und staune über die Fähigkeit des Geistes. Natürlich sehe ich die Kakerlaken neben mir umherlaufen, aber es ist mir jetzt egal. Kakerlaken tun nichts, sie laufen einfach nur herum. Und ich liege hier, unfähig mich zu bewegen. Ich lasse es geschehen.

Ein Bildschirmfoto unserer Position irgendwann in der Nacht. Ein blauer Punkt im Nichts.

Irgendwann verringert sich das Schaukeln. Wir hören, wie der Anker ausgerollt wird. Es ist der erste von insgesamt drei Stops in dieser Nacht. Endlich können wir uns aufrichten, durchatmen und einen Schluck Wasser trinken. Es ist kurz nach Mitternacht und wir sind gerade einmal 50 Kilometer vom Abfahrtshafen entfernt. All diese Stunden für eine so kurze Strecke! Die Fähre hat demnach ein Durchschnittstempo von einem mittelmässigen Hobbyläufer bei einem Stadtmarathon. In diesem Moment freue ich mich, dass wir kein Ticket nach Vava’u gekauft haben – die Inselgruppe ist der letzte Stop nach insgesamt 310 Kilometern. 

Hauptsache liegen – ein Platz findet sich überall.

Die restlichen Stunden der Nacht verbringen wir genauso auf dem Rücken liegend, wie vorher auch. Das grelle Licht im Raum stört überhaupt nicht, die schnarchenden Menschen neben uns auch nicht, der laute Ton aus den Lautsprechern ist uns egal und an die kalte Luft haben wir uns nun wohl genauso gewöhnt, wie an die Krabbeltierchen. Die Podcast-App spielt ohne Anzuhalten alle geladene Folgen ab – es ist ein kunterbunter Mix aus Nachrichten, Reiseberichten, Interviews und Reportagen. Irgendwann schlafen wir dann doch für ein paar Stunden ein.

Als die Fähre ein weiteres Mal anhält ist es kurz nach 6 Uhr. Wir nutzen den Stop und gehen nach draussen. Es ist noch recht dunkel, trotzdem können wir sehen, dass wir vor einer Insel geankert haben. Kleine Fischerboote kommen auf unser Schiff zu. Zunächst wird ihnen Gepäck in Form von Taschen, Koffern und Kartons zugeworfen. Sobald sie voll sind, fahren sie wieder an Land. Andere kleine Boote kommen nun heran, um Passagiere abzuholen. Es ist interessant zu beobachten, wie alles, was hier ausgeladen werden soll auch ausgeladen wird und jeder Passagier ein Plätzchen auf einem der vielen kleinen Boote findet. Der ganze Stop dauert über eine Stunde. 

Bis nach Ha’apai ist es nun nicht mehr weit. Nur noch 40 Kilometer und das Schaukeln lässt zum Glück nach . Micha fühlt sich wohl genug, ein paar Kekse zu essen und einen Kaffee zu trinken. So zuversichtlich bin ich nicht. Ich lege mich nochmal auf die Isomatte und versuche zu schlafen. Der relativ ruhige Seegang hilft dabei. Ich träume vom Strand, von der Sonne, die meine Haut wärmt, von festem Boden unter mir und von meinem Buch, dass ich dann endlich werde lesen können.

Willkommen in den Tropen

Neuseeland hat uns mit seinem abrupt einsetzenden Herbstanfang Anfang April darauf aufmerksam gemacht, dass es Zeit wird, weiter zu reisen. Die letzten Tage wurden immer kälter und ungemütlicher. Unsere Reise durch Neuseeland fühlte sich an wie ein fabelhafter Samstagabend in einer guten Diskothek – wir haben nette Leute kennengelernt, die eine oder andere Telefonnummer eingesteckt, leckere Drinks geschlürft und die Nacht durchgetanzt . Die Musikmischung war perfekt und wie erwartet wurde irgendwann das Lied „The Time Of My Life“ aufgelegt. Der immer öfter auftretende Regen sowie die kalten Nächte waren wie ein Abschiedslied à la „Dirty Dancing“ – das allgemein bekannte Zeichen, dass der DJ bald Feierabend machen möchte. 

Unser nächstes Reiseziel hatten wir bereits in Deutschland festgemacht. Eine Insel in der Südsee sollte es sein und zwar Tonga. Wir entschieden uns für diese relativ unbekannte Inselgruppe, weil es dort nicht allzu touristisch sein sollte, wir so unser Budget schonen konnten und weil es der einzige Staat in der Pazifikgruppe ist, der in seiner gesamten Geschichte stets unabhängig blieb.

All das klang irgendwie sympathisch.

Tonga, ein Königreich mitten im grossen blauen Pazifik.

Gelandet sind wir in Nukuʻalofa, der Hauptstadt Tongas. Diese befindet sich auf Tongatapu, der grössten der 170 zum Staat gehörenden Inseln. Obwohl es bei unserer Ankunft schon weit nach 23 Uhr war, knallte uns eine extrem schwüle und heisse Luft entgegen, sobald die Türen des Flugzeugs aufgemacht wurden. Zudem roch es stark nach Kerosin. Sofort hatte ich das Gefühl, kaum Luft zu bekommen. Egal wie tief ich einatmete, der Sauerstoff in der Luft schien mir nicht zu reichen. Die Transpiration setzte sofort ein. Ich fühlte mich wie in einer Sauna nach dem ersten Aufguss, wenn der Saunawart zur Verteilung der heissen Luft das Handtuch schwingt.

Willkommen in den Tropen. 

Die meisten Touristen bleiben hier keine einzige oder vielleicht gerade mal eine Nacht – zu verlockend sind die vielen kleinen Inselchen mit ihren weissen Traumständen und den Korallenriffen. Ausserdem ist die etwa 260 Quadratkilometer grosse Hauptinsel sehr schnell erkundet. Es gibt ein paar Reiseagenturen, die alle die gleichen drei Touren anbieten – die Vormittagstour führt durch den Ostteil der Insel, auf der Nachmittagstour erkundet man den Westteil und wer es ganz eilig hat oder sich nicht entscheiden kann, der bucht am besten eine Ganztagestour. So einfach ist das.

Wir haben es jedoch nicht eilig und verbringen fast eine Woche auf Tongatapu. Nach den vielen Eindrücken in Neuseeland und dem ständigen Ortswechsel geniessen wir es, eine Woche am gleichen Ort zu sein. Zudem ist es herrlich angenehm, dass Nukuʻalofa eine Hauptstadt ist, die nicht mit den Top 10 „Must Do´s“ lockt. Wir wollen auch mal Nichts tun müssen.

Wir verbringen die Tage mit Fotos sortieren, längst überfällige Blogartikel schreiben, verschiedenes zu lesen und Obsteinkäufen auf den Märkten. An den Abenden geniessen wir das eine oder andere Glas Wein und die Gespräche mit unserem Zimmernachbarn Mike – einem Australier, der für ein paar Monate in Tonga in der Katastrophenprävention arbeitet.

Leckeres Obst und Gemüse gibt es hier reichlich – nur leider ist es bei den meisten Einwohnern nur die Beilage.

An einem Tag mieten wir uns dann aber doch ein Auto und nehmen uns einen ganzen Tag (!) Zeit für den Westteil der Insel. Wir besuchen die Stelle, wo der Holländische Segelfahrer Abel Tasman 1643 zum ersten Mal auf Tongaer traf und seine Eindrücke schriftlich festhielt. Er beschrieb sie als ein friedliches und freundliches Volk – dies können wir heute nur bestätigen.

Weiter an der Küste entlang treffen wir auf einen riesigen Felsen, der recht verloren in der Ebene steht. Wenn man nah genug an ihn herantritt, erahnt man seinen Ursprung – es handelt sich um einen Korallenfelsen. Satellitenbilder vom Meer zeigen zudem, dass unweit ein solch grosses Stück Koralle im Meeresboden fehlt. Ein Tsunami muss vor langer Zeit diesen Koloss einmal abgelöst und aufs Land befördert haben. Deshalb schmücken ihn die Einheimischen auch mit dem dem Namen „Tsunami Rock“.

Ein weiteres Highlight, was wir zuvor noch nirgends auf der Welt gesehen haben, sind die Blowholes – also die „blasenden Löcher“. Auf einem 5 Kilometer breiten Küstenabschnitt trifft das Meer direkt auf Vulkangestein und formt seit eh und jeh kleine Tunnel in den Stein. Jedesmal wenn eine grosse Welle auf den Fels trifft, wird das Wasser durch die Löcher gepresst, wobei eine Art Geysir entsteht, der bis zu 30 Meter hoch werden kann. 

Einen kurzen Stop legen wir natürlich auch an der dreiköpfigen Kokosnuss ein. Also ein Baum der sich kurz vor der Krone zweiteilt und dessen einer Ast sich weiter oben noch einmal teilt. Dieses lokale Highlight hat sogar sein eigenes Sehenswürdigkeitshinweisschild am Strassenrand.

Ich kann es mal wieder nicht lassen.

Während unserer Fahrt treffen wir überall auf neugierige, nach Abwechslung und Futter gierende Hunde, in der Sonne dösende Katzen, Hühner, die ihre Küken um sich scharen und Ferkel, die ihren Schweinemamas eilig hinterher hasten. Alle laufen frei herum und die Insel kommt mir ein bisschen vor wie eine grosse Villa Kunterbunt. Nur leider ist das die Idylle, die ich mir für dieses Bild gerne vorstelle. Und die Idylle trügt, wie so oft. Alle dieser Tiere (ja alle) landen hier früher oder später im Kochtopf – die Tongaer lieben Fleischgerichte. Fleisch ist oft, sehr oft, quasi fast immer auf dem Teller. Wenigstens sind sie da konsequent und unterscheiden nicht zwischen Haus – und Nutztieren, so wie wir es in westlichen Ländern gerne tun und den Verzehr von einem Schwein als normal betrachten, einen gekochten Hund aber nie und nimmer herunterschlucken würden.

In Tonga hat man oft Schwein.
Hühner dürfen mit ins Café und behaupten sich als Ökokrümelsauger.

Als letztes wollen wir uns eine natürlichen Landbrücke anschauen. Im Gegensatz zu der Dreiköpfigen Kokosnuss ist dieser besondere Ort jedoch nicht ausgeschildert und wir brauchen mehrere Anläufe, bis wir die Brücke finden. Die Zufahrtsstrasse ist voll mit nach Jauche stinkenden Pfützen und Matsch. Beim Überqueren setzen wir mehrmals auf und müssen nachschauen, ob noch alles am Auto dran ist. Den Dreck an unseren Schuhen nehmen wir ungewollterweise mit ins Auto und stellen so sicher, dass das Fahrzeug nun einheitlich von aussen und von innen wie frisch gedüngt riecht. Michas Sportschuhe versprühen noch heute trotz Waschmachinenreinigung einen Hauch von „Eau de Ferkél“.

Am Abend nimmt uns Mike mit auf ein Feierabendbier mit ein paar Kollegen in seine Lieblingsbar. Wir wissen nicht, wie es mittlerweile auf Hawai ist, aber in Tonga gibt es sehr wohl reichlich Bier. Das lokale Gebräu ist gut, aber die Piña Colada frisch zubereitet mit echter Kokosnuss ist der absolute Traum.

Der Abend ist ein toller Abschluss zu diesem erlebnisreichen Halbtags – Ganztagesausflug. Den Ostteil der Insel wollen wir auch noch erkunden – aber nicht gleich am nächsten Tag, denn das wäre uns zu anstrengend. 

E noho rā – Tschüss auf Māori

Irgendwann ist immer Schluss. Das Touristenvisum für Neuseeland endet nach 90 Tagen. Wir haben es mit unseren 88 Tagen nahezu maximal ausgereizt und in der Zeit natürlich nicht alles, aber vieles vom Land kennengelernt. Einige unserer Erlebnisse, die Treffen mit Menschen und Tieren, die Tage in der Natur, unsere Reiseroutinen und ein paar Gedanken haben wir in diesem Blog für euch (und auch für uns) schriftlich festgehalten und mit ausgewählten Fotos gespickt. Zum Abschluss hier noch ein paar Notizen, die nicht in die bisherigen Artikel reinpassten uns aber trotzdem erwähnenswert erscheinen. 

1. Die stets aufgeschlossenen und freundlichen Menschen. Oft wurden wir gefragt, woher wir denn kommen und ob wir Hilfe benötigen, obwohl wir wahrscheinlich nicht das erste deutsche Pärchen waren, das ihnen an diesem Tag über den Weg gelaufen ist. Das finden wir bemerkenswert, da wir auch selbst auf viele Landsleute in Neuseeland trafen – vor allem junge „Work and Travel“-Reisende. Oft wurden wir von den Kiwis belächelt „Deutschland muss ja ein schlimmes, hässliches Land sein, wenn so viele von euch hierher kommen.“  

2. Die Kultur der Maori ist überall gegenwärtig, wird geschätzt und bewahrt. In Napier durften wir anlässlich einer Festivaleröffnung einem Willkommensritual beiwohnen, ebenso in Wellington. In einer Bibliothek in Rotorua hatten wir zufällig Gelegenheit, eine Haka-Vorführung zu sehen.

Der Haka – ein ritueller Tanz der Maori.

3. An den Linksverkehr gewöhnten wir uns schnell. Es gibt viele Schilder und Zeichen auf der Fahrbahn, die darauf hinweisen und den Touristen daran erinnern, dass man sich links zu halten hat. Die Strassen sind zwar meist einspurig, dafür aber recht breit. Alle paar Kilometer gibt es „Überholspuren“, falls die Schlange der Fahrzeuge hinter einem zu lang wird. Papa Schlumpf war bei maximal 110 km/h am Limit und bereits bei 80 km/h ziemlich laut, also ein eher gemütlicher Gefährte – wir wurden oft überholt.

Das grüne Signal einer Fussgängerampel in Napier. Zu Fuss gegangen wird scheinbar nur, wenn der Hund mit Frauchen Gassi geht.

4. In diesem weitläufigen Land scheint jeder ein eigenes Auto zu haben. Deshalb ist wohl auch der Nahverkehr in den Städten nicht wirklich gut ausgebaut und oft unzuverlässig. Es gibt zwar ein Busnetz, aber die Busse fahren selten. In Tauranga, einer 115.000 Einwohner zählenden Hafenstadt haben wir den letzten Bus um kurz vor 20 Uhr knapp verpasst. Dabei war es wochentags, Hochsommer und immer noch hell. In der Hauptstadt Wellington haben wir zum Teil lange und vergeblich auf Busse gewartet, obwohl sie eigentlich alle 20 Minuten kommen sollten.

5. Vor allem Dorf- und Städtenamen werden nicht selten anders ausgesprochen, als wir es aufgrund unseres Schulenglischs erwartet hätten. Das sorgte ab und zu für ein Lächeln auf der anderen Seite – die Deutschen eben 🙂

Der Takahe, noch so ein seltener Vogel, der das Fliegen verlernt hat.

6. Es scheint ein gemeinsames Ziel aller Organisationen und der Bevölkerung, dass die von europäischen Einwanderern eingeführten Tiere wie Possums, Hermeline und Ratten bis 2050 auszurotten sind, um die heimischen Vogelarten zu schützen. In Naturschutzparks sieht man alle 100 Meter Fallen und Warnhinweise, dass in der Gegend Gift ausgelegt wurde. In dieser Konsequenz haben wir das woanders noch nicht erlebt.

7. Hier gibt es den besten Joghurt, den wir je gegessen haben. Der hat uns so gut geschmeckt, das wir gerne Werbung dafür machen: Raglan Joghurt aus Kokosnussmilch- so much goodness. „Goodness“ (also etwas Gutes, Wertvolles) ist auch so ein Begriff, den wir hier häufig hörten und der auf jedem zweiten Produkt steht. Wir werden ihn wohl bleibend mit Neuseeland verbinden.

TIAKI – das bedeutet, Menschen und Orte zu schützen. 

8. Das „Tiaki“-Versprechen zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Begegnungen im Kiwi-Land. Es scheint wie eine stillschweigende Übereinkunft aller Einheimischen – egal ob Maori, Einwanderer der ersten Generation oder Neuankömmlinge zu sein. Alle eint der Stolz und das Wissen um die Verantwortung für ihr Land, es achtsam und so zu behandeln, das auch die Kinder und deren Kinder diese heutige Vielfalt und Schönheit erleben können. Nie haben wir Aggressivität, Egoismus oder soziale Kälte unter den Einheimischen wahrgenommen. Wir spürten vielmehr gegenseitige Rücksichtnahme, einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn sowie den Respekt gegenüber den Menschen und der Natur. 

TIAKI – das sind keine leeren Worthülsen in Neuseeland  – es ist gelebter Alltag. 

TIAKI – das Versprechen packen wir in unsere Rucksäcke und tragen es in die anderen Orte, die wir noch bereisen wollen. Denn nicht nur Neuseeland, alle Länder, jeder einzelne Mensch, jedes Lebewesen, die gesamte Natur um uns herum ist kostbar. 

Durch den Süden mit Papa Schlumpf

Die Tage der Busreisen, des Trampens und Zeltens waren Anfang März schlagartig vorbei. Denn von da an begleitete uns Papa Schlumpf. Es hätte auch Clark Kent, Cinderella oder Mary Poppins sein können. Aber uns wurde eben „Papa Smurf“ zugeteilt. 

Papa Schlumpf war unser Camper – das Autovermietungsunternehmen gab jedem Fahrzeug einen individuellen Namen und dieser war auf der Fahrertür sichtbar. Wir haben auf der Reise viele andere Autos des selben Vermieters gesehen, aber niemand hatte einen so drolligen, sympathischen und oft ein Lächeln erzeugenden Gefährten wie wir. Ausserdem fand ich, das der Name sehr gut zu Micha passte. 🙂

Papa Schlumpf war wie viele Camper in Neuseeland ein Toyota Estima. Dieses Modell, hergestellt in den 90er Jahren kannten wir aus Europa nicht. Er war im Prinzip einmal ein Familienauto, ein Minivan mit drei Sitzreihen und wurde umgebaut in einen Campervan. Ihn als Wohnmobil zu bezeichnen wäre übertrieben, Papa Schlumpf war nüchtern betrachtet nur ein Auto  – und doch war er noch so viel mehr. Er brachte uns nicht nur wohlbehalten über die Südinsel Neuseelands, er war unser Schlafzimmer, unser Kleiderschrank, das Wohnzimmer, die Küche und die Vorratskammer – all dies auf vielleicht sieben Quadratmetern. Und er war mit 336 000 km in den Strümpfen zurecht ein Senior.

Abgeholt haben wir ihn am Flughafen von Christchurch. Wir freuten uns über den plötzlichen Komfort, der mit ihm kam – es gab für vier Personen Teller, Schälchen, Besteck und Gläser, einen Topf, eine Pfanne und zwei Campingkocher, zwei Klappstühle und einen Tisch. Des weiteren gehörten Bettzeug bestehend aus einem Laken, einer Decke und zwei richtigen Kopfkissen dazu. Wie werden wir ab nun dinieren und schlafen! Ein weiterer Luxus eines Autos besteht natürlich darin, dass wir nicht mehr gehen und unser Gepäck tragen müssen…. und die Einkäufe auch nicht. 

Einen solch langen Kassenzettel hatten wir in Neuseeland noch nie.

Unser Kaufrausch des ersten Supermarktbesuchs wurde nur durch die Einschränkung der drohenden Verderblichkeit der Lebensmittel gezügelt. Einen Minikühlschrank hatte Papa Schlumpf im Gegensatz zu den echten Wohnmobilen leider nicht.

Mit Papa Schlumpf erkundeten wir in 6 Wochen die Südinsel Neuseelands. Er brachte uns an Orte, die wir ohne ihn wahrscheinlich nicht gesehen hätten. 

Einer der ersten tollen kleinen Campingplätze war der am „Lake McGregor“.  Den kleinen Nachbarsee des weitaus grösseren „Lake Tekapo“ konnten wir leicht in ein paar Stunden zu Fuss umrunden. Die Sonne lies das trockene Gras in einem unglaublich schönen Goldton erstrahlen.

Keine 70 Kilometer Luftlinie entfernt sah die Landschaft schon ganz anders aus – am Fusse des Mount Cook (dem mit 3.724 Höhenmetern grössten Berg Neuseelands) gab es einige Gletscherseen zu entdecken. Trotz mehreren Schichten an Kleidungsstücken fühlten wir uns neben den Eisbrocken, die im Wasser herum schwammen, wie zwei Zitronenscheiben in einem von Eis gekühlten Longdrink. Nahmen wir uns sonst immer viel Zeit für unsere Wanderungen, für die Strecke zurück an den Parkplatz brauchten wir nicht lange – Papa Schlumpf lockte mit seiner warmen Luft aus der Klimaanlage. 

In Neuseeland kann man die unterschiedlichsten Landschaften auf recht engem Raum bewundern. Nach der Hochebene mit seinen vielen verträumt grasenden Schafen und dem Abstecher in die Gletscherregion schlumpften wir uns auf den Weg an die Westküste an einen der berühmtesten Fjorde Neuseelands  – dem „Milford Sound“. Allein schon die Fahrt dahin war beeindruckend. Genau wie alle anderen Touristen, hielten auch wir mehrmals für Fotostops an – so schön war die Strecke. 

Die Gegend gefiel uns so gut, dass wir mehrere Tage hier blieben und noch einige Wanderungen unternahmen.

Wir genossen die Freiheit und die Flexibilität, die uns unser fahrendes Zuhause schenkte – wir mussten früh morgens noch nicht wissen, wo wir abends schlafen werden, denn offizielle Stellplätze für Camper gab es genügend. Im Vergleich zu der Zeit ohne Auto war das ein weiterer kleiner Luxus. Wir kamen recht schnell zu den Campingplätzen und, was manchmal umso wichtiger war, auch schnell wieder weg.

Zwei mal sind wir früh morgens regelrecht geflüchtet – und Schuld daran waren ausschliesslich die Sandflies – das sind kleine äusserst bluthungrige Biester, die einem den schönsten Campingplatz verderben können. Sandfliegen gibt es an vielen Orten in Neuseeland – gebissen wurden wir unterwegs schon oft. Aber es gibt Gegenden, da kommen sie in Scharen vor und da sind sie besonders skrupellos mit ihrer Beute.

Kleiner Exkurs: Der Legende nach hat der Gott Tu-te-raki-whanoa die Fjordlandschaft so atemberaubend schön geschaffen, dass sie die Menschen davon abhielt, zu arbeiten und sie nur voller Ehrfurcht staunten. Die Göttin Hinenuitepo wurde deswegen so wütend auf diese unproduktiven Menschen, dass sie die Sandfliegen kreierte, um sie zu beissen und sie so wieder in Bewegung zu setzen.

Eine dieser Gegenden im Fiordland National Park ist das Hollyford-Tal. Die Tür nur kurz aufgemacht und schwupp sind mindestens 20 der fiesen „Fliegen“ im Auto. Und es blieb ja nicht bei denen, die schon drin waren. Da wir noch mitten im neuseeländischen Sommer waren, mussten wir zum Schlafen unbedingt die Fenster ein bisschen auflassen, sonst hätten wir uns bald wie in einem Gewächshaus gefühlt. Ich dachte immer, Insekten werden von Licht angelockt, aber Mücken und Sandfliegen müssen wohl einen sehr guten Geruchssinn haben. Wir konnten sie beobachten, wie Sie den kleinen Spalt im Fenster finden und hineinschwirrten. Ans Schlafen war nicht zu denken.

Wir legten also eine gute Schicht Mückenspray auf und versuchten es dann nochmals mit der Nachtruhe. Erfolglos. Zum einen bereitete uns unser neues „Parfüm“ Übelkeit und zum anderen ist es zwar nett, wenn die Mücken sich nicht auf deiner Haut zum Essen niederlassen, aber es ist umso nerviger, wenn sie nun verzweifelt versuchen, eine jungfräuliche Stelle auf deiner Haut zu finden und unentwegt an deinen Ohren vorbei summen. Also wurden nun die Ohrstöpsel rausgekramt. Micha bevorzugte die Version des halben Kopfkissens über dem Ohr. Irgendwann mitten in der Nacht müssen wir dann so eingeschlafen sein. Dies waren die kürzesten Nächte überhaupt in Neuseeland. Am nächsten Morgen, sobald es ein bisschen hell war, krabbelten wir von unserem Nachtlager im Hinterbereich nach vorne auf die Sitze. Ja, auch das geht, wenn man will. Aber es sieht schon lustig aus, wenn sich ein über 1,90m grosser Mann zwischen die zwei Vordersitze nach vorne quetscht. Noch im Schlafanzug und ohne die Tür einmal aufgemacht zu haben fuhren wir los. Wir wurden das Abendessen für viele der Biester, zum frühstücken sollen sie sich doch jemanden anderen suchen. 

Im Auto unterwegs verging der März wie im Flug. Wir fanden auch mit Papa Schlumpf schnell unseren Rhythmus. Trotz der vielen unterschiedlichen Eindrücke, die tagsüber auf uns warteten, bekamen wir eine gewisse Reiseroutine. Wir wachten auf, sobald es hell wurde. Die Natur belohnte dieses frühe Munterwerden oft mit fabelhaften Sonnenaufgängen, die wir zum Teil auch direkt aus dem Auto heraus betrachten konnten.

Das morgendliche Herauskrabbeln aus dem Auto kann man auch als eine Vorstufe zu einer Yogaübung bezeichnen – denn es ist nicht immer einfach, ohne Bandscheibenschaden da raus zu kommen. Können wir zu Hause mit dem Bettenmachen warten, bis wir richtig wach sind, oder notfalls komplett darauf verzichten, so erlaubte uns Papa Schlumpf dies nicht. Bevor es irgendwie weiter ging, mussten wir das „Bett“ machen, denn schliesslich bestand die Matratze aus drei Einzelteilen, die je auf zwei Truhen und einem zusätzlichen Verlängerungsbrett aufgelegt wurden. In den zwei Truhen waren zum einen unsere Klamotten und zum anderen unser Essen sowie das Kochgeschirr. Solange wir also das „Schlafzimmer“ nutzten, hatten wir keinen Zugang zum „Kleiderschrank“ oder zur „Küche“. Sobald alles verstaut wurde, konnten wir in den Tag starten. Das Ritual des genüsslichen Frühstücks behielten wir auch mit Papa Schlumpf bei. Manchmal gesellte sich sogar das ein oder andere willkommene Tier zu uns. 

Während der Sonnenstunden unternahmen wir meist kleinere Wanderungen und besichtigten die natürlichen oder vom Menschen geschaffenen Sehenswürdigkeiten der einzelnen Regionen.

Bevor es dunkel wurde hatten wir meist unseren Stellplatz für die Nacht gefunden. Das Morgenritual wurde umgedreht und zum Abendritual. Das heisst dementsprechend erstmal in aller Ruhe das Essen machen und dieses ausgiebig geniessen. Wir hatten wirklich grosses Glück mit dem Wetter. Während unserer Reise war es meistens sonnig, es hat kaum geregnet und so konnten wir uns auch Abends draussen aufhalten.

So schön, wie der Tag begann, so ging er auch oft zu Ende – mit farbintensiven Sonnenuntergängen. 

Satt und zufrieden wären wir nun gerne ins Bett gefallen, aber zunächst mussten wir die Inneneinrichtung von Papa Schlumpf wieder umbauen – Kiste aufmachen, Bettzeug rausnehmen, dieses ausschütteln, Matratze aufbauen und beziehen. Jeden Abend die gleiche Prozedur. Unzählige Male haben wir uns dabei den Kopf gestossen. Da wurde uns bewusst, wie komfortabel so ein richtiges Schlafzimmer mit einem Bett als festen Bestandteil ist. 

Diesen logistischen Aufwand nahmen wir gern in Kauf, da wir so sehr nah an und in der Natur sein konnten. Aus dem Dachfenster von Papa Schlumpf konnten wir einige Male einen fantastischen Sternenhimmel mit unendlich vielen leuchtenden Stecknadelköpfen beobachten.

Nach fünf Wochen und rund 3.800 gefahrenen Kilometern mussten wir Anfang April unseren liebgewonnenen Gefährten wieder abgeben. Unsere Drei-Monats-Reise durch Neuseeland lag nun hinter uns und wir waren sehr froh, das Land auf so eine abwechslungsreiche Art des Reisens erlebt zu haben. Weder hätten wir die ganze Zeit im Auto, noch ausschliesslich mit Rucksack und im Zelt bzw. in Jugendherbergen / privaten Unterkünften verbringen wollen. Es war für uns genau die richtige Mischung.