Beware of Crowds …

and Keep Safe – lese ich auf einem Schild in der Nähe des Eingangs. Auf Deutsch: Nehmen Sie sich vor den Menschenmassen in Acht und passen Sie auf sich auf. Eigentlich hätte es diesen Hinweis nicht mehr gebraucht. Während unseres Aufenthaltes hier registriere ich bereits häufiger das für Mitteleuropäer seltsam anmutende Verständnis von gegenseitiger Rücksichtnahme und Höflichkeit. Die Devisen „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ und „Nach mir die Sintflut“ hätten in dieser Region ihren Ursprung haben können. Dieses latente Gefühl, dass die meisten Menschen hier permanent gestresst und primär auf ihren eigenen Vorteil fokussiert sind, habe ich seit unserer Ankunft. Vieles in diesen Tagen hier wirkt angestrengt, hektisch und wenig gelassen auf uns.

Nach der chinesischen Mauer und der verbotenen Stadt in Peking besuchen wir die wohl dritt berühmteste Sehenswürdigkeit Chinas: die Terrakotta-Armee bei Xi`an.

Umgerechnet etwa vier Euro Finderlohn hat der Bauer, der eigentlich nur einen Brunnen bauen wollte, erhalten, als er 1974 auf ein tönernes Etwas hackte. Der vermeintliche Krug entpuppte sich als Schulterteil einer Figur mit einer Öffnung für den Kopf in der Mitte. Der Bauer buddelte weiter und stieß in vier Metern Tiefe auf Pfeilspitzen, auf Reste von Waffen und lebensgroße, größtenteils zerbrochene Tonfiguren. Er war auf die etwa 2200 Jahre alten Grabanlagen des ersten Kaisers von China gestossen, eine der grössten archäologischen Sensationen des 20. Jahrhunderts, welche seit 1987 als Unesco-Weltkulturerbe geschützt sind.

Die Ausmasse der Grabanlagen werden auf 90 Quadratkilometer geschätzt, von denen bisher gerade einmal ein Viertel freigelegt ist. Manche Grabhügel sind gar keine, sondern nur Täuschungsmanöver ihres Bauherrn, um mögliche Grabräuber zu verwirren. Niemand sollte die Lage der Ruhestätte von Qin Shi Huangdi (259-210 v. Chr.), des ersten Kaisers und Gründers der rund tausend Jahre währenden Qin-Dynastie, kennen. Der eigentliche Grabhügel ist mittlerweile identifiziert, bleibt jedoch bis auf weiteres unangetastet. Über die Gründe kann spekuliert werden.

Die Ausgrabungsstätte, die Museum und Vergnügungspark in einem ist, liegt etwa 40 Kilometer nordöstlich von Xi`an. Jana und ich steigen in einen der vielen Busse in diese Richtung und vertrauen auf unsere Offline Karte im Handy, das wir an der richtigen Haltestelle aussteigen. Unsere Bedenken zerstreuen sich, denn auch viele Chinesen pilgern an diesen Ort. Wir brauchen uns ihnen nur anzuschliessen und dem Menschenstrom folgen. Nachdem wir jeder 100 Yuan (rund 13 Euro) Eintritt bezahlt haben, geht es Richtung Halle 1, dem überdachten Riesenkomplex der Hauptausstellung. Hier sind einige hundert Soldaten in Reih und Glied stehend zu beobachten. Insgesamt werden rund 8.000 von ihnen im gesamten Areal vermutet. Beeindruckend wie filigran unterschiedlich sie im Gesicht und an den Händen gearbeitet sind. Sie wurden individuell hergestellt, jedes Antlitz ist einmalig. Der Korpus ist hingegen bei allen identisch, er wurde bereits damals schon in Masse produziert.  

Sie sind in einer Schlachtordnung aufgestellt. Die ersten drei Reihen bilden etwa 200 Bogenschützen. Dahinter folgen tausende Grabkrieger, von denen jedoch nicht alle restauriert und zusehen sind. An vielen Stellen ist ersichtlich wie die Archäologen noch bei der Arbeit sind. Einige Streitwagen aus Holz sind im Zentrum positioniert. An den äusseren Flanken sichern nach außen gerichtete Armbrustschützen das Hauptheer ab. Der Anblick des riesigen Raumes mit all den Kriegern beeindruckt mich tief. 

Die Waffen, die jeder der Tonkrieger in den Händen trägt, sind übrigens echte Waffen, keine Attrappen. Sie sind voll einsatzbereit und könnten im Kampf benutzt werden. Forscher haben festgestellt, dass sie extra für die stummen Krieger hergestellt wurden – es gibt keinerlei Gebrauchsspuren an ihnen. Bei den Legierungen der einsetzbaren Waffen handelt es sich um Materialverbindungen, die so in Europa erst einige hundert Jahre später „erfunden“ wurden. Ich staune über das Wissen der alten Chinesen und die viele Arbeit, die sie in diese Armee gesteckt haben. Angeblich sollen 700.000 Menschen über mindestens zehn Jahre daran gearbeitet haben.

Um einzelne Kämpfer sowie Streitwagen aus Bronze aus der Nähe betrachten zu können, wechseln wir die Ausstellung. Keine gute Idee. Noch nie habe ich in einem Museum einen so vollen Raum gesehen. Das Gedrängel und Geschiebe der vielen Menschen ist extrem unangenehm. Die Besucher versuchen für ihr Foto, so nah wie möglich an die Ausstellungsstücke heranzukommen und schubsen sich unentwegt nach vorne. Da ich den Durchschnittschinesen in der Körperhöhe um mindestens einen Kopf überrage, recke ich beide Arme, das Smartphone festhaltend, nach oben und schiesse ein paar Schnappschüsse aus einer etwas höheren Perspektive. Die Stimmung hier trübt die Freude an diesem Besuch und reduziert meinen Wissensdurst. Nichts wie raus hier.

In der Hoffnung auf eine kleine mentale Erholung verlassen wir die Museumsanlage und wollen uns den Grabhügel anschauen. Einen direkten Weg gibt es jedoch nicht. Wir werden zwangsweise durch mehrere Gässchen voller Essenstände und Einkaufsmöglichkeiten geschleust. Es gibt viele kleine lokale Stände, aber auch die bekannten westlichen Fastfood- und Coffeeshops sind präsent. Jedoch haben die Parkplaner für unseren Geschmack übertrieben. Die vollgestopfte Einkaufsmeile lädt weder zum entspannten Shoppen noch zum Verweilen ein. An dem aromatischen Duft, der aus einem Café strömt, gehen wir vorbei – es ist uns einfach zu hektisch. Das Durchqueren dieser Meile fühlt sich an wie ein Spiessrutenlauf – zwar ohne Krieger, dafür mit vielen lautstarken Konsumenten, Verkäufern und billigem Kitsch zu überteuerten Preisen.

Gerade weil es nichts zu sehen gibt, ist es angenehm ruhig hier.

Nach etwa einem Kilometer Fussmarsch erreichen wir endlich den Shuttlebus, der uns zu dem weiter entfernt liegenden eigentlichen Grabhügel bringt. Dort angekommen, bleibt uns nur festzustellen, das es ausser einer sich noch im Bau befindlichen riesigen Parkanlage nichts Konkretes zu sehen gibt. Das Grab des ersten Kaisers ist nicht ausgeschildert. Es auf individuellen Wegen zu erkunden ist natürlich nicht gestattet. Die Absperrungen und Sicherheitskameras weisen unmissverständlich darauf hin. Etwas enttäuscht und müde von den langen Wegen und den vielen Menschen machen wir uns auf den Heimweg. Mein Smartphone wird mir am Ende des Tages anzeigen, das wir 15,6 Kilometer zurückgelegt haben.

Auf dem Rückweg zu unserem Hotel kaufen wir noch etwas Obst, Nüsse, Wasser und Wein und lassen den Tag früh ausklingen.

Abendstimmung über Xi´an

Den nächsten Morgen lassen wir etwas ruhiger angehen, schlafen aus und genehmigen uns ein spätes Frühstück bestehend aus unserem Obst und den Keksen vom Vortag. Auf das angebotene Frühstück der Hotels verzichten wir in China meist: warme Nudelsuppe oder angebratener Reis ist auf Dauer nichts für uns. Nach acht Monaten auf Reisen wird der Wunsch nach dem gewohnten europäischen Essen zunehmend stärker. 

Da es am Abend mit dem Nachtzug nach Hangzhou weitergeht, checken wir erst Mittags aus dem Hotel aus. Mit dem Rucksack auf dem Rücken quasi in der offenen Tür stehend, klingelt das Telefon. Zwei Minuten nach Zwölf werden wir freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass „Tscheek A Taiiiiiim“ um 12 Uhr ist. Das irritiert mich nur kurz, da ich mich inzwischen auf die chinesischen Gepflogenheiten eingestellt habe.

Vor einem der vier Eingangstore der Stadtmauer.

Wir parken unser Gepäck am Bahnhof und staunen über die dort direkt entlang verlaufene Stadtmauer. Mit nun leichtem Schritt suchen wir den nächsten Aufgang, der sich etwa 20 Minuten fussläufig entfernt befindet. Dort angekommen und die Stufen hinaufgestiegen, eröffnet sich ein herrlicher Blick über das alte Stadtzentrum von Xi`an. Die Stadtmauer ist mit 13,7 Kilometer Gesamtlänge die grösste des Landes. Ursprünglich im 14. Jahrhundert errichtet, wurde sie seit den Achtziger Jahren saniert und ist seit der Jahrtausendwende ein beliebtes Ausflugsziel für die Einwohner und Touristen. Uns überrascht die enorme Breite der Mauer. Von einer Zinne bis zur gegenüberliegenden Zinne sind es 12 bis 14 Meter.

Auf der Mauer, auf der Lauer….

Eine Fahrrad-Ausleihstation bietet neben den üblichen Zweirädern auch Tandems an. Ich überlege nicht lange und Jana sagt nicht schnell genug nein.

Das erste Mal fahren wir zwei Tandem und das an diesem wunderbaren und zugleich geschichtsträchtigen Ort. Diese Art der sanften Erkundung mit selbstbestimmten Pausen bei bestem Wetter bereitet uns viel Freude. Jana benötigt einige Zeit, um sich (hinter mir sitzend) daran zu gewöhnen, das sie nicht lenken, sondern nur strampeln kann. Sie gaggert und flucht abwechselnd in meine Ohren. Nach den ersten 500 Metern haben wir es aber raus und fahren geschmeidig im Gleichtakt mit wehenden Haaren auf dem Weltkulturerbe.

Bei einer Kaffeepause an einem kleinen Tempel, der sich ebenfalls auf der Mauer befindet, posieren Hochzeitspaare oder solche, die es werden wollen, um sich im optimalen Licht für Familie, Freunde und sich selbst fotografieren zu lassen. Der Vater der Braut, so hören wir von einer etwas entfernt stehenden deutschen Reiseleiterin, hat das Bestimmungsrecht über die Farbe des Brautkleides. Dem Brauch folgend präferieren die meisten scheinbar rot. Doch egal, welche Farbe sie tragen, alle sehen sie gut aus. Ich wünsche Ihnen, das sie sich an dieses besondere Ereignis auch in schwierigen Tagen erinnern.

Die 5 KM Marke steht schon.

Wir steigen wieder auf unseren Drahtesel und geniessen diesen Spätsommertag. Im Gegensatz zu der Terrakotta-Armee scheinen nur wenige Besucher auf die Mauer zu kommen. Es ist wie ein Ausflug in einen Park. Die Mauer ist selbstverständlich eine autofreie Zone, Spaziergänger schlendern gelassen umher, einige besuchen die Tempel oder sitzen im Café, einzig die Bäume fehlen uns.  Dies wäre doch eine wunderbare Strecke für einen Stadtlauf, höre ich Jana noch sagen. Am nächsten der vier Stadttore angekommen, hängen Werbeplakate, Fähnchen und stehen die ersten Versorgungsstände. Auf Nachfrage erfahren wir, dass hier oben am Folgetag tatsächlich ein Lauf geplant ist. Da sind wir aber schon wieder weg und ohne Training hätten wir es wohl auch nicht geniessen können. Doch es freut uns, dass der Gedanke absolut realistisch war.

Findet die langen Europäer 🙂

Eine recht grosse Ansammlung von Menschen ist kurz danach zu sehen. Kinder und Erwachsene üben mit einer Einheizerin Fähnchen schwingend Folklore zum bevorstehenden 70. Jahrestag der Republikgründung. Orientierungslos aber freundlich aussehende Touristen werden enthusiastisch eingeladen, sich zu beteiligen. Eine Kamera läuft irgendwo mit. Ehe wir es uns versehen, sind wir mittendrin und schwingen mit den anderen aus dieser Gruppe chinesische Fahnen und trällern zwei Lieder mit. Die Freude am gemeinsamen Singen ist unter den Anwesenden auch bei mässiger Qualität riesig. Aber darum geht es ja auch nicht. Wir lassen uns gern von der ausgelassenen Stimmung anstecken. Endlich mal eine Truppe, die locker auf uns wirkt.

Einige Kinder sprechen uns an und erklären uns, das sie ihre Englischkenntnisse verbessern wollen. Sie fragen uns nach unseren Namen, unserer Herkunft und welches unsere Lieblingsfarbe ist. Das können wir alles mühelos beantworten und fragen sie dieselben Fragen zurück. Bei der Frage nach unserer Glückszahl kommen wir jedoch ins Stocken. Mmh, meine Glückszahl? Während wir kurz darüber nachdenken müssen und uns schlussendlich für unsere Geburtstage entscheiden, kennen die Kleinen ihre persönliche Glückszahl ganz genau. Zahlen haben in diesem Land eine grosse Bedeutung und Chinesen können sehr abergläubisch sein. So ist die 8 die absolute Glückszahl bei den meisten Chinesen, denn sie sieht aus, wie das Symbol für Unendlichkeit ∞. Demnach gehen sie von unendlichem Glück aus. Deshalb fanden wohl auch die Olympischen Spiele in Peking im Jahr 2008 und deren Eröffnungsfeier am 08.08.08 um 8:08 Uhr statt. Dann wollen die Kleinen noch ein Foto mit uns und weg sind sie.

Nach drei Stunden kommen wir wieder am Ausgangspunkt an und geben dort unser Tandem ab. Das war ein wunderschöner Ausflug, der uns wegen seiner Leichtigkeit und Unbeschwertheit sehr gefallen hat. Nun haben wir noch ein paar Stunden bis der Zug abfährt. Wir wollen noch ein bisschen Proviant kaufen und auch irgendwo zu Abend essen. Jetzt ist es Zeit für die warme Nudelsuppe. Die chinesische Übersetzung zu „Wir sind Vegetarier, haben Sie Gemüse im Angebot?“ haben wir auf unserem Smartphone abgespeichert und zücken es jedes Mal im Restaurant. Heute haben wir Glück und die Auswahl an gedämpftem Gemüse und Tofu ist riesig. Wir genehmigen uns ein Tsingtao-Bier und geniessen unser Dinner ohne Menschenmassen um uns herum.

„Beware of Crowds and Keep Safe“. Nehmen Sie sich vor den Menschenmassen in Acht und passen Sie auf sich auf. Heute haben wir gelernt, dass es sich hierbei nicht nur um einen Sicherheitshinweis handelt, der vor Dieben oder Gedrängel warnen soll. Für uns ist es ab nun auch eine Empfehlung, uns mental auf die Meute einzustellen und zu schützen. Für dauerhaft konzentriert kollektives Miteinander sind wir wohl nicht geschaffen. Auf unserer nächsten Station erwartet uns eine positive Überraschung.

Oasis in the Hinterland

Nach acht Tagen Gruppenreise im Gänsemarsch und unter permanenter, strenger Aufsicht nun wieder die Freiheit zu erlangen, ist zwar ein schönes, aber auch eigenartiges Gefühl. Obwohl China zu Recht nicht mit unserem Verständnis von „Freiheit“ assoziiert werden darf. Überall sind Überwachungskameras angebracht. An jedem U-Bahn-Eingang werden Gepäck und Körper, wie wir es von Flughäfen kennen, gescannt. Im Vergleich zu Nordkorea sind die Menschen in diesem Land jedoch deutlich autonomer. Wir können uns wieder frei bewegen und selber entscheiden, wo wir unser Geld ausgeben möchten.

Die meisten aus unserer Reisegruppe beschliessen, ohne es sich gross zu überlegen, den zweistündigen Aufenthalt in Dandong, der chinesischen Grenzstadt zu Nordkorea, im Starbucks zu verbringen – im Starbucks! Die Preise sind hier ebenso absurd hoch wie in Deutschland. Die Lust auf einen richtigen Kaffee ist aber doch zu stark, als dass wir uns dem Duft und dem Wohlfühlversprechen dieser Marke entziehen können. Mit dem Getränk bekommen wir auch das WIFI-Passwort. Schwupps versinken wir nicht nur in den grossen, bequemen Sesseln, sondern auch in der uns vertrauten weiten Welt des Internets. Auch wir tippen jetzt auf unseren Smartphones herum und möchten nach über einer Woche Kommunikationsisolation der Familie zu Hause kurz Bescheid geben, dass wir wieder gut auf der anderen Seite des Grenzflusses Yalu angekommen sind.

Unsere Route in dem grossen Land. Von Dandong nach Peking sind es 850 Kilometer.

Wir verabschieden uns von den anderen Reiseteilnehmern und bleiben noch zwei weitere Tage in dem Grenzort, um uns hier einen Teil der chinesischen Mauer anzuschauen. Hier soll es nicht ganz so touristisch sein wie in der Nähe von Peking, wo es den überwiegenden Teil der Besucher hinzieht. Am nächsten Tag fahren wir also mit einem Bus eine Stunde raus aus der zweieinhalb Millionen Einwohner zählenden „kleinen“ Provinzstadt. Bei unserer Ankunft in Hushan sehen wir vor uns zunächst ein riesiges Eingangstor mit Ticketverkauf. Wir betreten die Anlage und merken schnell, dass es auch hier sehr touristisch ist, wenngleich es nur wenige andere Besucher gibt. Es scheint, als wurde auch an diesem Ort kräftig renoviert, saniert und alles so gebaut, dass auch diese Sehenswürdigkeit jede noch so grosse Masse an Touristen geschmeidig durchschleusen kann. Wie auch anderenorts, so wurde auch hier nicht gekleckert, sondern geklotzt.

This is a great wall! I want this.

Nach einem kleinen Spaziergang durch einen angelegten Park sehen wir sie: Die Mauer. Sie ist gross, aus massiven Steinblöcken gebaut und grau. Eine Mauer, wie sie sich Trump für Mexiko nicht schöner wünschen könnte. 

Das Original aus dem 15. Jahrhundert ist wohl schon lange nicht mehr zu bestaunen. Ein wenig enttäuscht von der chinesischen Sanierungswut machen wir uns trotzdem auf den ausgewiesenen Weg, der zum grossen Teil auf der Mauer selbst entlang geht.

Es ist recht beschwerlich, es gibt viele Treppen mit hohen Stufen und es geht zum Teil sehr steil bergauf. Auf dem höchsten Punkt angekommen, beruhigen wir zunächst unseren Puls und werfen erneut einen Blick auf das Land, welches wir kurz zuvor besucht haben. Zwischen den grünen Reisfeldern erkennen wir ein kleines Dorf. Zwei Menschen laufen mit einem Ochsen auf einem Schotterweg entlang. Sie sind so nah und doch so unendlich weit weg. Uns trennen nicht nur die chinesische Mauer und der Yalu Fluss, sondern auch mehrere Grenzzäune mit Warnhinweisen voneinander. Militär wacht in den kleinen türkisen Baracken auf der anderen Seite. Eine aus Holz zusammengezimmerte Hundehütte ist daneben zu sehen. Hier patrouillieren also nicht nur Scharfschützen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Der Nachtzug bringt uns zurück in die chinesische Hauptstadt und so lassen wir dieses eigenartige Nordkorea nun endgültig hinter uns. Wir kommen am Folgetag früh morgens in Peking an. Alles, was wir an diesem Tag machen müssen, ist, unser Gepäck abzuholen und auf den nächsten Nachtzug zu warten. Wir haben einige Sachen, die wir nicht nach Nordkorea mitnehmen wollten (unseren Laptop) oder durften (Bücher über das Land) in der Reiseagentur in Peking gelassen. Alles ist noch da – wunderbar. Nun haben wir jedoch wieder die zwei schweren Rucksäcke und keine Lust, uns damit weitere Sehenswürdigkeiten anzusehen oder den ganzen Tag am Bahnhof herumzuhängen.

Gleich in der Nähe befindet sich ein Shoppingcenter, welches wir schon kennen und von dem wir auch wissen, dass es dort ein nettes kleines Restaurant gibt. Es ist eine grosse mentale Erleichterung, sich ein wenig auszukennen und zu wissen, wo was ist. Obwohl wir es sehr geniessen auf Reisen zu sein und fortwährend neue Orte zu entdecken, merken wir auch wie kraftraubend dies manchmal sein kann. Sich stets neu zu orientieren, ständig Entscheidungen zu treffen ohne Erfahrungswerte zu haben und permanent dieser Ungewissheit des Unbekannten ausgesetzt zu sein, ist schlicht anstrengend. Da ist es auch mal schön, zu wissen, dass wir in diesem Restaurant ganz sicher einen grossen Salat bekommen und uns dort auch der Kaffee schmeckt. 

Wir verbringen den Tag mit Fotos sortieren, Blog schreiben und mit Menschen beobachten. Dabei fällt uns auf, wie sehr die jungen Leute hier auf ihr Äußeres achten. Alle haben ziemlich coole Klamotten an – graue Mäuse finden wir hier nicht. Das Auffallen scheint, zumindest für diejenigen die sich hier treffen, von hoher Bedeutung zu sein. Nun sind ironischerweise alle so individuell gekleidet, das sie im Kollektiv betrachtet schon wieder einheitlich aussehen. Draußen vor dem Shoppingcenter sehen wir einige Fotografen, die einzelne Individuen und Grüppchen im Vorbeilaufen fotografieren. Vielleicht sind sie hier auf der Suche nach neuen Trends und Models? Womöglich sind diejenigen, die hier im Laufe des Tages mehrmals an unserem Fenster vorbeistaksen, auf der Suche nach ihrer Entdeckung? Es ist ein Sehen und Gesehen werden. Auch wir fallen mit unseren großen Rucksäcken, den mittlerweile stark abgelaufenen Turnschuhen und dem müden Blick, der unsere nächtliche Zugfahrt verrät, unter all diesen bunten Vögeln auf. Wir verkörpern sozusagen den Gegentrend und werden dennoch oder gerade deshalb von niemandem fotografiert.

Der Nachtzug bringt uns nach Yinchuan – der Hauptstadt der Provinz Níngxià. Waren die ersten beiden Nachtzugfahrten in einem Sechser – Abteil ohne Türen (hard sleeper), so gönnen wir uns nun ein Ticket der nächstbesseren Kategorie – ein Vierer – Abteil mit Tür (soft sleeper). So eine Tür ist schon was Feines – hält sie nicht nur Lärm, sondern auch den Zigarettenrauch der Mitreisenden fern. Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist es beim Schlafen ständig durch den kalten Qualm einer Zigarette geweckt zu werden. Und die Chinesen in den günstigen Waggons quarzen ununterbrochen – auch nachts. 

Unsere Abteilgenossinnen sind diesmal Mutter und Tochter, die in ihre Heimat fahren. Sie sprechen kein Englisch. Dank der recht gut funktionierenden Online – Übersetzer können wir uns jedoch mit ihnen unterhalten. Wir sprechen deutsch ins Telefon hinein, die junge Stimme aus dem Smartphone quakt auf chinesisch zurück. Das es funktioniert merken wir an den Antworten der beiden Frauen. Das was die Stimme uns auf deutsch übersetzt, passt meist inhaltlich zu unseren Fragen. Nur manchmal kichern unsere Mitreisenden und halten uns das Gerät nochmal hin. Da wurde wohl der Inhalt falsch übersetzt. Die Bedeutung vieler chinesischen Wörter ergeben sich häufig nur aus dem Kontext. Wenn unsere Fragen zu kurz sind, ist es für das Programm schwierig, den Zusammenhang richtig zuzuordnen. Trotzdem sind wir begeistert von der Technik und den Möglichkeiten, die sie uns bietet.

So lernen wir auch ein chinesischen Kartenspiel kennen und spielen ein paar Runden. Im Gegenzug lehren wir den Damen das Kinderspiel „Mau Mau“. Wir schauen in fragende Gesichter. Ein deutsches Kartenspiel, was sich anhört wie der Name des grossen grausamen Führers? Wieder kichern die Beiden und sie fragen uns, warum das Kartenspiel so heißt. Hier müssen wir nun passen – wir versichern Ihnen aber, dass es ganz bestimmt Nichts mit Mao, dem längst verstorbenen kommunistischen Parteichef zu tun hat. 

An diesem Abend lernen wir die gastfreundliche und nette Seite der Chinesen kennen. Wir unterhalten uns in normaler Lautstärke, lachen mit ihnen und teilen höflich miteinander unser Essen. Jedoch begegnen wir auf unserer Reise auch Menschen, die sich anders verhalten und auf uns eher rüde oder sogar aggressiv wirken. 

Grosser Mann mit grossem Rucksack.

Dazu fällt mir eine Anekdote ein. Eine kleine Frau, die eine simple Verhaltensregel in öffentlichen Verkehrsmitteln missachtet hat: zuerst aussteigen lassen, dann einsteigen. Micha stand direkt an der Tür in dieser überfüllten U-Bahn und war der erste, der aussteigen hätten können. Wenn, ja wenn ihm nicht diese circa ein Meter fünfzig kleine Frau in den Bauch gelaufen wäre, als die Türen aufgingen. Sie hielt den Blick und damit auch den Kopf nach unten, wie ein Stier beim Angriff und versuchte sich mit all ihrer Kraft in die volle Bahn hineinzudrücken. Micha redete zunächst sanft, dann lauter auf die Frau vor sich ein, doch es half nichts. Sie schaute nicht nach oben, sie strampelte unentwegt auf Micha ein und kam doch keinen einzigen Zentimeter vorwärts. Wahrscheinlich hat ihr einer der anderen Reisenden auf chinesisch gesagt, dass sie doch bitte mal hochschauen soll. Nun sah sie den ein Meter neunzig grossen Mann vor ihr, verstand endlich und trat ein wenig zur Seite.

Yinchuan liegt rund 1.100 Kilometer westlich von Peking und befindet sich eher nicht auf dem Radar der ausländischen Touristen. Wir haben uns diesen Ort genau deshalb bewusst ausgesucht. Wie sieht das China jenseits der Top – 10 – Attraktionen aus? Wir verbringen vier Tage in der Provinz, die sich selbst als „Oasis in the Hinterland“ bezeichnet. Die Menschen kommen uns hier neugieriger vor, sprechen uns an und wollen Fotos mit uns. Eher selten besuchen solch grosse Langnasen wie wir diese Region. 

Interessant finden wir die fast tausend Jahre alten Gräber der ehemaligen Herrscher dieser Region. Die Dynastie der Xi Xia bestand zwischen 982 und 1226, war ein Vielvölkerstaat und wurde von Tanguten, Uiguren, Chinesen und Tibetern bewohnt. Ein grosses, neuerbautes Museum informiert die Besucher über die Geschichte der Xi Xia. Allerdings merken wir auch hier, dass vor allem chinesische Touristen vorbeischauen, denn an englischen Übersetzungen fehlt es meist. 

Am nächsten Tag buchen wir spontan eine Wüstentour bei einer lokalen Reiseagentur, die sich irgendetwas mit „International“ „Travel“ und „Service“ nennt. Die Verständigung klappt trotz Übersetzungsprogramm nur mässig, so dass wir hier praktisch die Katze im Sack kaufen. Wir wollen unbedingt in die Wüste. Hätten wir jedoch im Vorfeld gewusst, was uns erwartet, dann hätten wir unser Geld sicher gespart. Naja, aber das gehört ebenso zum Reisen. Auch hier merken wir wieder, dass wir als ausländische Besucher etwas besonderes sind. Ausser uns hat niemand diese englischsprachige Tour gebucht und so haben wir eine Reiseleiterin exklusiv für uns. Rita, die eigentlich Yang Rui heisst, ist eine chinesische Studentin. Ihre Sprachkenntnisse waren gut, aber sie wirkte oft etwas hilflos. Kein Wunder, wir waren ihr erstes Reisegrüppchen. 

Es erwarten uns also zwei Tage in der Wüste mit einem vollen Programm. Moment, ich korrigiere: Es erwarten uns zwei Tage in der Wüste mit einem ziemlich leeren Programm.

Rita hat kurz offline Spass.

Nachdem wir gegen Mittag am Rand der Tengger-Wüste ankommen, ein kleines aber leckeres Mittag bekommen und mit einem Geländewagen in die Wüste gebracht werden, passiert bis zum Abendessen nicht viel. Wir drehen jeweils eine Runde mit einem Monstermotorrad und einem Kamel durch den staubigen Wüstensand. Dann werden uns zwei Plastikschlitten ausgehändigt, mit denen wir die Dünen hinunterfahren können und werden fortan uns selbst überlassen. Einmal ziehen wir die Schlitten hinauf auf die nächste Düne und versuchen das Ganze sportlich zu nehmen. Rita macht es uns einmal vor und spielt dann wieder gelangweilt auf ihrem Telefon herum.

Es ist jedoch zu heiss, um den gesamten Nachmittag Schlitten zu fahren. Also laufen wir zu den zwei chinesischen Fahnen, die in einiger Entfernung auf einer anderen Düne in den Sand gesteckt wurden. Sie sind ein Ziel und spenden zumindest Schatten. 

Von hier oben haben wir einen schönen Blick auf die Wüste. Doch es kommt schnell ein Gefühl von Langeweile auf. Wir albern herum, machen Quatschfotos und kommen auf dumme Gedanken.

Was würde wohl passieren, wenn die Fahne umkippt? Gibt es vielleicht auch hier in der Wüste die omnipräsenten Überwachungskameras? Werden wir beobachtet und gelten dann als Saboteure? Wir sehen schon die Schlagzeilen in der Presse: „Deutsches Pärchen zerstört politisches Emblem in China“. Wir helfen dem Wind ein wenig nach – und schwupps, neigt sich die ehrwürdige Fahne des großes Reiches der Mitte langsam bis zum völligen Untergang dem profanen Wüstensand entgegen. Jetzt lachen wir und warten gespannt ab. Natürlich passiert rein gar nichts. Nachdem wir uns wieder beruhigt haben, rammt Micha die Fahne wieder in den Sand und wir spazieren noch ein bisschen ziellos in der Wüste herum. Immerhin haben wir mit diesem Rundgang zwei Stunden verbracht.

Wir essen früh zu Abend, schauen uns einen eher unspektakulären Sonnenuntergang an und freuen uns über die Kiste Bier, die uns unsere Reiseführerin neben das Zelt stellt. Dann fragt sie uns noch, ob sie uns die Nacht allein im Zelt lassen kann und selbst in einem Haus im nächsten Ort übernachten darf. Natürlich. Sie war sichtlich erleichtert. Mit je zwei Flaschen lauwarmen Tsingtao Bier in der einen Hand und dem Strick des Schlittens sowie Taschenlampen in der anderen, machen wir uns auf, die Wüste bei Nacht zu erobern.

Let`s dance

Es nervt. Die Museumsführerin rattert einen in- und auswendig gelernten Text im Eiltempo ohne Punkt und Komma herunter. Sie redet so schnell in diesem asiatischen Englisch, dass wir kaum etwas verstehen. Dabei lässt sie keine noch so kleine Pause zwischen zwei Sätzen zu. Es ist klar, dass wir keine Chance haben sollen, eine Frage zu stellen. Wir werden aufgefordert, jedes erwähnte Artefakt würdigend zu bestaunen und dabei gleichzeitig zügig weiter zu gehen. Ein Widerspruch, der sich leicht auflösen ließe.

Unsere zwei koranischen Betreuer Lee und Kim verfolgen jedoch einen anderen Ansatz und drängen uns, voran zu gehen. Für ihren Geschmack bleiben wir stets einen Tick zu lang vor den uns präsentierten Hinterlassenschaften des ewigen Präsidenten Kim Il Sung stehen. Ständig hören wir es hinter uns rufen: „Gapsida“, was soviel heißt wie „Los geht’s“. Wir fühlen uns wie in einer Kindergartengruppe mit strengen Erzieherinnen alter Schule. Wer nicht der Aufforderung folgt, bekommt auch gleich ein „Balli Balli“ hinterhergerufen: „Weiter, weiter“. Der Vergleich mit dem Kindergarten hackt. Wir fühlen uns eher wie unschuldige Schäfchen, die von einem übermotivierten Border Collie jedesmal in die Hacken gebissen werden, wenn es nicht in seinem Sauseschritt weitergeht. Diese zwei Ausdrücke „Gapsida“ und „Balli Balli“ schienen die Lieblingswörter unserer koreanischen Guides zu sein. Insbesondere die jüngere der Beiden, Miss Kim, nimmt ihre Hütehundaufgabe sehr ernst, weshalb sie von uns den Spitznamen „Miss Balliballi – der Wauwau“ erhält.

Schön, aber unerbittlich: Miss Balliballi, unsere nordkoreanische Border Collie Dame

Heute ist Miss Balliballi besonders streng mit ihren Schäfchen, also uns, denn heute ist ein mit Terminen über und über vollgestopfter Tag. Für die Koreaner ist es einer der wichtigsten Feiertage des Jahres. Es ist der 9. September, der 71. Jahrestag der Republikgründung.

Nach der morgendlichen Besichtigung fährt uns der Bus zu einem grossen Platz, auf dem bereits ein buntes Treiben herrscht. Mein Blick bleibt sofort an den vielen jungen, adrett gekleideten Menschen haften. Die Frauen leuchten in ihren farbenfrohen Kleidern, die Männer wirken korrekt in weißen Hemden, roten Krawatten und Anzugshosen.

Aus grossen Lautsprechern tönt heitere Musik, sie variiert von Marschmusik über Volkslieder bis hin zu schlagerähnlichen Klängen. Die schmucken Jugendlichen tanzen miteinander und bilden gleichzeitig Formationen, die von oben betrachtet wie ein atmendes Eiskristall anmuten. 

Aus unserer Reisegruppe wagen sich die ersten hinein in das geordnete Chaos und kopieren vorsichtig engagiert die Bewegungen der rhythmisch-kreisenden Studenten. Jana und ich schauen auf den gefüllten Platz, dann uns gegenseitig an und überlegen, worauf das Ganze hier hinausläuft. Wir beschließen, Spaß zu haben und uns dem lustigen Treiben anzuschließen. Diese Art von individuellem Kontakt zu den Pjöngjangern scheint erlaubt und sogar erwünscht zu sein. Miss Balliballi arrangiert für uns den Einstieg in die Volkstanzgruppe. Ein junges Paar erwidert unser freundlichstes Lächeln. Danach schwingen Jana mit So Yuan und ich mit Ming Mi das Tanzbein.

So Yuan und Ming Mi in Aktion

Die vier bis fünf Tanzschritte sind massentauglich und selbst für einen BWLer (also ein Bewegungslegastheniker) wie mich, schnell erlernbar. Alles wird mit kontrollierter Begeisterung ohne längere Pausen hintereinander durchgetanzt. Trotz verhaltener Schrittfolgen und mässigem Tempo kommen Jana und ich schnell ins Schwitzen. Es ist schwül und wir sind etwas aufgeregt. Wer hätte das gedacht, das wir ausgerechnet in Nordkorea unseren musikalischen Bewegungsdrang würden befriedigen können? Unter den Augen der verblichenen und trotzdem omnipräsenten ewigen Präsidenten Kim Il Sung und des ewigen Generals Kim Jong Il genießen wir die aufgelockerte Abwechslung. Nach vier Tänzen bedanken wir uns artig bei unseren Tanzpartnern, die beide sehr gut englisch sprechen. Wir können jetzt aufhören, die Koreaner nicht. Noch etwa eine halbe Stunde müssen sie weiter tanzen, bis auch sie geordnet den Platz verlassen dürfen.

War das jetzt alles für die Touristen arrangiert oder hätte dieses Open-Air-Happening auch ohne uns stattgefunden?

Nach der Veranstaltung wird der gemeinsame Rückzug geordnet angetreten.

Über die Mittagszeit picknicken wir im Moranbong Park, dem grössten Stadtpark und einem beliebten Ausflugsziel der Hauptstadtbewohner. Auf mitgebrachten Decken, Campingstühlen oder einfach nur auf Treppenabsätzen lassen sich Familien, Freunde oder Pärchen nieder, um gemeinsam zu essen, zu trinken, zu lachen, sich zu unterhalten, etwas zu spielen oder zu singen. Die Stimmung ist für hiesige Verhältnisse heiter gelassen bis ausgelassen. Es fühlt sich friedlich und fröhlich an. Es scheint, als ob die Diktatur einen Moment Pause macht.

Ab und zu hören wir ein „Anyoung hashimnikka“ in unsere Richtung, welches lautmalerisch deutlich wohlklingender als das „Balli Balli“ ist. Es ist die Begrüßung, die den höchstmöglichen Grad an Respekt oder Aufrichtigkeit zeigt und wird oft bei wichtigen Gästen oder geliebten Menschen, die man lange nicht gesehen hat, verwendet.

Vor Ort erhalten wir die Lunchpakete. Die Energie brauchen wir auch, denn es herrscht volksfestähnliche Stimmung. Die herzliche Aufforderung einiger Einheimischer, sich ihnen im Gesang oder Tanz anzuschliessen, können wir uns zu ihrer und unserer Freude nicht entziehen. Die für unsere Ohren eher unpopulären Klänge animieren Jana und mich zu schlangenförmigen Bewegungen mit unseren Extremitäten, auch weil unsere jeweiligen Tanzpartner uns dazu ermutigen.

Unters Volk gemischt und mitgemacht.

Jana wird von einem Tanzpartner zum Nächsten gereicht. Ich schleiche mich heimlich davon und warte geduldig an einem Schiessstand, um mit sowas ähnlichem wie einem Luftdruckgewähr auf eine runde Scheibe zu zielen. Da ich kaum was treffe (was natürlich nur am miesen technischen Material gelegen haben kann) verliere ich schnell die Lust und lasse Anderen den Vortritt. Von weitem hören wir es schon rufen…..na….eine Idee, was das gewesen sein könnte? Unser Wauwau Miss Kim sammelt ihre Schäfchen ein und treibt die Herde zum Bus. Balli Balli. Schliesslich haben wir heute noch viel vor.

Als nächstes haben wir die Wahl zwischen einem Zirkus- oder einem Opernbesuch. Jana entscheidet sich für die auditiven, ich für die visuellen Reize. Mein letzter Zirkusbesuch war mit Maximilian als er vier Jahre alt war, also vor rund 14 Jahren. Das war in einem kleinen familienbetriebenen Wanderzirkus, in dem jeder Künstler gefühlt ein Dutzend Aufgaben wahrnehmen muss, damit es zum Überleben reicht. Heute fliegen Spitzenakrobaten vor meiner Nase durch die Luft, deren Athletik und Geschicklichkeit mich sprachlos machen. Es handelt sich um Artistik vom Feinsten im vollbesetzten Staatszirkus. Aufgrund des Feiertages können viele Schulkinder kostenfrei zuschauen.

Nun dürfen wir im Duck Barbecue Restaurant unseren Hunger stillen. Wie immer ist ein separater Tisch für Jana, mich und zwei andere Gäste vorbereitet, an dem wir vegetarische Speisen serviert bekommen. Das hat während der gesamten Reise wirklich gut geklappt. Ein lokales Schmankerl ist die typische koreanische kalte Nudelsuppe. Zum Nachtisch wird mit lauter Musik eine mit brennenden Kerzen bestückte grosse Torte in den Saal gebracht. Mister Lee, unser männlicher koreanischer Tourbegleiter, hat heute Geburtstag. Wir gratulieren ihm und freuen uns über den zusätzlichen süssen Nachtisch.

Koreanische Kalte Nudeln – das Nationalgericht

Obwohl es schon spät Abends ist, steht uns der Höhepunkt des Tages noch bevor. Nachdem wir am Vormittag Teil des Massdance, quasi dem Vorprogramm der Massgames, waren und danach im Stadtpark weiter tanzten, sind wir diesmal nur Zuschauer, wenn andere tanzen. Die Massgames sind eine seit den Sechziger Jahren vom Staat organisierte Großveranstaltung, bei der in einem Stadion eine in jeder Hinsicht gigantische Show dargeboten wird. Die Massgames stehen dieses Mal unter dem Motto „Land of the People“. An 28 Abenden im August und September können im 114.000 (früher 150.000) Zuschauer fassenden größten Stadion der Welt, dem May-Day-Stadion, rund 100.000 Darsteller, Künstler, Sportler, mehrheitlich wohl Studenten, Kinder und Jugendliche bei ihren Massenchoreografien bewundert werden. Die Vorbereitungen betragen drei Monate bei täglicher Übung (außer Sonntags). 

Normalerweise führt mich selten der Weg in ein Stadion. Ich meide sonst Großveranstaltungen jeglicher Art. Sie sind mir eher suspekt. Menschenmassen insbesondere in Stadien haben auf mich eine eher bedrohliche Wirkung. Für mich fühlt es sich an solchen Orten und in Momenten höchster Massenkonzentration so an, als wenn die schmale Schicht dessen, was wir Kultur nennen durchbrochen und das Animalische und Archaische in uns wieder die Steuerung übernimmt. Das Individuelle löst sich auf. Die Suggestion der kollektiven Macht erstarkt und bricht sich ihre Bahn.

Es ist wohl kein Zufall, dass ausgerechnet in einem der wirtschaftlich ärmsten Länder der Welt jedoch mit einer mächtigen Diktatur das größte Stadion der Welt steht. Der Einzelne zählt nichts. Jeder hat sich der Gemeinschaft und seinen politischen Führern unterzuordnen. Diese Glaubenssätze werden den Menschen hier und uns Gästen auf offene, aber auch subtile Art permanent vermittelt. Das Verrückte ist nur, das sich die Menschen in Nordkorea und bei uns im Westen darin gar nicht so sehr unterscheiden. Der renommierte Stadionarchitekt Volkwin Marg formulierte es in einem Zeit-Interview (zum lesen hier klicken) so: „In einer Demokratie wie der unsrigen fühlt sich der Einzelne als Individuum häufig schwach und machtlos…..Dieser Einzelne fühlt sich in einer Fussballarena unter Gleichgesinnten in der gleichen Emotion ungeheuer mächtig. Dieses Machtgefühl ist so begehrt wie eh und jeh. Der Mensch ist ein Schwarmwesen und wird immer gefährdet sein von der politischen, der ideologischen oder der religiösen Schwarmgeisterei verführt zu werden. „

Vielleicht erklärt das meinen Zwiespalt. Einerseits kann ich mich der euphorisierenden Gefühle als Teil dieser starken Stadion-Gemeinschaft auf Zeit auch nicht entziehen. Es fühlt sich kraftvoll und trotz der Menschenmassen sicher an. Anderseits sehe ich die Gefahr der Manipulierbarkeit von Menschen, wenn deren eigener Verstand durch kollektive Emotionen ersetzt wird. 

Hier könnt ihr das Einführungsvideo unseres Reiseveranstalters zu den Mass Games auf YouTube sehen. 

Ich freue mich jedenfalls, am Abend Zeuge dieser Vorführung und Teil dieser Emotionen zu sein. Schließlich war diese Veranstaltung, trotz meiner Bedenken zu Massenveranstaltungen, ein wesentlicher Grund für unsere Reise nach Nordkorea. Nach der Eröffnungsveranstaltung im Juni wurden sämtliche Folgetermine auf Eis gelegt. Kim Jong Un persönlich soll mit dem Ergebnis der Darbietung unzufrieden gewesen sein. Alles musste überarbeitet werden. Unser Reiseveranstalter signalisierte jedoch, dass die Darbietungen ab August wieder aufgenommen werden sollen. Aber eine Garantie gab es natürlich nicht. Da die Massgames keinen festen Rhythmus haben, manchmal zwei Jahre hintereinander und manchmal auch mit einem Abstand von 10 Jahren stattfinden, entschieden wir uns, auf gut Glück zu buchen. Und wir wurden erneut belohnt. Allein für diesen Besuch hätte sich der Trip nach Nordkorea schon gelohnt.

Zunächst fällt uns die riesige digitale Leinwand auf der gegenüberliegenden Zuschauertribüne auf. Während die Zuschauer noch ins Stadium strömen und ihren Platz suchen, schauen wir auf ein sich stets änderndes Bild an Buchstaben. 

Was wird da gezeigt, was steht da? Wir fragen nach und erfahren, dass hier die Stadtteilnamen gezeigt werden, aus denen die Kinder stammen. Welche Kinder? Na die, die die Tafeln halten. Moment, das da drüben sind gar keine Millionen von Pixel? Da sitzen uns Tausende von Kindern gegenüber, die mit Clipboards ganz analog einen Effekt erzeugen, wie von einer riesigen digitalen Anzeigetafel. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Die überwältigende Wirkung wird durch den militärisch exakten und sekundengenauen Wechsel der Schilder erzeugt. Und das ist nur das Vorprogramm bis alle Zuschauer sitzen. 

Nun beginnt die eigentliche Show. Auf dem Stadionfeld läuft vieles synchron und entfaltet seine beeindruckende Wirkung durch die schiere Masse an Protagonisten, die sich perfekt aufeinander abgestimmt ordnen, auseinander driften, dann erneut zusammen finden. Alles wird professionell durch ein dynamisches Lichtspiel sowie Propagandamusik in Szene gesetzt. Die unglaubliche Präzision, mit der alles ineinander greift, fasziniert mich. Jeder Szenen- oder Farbenwechsel, quasi jedes Bühnenbild ist perfekt und bis ins letzte Detail durchdacht.

Ein Ausschnitt der Massgames 2019 im Zeitraffer

Ich sehe ein viel höheres Level als bei Eröffnungszeremonien von Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften, die ich nur als passiver Fernsehzuschauer kenne. Es war mit Abstand die beste Performance, die ich je gesehen habe. Jana vergleicht diesen optischen mit dem geschmacklichen Genuss Schweizer Schokolade. Wer die einmal probiert hat, will danach auch nichts anders mehr naschen. Das Programm dauert etwa eineinhalb Stunden und endet mit einem Feuerwerk. Es war der fulminante Abschluss dieses Festtages und unseres Aufenthaltes in der Hauptstadt. 

Auch Wauwaus müssen mal schlafen.

Am Ende dieses ereignisreichen Tages und der Reise für die meisten unserer Gruppe lassen wir gemeinsam bei Wein und Bier im Roof Top Restaurant, in der 47. Etage unseres Hochhaushotels, die letzten Tage Revue passieren. Es besteht schnell Einigkeit, das Vieles lange in Erinnerung bleiben wird. Das Jana und ich gerade in Nordkorea so viele Gelegenheiten zum Tanzen hatten, die wir auch genutzt haben, gehört zu den Überraschungen dieser Reise.

Im Auge des Taifuns

„Wie bitte? Nach Nordkorea? Was da alles passieren kann! Siehst du kein Fernsehen?“ Die besorgten Ausrufe der Daheimgebliebenen nährten auch in uns einige Zweifel. Doch unsere Zuversicht und das Vertrauen in eine etablierte und jahrzehntelang auf dieses Land spezialisierte Reiseagentur haben uns die Entscheidung am Ende leicht gemacht. Die Neugier auf dieses abgeschottete Land verbunden mit der Chance, eigene Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln, drängen Vorbehalte in den Hintergrund. Die Mutigen sind immer die mit den besten Geschichten – also los!

Mit dem Zug von Peking nach Pjöngjang
Trotz Regen wollen wir noch ein Bild vor diesem Triumphbogen mitten in Pjöngjang

In der Mitte unserer achttägigen Reise erreicht der Taifun Lingling aus dem Süden kommend mit etwa 130 Stundenkilometern die Hauptstadt Pjöngjang und somit auch das einzige internationale Hochhaushotel, in dem die meisten ausländischen Gäste untergebracht werden – so auch wir. Die Bevölkerung hat ab Mittag arbeits-/ dienst- oder schulfrei und soll zuhause bleiben. Sämtliche für die Touristen geplanten Aktivitäten müssen ruhen. Der Vormittag war regenreich, böig und ziemlich ungemütlich. Wenn sich die Tropfen horizontal durch die Luft bewegen, hilft nur ein Ganzkörperkondom, um trocken zu bleiben. Das hatten wir nicht. 

Wir sind im Hotel und haben quasi ein vom Wetter initiierten und von der Partei diktierten  Stubenarrest. Während das staatliche Fernsehen in Dauerschleife vor den Folgen des Sturms warnt, schaue ich aus dem Fenster in der 34. Etage – es sieht ruhig aus. Der Himmel direkt über uns lässt ein paar Sonnenstrahlen durch, wirkt jedoch in wenigen Kilometern Entfernung schwarz und bedrohlich. Die Flaggen vor dem Hotel hängen schlaff herunter, kein Lüftchen weht. Auch der nahegelegene Fluss zeigt keine größeren Wellenbewegungen. Obwohl ich ein kompletter Meteorologie-Laie bin, weiss ich, dass dies kein Widerspruch sein muss. Wir befinden uns möglicherweise im Zentrum eines tropischen Wirbelsturmes – im „Auge“ des Taifuns. Der Durchzug des Auges wurde früher oft mit dem Ende des Unwetters verwechselt; Menschen, die sich währenddessen ins Freie begaben, wurden häufig vom erneut und schnell einsetzenden Sturm überrascht. 

Mir schießt ein Vergleich durch den Kopf: ich reise hier durch dieses so eigenartige Land als würde ich mich im Auge eines Taifuns befinden. Ich beobachte aus ruhiger Position alles um mich herum: die spannungsreichen Gegensätze zwischen dem von unseren Reiseleitern vermittelten offiziellen Bild Nordkoreas und dem, was wir trotz aller Filter persönlich wahrnehmen. Ich verweile in einem deutlich über dem Landesstandard ausgestattetem Hotel, während ausserhalb des luxuriösen Gästehauses das wahre Leben in all seinen Facetten pulsiert und über den Köpfen vieler Menschen schwarze Regenwolken hängen.

Der koreanische Dichter Younghill Kann beschrieb in seinem Roman „Das Grasdach“ sein Korea als Land der Morgenstille. Ich finde, das ist ein sehr poesievoller Namen für eine Region, in der ich eher Stillstand – von morgens bis abends –  spüre: politisch, ökonomisch und kulturell. Bin ich im Auge des Taifuns oder ist es hier überall so? Was passiert, wenn ich nur ein paar Schritte gehe, meinen Standort und damit auch die Perspektive ändere? Spüre ich dann einen Wind, der Veränderung mit sich bringt? 

Eigenständiges Erkunden ist keinem Touristen vergönnt. Wir haben ein enges Programm, welches keine individuellen Perspektivwechsel erlaubt. Der Reisebus chauffiert unsere Gruppe durch Pjöngjang, der etwa drei Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt des Landes. Die Strassen und Plätze sind modern, das heisst beleuchtet, gross, breit und…..leer. Der einsam auf der Kreuzung stehende Verkehrspolizist regelt, was nicht geregelt werden muss. Die Wohnhäuser, Schulen, öffentliche Gebäude und Parks scheinen durchaus zeitgemäss und in gutem Zustand zu sein. Es fehlen allerdings historische Gebäude und leuchtende Farben. Das Grau in all seinen Abstufungen kommt mir aus meiner Kindheit vertraut vor.

Wir besuchen zwei Produktionsbetriebe, zumindest werden sie uns so angekündigt. Wir schauen bei den Herstellern des Ginseng-Schnapses, sowie in einer Kosmetikfirma vorbei. Uns soll gezeigt werden, welche ökonomische Kraft sich in diesem Land in den letzten Jahren entwickelt hat.

Vor jedem Betrieb steht ein Propagandamosaik, welches einen der Kims bei seinen „Anweisungen vor Ort“ zeigt.

Bevor wir mit der Besichtigung beginnen, kleiden wir uns mit weissen Kitteln oder schlüpfen mit unseren Schuhen in kleine Plastiktüten. Nach der Verkleidung sehen wir aus wir wie Professor Brinkmann mit seiner Schwester aus der Schwarzwaldklinik.

Welche Geheimnisse werden heute gelüftet? Wir werden jeweils durch gläserne Gänge geführt. Dahinter sehen wir ebenfalls bekittelte und mit Häubchen bedeckte Arbeiterinnen, die einerseits die Abfüllanlage bedienen oder anderseits die Sortiermaschine für die Flaschen oder Kosmetiktuben in die richtige Reihe bringen, damit diese dann in passende Kartons (per Hand) verpackt werden können. Was wir sehen, hat nichts mit dem eigentlichen Herstellungsprozess der Produkte zu tun. Wir dürfen hinter einer Glasfront als Zuschauer der letzten Fertigungsstufe, der Endverpackung, beiwohnen. Zwischen uns und den anderen Gästen wechseln fragende Blicke, warum wir uns für diese paar Minuten hinter dicken Scheiben eigentlich extra Bekitteln mussten. 

Beim Verlassen des Kosmetikbetriebes fällt uns eine Tafel auf, die zeigt, dass sämtliche Mitarbeiterinnen die vorgegebenen Planziele erfüllt oder übererfüllt haben. Gesehen haben wir nur wenige von diesen fleissigen Bienchen. Überhaupt wirken diese Betriebe eher wie Showrooms, in denen die Produkte zwar präsentiert, jedoch nicht wirklich hergestellt werden. Irgendwie wirkt alles verwaist. Über die Gründe können wir nur spekulieren. Glaubhafte Antworten bekommen wir von unseren koreanischen Tourbegleitern nicht. Geht es nach ihnen, ist das normal.

Sehe ich aus dem Busfenster, fallen mir die vielen Landarbeiter auf, die einfach bekleidet mit einem Ochsenkarren in Richtung der Felder unterwegs sind. Manchmal sitzen sie auch nur am Strassenrand in der für Asien so typischen tiefen Hockhaltung, die bei mir nach wenigen Minuten zu muskelkaterähnlichen Schmerzen führen würde. Bei ihnen sieht es so selbstverständlich wie entspannt aus. Auffällig ist, dass jeder noch so kleine Grünstreifen als Anbaufläche für Getreide, Gemüse oder Obst verwendet wird. Von Traktoren oder anderem technischen Gerät, welches die harte körperliche Arbeit der Bauern entlasten könnte, nehme ich nichts wahr. In ihren Händen sehe ich Sensen, Sicheln, Hacken und Spaten. Ihre Körper lassen sich mit dem Ausdruck „vom Leben gezeichnet“ beschreiben. Manchmal erhasche ich, von meinem bequemen Bussessel aus, auch einen Blick in ihre Gesichter. Ich schaue in harte, stolze und demütige Gesichtszüge. 

Das Auge des Taifuns, die Ruhe im Zentrum, ist eben nicht die ganze Wahrheit, nur ein Teil von ihr. So wie das mir gezeigte offizielle Bild der Wirtschaft Nordkoreas nicht falsch sein muss, aber eben nur ein Teil des Gesamtbildes ist. Neben der modernen Hauptstadt und den Produktionsbetrieben sehe ich Arbeitsbedingungen, die wie aus der Frühzeit des Kapitalismus anmuten.

Unserer international gemischten Gruppe von zwanzig Reisenden wurden ein Tour-Begleiter des Veranstalters, sowie zwei Guides von koreanischer Seite zugeordnet. Auf dem Weg zur nächsten Attraktion, der Metro in Pjöngjang, erzählen sie uns von den Meisterleistungen Kim Il Sungs und seiner Sippe beim Bau und der Fertigstellung dieses technischen Glanzstückes. Uns wird erklärt, das ein Metroticket umgerechnet nur einen halben Eurocent kostet. Das wäre sehr günstig auch im weltweiten Vergleich. Jana fragt, wie hoch in unserem Gastgeberland das durchschnittliche Einkommen ist, um diesen in der Tat unschlagbaren Preis mit der Kaufkraft der hier lebenden Menschen zu vergleichen. Sie erhält keine Antwort. Auf Nachfrage wird ihre Frage somit zweifach einfach ignoriert. Tja….naja solche Details sind ja auch nicht wichtig. Schließlich kommt es auf das grosse Ganze an.

Wir betreten eine der in den siebziger Jahren gebauten Metrostationen. Die Bahnsteige liegen, in Anlehnung an die Bauweise anderer kommunistischer Länder, teilweise bis hundert Mieter tief. So können diese bei einem Fliegeralarm auch als Luftschutz- oder Atombunker dienen. Mit der Rolltreppe brauchen wir einige Minuten bis wir am Ziel angekommen sind. Die Namen der insgesamt 16 Stationen auf den zwei Linien geben uns keinen Hinweis darauf, wo wir uns eigentlich befinden, sondern sind propagandistische Erinnerungen an die historische Mission des Landes. So heissen die Haltestellen „Wiederauferstehung“, „Blühendes Licht“, „Triumphale Wiederkunft“, „Vereinigung“ oder natürlich „Sieg“.

Als wohltuend empfinde ich die werbefreie Zone in der Metro und generell im Land. Das Auge und der Geist dürfen ruhen. Der Farbenlärm oder die permanente Beschallung von torgrossen Videoleinwänden kommen hier nicht vor. Ausnahmen bilden die Statuen, Bilder und Skulpturen der unerschöpflich-kitschigen Propagandakunst. Es gibt Momente, in denen ich mich der Anziehungskraft dieser Bilder nur schwer entziehen kann. Sie wirken auf eine bestimmte Art religiös auf mich. Es gibt Bilder, in denen einer oder mehrere der hiesigen ehemaligen oder aktuellen Staatslenker ohne weiteres durch Propheten oder Heilige aus den bekannten Religionen ersetzt werden könnten und das Bild wäre stimmig.

Wir betreten die U-Bahn und setzen uns zwischen die Pjöngjanger. Unsere buntgemischte Truppe wird nicht nur von den Tourbegleitern, sondern auch von den Mitreisenden genau beobachtet. Es geschieht nicht offen. Niemand starrt uns an. Doch ich spüre die prüfenden und zugleich stolzen Blicke, als ob ich von Detektiven beobachtet werde würde. Jana lächelt ihre Sitznachbarin an und bedankt sich dafür, das diese etwas zur Seite rutscht. Sie erwidert mit starrem Blick, um ihn sofort wieder abzuwenden. Aus dem frustrierten Berliner S-Bahn-Milieu kommt mir das durchaus vertraut vor. Jedoch empfinde ich hier mehr. Die sonst so universelle Sprache der freundlichen Mimik und Gestik verfängt hier nicht. Niemand lächelt zurück, wenn wir lächeln. 

Ich versuche, dieses abwehrende, ängstliche Verhalten zu verstehen. Wer, so wie ich, in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, kann solche Verhaltensweisen gegenüber Besuchern aus den Ländern des „Klassenfeindes“  bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Nordkoreanern ist es streng verboten, spontan mit Ausländern ins Gespräch zu kommen. Ein Lächeln oder jede Art von Freundlichkeit müssten sie eventuell im Nachhinein erklären. Die Menschen fühlen sich deshalb einfach sicherer, wenn sie einen Kontakt gar nicht erst entstehen lassen. Offiziell wird das allerdings nicht bestätigt. Unser Begleiter von der Reiseagentur nickt jedoch auf meine Frage hin. Ob und wenn ja welche Folgen ein Verstoss gegen diese Regel für die Betroffenen haben kann, lässt sich nur spekulieren. Jedoch gehe ich davon aus, das es dafür keinen Orden für internationale Freundschaft geben dürfte.

Die Verfassung Nordkoreas garantiert in Abschnitt V (Grundrechte und Grundpflichten) ihren Bürgern Reise-, Meinungs-, Presse-, Versammlungs-, Demonstrations- und Vereinigungsfreiheit. Das wahre Leben sieht jedoch vollständig gegensätzlich aus. Es gibt nur eine Handvoll staatliche Propagandasender, kein Internet, keine freie Berufs- oder Studienwahl, eine sehr überschaubare Warenwelt, keine freie Wahl des Wohnortes und Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen führt zu existenzieller Bedrohung für die ganze Familie und zur Einweisung in Straf -bzw. Umerziehungslager (mehr hierzu bei Amnesty International). Von Kindesbeinen an ist das Leben vorbestimmt durch klare Verhaltensregeln, Pflichten und die mantraartigen Wiederholungen der Weisheiten der unantastbaren Führer. Da ist er wieder dieser Gegensatz zwischen Ruhe und Sturm oder Aufrichtigkeit und Falschheit.

Der Staatsgründer Kim Il Sung gilt als der Treiber der sogenannten Juche-Ideologie. Dahinter steckt die Idee, dass zur Umgestaltung der Gesellschaft ein besonderes Bewusstsein entwickelt und kultiviert werden muss. Um das „chuch’e“ (Juche) zu erreichen, braucht das koreanische Volk seinen großen Führer. Nur so kann die ganze Gesellschaft als einheitlicher sozioökonomischer Organismus das Juche ausüben, also in der Innen- und Außenpolitik selbständig auftreten und handeln. Die drei Prinzipien des Juche lauten: 1. politische Souveränität, 2. wirtschaftliche Eigenversorgung, 3. militärische Eigenständigkeit.

Die jahrhundertelange Besetzung der koreanischen Halbinsel durch fremde Mächte (Russland, China, Japan und die USA) mit dem Versuch, den Koreanern ihre Identität mit teilweise brutalsten Mitteln zu nehmen, ist die Hauptursache für eine tiefverwurzelte Angst vor jeglicher Fremdbestimmung. Diese gilt es um jeden Preis zu verhindern. Das scheint alles zu rechtfertigen, was durch Kim Il Sung und seine familiären sowie politischen Nachfahren in den letzten 70 Jahren zu verantworten ist.

„Wir müssen verstehen und daran glauben, das der Führer das Zentrum des Lebens ist und dass wir nur, wenn wir organisatorisch, ideologisch und als Genossen mit ihm verbunden sind, eine unsterbliche soziopolitische Integrität erreichen können.“ 

Kim Il Sung

Die Menschen in Nordkorea zahlen einen hohen Preis für ihre politische, wirtschaftliche und militärische Autonomie, den ihre heiligen Führer allerdings nicht bereit sind, aufzubringen. Die Entbehrungen der Bevölkerung gelten nicht für ihre Elite.

Wieder spüre ich diesen Gegensatz, diesmal ist er politisch. Ich erfahre zum zweiten Mal in meinem Leben den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie. Natürlich setze ich die ehemalige DDR nicht mit Nordkorea in allen Ausprägungen, die eine Diktatur haben kann, gleich. Dazu ging es den Menschen in der früheren DDR wirtschaftlich wesentlich besser, politische Verfolgung war nur ausnahmsweise lebensbedrohlich und der Personenkult vergleichsweise moderat. 

Ich frage mich, was mit den meisten der 24 Millionen Nordkoreaner mental passiert, wenn die Abschottung beendet wird, das Land sich öffnet für all das, was im Rest der Welt trotz bestehender Unterschiede im Detail, als wirtschaftlicher, politischer und kultureller Masstab gilt. Wenn mich die Lektüre von Büchern etwas gelehrt hat, dann ist es, das Nichts ewig hält, auch nicht die Dynastie der Kims. Die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen werden irgendwann kommen und dann fundamental sein. Freude wird sich mit Ängsten mischen. Viele Ältere werden die Veränderungen als Krise wahrnehmen. Jüngere werden die neuen Freiheiten schätzen und davon am Meisten profitieren. 

Ich erinnere mich, das sich in der ehemaligen DDR die Menschen oft ins Private zurückzogen. Michael Nast („Vom Sinn unseres Lebens“/2018) beschrieb dies so: „Dort wurden Freundschaften und Beziehungen gepflegt. Es ging darum, füreinander da zu sein. Es ging um ein Miteinander, nicht um ein Gegeneinander. Wenn man menschliche Werte lebte, verstand man sich als erfolgreich im Leben. Sie zu kultivieren war ein Statussymbol, denn Reichtum und Besitz hatte das System nicht zu bieten.“ Ich vermute, das viele Menschen in Nordkorea (vielleicht unbewusst) Ähnliches erfahren. Dieses Miteinander sollten sie sich bewahren. Das ist ihr Rückzugsort, das ist ihre kleine ruhige Welt, denn das Leben da draussen gleicht einem Taifun.

Im Reich der Mitte

Wir merken sofort, dass wir in einer gemässigten Klimazone gelandet sind. Es ist Ende August und es fühlt sich für uns auch an, wie Ende August. Es ist warm, aber nicht schwül. Der Airport Express bringt uns in die Innenstadt. Wir schauen aus den Fenstern und sind positiv überrascht über das viele Grün um uns herum. Die hier wachsenden Laub- und Nadelbäume kommen uns vertraut vor. Es ist ein bisschen so, wie nach der Landung in Berlin Schönefeld und die anschliessende Fahrt mit der S-Bahn durch den Bezirk Treptow, bevor man im Gewusel der Hauptstadt aussteigt. 

Aber eben nur ein bisschen. Der Beijing Capital Airport Express ist viel schneller und moderner als die S9 nach Spandau. Es gibt an jedem Sitz USB Stecker, um das Handy mit Strom zu versorgen, während man im kostenlosen Wifi der Bahn surft. Die Hochhäusern, an denen wir vorbei fahren, sind wesentlich höher als die Plattenbauten in Berlin. Die Strassen, die in die Hauptstadt drängen, sind hier mindestens sechsspurig. Einen Stau sehen wir nicht und überhaupt scheinen die Chinesen kein Verkehrsproblem in Peking zu haben. Die meisten Autos fahren mit Elektromotor oder Gas – sie sind leise und für die menschliche Nase recht geruchsneutral. 

Wir starten gleich am ersten Tag mit unserem Touristenprogramm. Es gibt viel zu sehen in Peking und nach den ruhigen Tagen auf Bali haben wir wieder richtig Lust auf Kultur. Unser erster Anlaufpunkt ist der Tianman Platz, bekannt auch als „Platz des Himmlischen Friedens“.

Dieser ruft jedoch seit 1989 zumindest bei uns westlichen Besuchern keine friedlichen Erinnerungen hervor. Hier wurden vor 30 Jahren Studentenproteste vom chinesischen Militär blutig niedergeschlagen.  Die genaue Opferzahl ist unbekannt. Es sollen damals mehrere Hunderte Protestierende ums Leben gekommen sein. Auffällig ist, dass es auf dem Platz selbst heute noch keine einzige Gedenktafel oder ähnliches gibt, was an das Massaker erinnert. Auch im chinesischen Internet (welches stark von der Regierung zensiert wird) kann der lokale Nutzer angeblich nur mehr oder weniger interessante touristische Informationen über den Platz lesen. Wer sich in China aufhält und etwas über das Ereignis 1989 im Internet erfahren möchte, braucht ein VPN und eine ausländische Informationsquelle. 

Alle uns bekannten Suchmaschinen und sozialen Netzwerke sind in China gesperrt. Was aber nicht heisst, dass die Chinesen internetfaul wären – ganz im Gegenteil. Sie haben nur ihre landeseigenen Seiten und Applikationen, um Informationen zu suchen, sich Nachrichten zu schreiben, Videos zu schauen und Geld zu überweisen. Und sie nutzen diese – ständig. 

Wir kommen uns mit unseren zwei bis drei Jahre alten Smartphones, den weissen Kopfhörern mit Kabelverbindung zum Telefon und mit unseren Geldscheinen vor, wie absolute Hinterwäldler. Wie bemitleidenswerte Menschen aus der Provinz oder wundersame Gesandte aus einem vergangenen Zeitalter. 

Hier ist das Bare etwas Rares.

So haben die meisten Geschäfte zwar noch Bargeld, um uns nach einem Kauf den Differenzbetrag auszuzahlen, aber wir spüren deutlich, dass diese Zahlungsart nur ungern angenommen wird. Hier in China kann wirklich alles per Smartphone bezahlt werden – vom grossen Supermarkteinkauf, über Eintrittskarten für Museen, den kleinen Snack am Kiosk bis hin zum fahrenden Händler auf der Strasse, der frisches Obst und Gemüse auf einem alten Holzkarren anbietet. Alle haben einen QR Code und alle chinesischen Käufer scheinen die Technik begeistert zu nutzen. 

Der groteske Höhepunkt dieser bargeldlosen Gesellschaft ist für uns ein alter Mann, den wir in der Metro sehen. Er ist zu schwach, um zu stehen und so setzt er sich in jedem Abteil auf den Fussboden und spielt ein paar schrille Töne auf einer heruntergekommenen Geige. Vor ihm steht eine kleine Blechschüssel für Almosen. Da aber kaum noch jemand Kleingeld mit sich herumträgt, überrascht der Mann mit Sinn für das Moderne. Um den Hals trägt er einen Anhänger, wie ihn sich Messeaussteller gerne um den Hals hängen, um ihren Namen oder das Logo ihrer Firma zur Schau zu stellen. Auf dem Anhänger des alten Mannes ist jedoch nur ein QR Code von Alipay zu sehen. Man kann dem Bettler ganz bequem per Handy eine Spende überweisen. Wie kommt er wohl an sein virtuelles Geld heran? Wer hat ihm diesen Code eingerichtet? 

Und während ich über dies nachdenke, merke ich, dass sich niemand der Fahrgäste für den bettelten „Metrokünstler“ interessiert. Alle starren ausschliesslich auf ihr Handy und wischen permanent auf der Oberfläche herum. Kurzvideos sind der absolute Hit. Maximal fünf Sekunden Aufmerksamkeit erhält ein Video, bevor es wieder weggewischt wird und der nächste kleine Film gespielt wird. Es geht um Schminktips, Mode, Technik, Haustiere und Kochen. Das Smartphone hat die Menschen hier fest im Griff. Viel mehr als bei uns zu Hause. Ein Digital Detox würde in China auf pures Unverständnis stossen. 

Fasziniert von all diesem Technikhype wollen wir gleich am ersten Abend in ein Restaurant, in dem angeblich Roboter die Gäste bedienen. Nach mehren Anläufen finden wir das Hot Pot Restaurant in der unteren Ebene eines Shopping-Centers. Hot Pot Restaurants – übersetzt: heisse Töpfe – sind nichts Neues und äusserst beliebt bei den Einheimischen.

Es sind Gaststätten, in denen in der Tischmitte ein grosser Topf steht, der mit einer (oder mehreren) Suppe(n) gefüllt wird und in die man dann von der Artischocke bis zum Zucchini alles Mögliche darin kochen kann. Das ist durchaus unterhaltsam für den Gast, ist er doch auch gleichzeitig sein eigener Küchenmeister. Als wir eintreten, werden wir von einem Kellner begrüsst und schnell durch viele Räume in eine Ecke gebracht, wo gerade ein Zweiertisch frei wurde. Er drückt uns ein Tablet in die Hand und geht davon aus, dass wir bereits wissen, wie das Konzept hier funktioniert. Wir haben jedoch keine Ahnung und er sieht uns das an. Hinterwäldler eben. 

Zum Glück kann unser Kellner sehr gut English und versteht unseren Wunsch nach vegetarischer Ernährung. Er bestellt für uns mehrere Portionen: verschiedene Gemüse, Pilze, Tofu und Nudeln. Dann geht er mit uns zu dem Stand, wo sich jeder Gast seine Sosse selbst zubereiten kann. Es gibt eine sehr abwechslungsreiche Auswahl an Dressings, Kräutern und Gewürzen.

Als wir wieder zu unserem Tisch kommen, ist alles Bestellte bereits da. Wir sind überrascht, wie schnell das Essen geliefert wurde. Vor uns stehen zwei Suppen, die permanent am Köcheln gehalten werden. Eine ist schärfer als die andere. Wir geben unsere Zutaten peu à peu in die Töpfe, warten einen Moment und fischen das Essen dann noch etwas unbeholfen im Umgang mit den Stäbchen wieder heraus. Es ist reichlich und schmeckt sehr köstlich – meine deutsche Erziehung verbietet mir, Essen übrig zu lassen, schliesslich soll es morgen ja nicht regnen.

Pappesatt, aber ein wenig enttäuscht über die vielen menschlichen Servicekräfte im Restaurant, fragen wir beim Bezahlen (mit Bargeld versteht sich) unseren Kellner nach den Robotern. Er lächelt und bringt uns in einen Raum, den wir beim Eintreten zwar schon passiert haben müssen, aber nicht bemerkten. Hinter der Glasscheibe sehen wir sie: grosse Roboterarme. Vor ihnen ein riesiges Regal, in der sich hunderte Boxen befinden. In diesen ist je eine vorbereitete Portion. Die Roboter erhalten die Bestellungen der Tablets und picken praktisch in Echtzeit die jeweiligen Boxen, in der sich das bestellte Essen befindet, heraus. Sie legen sie auf einen kleinen, unauffälligen etwa kniehohen schwarze Servicewagen, der das Essen dann selbstständig an den jeweiligen Tisch bringt. Ein perfektes Zusammenspiel. Sie sind der Grund, warum alles so schnell zu den Gästen kommt. Kellner braucht es dann aber doch noch. Sie stellen das gelieferte Essen auf den Tisch und wünschen einen guten Appetit. Und sie helfen Neuankömmlingen wie uns, sich in dieser Welt zurechtzufinden. 

Am nächsten Tag besuchen wir die „Verbotene Stadt“. Es ist der alte Kaiserpalast, zu dem das gemeine Volk bis 1924 keinen Zutritt hatte. Heute ist es eine der Top Sehenswürdigkeiten in der chinesischen Hauptstadt. Um Überfüllungen zu vermeiden, lassen die Behörden seit 2015 maximal 80.000 Besucher pro Tag zu. Zuvor waren es täglich mehr als 100.000 oder manchmal sogar 180.000 Menschen. Obwohl die Anlage riesig ist, verlaufen sich die Menschenmassen, die gleichzeitig mit uns den Palast besuchen, nicht. Es bilden sich Schlangen vor den einzelnen Gebäuden und es wird gedrängelt. Am Schönsten ist es kurz vor der Schliessung. Jetzt fällt die Abendsonne mit ihrem roten Licht auf die alten Gebäude und es gibt nur noch einige andere Touristen. Die Sicherheitskräfte müssen die Wenigen, die noch da sind, regelrecht rausdrängen. Wir sind heute die Bummelletzten.

Eine weiteres „must see“ in der Hauptstadt ist der Himmelstempel, gebaut im 15. Jahrhundert. Diese grosse Anlage symbolisiert die Beziehung zwischen Erde und Himmel, zwischen der menschlichen- und der kosmischen Welt.

Laut der traditionellen chinesischen Geografie ist der Himmel rund und die Erde quadratisch. Deshalb ist es auch möglich das Zentrum der Welt zu bestimmen und hach, wie angenehm: dieser ist in Peking und zwar genau HIER. 

Wir stehen auf dem Mittelpunkt der Erde. 

Natürlich besuchen wir auch den Neuen Sommerpalast, der im 18. Jahrhundert errichtet, im Opiumkrieg von den Briten und Franzosen zerstört und kurz danach von der Witwe des letzten chinesischen Kaisers wieder aufgebaut wurde. Diese wunderschöne, fast 300 Hektar grosse Anlage war damals für die kaiserliche Familie ein „Erholungs- und Friedensgarten“ und der bevorzugte Aufenthaltsort des Hofs in den feuchten und heissen Sommermonaten.  

Und so vergeht unsere Woche in der 21 Millionen Metropole wie im Sauseschritt. Auch wenn wir uns pro Tag nur eine Sehenswürdigkeit anschauen, kommen wir jedesmal sehr spät und recht erschöpft in unserem Hostel an. Es sind stets weite Strecken, die es zurückzulegen gilt. Wir benutzen ausschließlich die Metro, um uns in der Hauptstadt fortzubewegen und trotzdem kommen wir auf über 10 Laufkilometer pro Tag. 

Unsere müden Beine freuen sich über die 24 Stunden dauernde Zugfahrt mit dementsprechend geringen Laufeinheiten, die uns jetzt erwartet. 

Morgen kommen wir im Land der Morgenstille an. 

Zwei Berliner auf Bali

Lange hatte ich mich schon darauf gefreut, Maximilian wieder zu sehen. Mein Flieger aus Jakarta landet pünktlich auf Bali. Nur ein paar Schritte vom Inlands- zum Auslandsterminal, eine Tasse Kaffee und ich würde ihn in die Arme nehmen können. Dieser grosse Kerl, erst siebzehn aber doch schon so reif und erwachsen wirkend wie ein Marinekadett mit Schulterklappen. Ungewohnt für mich, zu jemanden aufzuschauen zu müssen. Aber bei ihm macht es mir nichts aus – im Gegenteil: ich freue mich, dass er meine Einladung, uns für etwa zehn Tage auf unserer Reise zu begleiten, angenommen hat. Manchmal wünsche ich mir, er wäre nicht so teenagermässig cool und würde mit mir mehr über seine Wünsche, Hoffnungen und Gefühle sprechen. Dann halte ich kurz inne und erinnere mich: ich war genauso….wahrscheinlich sogar noch abgeklärter nach aussen wirkend. Doch wünsche ich mir oft seine Nähe. Wenn er mir dann gegenüber sitzt, bin ich überrascht, wie schwer es mir fällt, an den Maximilian hinter der Coolness heran zu kommen. Ich erinnere mich an das, was er mir von sich erzählt, seine Freunde, Lehrer, die Musik, die er mag oder das letzte Buch, das er las. Was denkt er? Worüber freut er sich? Ist er manchmal traurig und wenn ja, warum? Kann ich ihn irgendwie unterstützen? Wir haben uns vor der grossen Reise alle paar Monate, vielleicht sieben bis achtmal im Jahr gesehen. Sein Lebensmittelpunkt ist am Stadtrand von Berlin. Das ist nicht weit von Hamburg, jedoch weit genug, um spontane Treffen am Nachmittag oder Abend auszuschliessen. Ihn zu sehen, ist immer ein Highlight für mich, auch wenn wir nur zusammensitzen und Kaffee trinken oder das von ihm geliebte Sushi gemeinsam verspeisen. Heute kann ich meine eigene Mutter besser verstehen, wenn sie sich wünscht, das wir uns öfter sehen. Ihr scheint es mit mir ähnlich zu gehen, wie mir mit meinem Sohn.

Auf der Anzeigetafel im International Airport Denpasar wird angezeigt, das Maximilians Flieger zweieinhalb Stunden Verspätung hat und damit erst kurz vor zwei Uhr morgens landen wird. Zum Glück gibt es Kaffee. Am Ende wird es drei Uhr morgens bis ich in der Ankunftshalle meine Arme nach oben strecken und ihn an mich drücken kann. Jetzt möchte ich schnell mit dem vorbestellten Taxi zur Unterkunft. Max möchte jedoch erst einmal einen Kaffee – der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – grösstes Verständnis meinerseits. Es liegt noch etwa eine Stunde Fahrtzeit bis ins Bamboo Paradise in Padang Bai vor uns. Das Gästehaus ist informiert, alles geht gut und wir fallen kurz nach vier Uhr morgens erschöpft ins Bett.

Ich geniesse die Zeit mit Maximilian. Wir schauen uns die nahegelegenen Tempel an, gönnen uns eine Massage, unternehmen Schnorchel-Ausflüge in die benachbarten Buchten und geniessen die wunderbare kulinarische Mischung aus asiatischer und westlicher Küche.

Das habe ich seit Singapur wirklich vermisst: frische Salate, eine grosse Obstauswahl, vegetarische Gerichte, die nicht nur aus frittiertem Gemüsereis oder – nudeln bestehen. Dazu gibt es jede Menge hippe Cafés und Bars, die zu mehr Pausen verleiten als eigentlich nötig wären. 

Auf einem Tagesausflug lernen wir einen Schweizer Studenten kennen, der sich mit uns das Taxi teilt, welches uns zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten im Osten von Bali führt.

Wir besuchen dabei auch die bekannte hinduistische Pura-Lempuyang-Luhur-Tempelanlage. Diese umfasst mehrere grosse und kleine Tempel auf dem Berg Lempuyang auf einer Höhe zwischen 600 und 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Besonders berühmt geworden ist dieser Ort durch den Blick durch das sogenannte Himmelstor auf den Vulkan Mount Agung. Eine Schlange von Touristen aus aller Welt zeigt an, das hier etwas ganz ausserordentliches passieren muss. Sie warten geduldig bis zu zwei Stunden, um dann in wenigen Sekunden vor dem Himmelstor mehr oder weniger alberne Posen wie ausgebreitete Arme, gegenseitige Umarmungen, den Yogabaum, den Yogasitz, den Denker sowie Gruppenbilder mit Daumen hoch oder Händen zu Herzen geformt einzunehmen. Und sie hüpfen – alle hüpfen sie. 

Wir verzichten auf die zwei stündige Wartezeit – ein Selfie tut´s auch.

Das eigentlich Auffällige ist jedoch, das die Fotos einen in der Realität nicht vorhandenen See vortäuschen, der das Motiv spiegelt. Dieser Effekt wird dadurch hervorgerufen, das während des Fotografierens ein Spiegel unter die Fotolinse gehalten wird. Dafür drücken die Besucher einem Mann einen Geldschein in die Hand, geben ihm ihr Telefon und dieser macht dann hintereinanderweg mehrere Aufnahmen. Er schreit und peitscht verbal zu Posinghochleistungen: Mach˙ne Pose, noch ne Pose und jetzt spriiiiiiing. Alle halten sich folgsam an die gebellten Befehle.

Auf Instagram sollen tausende Fotos davon zu finden sein, die dann eben gefälscht sind. Tatsächlich existiert hier ein eher schlichter grauer Steinfussboden. Imposant ist die Tempelanlage trotzdem. Bei meinem zweiten Besuch dort etwa zehn Tage später mit Jana waren wir auf dem oberen Teil der Tempelanlage. Es braucht etwa ein halbe Stunde zu Fuss bergauf. Der Lohn ist fast absolute Stille und nur wenige, überwiegend einheimische Besucher. Dafür wird man mit einem wunderbaren Ausblick in die Ferne belohnt.

Eingesammelter Müll nach unserem Schnorchelausflug. Was hat die Verpackung von Katzenstreu im Meer verloren?

Wer sich jedoch in die Nähe umschaut, sieht, wie leider sehr oft in Südostasien, sofort jede Menge Verpackungsmüll herumliegen. Hier ist es ganz besonders offensichtlich. Die bunten Plastikfolien der Kekse, die Dosen der Erfrischungsgetränke, die Wasserflaschen – was die kleinen Läden an der Strasse verkaufen, wird, sobald der Inhalt im Magen der Kunden verschwunden ist, einfach den Hang heruntergeworfen. Die lokalen Behörden und die Bevölkerung werden nicht Herr über ihren eigenen Müll. Ist es da vertretbar, dass Länder wie Deutschland ihren Abfall nach Indonesien exportieren?  

Die kleine Stadt Ubud ist der frühere Prenzlauer Berg von Bali. Tempel, Galerien, Kunsthandwerk, Cafés, Restaurants und eine üppige Anzahl von Hotels, Hostels und….. Touristen. An einem Tag unternehmen wir eine Wanderung auf dem sogenannten Campuhan Ridge Walk, ein Spazierweg unweit des Monkey Forests, den wir bewusst meiden. Die Anhöhe entspricht der Steigung der Müggelberge in Berlin-Köpenick, also eher keine sportliche Herausforderung. Dafür können wir auf dem etwa zweistündigen Spaziergang viele lokale Besucher sehen, flanieren vorbei an Kunsthandwerkläden oder luxuriösen Wellness-Oasen. Ganz nach unserem Geschmack, ihr ahnt es bereits, ist die Anzahl kleiner netter Cafés. Wir machen in einem von ihnen eine Pause und schiessen ein paar Fotos.

Nachdem Jana die Vater-Sohn-Zweisamkeit ergänzt, besuchen wir gemeinsam an der südwestlichen Spitze Balis auf der Bukit Halbinsel den Uluwatu Tempel auf einer hohen Klippe, umgeben von dem an diesem Abend ruhigen indischen Ozean. Inmitten der von zahlreichen Makakken bewachten Tempelanlage werden wir Zeuge einer allabendlich aufgeführten Tanzveranstaltung. In einem an einem alten griechischem Theater erinnernden Rund ist der traditionelle Kecak-Feuertanz zu bewundern. Über 50 Sänger sitzen im Kreis und hypnotisieren mit ihrem Cak-Cak-Gesang sich selbst und das Publikum. Die Tänzerinnen und Tänzer überraschen mit ihren prachtvollen Kostümen, wie beispielsweise der weisse Affenkönig Hannoman, der sich in der Schlussszene vor der Opferung durch das Feuer retten kann. Auch wenn es sich um eine stark touristische Veranstaltung handelt, kann ich mich dem Zauber der Darbietung bei Sonnenuntergang vor dieser Kulisse nicht entziehen. Die Stimmung ist einfach wunderschön.

Dankbar für die vielen gemeinsamen Stunden und Erlebnisse mit Maximilian, fahren wir wieder zum Flughafen, an dem ich ihn abgeholt habe. Viel zu schnell ist die Zeit mit ihm vorüber. Ich spüre beim Abschied wie meine Augen feucht werden. Er hat nichts bemerkt, glaube ich. Seltsam, das ich mit fortschreitendem Alter sentimentaler zu werden scheine. Es gibt drei Menschen auf der Welt, von denen ich hoffe, das sie mich überleben werden, da ich nicht weiss, wie ich es ohne sie aushalten würde: Jana, meine Mama und Maximilian.

Die Tauchspots an den Küsten von Bali sind traumhaft. Jana und ich beschliessen, unseren in Malaysia frisch erworbenen Tauchschein zu nutzen, um hier mehr praktische Erfahrungen zu sammeln. Paartherapeuten weisen daraufhin, das eine der wesentlichen Erfolgsfaktoren für langfristig gute Beziehungen unter anderem ein gemeinsames Hobby ist. Super – das haben wir mit dem Tauchen definitiv gefunden. Vor allem, weil wir es aus Sicherheitsgründen auch paarweise durchführen sollen. So hat es uns Kim, unsere Tauchlehrerin, beigebracht. 

Kommunikation unter Wasser beschränkt sich auf Gestik und Zunge herausstrecken. .

Mein Tipp an alle Männer, die noch nach einem gemeinsamen Hobby suchen: Unter Wasser können auch eure Frauen nicht reden (Haha – kleiner Scherz). Aber davon ganz abgesehen, ist es eines der tollsten Hobbys in der Natur, das ich mir vorstellen kann. Ich geniesse es so sehr!

In Tulamben im Nordosten Balis gehen wir zum ersten Mal Wrack- und Nachttauchen. Die grössten und eindrucksvollsten Meeresbewohner sehen wir nachts am Wrack, da sich viele Fische zum Schutz vor noch grösseren Räubern dort zum Schlafen einfinden. Die Stimmung bei einem Nachttauchgang ist unbeschreiblich. Erinnert ihr euch noch an eure erste Nachtwanderung auf Klassenfahrt? Genau wie damals fühlte ich mich. Alles sieht nachts irgendwie anders aus. Am meisten hat mich beeindruckt wie ruhig und friedlich alles wirkt. Es scheint wie eine stille Übereinkunft zwischen allen Meeresbewohnern und uns Gästen, das heute Nacht Frieden herrscht. Egal was über Wasser passiert, hier bist du sicher. Trotz 18 Metern Wasser über mir, fühlte ich mich selten so entspannt.

Kurz vor unserer Abreise wechseln wir noch einmal den Ort, um noch ein anderes Tauchgebiet kennen zu lernen. Ich kehre zurück nach Padangbai, wo ich bereits die ersten Tage mit Maximilian verbracht habe. Wir haben nur einen Tag und buchen eine spanische Tauchlehrerin, die mit uns und ihrer über 60jährigen (!) Mutter zwei Tauchgänge an einem Tag absolviert. Das Boot fährt uns über eine Stunde vom Hafen entfernt zum Mantapoint. Nach dem Eintauchen dauert es dann nicht mehr lang, bis wir die ersten drei bis vier Meter langen Mantarochen sehen.

Sie kommen sehr nah an uns heran. Unter ihnen zu schwimmen und ihre majestätisch wirkenden Flossenschwünge zu beobachten, ist ein atemberaubendes Gefühl. Ich bin zutiefst ergriffen von der Anmut ihrer Bewegungen.

Die Zeit auf Bali geht zu Ende. Die Insel ist so vielfältig wie ihr Ruf etwas zweifelhaft. Natürlich ist hier auch der Massentourismus zuhause. Dem kann man allerdings ziemlich gut aus dem Weg gehen. Die Insel ist gross genug und bietet alles, was mein Herz begehrt. Es war für mich bereits der zweite Besuch. Ich werde wieder kommen, auch wenn das länger dauern kann.

Wo es brüllt und rülpst

Der Taxifahrer findet uns. Es ist für ihn wesentlich leichter, zwei grosse hellhäutige Europäer auszumachen, als für uns, sein Auto in der Masse der Fahrzeuge wieder zu finden, dessen Nummernschild wir uns wegen der ganzen Aufregung noch nicht einmal gemerkt haben. Schon von Weitem hören wir ein stetiges Hupen. Es verrät uns, dass unser Fahrer mindestens genauso erleichtert zu sein scheint, uns gefunden zu haben, wie wir es gerade sind.

Wir steigen schnell ein, verlassen Jakarta und fahren 140 Kilometer nach Süden. Es geht ununterbrochen durch kleine Städte und Dörfer. Es gibt auf der ganzen Strecke keinen Abschnitt, der nicht besiedelt ist.

Als wir nach sechs Stunden endlich an unserem Ziel ankommen, ist es stockdunkel und alle tagaktiven Bewohner sind schon längst in ihren Betten. Dennoch werden wir freundlich von Hanneke begrüsst und erhalten eine erste kleine Einweisung von ihr. Hier ist die Küche, dort sind die Toiletten, hier der Frauen – und dort der Männerschlafsaal. Wir fallen todmüde in unsere zugewiesenen Betten und schlafen schnell sowie voller Vorfreude auf das, was kommt ein. 

Das Cikananga Wildlife Center ist eine gemeinnützige Organisation, die sich dem Schutz der in Indonesien lebenden Wildtiere verschrieben hat (Link Homepage). Es wurde 2001 gegründet und beherbergt rund 500 Individuen.  Dabei handelt es sich um Tiere, die von ignoranten Menschen aus ihrer natürlichen Umgebung herausgerissen wurden, sei es, um sie als Haustier zu halten, um sich mit ihrem Fell, ihren Zähne oder Klauen zu schmücken oder um ihre Organe in der absurden Hoffnung auf eine wundersame Heilung zu essen.

Heute im Jahr 2019, trotz der zunehmenden Bildung der Menschen, trotz all der Erkenntnisse moderner Medizin – blüht der Handel mit exotischen Tieren. Die meisten Käufer befinden sich in Asien selbst. Wenn ich das Leid der Tiere sehe, zweifele ich an der Menschheit. 

Nur das mein Zweifeln niemandem etwas nützt. Ich muss etwas tun. „Sei du die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Ein Spruch der Gandhi zugeschrieben wird und den ich als einen meiner Leitsätze betrachte. Und so spenden wir erneut einen Teil unserer Zeit, Arbeitskraft und Geld, um die Veränderung zu sein, die wir gerne in der Welt sehen würden.

  • Einige der hier aufgenommen Tiere kennen wir: Affen, Krokodile, Schildkröten und Kakadus. 
  • Von anderen haben wir noch nie etwas gehört: Kasuare (wer sie einmal erlebt hat, wird sie nie vergessen).
  • Viele sind bereits vom Aussterben bedroht: Gürteltiere, Nebelparder und Slow Loris. 
  • Anderen steht dieses Schicksal kurz bevor wie zum Beispiel dem Zwergotter (es ist in gewissen Kreisen gerade „hipp“, sich einen Otter als Haustier zu halten; mehr dazu hier: Nationalgeographie ).
Ein Hornbill – kräftig in den Schminktopf gefallen. Mit Erfolg – er ist das meistfotografierte Tier im Center.

Am ersten Tag bekommen wir nun bei Tageslicht eine ausführliche Einführung von der robusten Dame, die uns am Vorabend so herzlich empfangen hat. Hanneke ist eine nicht mehr ganz junge Holländerin und sie ist die Ansprechpartnerin für alle Freiwilligen hier. Bemerkenswert ist, dass sie mit über 50 Jahren noch eine Ausbildung im Wildtiermanagement gemacht, dann ihr Leben um 180 Grad verändert hat, um hier auf Java unter den einfachsten Bedingungen für diese Organisation zu arbeiten. „Nein“, verrät sie uns „bereut hat sie die Entscheidung nicht“. 

Bei unserem Rundgang lernen wir gleich einige der festangestellten Pfleger, der Tiere und die auf uns zu kommenden Arbeiten kennen. Hanneke freut sich, dass wir bereits Erfahrungen bei den Sonnenbären gesammelt haben und dadurch die Routine eines Tierpflegers kennen –  auch hier herrscht eine strenge „Tiere-nicht-anfassen“ Politik. Auch hier verbringen wir die ersten Stunden am Morgen mit der Futterzubereitung. Danach folgt die Reinigung der Gehege. Die Nachmittagsstunden bringen wir oft damit zu, Beschäftigungsspielzeug für die Tiere zu basteln. Soweit ähneln sich die Abläufe zu unserem letzten Freiwilligeneinsatz. 

Dennoch merken wir schnell den Unterschied zu dem Sunbear-Center auf Borneo. Während die Auffangstation für die Sonnenbären finanziell recht gut da steht, fehlt es hier ganz offensichtlich an vielem. Es gibt für all diese Tiere nur eine Handvoll festangestellte Pfleger. Die Geräte und Werkzeuge der täglichen Arbeit wurden alle schon mehrmals repariert, vieles ging kaputt oder verloren und konnte nicht wieder ersetzt werden. Einige der Gehege sind recht klein und ziemlich alt. Trotzdem geht es den Tieren hier bedeutend besser, als dort, wo sie vorher waren. Hier bekommen sie artgerechtes Futter, die Gesellschaft anderer ihrer Spezies und zumindest so viel Platz, dass sie sich bewegen können. Und was am wichtigsten ist: hier dürfen sie leben.

Unser Arbeitstag beginnt um 7 Uhr früh – Obst und Gemüse maul- beziehungsweise schnabelgerecht zu schnippeln, empfand ich schon immer als meditativ. Deshalb sitze ich gerne auf dem kleinen roten Plastikhocker und mache mich daran, den grossen blauen Korb vor mir zu füllen. Er ist für die Kasuare und die lieben circa 3 Zentimeter grosse Bananenstücke (gerne auch mit Schale) sowie Apfel-, Melonen-, Birnen-, Kaki- oder gekochte Süsskartoffelstückchen. Es dauert etwa eine Stunde bis der Korb voll ist. Danach werde ich Zeuge, wie diese Tiere all die so liebevoll von mir geschnittenen Portionen ratzfatz mit ihren Schnäbeln verschlingen.

Diesen Vögeln sollte man stets mit Respekt begegnen. Ihre Schnäbel und ihre Füsse sind gefährliche Waffen und können einen übermütigen Menschen auch schon mal töten.

Nachdem alle erstmal versorgt sind geht es nun an das Reinigen. Wir Freiwilligen wechseln uns täglich ab, damit jeder mal die weniger dreckigen und jeder auch mal die stark verschmutzten Gehege reinigen darf. Es gibt Tiere, die sind sehr sauber und machen ihr Geschäft nur in eine Ecke und es gibt Schmutzfinken, die hinterlassen jeden Tag einen wahren Saustall. Zudem ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Stoffwechselendprodukte der Fleischfresser wesentlich unangenehmer riechen, als die eines sich vorwiegend von Obst und Gemüse ernährenden Bären. Wir bekommen Masken, damit uns nicht allzu übel wird. 

Am anstrengendsten empfinde ich jedoch die Reinigung der Gehege der Siamang. Im Wildlife Center leben aktuell vier dieser Primaten, die zur Familie der Gibbons gehören. Charakteristisch für diese Tiere ist ihr grosser, aufblasbarer Kehlsack mit dem sie ohrenbetäubende „Gesänge“ von sich geben können.

Jedesmal, wenn sich ein Mensch ihrem Gehege nähert, legt erst einer los und alle anderen stimmen ein. Ihre Stimmgewalt nutzen die Siamang, um im Regenwald über weite Distanzen miteinander zu kommunizieren. Für mich klingt das in nächster Nähe wie ein direkt vor mir haltender Notarztwagen, der weder seine Sirene abstellen noch weiterfahren will. So als wäre ich der zukünftige Patient, der jedoch erstmal einen Gehörsturz verpasst bekommt, um dann vom Verursacher des Übels gerettet und abtransportiert zu werden.

Es ist für mich absolut nicht nachvollziehbar, warum man sich freiwillig eine solch nervtötende Spezies als Haustier hält. Wer es gerne laut um sich hat, dem empfehle eine Katze zu adoptieren – wenn die richtig Hunger hat, kann auch sie schreien, dass einem die Ohren weh tun. Wer meinen Kater „Gordi“ kennt, der weiss wovon ich schreibe.

Die Nachmittage gestalten sich im Cikananga Wildlife Center sehr abwechslungsreich – je nachdem, was gerade am Dringendsten benötigt wird, suchen wir nach frischen Blättern als Spiel- oder Nestmaterial, bauen Behausungen oder lernen, wie man ein Krokodil fängt. 

Das Bauen von Dingen macht uns am meisten Spass. Wir sägen, schrauben, fädeln und feilen. Das uns zur Verfügung stehende Material ist spärlich. Der Werkzeugkasten ist eher halb leer als halb voll. Aber es ist genau das, was den Reiz ausmacht. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg und eine kreative Lösung findet sich immer.

Die Otter sind ganz ausser sich, als sie unser handgefertigtes Floss erhalten. Mit Micha gemeinsam etwas geschaffen zu haben, was anderen Lebewesen so viel Freude bereitet, sind für mich die schönsten Momente. 

Gegen 16 Uhr endet unsere Arbeitszeit. Wie üblich gibt es am frühen Abend die letzte Mahlzeit des Tages. Wir sitzen mit den anderen Freiwilligen zusammen, unterhalten uns, spielen Karten, einige von uns lesen.

Plötzlich schrecken die Hunde, die gerade so friedlich unter dem Tisch geschlafen haben, auf und beginnen, wie verrückt in die Luft zu bellen, jeder in eine andere Richtung. Keiner von uns versteht den Grund ihrer Aufregung. Wir sehen niemanden, vor dem sie uns warnen müssen. Liegt es an der Waschmaschine, die gerade in den Schleudergang überging und den Boden leicht wackeln lässt? Moment mal: die Waschmaschine steht doch gar nicht hier. Bevor ich diesen Gedanken weiter verfolgen kann, kommen auch schon die einheimischen Frauen, die für uns Kochen und sicher gerade mit dem Geschirrabwaschen beschäftigt waren, aus der Küche heraus gerannt. Wir starren auch sie mit weit geöffneten Augen und unverständlichen Blicken an. Sie rufen uns zu: „Kommt raus hier, dies ist ein Erdbeben!“. 

Endlich verstehen auch wir und bewegen uns so schnell wir können raus aus dem Essbereich, raus in die nicht überdachte Natur. Die Erde vibriert jetzt ganz schön doll. Es fühlt sich, als würden wir auf dem aufgeblähten Bauch eines Riesen sitzen, der gerade ein genüssliches Bäuerchen nach einem üppigen Mahl von sich gibt. Bevor ich es richtig begreife ist es auch schon wieder vorüber. Später lesen wir, dass wir heute Abend Zeugen eines Seebebens waren, das nicht weit von der Küste in etwa 10 Kilometer Tiefe einen Wert von 6,9 auf der Richterskala erreicht hatte.

Indonesien liegt wie viele unserer bereits bereisten Länder auf dem sogenannten Feuerring. Täglich gibt es hier mehrere Erdbeben. Glücklicherweise führen nur die wenigsten zu den fatalen Folgen, die uns unbekümmerten Europäern Chips knabbernd im Fernsehsessel als Unterbrechung unseres geliebten Abendprogramms in Form einer Eilmeldung präsentiert werden. Für die Menschen hier sind sie jedoch jedesmal eine ernstzunehmende Bedrohung. Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, warum viele Menschen hier trotz vieler materieller Defizite insgesamt zufriedener mit ihrem Leben wirken als manch Artgenosse zu Hause. Sie werden regelmässig daran erinnert, dass der Status Quo, das Zuhause oder gar die Existenz jederzeit innerhalb von Sekunden zerstört werden können. Jeden Tag, den sie also gesund und unbeschadet erleben dürfen, lässt sie dankbar sein.

Ich bin froh, dass es bei uns stets nur der Schleudergang der Waschmaschine ist, der unseren Boden wackeln lässt. Ich nehme mir vor, jedesmal wenn ich in Zukunft diese Vibration spüre, dankbar für das Leben zu sein, welches ich Zuhause leben darf.

Am nächsten Morgen stehe ich bereits um 5 Uhr auf, um mich von Micha zu verabschieden. Er hat einen besonderen Termin. Ich freue mich sehr für ihn, wünsche ihm einen guten Flug und eine tolle Zeit. In einer Woche sehen wir uns wieder. Falls du dort, wo du bist, in der Ferne einen Siamang brüllen hörst, dann weisst du, das ich es bin, die an dich denkt!

Die einzige Chance

Das ist unsere einzige Chance. Das muss klappen. 

Dies ist der Plan: Wir landen um 10.35 Uhr in Jakarta und werden von einem Fahrer abgeholt. Um 13 Uhr haben wir einen Termin in der Visastelle der chinesischen Botschaft. Laut Google Maps braucht man mit Auto für diese dreissig Kilometer weite Strecke lediglich 45 Minuten. Wir haben dreieinhalb Stunden eingeplant. Das sollte doch reichen.

Wir starten früh in Kuala Lumpur.
Vom Flughafen zur Botschaft in 42 Minuten (theoretisch).

Und hier nun die Realität: Wir landen planmässig gegen 10.30 Uhr in Jakarta, kommen gut durch die ganzen Einreisekontrollen und begeben uns dann in freudiger Erwartung zur Ausgangshalle. Da stehen die unterschiedlichsten Menschen und warten auf die Ankommenden.  Wie überall auf der Welt halten viele von ihnen Zettel mit Namen hoch. Aber unsere Namen finden wir darunter nicht. Wir quetschen uns durch das Gewusel, stellen unsere Rucksäcke ab und warten. Auch hier ist es heiss und es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit. Wir kaufen uns erstmal etwas zu trinken und warten geduldig. Irgendwann läuft ein kleiner Mann mit einem Zettel an Micha vorbei. Wir quatschen ihn an und tatsächlich, da stehen unsere Namen auf dem Blatt Papier. Wir haben uns also gefunden. Es ist mittlerweile 11.30 Uhr. Alles ist in Ordnung, wir können los. 

Unser Fahrer kann kein Englisch, weiss jedoch von dem Termin. Er zeigt uns auf der Karte das Stadtzentrum von Jakarta und sagt etwas, dass wie „Embassy China“ klingt. Wir bestätigen mehrmals per Handzeichen und Mimik, dass wir tatsächlich erstmal dort hin wollen. Die ersten paar Kilometer kommen wir gut voran. Wenn es so weiter geht, dann haben wir sogar noch Zeit für einen kurzen Stop, um etwas zu essen. Schliesslich hat der Tag für uns heute sehr früh angefangen und unsere Mägen knurren schon. Doch mir wird schnell klar, dass aus der erhofften Mittagspause nichts wird. Schon verdichtet sich der Verkehr, wir werden immer langsamer und bald schon geht es nur noch stockend vorwärts – oder garnicht mehr. Willkommen in Jakarta. Es gibt internationale Rankings, da steht die 10-Millionen-Einwohner-Stadt auf Platz eins gemessen an den Verkehrsproblemen.

Ein Weitwinkelfoto von einem ganz normalen Motorrad-Parkplatz.

Ich schaue aus dem Auto und denke an deutsche Städte (von Schweizer Städtchen will ich garnicht erst träumen). Ja, auch bei uns gibt es Stosszeiten mit viel Verkehr. Es passieren Unfälle und es gibt Baustellen, die Stau oder Stop & Go verursachen. Aber das Ausmaß des Verkehrs in der Heimat ist nicht vergleichbar mit dem Chaos, das ich hier beobachte. Es sind nicht nur die vielen Autos und Busse – unentwegt versuchen sich Massen von Motorradfahrern an uns vorbei zu schlängeln und blockieren den Verkehr so nur noch um so mehr. Ampeln oder Verkehrsregeln, die es zu befolgen gilt, scheint es hier nicht zu geben. Polizisten versuchen den Verkehr angestrengt zu regeln, aber sie können der Lawine an Blech, Kunststoffen und Reifen nicht Herr werden. Sie ergänzen das dröhnende Hupkonzert lediglich mit ihren schrillen Tönen aus den Trillerpfeifen. Wie schaffen es die Menschen, die hier leben und arbeiten, diesen Verkehr täglich zu ertragen? Ärgern sie sich? Fluchen oder schimpfen sie gar? Oder nehmen sie es einfach hin? Sehen sie es als normal an? Oder nehmen sie es gar mit Humor? Sicher wird es auch hier solche und solche Menschen geben. Es wird Tage geben, da kann der Einzelne damit besser umgehen, als an anderen Tagen. Eins ist klar, tauschen möchte ich auf keinen Fall mit den Bewohnern von Jakarta. Und wie ich so aus dem Fenster schaue, vergeht eine weitere Stunde. Mein Handy zeigt an, dass wir nur noch 10 Kilometer entfernt sind. Wir sollten es schaffen, pünktlich zu kommen. 

Das ist sehr wichtig, denn es ist unsere einzige Chance, an ein Visum für China zu kommen. Das Reich der Mitte macht es den Touristen nicht unbedingt leicht. Stellen andere Länder ganz unkompliziert und schnell E-Visa aus (oder vergeben das Visum bei der Ankunft am Flughafen), muss jeder Reisende, der in die Volksrepublik möchte, persönlich zu einer chinesischen Botschaft gehen, seine Flugtickets (Einreise und Ausreise), einen Reiseplan mit gebuchten Hotels vorweisen, zwei biometrische Passfotos und seinen Pass abgeben. Die Bearbeitungszeit dauert dann circa 4 Tage. Zudem kann man nicht einfach spontan zur Botschaft gehen. Man muss sich vorab online einen Termin für die Beantragung geben lassen. Unser Zeitfenster ist heute von 13 – 13.30 Uhr. Entweder klappt es also hier und jetzt, oder wir haben unsere Flugtickets nach und aus China umsonst gekauft und knapp 1.000 Euro in den Sand gesetzt. Kein schöner Gedanke. 

Da steht es schwarz auf weiss: 13-13.30 Uhr

Zum Glück geht es mittlerweile wieder etwas schneller vorwärts. Als wir nur noch 500 Meter von unserem Ziel entfernt sind, ist es 12.50 Uhr und ich lege mein Handy beruhigt zur Seite und beobachte weiter den Verkehr. Es wird viel gehupt, es ist chaotisch und staubig. Gut, dass wir nach unserem Termin gleich wieder aus der Stadt rausfahren und uns nicht länger hier aufhalten. Die Zeit vergeht. „Komisch“ – denke ich, „sollten wir nicht mittlerweile da sein?“ Ich schaue auf mein Handy und sehe mit Schrecken, dass wir uns bereits wieder von der Botschaft entfernt haben. Laut der Karte sind wir 1.5 Kilometer vom Ziel entfernt. Wir machen den Fahrer darauf aufmerksam, aber er scheint uns nicht zu verstehen. Einfach wenden geht nicht, denn wir befinden uns auf einer mehrspurigen Strasse, mit theoretisch vier Spuren, praktisch fahren aber mindestens fünf Autos und mehrere Motorräder nebeneinander.  Wir entfernen uns immer weiter von der Botschaft. Mein Handy berechnet die Route permanent neu – unsere aktuelle Ankunftszeit ist 13.20 Uhr. Das darf doch nicht wahr sein. Endlich kommt eine Möglichkeit zum Wenden. Ich flehe den Fahrer mit meiner theatralischsten Mimik und Gestik an, doch bitte umzukehren und tippe unentwegt auf das eingegebene Ziel in meinem Handy. Er scheint endlich zu verstehen und wendet. Kurz vor dem Ziel geraten wir erneut in einen Stau und es geht nur noch sehr langsam voran.

Es ist nun bereits 13.15 Uhr und wir beschliessen hier auszusteigen und zu Fuss die letzten 800 Meter zurückzulegen. Aber der Fahrer will uns nicht rauslassen. Er wiederholt mehrmals das Wort „Police“. Ich verstehe ihn ja, schliesslich ist das hier eine Stadtautobahn auf denen Fussgänger nichts verloren haben – in Anbetracht der Tatsache, dass der Verkehr mittlerweile jedoch komplett steht, ist mir das egal. Wir haben einen Termin und ich habe keine Lust, diesen in einem Auto sitzend zu verpassen. Wir versuchen dem Fahrer klar zu machen, dass wir zur Botschaft laufen wollen, weil wir es sonst nicht schaffen. Er soll zur Botschaft fahren und dort auf uns warten. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen versteht er uns nicht. Egal – wir müssen jetzt los.

Wir lassen unsere grossen Rucksäcke im Auto und schnappen uns nur den kleinen, in dem wir alle wichtigen Dokumente aufbewahren und stürmen über die Autobahn. Ein kleiner Sprint in der Mittagshitze, die Luftqualität regt nicht unbedingt zum tiefen Einatmen ein. Es gibt durchaus schönere Orte und bessere Gründe, Sport zu treiben.  

Um 13.26 Uhr betreten wir schweissgetränkt den Raum für die Visa-Bearbeitung. Wir zeigen unseren Zettel mit unserem Termin, setzen unser bestes Lächeln auf und bekommen nach einer Musterung des Sicherheitsbeamten eine Nummer zugeteilt. Es sieht gut aus. 

Puh, wir haben es noch gerade so zum Termin geschafft.

Nach einer kurzen Wartezeit werden wir aufgerufen. Wir geben alle unsere Papiere, die benötigten Passfotos und unsere Reisepässe ab. Die Frau verschwindet mit allem und kommt nach ein paar Minuten mit mehreren Anmerkungen wieder: 

  • 1: Michas Unterschrift auf dem Visaantrag ist ihrer Meinung nach anders als die im Pass. Er soll den Antrag nochmal ausfüllen und auf seine Unterschrift achten. 
  • 2: Das Passfoto von mir entspricht nicht den chinesischen Vorgaben. Ich muss mich von dem hausinternen Fotografen nochmals ablichten lassen. 
  • 3: Da wir ja immer im Doppelzimmer übernachten und bei den Hotelreservierungen stets unsere beiden Namen als Gäste angegeben hatten, haben wir alle Hotelbuchungen nur einmal ausgedruckt. Wir erfahren jedoch, dass wir für jeden Visaantrag die Kopien aller Hotelbuchungen benötigen. Also alles nochmal kopieren. 

Es war nervig, aber machbar. Nichts ungewöhnliches und nichts was ein Vermögen an Geld oder Zeit kosten würde. Nach weiteren 30 Minuten hatten wir alles erledigt.

Mach´s gut lieber Pass – auf ein baldiges Wiedersehen mit Visum bitte.

Nach dem zweiten Versuch kam die Schalterdame dann endlich mit einem Lächeln im Gesicht und einem Zettel mit dem Abholdatum für unsere Pässe zurück. Uns fällt ein Stein vom Herzen. 

Mittlerweile ist es kurz vor 15 Uhr. Die letzten vier Stunden waren extrem anstrengend und haben mich gefühlt um mehrere Jahre altern lassen. Auch diese Situationen gehören zum Reisen, aber zum Glück überwiegen die angenehmen Momente deutlich.  

Wie wir nun unseren Fahrer wieder finden ist eine andere Geschichte…. 

Malaiische Häppchen

Neben den Tauchabenteuern an den Stränden Malaysias und unserem Einsatz für die Sonnenbären auf Borneo, haben wir uns auch zwei Städte des Landes angeschaut. So haben wir einen kleinen Einblick in die Kultur des Landes erhalten und einiges an Kuriosem kennengelernt.

Kuriosität Nr 1: Coffee to go in der Plastiktüte

Von Mersing an der Westküste der Halbinsel nehmen wir einen Bus nach Melaka. Für die 250 Kilometer braucht der Bus ungefähr vier Stunden. Das ist mir zu lange, um die Fahrt ohne meinen geliebten Kaffee anzutreten. Zum Glück gibt es auch hier überall reichlich Essenangebote und so bestelle ich einen Kaffee zum Mitnehmen. Anstatt eines Bechers gibt es allerdings eine Plastiktüte mit brauner Brühe.

In Melaka werden wir herzlich von unseren Gastgebern Teena und Lee empfangen. Wir bekommen sofort selbstgebackene Kekse und hach, einen Kaffee in einer Tasse angeboten. So gefällt es mir. Wir sind uns gleich sympathisch. Beide sind in meinem Alter, sie ist muslimische Malaiin mit spanischen und chinesischen Wurzeln und er kommt ursprünglich aus England. Auch eine kleine Katze, die die süsse Angewohnheit hat, ihre Zunge ständig raushängen zu lassen, wohnt bei ihnen.

Ihr Haus steht im Herzen der Altstadt. Es handelt sich um ein sehr altes Gebäude mit etwa fünf Meter Strassenfront, dafür aber rund zwanzig Meter Tiefe. Diese Architektur entspricht den alten chinesischen Handels- und Handwerkerhäusern wie sie hunderte Jahre hier betrieben wurden. Im unteren Bereich wurde gearbeitet und gekocht, während die oberen Bereiche für das Schlafen reserviert waren. Dort befindet sich auch unser gemütlich eingerichtetes Zimmer. 

Das Haus sowie ein grosser Teil des Stadtkerns versprühen den Charme einer vergessenen Kolonie. Die Spuren der jahrhundertelangen Besetzungen durch Portugiesen, Holländer und am Ende durch die Briten sind allgegenwärtig. Vor dem ehemaligen Rathaus steht eine Windmühle und daneben eine mäßig gelungene Kuh aus Kunststoff. 

Kuriosität Nr 2: Mitten in Holland 

Die Vielzahl der kleinen Cafe´s, Restaurants, Bars, Galerien und Kunstgeschäfte sind der ultimative Beweis dafür, das dieser Ort schon lange kein Geheimtipp und bei Touristen aus der ganzen Welt äusserst beliebt ist. Auch ich mag dieses Plätzchen. Die Stimmung ist entspannt. Mir gefällt diese Mischung aus Kultur, Geschichte und Moderne. Noch scheinen sich lokale und touristische Bewohner nicht das Leben gegenseitig schwer zu machen und das Mass für alle erträglich zu sein.

Zusammen mit anderen Besuchern auf Zeit nehmen wir das Angebot an und kochen einen Abend lang gemeinsam mit unseren Gastgebern in der grossen offenen Küche, in der wir sonst frühstücken. Unserem Wunsch entsprechend gibt es ein vegetarisches Menü. Ich lerne von unseren Mitköchen, wie man argentinische Empanadas liebevoll füllt und den Teig richtig mit kleinen Zöpfchen schliesst. Die Zutaten sind alle frisch und reichlich. Die von Teena gezauberte malaiische Tofuvariante kannte ich nicht, schmeckt mir aber ganz besonders gut. 

Ein vermeintlich typisch deutsches Gericht wie etwa eine Schweinshaxe mit Sauerkraut wollen wir nicht anbieten, dafür zeigen wir ihnen, wie man eine vegane Mousse au Chocolat im Handumdrehen zaubert. Während der Zubereitungen bleibt Zeit, sich mit Louisiana und Nico zu unterhalten. Beide kommen aus Argentinien und waren zuvor wie wir in Neuseeland, allerdings eher zum Geldverdienen. Mit dem Ersparten waren sie einige Wochen in Indonesien unterwegs, um jetzt hier wieder für Kost & Logis zu arbeiten. Dabei geht es eher um kleinere Aufräum-, Maler- und Reparaturarbeiten, die selten einen vollen Tag benötigen. Anders als wir planen sie keine Wiederkehr in die alte Heimat. Die andauernde Wirtschaftskrise in dem südamerikanischen Staat, die permanente Geldentwertung und die hoffnungslosen Zukunftsaussichten nennen sie als Gründe.

Nach dem Essen folgen wir der Empfehlung unserer Gastgeber und besuchen ein paar Strassen weiter eine alte Bar, die ihre Lizenz noch aus der Besatzungszeit der Japaner hat, was also rund 75 Jahre her ist. Es war damals die erste Bar in Melaka, an dem Alkohol offiziell verkauft werden durfte, was damals eine Ausnahme in dem von Muslimen dominierten Land war.

Kuriosität Nr 3: Malaien trinken normalerweise keinen Alkohol, dennoch ist er überall verfügbar. 

Als wir davor stehen, wirkt das verschlossene Gitter abweisend. Es dauert jedoch nicht lang, bis eine kleine ältere chinesisch aussehende Dame freundlich lächelnd öffnet. Sie wischt den Staub von den Barhockern und vom Tresen und bietet uns verschiedenes an Hochprozentigem in kleinen Verkostungsgläsern an. Zunächst schnuppere ich vorsichtig an den unterschiedlichen Flaschenöffnungen bis ich mich dann für einen …na, ihr wisst es schon: Kaffeeschnaps entscheide. Es brennt in der Kehle, aber irgendwie fühlt es sich nach dem üppigen Essen auch gut im Bauch an. Wir erfahren, das die Lizenz nur erhalten bleibt, wenn die Bar weiter von der Familie betrieben wird. Ihr Mann ist leider krank und ihr jüngster Sohn kann nicht immer unterstützen. Auch wenn die Regalwand mit all den unterschiedlichen Feuerwässerchen beeindruckt, bleibt mir nicht verborgen, das die besten Tage dieser Bar schon lange vorbei sind. Wer weiss, vielleicht wird dieses Kleinod seine Türen bald für immer schliessen.

Am Abend sind wir wieder zu zweit ein paar Strassen weiter spazieren. Die historischen Häuser, die Stadtmauer mit alten Geschützen der Portugiesen und Holländer sowie die schmalen Wege verleiten zum verträumten Schlendern. Wenn nicht, ja wenn nicht diese unglaublich lautschrill-bunten und blinkenden Rikscha-Taxis mit plärrender chinesischer und malaiischer Schlagermusik durch die Gassen fegen würden. Aber auch das gehört zu Melaka.

Kuriosität Nr. 4: Es geht immer noch ein bisschen mehr Blink Blink und Bum Bum.

In Kuala Lumpur würden diese wackeligen Rikschas keine Chance haben. Dort leben im Grossraum rund acht Millionen Einwohner. Der Verkehr wird von Autos sowie Motorrädern dominiert.

Nach einer kurzen Busfahrt kommen wir in einem grossen, an einen kleinen Flughafen erinnernden Terminal im Aussenbezirk der malaiischen Hauptstadt an. Erwartungen habe ich keine an diesen Ort. Vielmehr ist es der Ausgangspunkt für weitere Stationen, die jedoch erst recherchiert und dann zum nächsten Ziel auserkoren werden sollen. 

Als wir ankommen ist es später Nachmittag, es ist heiss und wir sind ziemlich weit weg vom Zentrum. Der Tarif, der mir am Taxistand von den lokalen Chauffeuren genannt wird, überrascht mich. Er ist deutlich höher als der (zugegebenermassen schon ältere) Reiseführer ausweist. Ich nutze die Taxi-App, die uns von anderen Reisenden empfohlen wurde und sehe, dass das genannte Beförderungsentgelt den sonst üblichen Touristenaufschlag deutlich übertrifft. Da wir uns mit den lokalen Taxifahrern nicht einig werden, bestellen wir ein Taxi über mein Smartphone. Scheinbar findet er uns nicht sofort. Es dauert. Dann ist er da und es kann losgehen. Er ist sehr interessiert und fragt neben den üblichen Fragen: Wo kommst Du her? Wie lange bleibst Du? Wo geht es danach hin? auch nach unseren bisherigen Eindrücken von seinem Land und wie wir die Welt im Allgemeinen sehen. Etwas überrascht, aber doch neugierig erzählen wir von unserem bisherigen Reiseverlauf und wie es dazu kam. Nach dem wir auch die Tionmaninseln lobend erwähnen, schaut er zufrieden. Er ist Akademiker und hat einen festen Job, verdient sich aber mit dem Taxifahren etwas dazu. Das Leben in der Hauptstadt sei die letzten Jahre sehr teuer geworden. Um sich und seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen arbeitet er 16 Stunden am Tag. Viele ausländische Ruheständler seien die letzten Jahre hierher gekommen, da die Haus-und Wohnungspreise sowie die Lebenshaltungskosten für die Neuzugezogenen günstig sind. Viele der neu errichteten Wohnungen seien deshalb für Einheimische kaum noch zu bezahlen. Ausserdem hat auch hier der Konsum inzwischen die anderen Religionen abgelöst. Jeder braucht ein Auto, ein Smartphone, Markensportschuhe und lässt sich gern in einem der neuen schicken Cafés und Restaurants sehen. Er verrät uns, dass er etwa umgerechnet 700 Euro im Monat mit seinen beiden Jobs verdient. Er scheint jedoch trotzdem seinen Humor noch nicht verloren zu haben. Ein Ausschnitt aus dem Gespräch ist hier als Tonsequenz abrufbar. Aufschlussreich finde ich seine Aufteilung der Menschen in drei verschiedene Gruppen.

Die Wahrheit des Taxifahrers

In Vorbereitung auf unsere Zeit in den ländlichen Gebieten sind wir auf der Suche nach einem Moskitonetz. Deutsche Tropeninstitute und auch die lokalen Behörden weisen auf regelmässig auftretende Malariafälle in unserem Reisegebiet und prophylaktische Massnahmen hin. So nehmen wir an, das diese Schutznetze wie Reinigungs- und Lebensmittel überall erhältlich sein sollten. Vergiss es. Wir besuchen kleine und grosse lokale Märkte, Shopping-Center mit Supermärkten oder grosse unseren Baumärkten ähnliche Warenlager. Die Verkäufer geben sich redlich Mühe, uns mit dem Gesuchten zu versorgen, vergeblich. Einige telefonieren mit irgendjemand anderem. Dann schicken sie uns von einem zum nächsten Geschäft. Es ist ziemlich verrückt. Niemand scheint sich wirklich Sorgen darüber zu machen, eventuell infiziert zu werden – wir schon. Eine elektrische Insektenklatsche, wie sie fast überall angeboten wird, wollen wir nicht kaufen. Keiner möchte nachts aufstehen und erstmal auf Mückenjagd gehen. Wir möchten ein Moskitonetz, das uns in Ruhe schlafen lässt. 

Zum Glück fällt Jana ein, das es (ja auch hier) einen IKEA gibt. Sie schaut auf deren Homepage und siehe da: Sie haben tatsächlich ein Moskitonetz im Angebot – Modell Solig – wie überall auf der Welt. Ein Anruf und die Bestätigung, das es tatsächlich noch vorrätig ist. Yippiiiiieeeh. Die Stechmücken können also kommen. Beziehungsweise sie können es jetzt gerne mal versuchen. 

Kuriosität Nr 5: Es gibt kein Moskitonetz in Malaysia zu kaufen (ausser bei den Schweden)

Bei unseren Einkäufen entdecken wir hin und wieder kuriose Produktempfehlungen, die so wohl nur hier funktionieren. Auf diesem Werbeplakat über dem Schokoladenregal ist ein Wonneproppen zu sehen, der lustvoll in eine grosse Tafel Schokolade beisst. Daneben steht „Eat good, feel good“ (Ernähre Dich gut. Fühle dich gut). Jana und ich schmunzeln uns mit grossen Augen an. Wir liegen wohl nicht falsch, wenn wir behaupten, das so etwas zuhause zu einem mittleren Shitstorm gegen die Handelskette und den Hersteller führen würde. 

Kuriosität Nr 6: Nasch dich gesund und fühl dich gut dabei.

Kuala Lumpur ist eine Stadt im Umbruch. Die modernen Shopping-Center, Boutiquen, Einkaufsstrassen, Bürozentren mit sauberen Strassen und guter Bahnanbindung zeigen, wohin auch Malaysia strebt. Der permanente Staub und Dreck, die Anzahl wilder Müllecken, die sichtbare Armut und viele Strassenzüge mit maroder Infrastruktur und Bausubstanz machen jedoch auch deutlich, dass noch nicht alle Menschen auf diesem Weg in die Zukunft mitgenommen werden.

Unter Sonnenbären

Ich fühle mich ungewohnt schwach. Ich phantasiere von einem Dschungel, in dem ich wie in einer grünen Hölle mit seiner feuchten Hitze gefangen bin. Alles sieht gleich und doch immer wieder anders wild gewachsen aus. Durch die Machete in meiner rechten Hand fühl ich mich etwas sicherer. Ich höre die intensiven Rufe der Makaken sowie verschiedene Vogellaute, die ich nicht zuordnen kann. Meine Kleidung ist schweissgetränkt. Plötzlich bewegt sich etwas in meinem Rücken, Äste brechen, ich spüre leichte Erschütterungen des Bodens. Die Machete fest umklammernd drehe ich mich langsam um. Ein tiefes Brummen schallt von oben auf mich herab. Es kommt aus einem pelzigen Gesicht. Ich werde vorsichtig neugierig beobachtet. Dann verschwindet plötzlich alles um mich herum. Stimmen aus einer anderen Sphäre dringen an mein Ohr. Mein Bewusstsein übernimmt wieder und ich sehe in zwei wunderschöne, wenn auch besorgt wirkende blaue Augen über mir. Jana reicht mir frisches Wasser und die nächste Paracetamoltablette. 

Mir ist heiss, sehr heiss. Mein Kopf, der Hals und die Brust glühen. Jana legt mir einen frischen Eisbeutel auf die Stirn und erneuert die Wadenwickel. Das Hotelpersonal ist inzwischen im Bilde und fragt nicht mehr nach dem Grund für das viele Eis oder will dafür extra vergütet werden.

Wir verbringen insgesamt eine Woche in diesem Business Hotel in Sandakan auf Borneo. Diese Hotelkategorie ist ungewöhnlich für uns. Aber es ist die Unterkunft, die sich am nächsten zum Krankenhaus befindet und wir damit im Notfall kurze Wege haben. Die Ärzte dort haben mich bereits gründlich untersucht und weder Malaria- noch Dengue-Fieber-Erreger im Blut festgestellt. Die Symptome mit Kopf- und Gliederschmerzen sowie hohem Fieber, das innerhalb weniger Stunden bis auf knapp unter 40 Grad anstieg, waren da. Zum Glück wurde nur eine Virusinfektion attestiert. Die hatte es allerdings in sich.

Hier sind wir: ganz im Nordosten der Insel Borneo. Der kleinere nördliche Teil gehört zu Malaysia.

Sie zwingt uns zu einer Pause unseres auf zwei Wochen angelegten Freiwilligeneinsatzes beim Sunbear-Conservation-Center in Sepilok, Borneo (Malaysia). Auf unserer Reise wollen wir nah an den Menschen und Kulturen sein, aber auch die Natur erfahren. Des weiteren möchten wir etwas geben, konkret etwas für Andere tun ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten, einfach nur, weil wir es wollen und gut finden. Jana hatte schon bei einigen Tierschutzprojekten gearbeitet und es war ihr wichtig, auch auf dieser Reise ein solche kleine Auszeit vom Reisen einzulegen. Nach einiger Recherche stiessen wir auf das Sunbear-Conservation-Center und schicken bereits im Mai unsere Bewerbung ein. Ziel dieses Zentrums und der dahinter stehenden Organisation ist der Erhalt des Lebensraumes der sogenannten Sonnenbären (oder auch Malaienbären) sowie die Pflege der aus Gefangenschaft befreiten oder von Wilderern verletzten Tiere.

Der Sonnenbär ist die kleinste lebende Bärenart. Ihr Verbreitungsgebiet ist auf wenige Gebiete in Sumatra und Borneo sowie vereinzelt im südlichen China zusammengeschrumpft. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) sowie das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) zählen sie zu den bedrohten Arten.

Dieser sympathische Bär zeigte uns regelmässig seine Kletterkünste. Wer Lust auf ein Video der Artisten hat, dem können wir dieses supersüsse Video zweier Bären empfehlen. (Link Video Baumspiele)

Unsere Aufgabe als freiwillige Helfer besteht zu einem grossen Teil darin, gemeinsam mit den zehn festangestellten Pflegern rund 40 Bären mit frischem Futter, welches aus Obst und Gemüse besteht, zu versorgen. Dazu gehört auch die Vorbereitung (Reinigung, mundgerechte Stückelung, ausgewogene Zusammenstellung) und die rituelle Futterverteilung in den Aussenanlagen. Weiterhin sind die Käfige täglich zu reinigen oder sogenannte Enrichments (Fachjargon der Pfleger) wie zum Beispiel Spielmöglichkeiten mit leckerem Zuckerrohr oder mit Honig gefüllte Beissringe zu basteln.

Besonders interessant war es, einmal bei einem Gesundheitscheck eines Bären dabei sein zu dürfen. Nach der Narkosebetäubung bot sich hier die Gelegenheit, die Tiere auch zu berühren, was sonst strikt verboten ist. Wir durften die Temperatur und den Puls messen  oder die Schnauze des Bären aufhalten, damit die Ärztin die Zähne behandeln kann.

Zum Glück ist sie betäubt. Sie spürt den Zahnarzt nicht und wir nicht ihre Zähne. Nur den Mundgeruch …

Wenn diese Bärchen so friedlich auf dem Tisch liegen, kann ich mir vorstellen, warum noch heute reiche (und einfältige) Asiaten diese Tiere mit niedlichen Haustieren verwechseln. Sie können wie Teddybären wirken, sind aber natürlich Raubtiere mit allem was dazu gehört. Und sie gehören in die Natur. 

Alle Bären haben Namen, sich diese vollständig zu merken war mir nicht vergönnt. Ein Paar von ihnen sind mir jedoch im Gedächtnis geblieben. Da war zum Beispiel Panda, eine vierjährige Bärendame, die in einem Privatzoo gehalten und dort als Pandabär ausgegeben wurde – daher auch ihr Name. Sie hat grosse Angst davor, aus ihrem sechs Quadratmeter grossen Käfig im Bärenhaus in das Freigehege zu gehen. Grund dafür ist eine negative Erfahrung, die sie mit dem Zaun der Aussenanlage gemacht hat, der permanent unter Schwachstrom steht. Würde der Zaun keinen Strom leiten, wäre es ein leichtes für einen Bären die Absperrung zu demolieren – sei es aus Übermut, Langeweile oder Neugier. Einmal entwischt wäre es jedoch sicher das Todesurteil für die Tiere. In den zum Teil riesigen Aussenanlagen sollen die Bären ihre natürliche Verhaltensweisen wieder erlernen – auf Bäume klettern, Nester bauen, nach Futter suchen, Rinden aufkratzen, Sozialverhalten üben. All jene, die sich gut entwickeln, werden Teil des „Release Programs“ – und haben somit die Chance, wieder in den Wäldern Borneos ein neues Zuhause zu finden. Sieben Bären wurden seit Gründung des Centers 2008 bereits wieder in die Freiheit entlassen. Sie alle wieder in der Natur zu sehen ist das Wunschziel von Wong, dem charismatischen Gründer und Leiter des Zentrums. Leider gelingt das nur den wenigsten Bären, da die meisten entweder zu alt, zu verhaltensgestört, zu „vermenschlicht“ oder aus anderen gesundheitlichen Gründen nicht überlebensfähig in freier Wildbahn wären. 

Aber selbst Bären wie Panda, die viel zu lange in menschlicher Obhut gelebt haben und keine Chance auf eine Entlassung haben, sollen zumindest die Freigehege geniessen dürfen. Unter Anleitung der Pfleger sind wir dreimal dabei, wenn sie langsam herangeführt wird, ihren kleinen Käfig zu verlassen. Wir verteilen leckere Snacks wie Wassermelone, Bananen und in honiggetränkte Nüsse in einem extra für diesen Zweck eingerichtetem „Zaun-Trainingsgehege“. Hier soll Panda lernen, dass das grosse Gehege keine Gefahr birgt, solange sie den Zaun nicht direkt berührt. Am Anfang hat sie grosse Angst, sie holt sich nur die Leckerbissen, die sie mit ihrer langen Zunge erreicht ohne dass dafür auch nur eine der vier Pfoten das bekannte Terrain verlassen muss. Sie streckt sich mächtig. Wir sehen ihren inneren Kampf. Sie kommuniziert mit uns: „Schaut doch mal! Da liegen so viele Süssigkeiten! Aber ich traue mich nicht hinein. Was soll ich machen? Kannst du mir nicht helfen?“ Kaum vorstellbar, was so ein ursprüngliches negatives Erlebnis mit einem Stromzaun für psychische Grenzen aufbauen kann und wieviel Zeit und Geduld es bedarf, dieses Trauma wieder aufzulösen. Lange nach unserem Aufenthalt lesen wir auf der Homepage, das Panda das Zauntraining bestanden hat und ihren ersten grossen Spaziergang im Freigehege unternommen hat – welche Freude, das zu lesen!

Panda kann sich seeeeeehr lang machen, wenn das Obst soooooo weit weg liegt.

Besonders ist mir die süsse Mailaienbärin Simone ans Herz gewachsen. Sie hatte ihren Käfig direkt gegenüber dem Eingang zum Bärenhaus und hat die Kunst des freundlichen Posens so zur Vollendung gebracht, das sie laut der centereigenen Homepage die beliebteste Bärin des gesamten Sunbear-Centers ist (Link Homepage Simone). Mit ihrer freundlichen, ruhigen und zugewandten Art fällt es schwer, sich ihrem tapsigen Bärencharme zu entziehen. Zum Abschied bekomme ich ein Abdruck ihrer Tatzen auf Papier geschenkt. Ich lächle und bin dankbar für diese Geste.

Simone: zum Verlieben.

Hätte mich das Fieber nicht nach einer Woche umgehauen, hätte ich wahrscheinlich auch so eine Pause gebraucht. Ich muss zugeben, das mich die harte körperliche Arbeit bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius und einer neunzigprozentigen Luftfeuchtigkeit stark beansprucht hat. Ich habe grosse Bewunderung für die täglichen Verrichtungen der Bärenpfleger. Auch wenn sie nur etwa halb so alt sind wie ich, haben wir uns viel unterhalten und gelacht. Einer meinte, ich sähe aus wie Keanu Reeves, ein Schauspieler, und zählte mir seine Filme auf. Ach so der Typ von Matrix, ja den kenne ich auch. Toll, dachte ich, gar nicht so schlecht, wenn er mich mit ihm vergleicht.

Die letzten Tage im Sunbear-Center nach der einwöchigen Fieberpause vergingen wie im Flug. Auf Wunsch der Mitarbeiter vor Ort haben wir unsere Eindrücke zusammengefasst. Diese wurden dann später wie die anderer Teilnehmer veröffentlicht (Link Homepage Unser Eindruck). Jede Woche kommen Freiwillige wie Jana und ich und unterstützen die Arbeit des BSBC. Es möchten regelmässig so viele helfen, das mitunter einige vertröstet werden müssen. Die Freiwilligen sind fester Bestandteil der Prozessabläufe. Es wird langfristig mit ihnen geplant. Jeder Freiwilliger zahlt (nicht wenig) Geld dafür, das er hier arbeiten darf.

Die Regel ist ja eher anders herum:  Ich arbeite und erhalte dafür eine Vergütung. Hier gibt es eine Organisation, die sich die Mitarbeiter aussuchen kann, die bei ihnen arbeiten wollen und dafür von genau diesen temporären Mitarbeitern auch noch Geld bekommt. Klingt das abgefahren?

Die Frage kann ich mir selbst beantworten. Mir war es das Geld wert, weil es ein Investment in mich war. Ich habe für eine gewisse Zeit, eine sehr erfüllende (und anstrengende) Tätigkeit mit Tieren, zu denen ich sonst niemals Zugang gehabt hätte, ausgeübt. Jeder Handschlag, jede Aktion, jede Handlung hat Sinn gemacht. Die ganze Organisation hat einen übergeordneten Zweck, die Erhaltung der Natur und des Lebens ganz konkret am Beispiel der vom Aussterben bedrohten Sonnenbären. Dieser organisatorische Leitstern klingt für mich einfach attraktiver als beispielsweise nur das Umsatzziel des letztes Jahres zu verdoppeln. Es geht hier nicht einfach nur um Gewinnmaximierung, um ein wenig sinnstiftendes, zweckungebundes Mehr an allem Materiellen. Geld ist hier nur ein Medium, ein notwendiges Mittel, das Richtige aus den richtigen Gründen zu tun. Natürlich muss auch hier der Laden am Laufen gehalten werden, Gehälter und Futter bezahlt werden. Dafür sorgen Sponsoren, Spenden, Erlöse aus dem Verkauf von Eintrittskarten und der Obolus der Freiwilligen. Einen, wenn auch nur kleinen, Beitrag, dazu geleistet zu haben, erfüllt mich mit Freude, Zufriedenheit und Glück. Natürlich will auch ich von meiner Arbeit leben können, was übrigens mit den umgerechnet etwa 350 Euro Monatsgehalt eines Bärenpflegers nicht der Fall wäre. Aber der springende Punkt ist ein anderer:

WER LEISTUNG WILL, MUSS SINN BIETEN.

oder

WER DIE MENSCHEN IM HERZEN GEWONNEN HAT, DER BRAUCHT SICH UM DIE RICHTIGEN KÖPFE NICHT ZU SORGEN.

Diese Sätze haben ich oft gehört und selber auch schon gesagt. Jetzt habe ich sie bewusst erlebt, gefühlt, erfahren. Danke Sunbear Conservation Center.